Weniger Rente für Kinderlose
Bis zum offiziellen Programmpunkt in der sozialpolitischen Agenda der C-Gruppen hat es der Vorschlag der christlich-demokratischen Parteivorsitzenden Angela Merkel dann doch nicht gebracht.
Niemand macht Gebrauch von ihrem genialen Einfall zur Lösung aller Rentenkassenprobleme: Weniger Altersruhegeld für Kinderlose! Dabei macht die Idee nur mal wirklich Ernst mit dem Gerede vom "Generationenvertrag" und von der "Überalterung der Gesellschaft".
Diese ist, wie mittlerweile jeder Junior und Senior aufsagen kann, an der "Unbezahlbarkeit unseres Rentensystems" schuld.
Die Ideologie über das sogenannte Rentenproblem geht so: Demnächst liegen die ausgedienten Lohnabhängigen den noch Aktiven in dem schlechterdings unerträglichen Verhältnis von nahezu 1:1 auf der Tasche. Und das kommt daher, daß sie im Verhältnis zur Gesamtmenge arbeitsfähiger Nachkommen das Datum ihrer Ausmusterung einfach zu lange überleben. Für eine Lösung dieses sog. Überalterungsproblem weist Merkels Vorschlag den Königsweg: Man bemesse die gesetzliche Rente nicht mehr einfach an den geleisteten Einzahlungen und den dadurch angesammelten Rechtsansprüchen, sondern statt dessen auch an den erbrachten Beiträgen zur Reproduktion des Volkskörpers.
Dann altern zwar auch die Kinderlosen immer noch ewig vor sich hin, kosten aber wenigstens nicht mehr so viel; und wer im Alter noch halbwegs über die Runden kommen will, der investiert rechtzeitig in eine kopfstarke Familie. So sorgt er nämlich mit einem entsprechenden generativen Verhalten für zukünftige Beitragszahler.
In einem Punkt liegt dieser reaktionäre Geniestreich zur Sanierung der Sozialversicherungen politökonomisch ganz richtig. Denn er stellt einmal in aller Deutlichkeit klar: Wer als Lohnabhängiger nicht - mehr - arbeitet, lebt trotzdem von nichts anderem als von der Arbeit, die aktuell geleistet wird. Das ist erstens einmal überhaupt so - egal in welcher Produktionsweise. Das ist zweitens, wenn auch auf höchst eigentümliche Weise, selbst im perfektesten Kapitalismus noch so.
Denn entgegen anderslautenden Gerüchten "arbeitet" auch da nicht das Geld, das einer, freiwillig oder zwangsweise, zur Bank oder zur Rentenkasse oder sonstwohin trägt. Genau umgekehrt verhält es sich: Alles, was an Reichtum zustande kommt - und wovon ein kleines Bruchstück von unnützen Rentnern verzehrt werden darf - entstammt der wirklichen menschlichen Arbeit, für die Geld gezahlt wird.
Deswegen schafft es drittens auch im idyllischsten marktwirtschaftlichen Sozialstaat kein Senior, von seinem Rechtsanspruch auf Rente, zusammengerechnet aus anrechnungsfähigen Versicherungsjahren und abgeführten wirklichen im Verhältnis zu den durchschnittlichen Beiträgen, etwas herunterzubeißen, wenn nicht aktive Lohnarbeiter mit Abzügen von ihrem Verdienst für die Einlösung dieses Anspruchs gerade stehen.
Nicht einmal die - mit dem Börsencrash zurecht in Verruf geratene - "Riester-Rente" aus "verzinstem Kapital" hilft von dem Sachzwang herunter, daß man von Zinsen nur zehren kann, wenn sie nicht bloß aufgeschrieben, sondern aktuell erarbeitet werden. Wofür es nun einmal eine "Generation" von Lohnabhängigen braucht, die das auch tut.
