"Mißmanagement" - und wie es korrigiert wird
Die Sanierungsprogramme der drei Firmen sorgen für Aufregung in der Öffentlichkeit. Immerhin handelt es sich um bedeutende Größen am Kapitalstandort Deutschland. Groß ist erst recht die Erregung bei den betroffenen Belegschaften: Die Opfer, die sie für die Rettung ihres Betriebs, fürs Wiedererlangen "schwarzer Zahlen" oder auch nur fürs Halten derselben erbringen sollen, sind beträchtlich. Protest wird laut wegen dieser Opfer, allerdings weniger gegen sie: Er richtet sich vor allem gegen die "Nieten in Nadelstreifen", die es zur "Schieflage" ihrer Firmen haben kommen lassen. Das sieht der Rest der Republik ganz ähnlich. Man entdeckt sogar eine gewisse Ungerechtigkeit darin, daß hochbezahlte Manager das betriebliche Fußvolk für ihre Fehler büßen lassen
Was haben die "Mißmanager" eigentlich falsch gemacht?
Karstadt, Opel, VW: Die drei Fälle liegen verschieden. Da kennen sich die alternativen Manager im Kanzleramt, in den Wirtschaftsredaktionen und in den Betriebsräten aus. Differenziert steigen sie den diversen Fehlentscheidungen nach.
Zur Bewertung der Lage bei Karstadt-Quelle gibt Schröder selbst den Ton vor und spricht von "Managementversagen in seiner krassesten Form!" Der Handelsriese steht angeblich knapp vor dem Konkurs. Jedenfalls heißt es, die Banken hätten ihm ohne überzeugendes Sanierungskonzept keinen neuen Milliardenkredit und die Aktionäre keine Kapitalerhöhung bewilligt. Da muß, so hört man, fehlerhafte Geschäftspolitik vorgelegen haben. Folgende Fehler werden genannt: Frühere Vorstände haben einen aggressiven Expansionskurs gefahren, Konkurrenten aufgekauft, neue Geschäftsfelder erschlossen und diversifiziert, zugleich haben sie den größten Versandhandel Europas und das klassische Vollsortiments-Kaufhaus mit seiner großen Präsenz im Land als die entscheidenden Standbeine des Konzerns erhalten - und nun verdienen sie mit all dem kein Geld mehr. Ein klarer Fall von Inkompetenz. "Unfähig bis zum geht-nicht-mehr" nennt unser Kanzler so was.
Autohersteller Opel hat gleich eine ganze Reihe unverzeihlicher Fehler gemacht: Er hat nicht jede technische Neuerung als erster eingeführt und "den Trend zur Dieseltechnologie verschlafen". Er hat sich zweitens nicht ins Premium-Segment des Automarktes gedrängt, sondern sogar aus der Ober- und oberen Mittelklasse zurückgezogen. Er hat drittens Kompromisse bei der Qualität zugelassen und viertens viel zu große Produktionskapazitäten aufgebaut. Insgesamt verfolgte die GM-Tochter das Konzept, auf den Massenmärkten damit zu konkurrieren, daß sie "bezahlbare Autos für jedermann" baut. Daß das absurd war, leiten fachkundige Kritiker daraus ab, daß jetzt von den "Modellen für jedermann" Astra und Vectra zu wenig verkauft werden - jedenfalls im Vergleich zu ähnlichen Modellen der Konkurrenten Die Opel-Betriebe sind nicht profitabel ausgelastet. Kritische Beobachter fragen kopfschüttelnd, wie man sich nur so unglücklich plazieren konnte zwischen den Billiganbietern aus Fernost, deren Preise man doch nicht schlagen kann, und den heimischen Edelschmieden, deren Image und Qualitätsanmutung man nicht hinkriegt. Sie wissen auch schon den Grund: Amerikanische Manager in der Detroiter Konzernzentrale "verstehen den europäischen Automarkt nicht", zielen auf kurzfristige Profite, statt langfristig werthaltige Modelle und ein tiptop Markenimage aufzubauen. Womöglich wissen diese Amis nicht einmal, wo Bochum und Rüsselsheim liegen, oder sind gar voreingenommen gegen das selbstbewußte, Irakkriegs-abstinente Deutschland. Da wäre die Inkompetenz glatt Absicht.
Bei VW, das immerhin nur einen Gewinneinbruch zu verzeichnen hat und "nur noch mit seiner Finanzsparte Geld verdient", liegen die diagnostizierten Managementfehler anders, nämlich genau umgekehrt: Piech, der Vorgänger auf dem Wolfsburger Chefsessel, hat, so hört man, die Fehlentscheidung zu verantworten: Er wollte Volkswagen in der automobilen Oberklasse verankern und die ganze Produktpalette des Konzerns mit einer gewissen "Oberklassenkompetenz" aufwerten. Daß das nicht gut gehen konnte sieht man doch schon am Namen der Firma! Jetzt sind der Phaeton und die Bentleys teure Fehlinvestitionen, weil die Millionäre doch lieber Maybach und Rolls Royce kaufen; und die Übertragung des Image auf Golf und Co. klappt auch nicht. Für den Golf lassen sich auf dem Markt nicht die kalkulierten Premium-Preise erzielen. Renditezehrende Rabatte sind nötig, um ihn in den Markt zu drücken.
