Jürgen Möllemann tot
Jürgen Möllemann öffnet den Fallschirm nicht. Sein Aufprall sorgt für ein ausführliches Echo in der demokratischen Öffentlichkeit, die sich eine Beurteilung dieses spektakulären Abgangs schuldig ist. Sie kommt zu einem weitgehend einhelligen und negativen Urteil: Da hat sich ein "Abenteurer" und "Spieler" in den Tod gestürzt und mit dieser Großtat bewiesen, daß es sich bei ihm um einen "egozentrischen Egomanen" und "grandiosen Narziß" handelte. Von seinem Hang zur "Selbstdarstellung" wußte man immer schon, aber nun ist klar: Der Mann hat zuviel von der "Droge Politik" konsumiert, er hat übertrieben. Verrückt soll der Mann also gewesen sein. Da mag man erst einmal nicht widersprechen.
- Wer sich einen blauen Clownsanzug anzieht, auf dem eine dicke gelbe 18 steht, und damit aus dem Flugzeug springt, ist nicht ganz dicht. Aber als er das damals tat und punktgenau in einer Wählermenge landete, da wurde diese Art der Selbstdarstellung nicht als angeberisch, sondern als gelungen gewürdigt. Diese Inszenierung galt nicht als "übertrieben", sondern goldrichtig, sie wurde "innovativ" und "originell" genannt. Und kaum ein Kommentar vergaß zu erwähnen, daß hier ein "ehemaliger Fallschirmjägerhauptmann" zugange war, daß sich also soldatische Tugenden und Fertigkeiten auf Schönste mit dem Bild eines außergewöhnlichen und mutigen Politikers paarten.
- Wenn Möllemann dann die Zahl 18 eben dieser Wählermenge vor die Augen hielt, kam auch keiner auf die Idee, daß für einen Anfall von Größenwahn zu halten. Der unverschämte Anspruch, mit dem eigenen Willen zur Macht für sich zu werben, das galt damals erst recht als "originell". Einfach zu postulieren, die FPD müsse auf 18 Prozent der Wählerstimmen kommen, galt als ein "gesunder Wille zur Macht". Ohne alle Umschweife auf das wahre Ziel des Strebens demokratischer Parteien loszugehen führte Möllemann als anerkennenswerten "neuen Weg" der FDP in die demokratische Landschaft ein. Die Botschaft war: Die Geschicke der Nation sind bei einer Partei gut aufgehoben, die sich so erfrischend offen dazu bekennt, daß es ausschließlich darauf ankommt, die Nation führen zu wollen. Diese Tour kam beim Wähler auch gut an: Das wurde der FDP damals zugutegehalten und verschaffte ihr einen Aufschwung, der die Grünen in der Konkurrenz um die "dritte Kraft im Lande" alt aussehen ließ. Und der Machtmensch Möllemann, der diesen Schritt zu Klarheit und Wahrheit entschieden vorangetrieben und für dieses neue Image gesorgt hatte, avancierte zwangsläufig zu einer großen Nummer in seiner Partei.
Damals - um es zusammenzufassen - war Möllemann also kein "Egomane" oder "übertriebener Selbstdarsteller", im Gegenteil: damals war Möllemann ein Musterbeispiel gelungener Selbstdarstellung. Die "Übertreibungen", die er sich leistete, waren noch allemal Beiträge zum Ideal des massenwirksamen Politikers. Und nach dem Grundsatz "der Erfolg gibt einem recht" stellten sich seine Inszenierungen als Machtmensch regelmäßig als berechtigt heraus, da sie ja seine Popularität steigerten. Damals handelte es sich bei Möllemann - wir zitieren eine Stimme - um ein "politisches Naturtalent mit einem manchmal genialen Instinkt für Meinungen und Stimmungen", kurz: um einen "Vollblutpolitiker".
Jetzt reiben sich Leute verwundert die Augen darüber, welcher marktschreierische Windbeutel sie einst in führender Position regiert hat - immerhin hat Möllemann es bis zum Vizekanzler gebracht. Es sind dieselben Leute, die bereit waren, den "großkalibrigen Politiker" für die Erfolge, die er ja unbestritten gehabt hat, hemmungslos zu bewundern. Die Vorwürfe, die Möllemann heute gemacht werden, kann man darum auch als eine Liste allgemein anerkannter politischer Tugenden lesen. Mit dem Psychogramm eines "Seelenkrüppels", der Jürgen M. jetzt sein soll, ist nichts anderes als das Erfolgsprofil eines demokratischen Führers charakterisiert. Nichts ist einer demokratischen Öffentlichkeit so selbstverständlich, als bei jeder politischen Tat, bei jedem Parteitag, bei jeder Gesetzesreform ihr Publikum mit der Frage zu beschäftigen, ob sie den passenden Rahmen für eine gelungene Selbstinszenierung der politischen Akteure abgegeben hat und ob die jeweiligen Parteien oder ihre Spitzenkandidaten dadurch an Glaubwürdigkeit und Profil gewonnen haben. Diese allgegenwärtige Perspektive der Berichterstattung wird in Sendungen wie "Bericht aus Berlin" zum expliziten Thema und sie hat im "Politbarometer" ihre eigene Abteilung empirische Sozialforschung, in der die abschließende und allein maßgebliche Bewertung der politischen Ereignisse als Ziffer in der Beliebtheitsskala festgehalten wird.