Insofern hat die fromme Dame aus Mecklenburg mit ihrem Verweis auf die Notwendigkeit werktätiger Kinder recht - es ist, als wären ihr die Stunden aus ihrem realsozialistischen Staatsbürgerunterricht wieder in den Sinn gekommen, in denen sie die "Arbeitswertlehre" des alten Marx pauken mußte: Der Reichtum kapitalistischer Gesellschaften hat, Fortschritt hin, Produktivitätssteigerung her, seinen Grund und sein Maß immer noch im Quantum der geleisteten menschlichen Arbeit...
Das ist allerdings auch schon alles, worin das Plädoyer für die Berücksichtigung der Kinderzahl als Rentenquelle - wohl mehr aus Versehen - politökonomisch richtig liegt. Bei Marx und leider eben auch in der politökonomischen Realität geht es nämlich bei dem "marktwirtschaftlichen" Zwangszusammenhang zwischen Arbeit und erwirtschaftetem Geld gar nicht um die Selbstverständlichkeiten einer vernünftigen gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die die Versorgung der Alten mit einschlösse.
Statt dessen dreht sich in der Marktwirtschaft alles darum, daß sich Eigentümer, die Lohn zahlen, an der Arbeit derer bereichern, denen sie den Lohn zahlen. Es geht um ein Verhältnis der Ausnutzung, das auf Seiten der von Lohnzahlung Abhängigen Beschränkung bedeutet. Denn der Lebensunterhalt von lohnabhängig Beschäftigten stellt für die Unternehmer immer eine Kost dar, die den Gewinn schmälert. Daher sind die Geschäftsleute bemüht, die Arbeitskosten im Verhältnis zur verlangten Arbeitsleistung so klein wie möglich zu halten.
Und deswegen geht bei Marx, wie in der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts, die Geschichte von der Arbeit als Grund und Maß des gesellschaftlichen Reichtums auch so brutal weiter, wie sie angefangen hat: Auf die Menge der tatsächlich abgeleisteten Arbeit kommt es zwar unbedingt an, aber das nur unter einer Bedingung. Rentabel muß die Arbeit nämlich sein; im nie endenden Konkurrenzkampf der Unternehmen muß sie in immer zunehmendem Maß mehr Geld einbringen, als sie kostet; umgekehrt: die Lohnsumme muß sinken im Verhältnis zu dem, was mit der dadurch bezahlten Arbeit verdient wird.
Wie erfolgreich die Kapitalisten dabei zu Werke gehen, kann man an den ständig sinkenden Lohnstückkosten besichtigen, auf die Kapitalisten so stolz sind: Ein immer kleinerer Teil der Stückkosten, also des Reichtums, den die Lohnarbeiter herstellen, wandert in deren Lohntüten. Die ständig sinkenden Lohnstückkosten tun also kund, daß diejenigen, die die Arbeit leisten und dafür einen Lohn bekommen, in wachsendem Maße vom produzierten Reichtum ausgeschlossen sind. Mit anderen Worten: Die Lohnabhängigen verarmen mehr und mehr.
Deswegen kommen die bezahlten Arbeiter bei allem Fortschritt der Produktivität ihrer Arbeit nie aus dem Drangsal heraus, daß das, was ihnen für akut benötigte Arbeit bezahlt wird, weder dafür da, noch darauf berechnet ist, sie ein Leben lang zu ernähren. Entsprechend langt's dafür auch nicht.
Es reicht der Lohn zum Leben nicht - systembedingt.
Damit ist klar, warum die Versorgung der Alten im Kapitalismus keine Frage einer vernünftigen gesellschaftlichen Arbeitsteilung ist. Gäbe es die, dann wäre es aufgrund der wachsenden Arbeitsproduktivität tatsächlich so, daß den noch Arbeitenden die Versorgung der Älteren immer leichter fallen würde und den nicht mehr Arbeitenden ein immer besseres Leben in Aussicht stünde.
Im Kapitalismus ist aber das Gegenteil der Fall. Und das liegt exakt daran, daß die Arbeitenden nicht die Früchte ihrer Arbeit genießen, sondern einen Lohn erhalten - allerdings ausschließlich unter der Bedingung, daß sie rentable Arbeit leisten.
