Folter und "nationbuilding" im Irak
Einerseits gibt sich die demokratische Welt aufgeklärt, irgendwie gehören für sie Krieg und Folter schon zusammen; andererseits ist sie aufs hellste empört über die eigentlichen Opfer des "Folterskandals" - Demokratie und Menschenwürde.
So gehen Amerikas Bomben im "Antiterrorkrieg" im wesentlichen in Ordnung, andererseits gibt man so richtig menschenfreundlich, zu bedenken, ob denn Kriegsopfer unbedingt auch noch gefoltert werden müssen. Und wenn denn "strenge Verhöre" schon mal sein müssen, dann fragt man sich, wo der "Mißbrauch" eigentlich anfängt und drängt die USA zur Schadensbegrenzung - in Sorge um die "Glaubwürdigkeit der Supermacht".
Dabei sind demokratische Staaten sehr stolz auf die weitgehend folterfreie Praxis ihrer eigenen Justiz, andererseits diskutiert man auch dort sehr "tabufrei" die möglichen Ausnahmen davon. Die USA sind höflich genug, die weltweite Empörung über die Folterungen in irakischen Gefängnissen nicht direkt zurückzuweisen - ja, es handele sich schon um einen "bedauerlichen Mißbrauch" und man sei über diese "unamerikanischen Aktivitäten" zutiefst entsetzt. Und nach den Maßstäben der Genfer Konvention bzw. des Völkerrechts ginge das wohl nicht in Ordnung.
Zugleich lassen Bush, Rumsfeld & Co. sehr deutlich durchblicken - und das nicht zum ersten Mal -, daß sich Amerika an diesen Maßstäben nicht mehr messen lassen will, daß das Völkerrecht an die USA angepaßt und reformiert werden muß. Denn der weltweite Antiterrorkrieg, den Amerika nach "9/11" ausgerufen hat, kann und will sich an solche internationalen Abmachungen nicht mehr halten. Er ist ein Krieg, zu dem dieses Recht einfach nicht paßt.
Das "alte" Völkerrecht befaßt sich nämlich mit den gegensätzlichen Interessen und den daraus folgenden Kriegen von Staaten - und da gehört der Antiterrorkrieg nun mal nicht hin. Dieser auf unabsehbare Dauer angelegte Krieg ist hochmoralisch begründet als Selbstverteidigung gegen einen inoffiziellen und heimtückischen Kriegsakt, und die Ansage lautet: Ab sofort ist Amerika zu allem berechtigt und muß sich vor nichts mehr rechtfertigen.
Seine Selbstverteidigung kennt keine territorialen und staatlichen Grenzen: Alle Länder können Schauplatz der Terroristenjagd werden; alle staatlichen Hoheiten werden vor die Alternative gestellt, sich mit ihren Potenzen zum Diener des amerikanischen Sicherheitsbedürfnisses zu machen - oder selbst zu den "Terroristen" gezählt zu werden. Gemäß amerikanischer Definition ist der Feind & Terrorist kein Staat, dem die im Völkerrecht festgeschriebene Achtung zukommt, sondern so etwas wie ein übernationaler Geheimbund, der nur für den Zweck existiert, Amerika zu bekämpfen.
"Terroristen" gelten demnach nicht als Soldaten, sondern sind einzig als Privatpersonen Träger des feindlichen Willens; der Rest an Respekt, der völkerrechtlich Soldaten als Material ihres Staates zusteht, hat bei ihnen zu entfallen - als DAS BÖSE, das sie verkörpern, sind sie zu vernichten. Das gilt ebenso für "Terrorstaaten" wie Afghanistan und Irak: Denen gegenüber praktizierte Amerika eine totale Nicht-Anerkennung, erlaubte ihnen nicht einmal die Kapitulation; ihre Organisationen, einschließlich der Staatsverwaltung und des Militärs, werden aufgelöst und durch ein US-Gezücht unter US-Besatzung ersetzt.