Und diese Betrachtungsweise ist in der Demokratie eben sehr sachgerecht, weil sie die einzig vorgesehene und objektiv institutionalisierte Betrachtungsweise ist: Das Herzstück der Demokratie, die demokratische Wahl, verwandelt von der Reform des Sozialstaats bis hin zu den Kriegen in Nah und Fern jede Zumutung, die Politik den Bürgern abverlangt, in die immergleiche Frage, wer die Bürger regieren, die Sachzwänge verwalten und die Zukunft gestalten soll. Wie sonst als durch "maßlose Selbstdarstellung" soll ein Politiker den Anforderungen der Wahl genügen? Wer sonst als ein "grandioser Narziß" soll denn glaubhaft vertreten, daß, wenn alle das gleiche tun, alles daran hängt und alles danach drängt, daß er und kein anderer das Amt verwaltet? Der demokratische Kampf lebt von der Präsentation und Feier der Politiker als machtwillige und machtfähige Typen und der Bezweiflung ihrer Glaubwürdigkeit als diese Herrscherfiguren. Wo das Personal für die Führung der Nation zur Wahl steht, da ist der demokratische Führerkult nicht nur eines Möllemann eben ein nicht weg zu denkender Bestandteil unserer freiheitlichen Ordnung.
Solche Leute sind dann Führungspersönlichkeiten, denen man zutraut, "politisch gestalten" zu können. In Führungspositionen geraten sie, weil es ihnen besonders gut gelungen ist, sich als Anhänger ihrer Anhänger darzustellen - und sie machen sich dabei von deren Geschmacksurteil abhängig, das sie mit eben ihrer Selbstdarstellung zu beeinflussen suchen. Kein Mensch kommt auf die Idee, die politischen Führer hätten sich damit von ihren Anhängern auch abhängig gemacht, wenn es darum geht, die errungene Macht auszuüben - ganz im Gegenteil: Indem man den Wähler durch überzeugende Selbstdarstellung hinter sich gebracht hat, hat man ihm die eine für ihn in der Demokratie vorgesehene "Selbstverwirklichung" verschafft, bei der es dann auch bleibt: Der Wähler hat seinen Politiker ins Amt bringen können, den, dem er vertraut.
Umgekehrt hat der Politiker dann aber auch freie Hand: Was in der Politik getan wird, ist dann ausschließlich Sache dessen, der "politisch gestaltet". Das Urteil des Wählers erstreckt sich auf die Persönlichkeit, nicht auf die Inhalte des Regierens; die Sache der Nation ist beim Politiker und sonst nirgends aufgehoben. Die ganze Anbiederei des Politikers an seine Anhänger läuft also darauf hinaus, die Trennung von Herrschaft und Wählern durchzusetzen und zu zementieren. Und je mehr es einem Politiker gelingt, mit seiner Selbstdarstellung die Wähler auf sich zu verpflichten, desto größer sein Dienst an Demokratie und Nation und dementsprechend auch sein Ansehen: So sichert er die unumschränkte Freiheit der Herrschaft - vornehmer ausgedrückt die Souveränität des Staates. Auch deswegen und gerade deswegen war Jürgen Möllemann also ein ausgesprochen guter Politiker - und solange seine Selbstdarstellung in diesem Sinne erfolgreich war, galt er auch als ein solcher.
Bergab ging es mit Jürgen Möllemann, als er sich einen wohl kalkulierten "Tabubruch" leistete, den man ihm aber nicht durchgehen ließ. Mit seinem Angriff auf Israel und das offizielle deutsche Judentum bediente er einen bodenständigen deutschen Antisemitismus. Zum anderen wollte er damit Deutschland aus der Nachkriegsmoral befreien, derzufolge die Verlierernation immer noch Schuld und eine besondere Verantwortung gegenüber Israel zu tragen habe. Diese patriotische Nachkriegsmoral erschien Möllemann als eine nicht mehr zeitgemäße Beschränkung der ausgreifenden imperialistischen Ambitionen seiner Nation. Die FDP beschloß - nach sehr reiflicher Überlegung -, das darin steckende "Wählerstimmenpotential" nicht nutzen zu wollen und sich lieber ans alte "Tabu" zu halten.
Und angesichts der Wahlniederlage lastete die Partei die Stimmenverluste dem Möllemannschen "Tabubruch" an. Damit war die Selbstdarstellung des Jürgen M., die sich zuletzt in Form dieses "Tabubruchs" vortrug, plötzlich nicht mehr erfolgreich - ein radikaler Karriereknick war beschlossene Sache und die Führungsfragen in der FDP konnten neu geordnet werden. In dem Maße, wie der "Vollblutpolitiker" Möllemann, an seiner Berufung festhaltend, sich gegen seine Partei wehrte, tischte ihm diese all die "persönlichen Verfehlungen" auf, die gar nicht ausbleiben können, wenn man lange genug in führender Position beim üblichen grau-schwarz geführten Finanzierungswesen einer demokratischen Partei mitgewirkt hat. "Alte Kampfgefährten" sprangen rechtzeitig ab, der frühere "deutsche Meister der medialen Selbstdarstellung" stand alleine da. Mit seinem Selbstmord bewies Möllemann ein letztes Mal, daß er ein "Vollblutpolitiker" ist: Die Welt fällt über ihn, der er ein Genie der Volksbetörung ist, ein ungerechtes Urteil. Damit wird seinem bis dahin so erfolgreichen und anerkannten Wahn, der perfekte Politiker für Deutschland zu sein, jede Zukunft verbaut. Was anderes wollte Möllemann aber nicht machen, also...