Und das Gebot der Rentabilität besagt, daß die Lohnarbeiter dem Unternehmer immer mehr Geld einbringen sollen und müssen - immer mehr Geld im Verhältnis zu der Lohnsumme, die sie für ihre Arbeitsleistung bekommen. Wegen dieser kapitalistischen Wahrheit über den Lohn versteht sich eben auch die Versorgung der ausgedienten Alten nicht von selbst.
Und daran hat sich auch mit der Einrichtung der Rentenkasse nichts geändert. Schließlich sieht der Sozialstaat vor, daß der Altersruhestand der Proleten aus der schwindenden gesellschaftlichen Lohnsumme zu zahlen ist. Zwangsweise wird der insgesamt gezahlte Lohn innerhalb der arbeitenden Klasse so umverteilt, daß er irgendwie doch für ein ganzes Lohnarbeiterleben lang reichen können soll. Der Sozialstaat läßt also mit der Rentenkasse die Lohnarbeitenden wechselseitig für ihre Armut einstehen und büßen.
Geltend macht sich diese Sippenhaftung in der Weise, daß die Rentenkasse selber dauernd in Finanzschwierigkeiten steckt: Ihr Auftrag lautet ja, einen systemeigenen Mangel der Lohnarbeit zu verwalten und einen Lebensunterhalt für alle Lohnabhängigen auch in ihren "beschäftigungslosen" Lebensabschnitten aus einer Lohnsumme abzuzweigen, die bloß für rentable Arbeit bezahlt wird und deswegen die hartnäckige Tendenz aufweist, relativ zu den mit ihr zu bezahlenden Notwendigkeiten zu sinken.
Das Problem der unbezahlbaren Renten liegt also wirklich gar nicht an einem unguten Zahlenverhältnis zwischen aktiver Generation und dem wachsenden Heer von Rentnern - bei den mittlerweile erreichten Standards der Arbeitsproduktivität wäre es ein Leichtes, mit noch viel weniger Arbeit das Nötige und Wünschbare für noch viel mehr Feierabend, Lebensabend inklusive, bereitzustellen. Und von einem Überalterungsproblem ist daher ja auch nie die Rede bei denjenigen, die in dieser Gesellschaft zu den Besitzenden gehören - oder hat jemand schon gehört, daß die Nachfahren von Unternehmern, Grundeigentümern und Kuponschneidern Probleme mit der Versorgung ihrer Alten haben?
Das Problem ist eben eines, das ausschließlich für die Lohnabhängigen reserviert ist. Und dies hat seinen Grund in der Eigenart ihrer Erwerbsquelle und läßt sich so zusammenfassen: An Lohn gezahlt wird so viel, wie sich für das Kapital lohnt, das die bezahlte Arbeit so effektiv wie möglich als Faktor seines Wachstums ausnutzt; bezahlt werden muß damit auf Biegen und Brechen das ganze Arbeitsleben, aktuell also immer die ganze lohnabhängige Mannschaft, egal wie dürftig diejenigen bezahlt werden, die als Geldvermehrungsfaktor benutzt werden; und auch egal, wie viele von ihnen in Arbeit stehen und überhaupt entlohnt werden.
Zu was für Härten das notwendigerweise führt, braucht man wirklich nicht erst bei Marx nachzulesen; das lehrt schon ein Blick auf die Arbeitslosenstatistik. Die zeigt als Erstes, daß wirklich kein Nachwuchsproblem vorliegt: Sie zählt nämlich in der "aktiven Generation", nach Merkel also: unter den Kindern jener Eltern, die sich regenerativ korrekt aufgeführt haben, diejenigen nach, die in der Blüte ihrer Arbeitskraft fürs Wachstum des kapitalistischen Reichtums der Nation einfach nicht gebraucht werden, also in dieser Gesellschaft schlicht überflüssig sind.
Und ihren Status als Arbeitslose bezahlen sie mit Einkommenslosigkeit, weswegen sie - statt als Beitragszahler die Rentenkasse zu füllen - auch schon von den Teilen der immer noch ausgezahlten Gesamtlohnsumme leben müssen, die der Sozialstaat ihnen per Arbeitslosenkasse zuschustert.