Der Antiterrorkrieg, den die USA gegen Saddam Hussein gewonnen haben, führen sie nun gegen die Aufständischen im Irak weiter. Diese Partisanen trifft das Vernichtungsgebot des Antiterrorkrieges mit derselben Wucht wie den vorherigen "Schurkenstaat". Nur ein toter Partisan ist kein Sicherheitsrisiko mehr für die Besatzer, jedenfalls ist seine sog. "Neutralisierung" mit seiner Inhaftierung nicht vorbei, seine psychische und physische Vernichtung ist strategisches Mittel zur Informationsbeschaffung über den Feind und darüber hinaus auf die Abschreckung ihres sympathisierenden Umfelds berechnet.
Die Besatzungsmacht schafft Sicherheit für sich, in dem sie die Unterscheidung von Zivilisten und nicht uniformierten Kämpfern auf einfache und brutale Art trifft: Sie macht die Verursacher für diese "Schwierigkeit", nämlich die gerade anwesende Bevölkerung dafür haftbar, indem sie z. B. in einer einzigen Woche in Falludscha 600 Anwohner tötet, weil sie eines Kerns lokaler Widerstandskämpfer nicht Herr wird. Im Partisanenkrieg ist konsequenter Terror gegenüber der Bevölkerung das Mittel der Wahl: Soll sich das zur Unterordnung bereite Volk doch selbst von den Aufständischen scheiden und diese der Besatzungsmacht zum Abschuß freigeben; andernfalls kann diese keine Rücksicht nehmen.
Nichts davon verschweigen die verantwortlichen US-Größen. In ihrer Logik ist klar, daß der präventive Angriff auf mögliche "Terroristen" nicht warten darf, bis sie irgendetwas verbrochen haben. Die US-Administration hat offiziell ermächtigen lassen, "unlawful combatants" außerhalb sowohl des amerikanischen wie des internationalen Kriegsrecht zu stellen und zu traktieren: Feinden dieses Schlages wird der Status des Kriegsgefangenen nach der Genfer Konvention nicht zugestanden; sie sollen als Informationsquelle für die Zerschlagung ihrer Organisationen und für den Kampf gegen ihre Sache genutzt werden - dafür zieht Amerika nach eigenen Verlautbarungen "die Samthandschuhe aus".
In diesem Sinn war das Gefängnispersonal von Abu Ghraib nicht nur verhetzt und losgelassen, sondern beauftragt, den Gefangenen "das Leben zur Hölle zu machen". Guantanamo ist ein Foltercamp und die Welt sollte es wissen; für Militärgefängnisse in Afghanistan und Irak gilt dasselbe.
Daß nun Bush, Rumsfeld und ihre Condoleezza die Befolgung ihres expliziten oder impliziten Auftrags als private Übergriffe Einzelner hinstellen, die gezeigte Grausamkeit als "unamerikanisch" verurteilen und militärstrafrechtlich verfolgen lassen, ist kein Fall von gewissenlosem Kameradenverrat. Daß sie, nachdem "die Bilder" trotz massiver Intervention ihrerseits nicht mehr geheim zu halten waren, eifrig aufklären und zeigen, was die Demokratie von der Diktatur unterscheidet; daß sie sich ein wenig verklausuliert vielleicht bei den Opfern und ihren Völkern entschuldigen und Scham zu Protokoll geben, ist auch keine Rückmeldung des Gewissens. Es ist ein Ergebnis politischer Berechnung und drückt eine Verlegenheit ihrer Irakpolitik aus.
So haben sich die Eroberer den Besitz ihrer Beute nämlich nicht vorgestellt. Sie sahen sich als Befreier des irakischen Volkes von einem üblen Diktator. Ihr Interesse an einer zuverlässig pro-amerikanischen Bastion im Nahen Osten, den man ja insgesamt von seinem gedemütigten und daher gefährlichen Nationalismus befreien und modernisieren will; ihr Interesse an einem gesicherten Zugriff auf die zweitgrößten Erdölvorräte der Erde und die daraus folgende strategische Kontrolle der globalen Energieversorgung sollten zusammentreffen mit einem Interesse der befreiten Iraker an Demokratie und Kapitalismus.