So weit die Expertisen der professionellen und freischaffenden Fachleute der Nation im Allgemeinen und der Betriebsräte der betroffenen Firmen im Besonderen. Worin sehen sie die Gemeinsamkeit dieser unterschiedlichen Geschäftskonzepte? Es gibt nur eine: die Konzepte sind nicht aufgegangen. Der Mißerfolg der Konzerne in der Konkurrenz beweist die Unfähigkeit ihrer Führer. Im Nachhinein wissen die Besser-Manager, daß den Unternehmensentscheidungen über Qualität, Ausstattung, Preis der Erzeugnisse, über Investitionssummen und Produktionskapazitäten totale Fehleinschätzungen der Märkte zugrunde liegen. VW und Opel haben sich entgegengesetzt positioniert. Beides war verkehrt, tönen ihre Kritiker. Die Autokonzerne hätten es machen sollen wie BMW, Porsche oder Toyota: Siegen in der Konkurrenz um den Markt, nicht verlieren! Das ist deshalb ziemlich blöd, weil es in der marktwirtschaftlichen Konkurrenz nicht nur Sieger geben kann. Schließlich treten die freien Unternehmen auf dem Markt an, um Konkurrenten auszustechen und sich einen möglichst großen Marktanteil zu sichern. Das kann notwendigerweise nicht jedem gelingen, schon gar nicht, wenn, wie man von denselben Experten hört, die Produktivität steigt und Märkte "schrumpfen". Es ist absolut notwendig, daß manche als Sieger aus dieser Konkurrenz hervorgehen und andere scheitern, gerade wenn sie im wesentlichen das Gleiche machen. Den Siegern wird dann Genialität bescheinigt, den Verlierern Inkompetenz - worum es wirklich geht, ist an den Sanierungsprogrammen zu sehen, mit denen die Nachfolger der "Mißmanager" sich ans Werk machen.
So verschieden die Fälle von Mißmanagement, so identisch die Sanierungsprogramme, die natürlich anstehen, wenn eine unfähige Führung "den Karren in den Dreck gefahren hat". Das immer gleiche Heilmittel für die kranken Bilanzen straft die siebengescheite Fehlersuche der Managementkritiker Lügen: Sie schimpfen über unattraktive Automodelle und zu viel Verkaufsfläche - und dann wird das alles in Ordnung gebracht mit Korrekturen an Anzahl, Lohn und Leistung der Beschäftigten. Per Entlassung Existenzen vernichten, per Lohnsenkung Existenzen gefährden, aus den verbleibenden Billiglöhnern mehr herausholen: So soll noch jedes Unternehmen wieder flott gemacht werden, ganz egal, was für Mißgriffe ihm gerade vorher noch attestiert worden sind. Von der ganzen Schuldzuweisung ans Management bleibt nichts weiter übrig als der verlogene Trost, die Anwendung derartiger "bitterer Pillen" für die Belegschaft wäre bei einer geschickteren Unternehmenspolitik vermeidbar gewesen. Das ist deshalb verlogen, weil an der stereotypen "Problemlösung" genau das Gegenteil ersichtlich wird: Beim Managen eines kapitalistischen Unternehmens kommt es immer und überall darauf an, mit möglichst geringen Kosten möglichst hohen Gewinn zu erzielen. Die Löhne der Beschäftigten sind Kosten für das Unternehmen, die sich für es lohnen sollen. Deshalb zeichnet sich kompetentes Management in guten wie in schlechten Zeiten dadurch aus, daß es weniger Arbeitskräfte schlechter bezahlt und mehr an produktiver Leistung aus ihnen herausholt - im Vergleich zur Konkurrenz und im Fall von Absatzproblemen im Vergleich zu gestern. Immer weniger Arbeiter werden für diesen Geschäftserfolg benötigt, immer mehr werden dafür nicht gebraucht. Immer mehr können die Beschäftigten mit dem Verweis auf die Arbeitslosen dazu erpreßt werden, auf Lohn und Freizeit zu verzichten. Ein fähiges Management läßt da nichts anbrennen, denn darum geht es, wenn es gilt, den Erfolg in der Konkurrenz zu sichern und zu steigern.
Und für ein Unternehmen, das in der Konkurrenz ins Hintertreffen geraten ist, gilt das Prinzip weniger Arbeiter schlechter zu bezahlen und mehr auszunutzen erst recht. Mit Lohnsenkung und Arbeitszeitverlängerung versucht ein kompetentes Management, die Kostenstruktur zu verbessern und den Konkurrenznachteil wettzumachen. Mehr unbezahlte Arbeit als bisher einzufordern, gehört zu jedem anständigen Sanierungsprogramm. Denn das steigert den Gewinn, auf den es allein ankommt - und für den der Lebensunterhalt der Arbeiter einzustehen hat.
Das ist das ganze "Geheimnis" unternehmerischen Erfolgs, die Quintessenz der Tätigkeit, für die gute Manager ganz unbedingt gut bis bestens bezahlt werden müssen, weil sie nur so dafür sorgen, daß der Reichtum der Kapitaleigner wächst. Oder um noch einmal auf die Mißmanager zurückzukommen: Die vielfältigen Vorwürfe, was sie alles falsch gemacht haben sollen, schrumpfen in Wirklichkeit auf einen einzigen zusammen: Sie haben den Auftrag zur Rücksichtslosigkeit, der ihren Beruf ausmacht, nicht genügend an den Arbeitern durchexerziert, sie haben das Potential an Erpressung und Gemeinheit, das ihnen zur Verfügung steht, nicht genügend ausgeschöpft - das ist das "menschliche Versagen", dessen sie sich schuldig gemacht haben.