Sehr anschaulich hat da jeder den Beweis vor Augen, daß das ganze "Generationen-" und "Überalterungsproblem", das Frau Merkel gerne durch ein optimiertes Zeugungs- und Gebärverhalten der Deutschen in Ordnung gebracht hätte, in Wahrheit ein Problem ist, das der Kapitalismus denjenigen aufbürdet, die in ihm die Arbeit verrichten müssen: Das sogenannte Rentenproblem hat seinen Grund in der Eigenschaft des Lohnes, von dem sie leben müssen.
Denn ihr Lohn muß an gnadenlos rentablen Arbeitsplätzen verdient werden und reicht deswegen für die gesamte lohnabhängige Bevölkerung so schlecht und immer weniger weit. Die Aufstockung dieser Summe würde alle "Überalterungs"-Probleme aus der Welt schaffen - das geht aber erstens überhaupt nicht, weil Lohn für etwas anderes als für kapitalistisch lohnende Arbeit ein für alle Mal nicht gezahlt wird; und es geht zweitens nach der unbestechlichen "Logik" des Systems um so weniger, je lohnender die Arbeit ausgenutzt wird; je weniger davon also benötigt wird, um immer mehr profitlich Verkäufliches herzustellen.
Politökonomisch liegt Merkels Vorschlag also voll neben der Sache. Sozialpolitisch dagegen liegt er eigentlich goldrichtig: Er lastet, wie es sich gehört, die gewachsenen Nöte eines lebenslänglichen Lebensunterhalts für Lohnabhängige den Betroffenen an und möchte das gleich doppelt tun: Über ihre Zwangsbeiträge und über ihre familiäre Pflichterfüllung sollten die Kostgänger der gesamtgesellschaftlichen Lohnsumme für ihre unbezahlbare Langlebigkeit haftbar gemacht werden.
Kurz: Der Vorschlag Merkels, Kinderlose im Rentenalter noch schlechter zu stellen, steuert einen weiteren griffigen Gesichtspunkt bei, wie an den Rentnern weiter zu sparen ist. So zynisch ist eben Sozialpolitik, hat sie doch die Aufgabe, die lohnabhängigen Insassen einer Marktwirtschaft zu betreuen. Und deren Lebensunterhalt ist nun mal per definitionem ein bloßer Abzug von dem Reichtum, auf den es einzig ankommt: Geld, das sich durch Lohnarbeit in Kapitalistenhand vermehrt.
Es ist also schon ungerecht, daß Merkels familienfreundliche Idee für weniger Rente es nicht auf die christdemokratische Sozialagenda geschafft hat. Doch andererseits ist es wohl auch wieder in Ordnung: In einem System, in dem das Kriterium der Rentabilität über den Lebensunterhalt der benutzten wie nicht benutzten Leute entscheidet, ist die Zumessung verschärfter Altersarmut nach dem Kriterium der Kinderzahl am Ende womöglich - zu sozial gedacht.
Deutschland in Gefahr!
Da weiß doch jedes Kind! Dreck muß weg! Was soll sonst das Ausland von uns denken!
Das ist aber den alten Kackern scheißegal! Wie zum Beispiel Heiko Schlürp (87) aus Preungesheim: Ich mag nicht mehr den Boden schlecken
, schmiert er in einem sogenannten Leserbrief an das Hetzblatt "Satt im Alter", ich will auch mal was richtiges zum Essen kriegen.
Da könnte ja jeder kommen.
Aber unser Kanzler läßt sich das nicht bieten:
"Die Hygiene ist oberstes Gebot schon wegen der Staatsbesuche[1]. Und zwar im Sommer wie im Winter. Das ist leider den wenigsten klar. Die alten Kacker aber ignorieren alle guten Sitten rein aus bösem Willen! Damit muß endlich schlußgemacht werden!"
Klare Worte. Kann man alte Kacker mit Worten zur Vernunft bringen?