Die Verantwortung für einen Staat, der gar nicht anders kann, als US-Interessen zu dienen, wollten sie gerne in die Hände freier Iraker legen. Stattdessen sind sie mit Aufständen konfrontiert, die jede amerikanische Ordnung verhindern und ihnen nur zeigen, daß allzu viele Iraker die Freiheit nicht wollen, die Bush ihnen bringt, und dass sie selber nationale Ideen von einem Irak haben, die sich mit denen der USA in gar keiner Weise vertragen.
Praktisch stellen sich die Besatzer dem Partisanenkrieg, machen Stadtviertel dem Erdboden gleich, töten alles, was ihnen verdächtig vorkommt und internieren massenhaft die für sie unzuverlässige Bevölkerung. Die bekommt in den Militärgefängnissen die bekannte Sonderbehandlung - und lernt daraus, daß der Ami dem Araber und seinem Recht auf eine eigene Nation keine Chance läßt; daß er nur unterdrücken und irakisches Öl rauben will.
Genau dazu könnten sich die USA gleich bekennen, wenn sie weiterhin der Logik ihres Anti-Partisanenkrieges folgen, um der widerständigen Bevölkerung die Alternativlosigkeit der Unterordnung unter ihr Besatzungsregime klarzumachen - und sie können sich für die nächsten Jahre auf einen asymmetrischen Kleinkrieg einrichten. Der aber paßt nicht zu ihrem Ziel; die USA wollen den irakischen Willen zu einem eigenen Staat nicht ausrotten, sondern ausnutzen.
Sie wollen dem irakischen Volk einen eigenen, freien Staat spendieren, der von ihm gewollt und getragen wird - und der zugleich so konstruiert, militärisch überwacht und bündnismäßig eingebaut ist, daß er garantiert keine störenden Nationalinteressen entwickelt. Das ist ein ziemlich widersprüchliches Gebilde, an das sich die Iraker da gewöhnen sollen. Diese Gewöhnung betreiben die USA mit - in ihren Augen zweckmäßiger - Brutalität: Ein bißchen dauerhafte Besatzung und rassistische Unterdrückung eines neuen Untermenschen-Volkes muß vorerst sein; ein ergebnisloser Rückzug der US-Macht nach dem Motto: Nichts für ungut, wir hatten gedacht, es sei in eurem Sinn! - kommt nicht in Frage.
Die Bilder aus Abu Ghraib geben zu erkennen, wie komplett die Einschätzung der Partisanen als Untermenschen bei den Befreiern schon gediehen ist. Zu der Botschaft der Unversöhnlichkeit, die sie der irakischen Bevölkerung zustellen, will sich die US-Regierung aber ebenso wenig bekennen, wie sie sich beim Ausräuchern von Widerstandnestern und bei der Informationsbeschaffung Fesseln anlegen will.
Die Präsidentenmannschaft versteht "die Bilder" so, daß sie dem Image abträglich sind - Folgerung: Ein besseres Image der Irakpolitik muß her. Man soll den Eindruck haben können, daß sich das sog. "Informationsbedürfnis" der Militärs doch mit dem grundsätzlichen Respekt verbinden läßt, der unterworfenen Arabern als Menschen und Moslems auch dokumentiert werden soll. So sehr gewaltsam die Besatzungsmacht die Scheidung zwischen "Terroristen" und Zivilisten betreibt, so sehr ist ihr auch daran gelegen, die so aussortierten "guten" Zivilisten auf ihre Seite zu ziehen.
Zu dieser Image-Kampagne, zur Verbesserung des Bildes der USA in der Welt gehört dann auch die Diskussion zum Thema: Wie weit darf die Folter gehen? So kommt es zu einer weltöffentlichen Auseinandersetzung über das rechte Maß der Folter, welche Techniken der Quälerei nicht unbedingt nötig sind zur Informationsbeschaffung und zugunsten der "Menschenwürde" aufgegeben werden können. Den "willkürlichen", mit Privatvergnügen verwechselbaren Greueltaten, wie man sie auf Bildern und Videos ansehen mußte, ist Einhalt zu gebieten, denn sie machen einen wirklich schlechten Eindruck.
Herauszufinden ist, wie eine zweckmäßige Folter zu gehen hat, die den Gefolterten nur im Rahmen des Notwendigen drangsaliert. Darüber führt Amerika bei sich zu Hause und mit der übrigen Welt einen Diskurs. Eine Grenze zum "unmenschlichen" Foltern ziehen zu wollen, ist zwar ein Ding der Unmöglichkeit und ein ausgesprochener Zynismus dazu, aber ganz offensichtlich ist das das einzige Angebot, das Amerika bereit, der restlichen Welt zu unterbreiten - und es wird angenommen.
Der Mensch in der Psychologie
Die Welt ist voller Menschen. Du bist einer, ich bin einer, sogar der Bundeskanzler. Aber worum handelt es sich da bei uns? Wer ist der Mensch in uns allen? Das sind so Fragen. Die rufen nach Aufklärung, und die Wissenschaft hält, was sie verspricht: Den Menschen kennt sie ganz genau, und zwar je nach Fach anders. Diesmal haben wir bei den Psychologen nachgeschaut.
Psychologen stellen Fragen wie: "Warum machen Menschen Kriege?"; "Warum rennen sie dem Geld hinterher und werden dabei doch nicht glücklich?"; "Warum verzweifeln sie an ihren Liebschaften?" etc. So unterschiedlich und gegensätzlich die sozialen Charaktere sind, die einem im wirklichen Leben entgegentreten - Professor und Hausfrau, Mieter und Vermieter, Unternehmer und Arbeiter, Politiker und Wahlvolk - Psychologen sehen allemal und grundsätzlich ein und dasselbe Subjekt, "den Menschen", am Werk.
Es mag sein, was es will - ein Fußballspiel oder eine Staatsaffäre, ein Urlaubsflirt oder ein Ereignis aus dem Berufsleben. Auf jeden Fall steht für Psychologen schon mal vorab fest, daß da Menschen ihrer Selbstverwirklichung nachgehen. Der Mensch in der Psychologie ist ein Held der Freiheit: Er bewegt sich in einer Welt, die sein Produkt ist; aber zu seiner Zufriedenheit fällt sie dann doch nicht aus. Die Frage, woran das liegt, ist mit der Wahl des Subjekts schon beantwortet: Der Mensch ist halt so, daß er in seinem Selbstverwirklichungsdrang nicht zu knapp Sachen unternimmt, die ihm nicht gut tun.
Statt zu erklären, was sie da jeweils vor sich haben, machen Psychologen einen tautologischen Rückschluß auf das Innenleben des Menschen: Weil es Menschen sind, die dies und jenes tun, muß es - in ihnen liegen, warum sie es tun. Ihr Freiheitsheld bekommt auf diese Weise die merkwürdigsten Neigungen zugesprochen: Warum machen Menschen z. B. Kriege? Weil sie die Neigung dazu haben; Aggression heißt dieses Ding. Psychologen halten Kriege für erklärungsbedürftig; sie denken aber gar nicht am Krieg weiter - Verhältnis zwischen Staaten; deren Interesse verletzt; wie ist dieses Interesse beschaffen, daß Krieg Mittel seiner Durchsetzung? usf. -, sondern belassen ihn so unbegriffen wie er daherkommt, legen ihn in die Menschenseele; und dort soll sich niemand mehr über ihn wundern. Die Tilgung der Objektivität halten sie für deren Erklärung! Das psychologische Erklärungsbedürfnis gibt sich zufrieden damit, daß ihm der absolute Widerspruch angeboten wird: Der Mensch ist eben so, daß er grundlos - und deswegen auch gleichgültig, ob im Krieg oder in einer Wirtshausschlägerei - sich und seinesgleichen Schwierigkeiten macht.
Aber nicht nur das, sondern auch das Gegenteil: Der Mensch, psychologisch betrachtet, hat nämlich auch noch einen Liebestrieb, welcher auch weniger mit dem bekannten zarten Gefühl zu tun hat als vielmehr mit einem dicken "Plus", das sich dann auf irgendwen oder irgendwas richtet: Psychologen leuchtet es ein, daß einer ein Auto kauft, weil er eigentlich mit seiner Mutter vögeln will. Beweis: Er kauft das Auto! Und er hat eine Mutter. Solche Ausgeburten psychologischer Phantasie belegen, daß Psychologen gerne bereit sind, den Preis zu entrichten dafür, alles menschlich verständlich finden zu wollen. Sie brauchen sich deswegen über nichts mehr in der Welt zu wundern, weil sie sich dazu entschlossen haben, sich das Befremdlichste und Verrückteste als das den Menschen Bewegende einleuchten zu lassen. Dieser Entschluß ist unwiderlegbar. Wer meint, darin einen Einwand zu haben, daß er bei sich solch merkwürdige Neigungen noch nicht verspürt hat, dem kommen Psychologen offensiv: typischer Fall von Verdrängung!
Gegen das, was mit Willen und Bewußtsein begabte Menschen als ihre jeweiligen Beweggründe wissen, behaupten die Psychologen eine Welt dahinterliegender Motive als das Bestimmende: Was den Menschen zur Tat schreiten läßt, soll gerade nicht das sein, was er will, sondern ein (An-)Trieb, dem der Wille als bloßes Ausführungsorgan gehorchen muß; und wer davon noch nichts gemerkt hat, der beweist nur die Macht des Unbewußten. Diese Willensmetaphysik ist hermetisch: Sie behauptet, daß der Witz am Willen in seiner Leugnung besteht. Er soll durch irrationale Antriebe determiniert, also außer Kraft gesetzt sein. Dann gibt es ihn aber nicht. Es muß ihn aber geben, weil sonst nicht er determiniert werden könnte. Gibt es ihn aber, ist mit Determination nichts. Also zurück: Determination, aber eine, die im Verborgenen wirkt, so daß der Wille nicht merkt, daß er außer Kraft gesetzt wird.
Sachlich ist es völlig wurscht, ob man sagt: In der Seele wirken Kräfte, die stets verborgen bleiben, oder ob man das läßt. Aber fürs Menschenbild ist dieser Unterschied enorm bedeutsam. Jetzt steht er da, der Mensch in der Psychologie: als selbstbewußter Herr der Welt - aber leider hat er sich selbst nicht im Griff. Die Welt - in Ordnung! Der Mensch ist das Problem: Er ist beherrscht vom Irrationalismus metaphysischer Seelenkräfte. Für wen ist das eigentlich ein Problem? Für den Menschen, behaupten Psychologen. Und wenn der es schon nicht selber merken kann, so wenigstens sie. Gründe für "Frust" und "Stress" und "Leid" kennen sie mehr als sonst jemand, und allemal ist damit alles Objektive, das Anlaß zur Kritik geben könnte, der Diagnose eines mißlungenen Selbstverhältnisses des Menschen zu sich untergeordnet: Er leidet an sich und existiert damit doppelt:
Einmal gibts ihn als den mißratenen Vollverrückten und dann noch als denjenigen, dem das nicht paßt, und der deswegen von dem Drang beseelt ist, sich in den Griff zu kriegen. Damit sprechen die Psychologen ihrem Menschen nun wiederum den Willen und die Fähigkeit zu, sich rational zu verhalten: zu sich nämlich. Dann könnte er das Spinnen aber auch gleich lassen. Er soll aber beides! Derselbe Mensch, der vom Mechanismus seiner Seelenkräfte gebeutelt wird, macht sich also an die Aufgabe, sich zum Herrn über diesen Mechanismus aufzuschwingen: Da baut sich in mir ein Druck auf, der braucht ein Ventil - sprach der Dampfkessel zu sich.
Nach dieser Logik kriegt der Mensch alle Hände voll zu tun: Er verdrängt, projiziert, kompensiert, und je mehr er das, vielleicht auch unter psychologischer Anleitung, mit Willen und Bewußtsein vollzieht - also die Resultate von Projektion, Verdrängung usw. auch wieder verarbeitet usf. -, desto umfangreicher wird sein Seelenhaushalt, der bewältigt sein will, und desto ähnlicher wird er dem Menschen in der Psychologie.
Leuten, die sich selber als derartige Problembündel betrachten, steht die Psychologie - dabei - hilfreich zur Seite: Sie exerziert an ihnen ihr Menschenbild durch.