« vorige nächste » Die Sendung vom 07. Dezember 2005
Zum Beispiel "Gammelfleisch"

Wie der Kapitalismus den Unterschied zwischen Nahrungsmittelversorgung und Abfallbeseitigung aufhebt

Es wird haufenweise Fleisch in Kühlhallen oder hinter der Ladentheke ausfindig gemacht, dessen Haltbarkeitsdatum längst überschritten ist. Und raus kommt auch, daß der Lebensmittelhandel bereits zig Tonnen an faulem Fleisch verklitscht hat, das in die Mägen der "Massenkaufkraft" gelangt ist. Auch dieser angebliche Lebensmittel-"Skandal" ist ein kleines Lehrstück darüber, welche Rolle Lebensmittel im Kapitalismus einnehmen:

Für die Handelsunternehmen ist es einfach ein bleibendes Ärgernis, daß Fleisch ein Naturartikel ist, der einem biologischen Verfallsprozeß unterliegt. Das stört die Unternehmer nicht etwa, weil sie das Fleisch als Nahrungs- und Genußmittel so wertschätzen und sich ausrechnen, wer davon wieder einmal hätte satt werden können.

So stört die Kapitalisten todsicher nicht, daß jede Menge Fleisch nicht rechtzeitig dorthin gelangt, wo ein Bedürfnis nach ihm ist. Denn sie sind es ja selber, die mit ihrer Geschäftspraxis systematisch dafür sorgen, daß jede Menge Fleisch verdirbt, bevor es und ohne daß es einen Abnehmer findet. Anders gesagt: Daß so viel Fleisch verkommt, das liegt nicht einfach nur daran, weil Fleisch qua Natur verderblich ist. Die Unternehmen behandeln das Fleisch als einen Geschäftsartikel – und deswegen wird seine Qualität als Lebensmittel ziemlich strapaziert.

Und eben weil Fleisch ein Geschäftsartikel ist, stinkt es den Unternehmen gewaltig, daß die Ware verdirbt. Für sie ist jedes Stück Fleisch nichts anderes als ein Stück Warenkapital, das gefälligst in Geld zu verwandeln ist. Jede Ware, auf der der Unternehmer sitzen bleibt, bedeutet für ihn, daß ein Stück seines Kapitalvermögens vernichtet wird. Also verträgt es sich nicht mit seinen Geschäftsbilanzen, Fleisch aus dem Verkehr zu ziehen, nur weil es für den Verzehr unbekömmlich geworden ist. Seine kapitalistische Rechnungsweise gebietet ihm, diesen Verlust abzuwenden.

Eine sachgerechte Art und Weise, dieses Geschäftsrisiko abzuwenden, besteht eben darin, das Fleisch, dessen Gebrauchswert verfällt, einfach umzubenennen: Fleisch, dessen Haltbarkeitsdatum abläuft, wird kurzerhand zu Frischware umdeklariert und bleibt so dem Markt zur Profiterzeugung erhalten. Und wenn Supermärkten diese Praxis zu heikel ist, nehmen ihnen das findige Zwischenhändler ab und machen daraus ein eigenständiges Geschäft: Sie kaufen den Konzernen das verderbende Fleisch auf dem "Drei-Tage-Markt" oder der "Resterampe" ab und liefern es ihnen – ein paar Wochen oder Monate später – als unschlagbar günstiges "Frischfleisch" wieder an. Der Etikettenschwindel findet dann nicht im eigenen Laden an der Theke statt; stattdessen wandert das Gammelfleisch aus dem Supermarkt raus und durch den Lieferanteneingang wieder rein, zwischenzeitliches Ein- und Ausfrieren inklusive. So machen gleich zwei Unternehmen ihr Geschäft mit der vergammelnden Fleischware: Die Zwischenhändler machen ihren Gewinn mit dem An- und Verkauf des Zeugs. Und die Supermärkte erzielen für ihre verderbende Ware erstens doch noch einen Preis; und zweitens die Gelegenheit, dasselbe Zeug besonders günstig wieder einzukaufen, um es den Endverbrauchern als entsprechend bepreistes "Frischfleisch" anbieten zu können. So schafft es das Kapital, sein Geschäft vom lästigen Gebrauchswert des Fleisches zu emanzipieren – zu dem "Preis", daß sich ihre Nahrungsmittelversorgung von einer Abfallbeseitigung nicht mehr unterscheiden läßt. Ein "Preis" freilich, den nicht die Geschäftemacher zu zahlen, sondern die Konsumenten zu schlucken haben.

Die Unternehmer, die mit Lebensmitteln ihr Geschäft betreiben, veranstalten ein dauerndes und flächendeckendes Freilandexperiment mit dem Gebrauchswert der Nahrungsmittel. Für sie sind die solange "verträglich", wie sie einen Markt finden. Sie können dabei auf ihre Erfahrung vertrauen, daß der Mensch eine Menge aushält, bevor er auseinanderfällt; und sie können auf die Sicherheit bauen, daß ihre Kunden ihnen nicht entkommen - was sie daran erkennen, daß die ihnen allen sogenannten "Skandalen" zum Trotz ihr Zeug abkaufen.

Allein aus der Tatsache, daß den Unternehmern ihr Zeug abgekauft wird, verdrehen Politiker, Wirtschaftslobbyisten und öffentliche Meinungsmacher Ursache und Wirkung. Dann stehen nicht die kapitalistischen Produzenten und Händler der Schrottware in der Kritik, sondern die Konsumenten am Pranger. Aus dem Spiegel erfahren wir etwa: "Nirgendwo spart der Deutsche so rabiat wie beim Essen. Gaben die Privathaushalte 1970 noch knapp ein Drittel ihres Geldes fürs Essen aus, so werden es 2005 nur noch 14 Prozent sein." Wer im Supermarkt, statt auf die Qualität, immer nur auf die Preise schaut, der darf sich nicht wundern, wenn "Zerlegefirmen, Transporteure, Kühlhäuser oder Handelsunternehmen - um den Deutschen Fleisch immer noch billiger in die Kühltheke legen zu können - die Gesundheit der Kunden riskieren" und "es sich dabei nicht um Einzelfälle handelt".

Klar: Der Spiegel will die Schuldfrage eindeutig klären: daß die Leute hierzulande Scheiße und Schlimmeres zu fressen bekommen – das liegt an den blöden Konsumenten. Der Vorwurf richtet sich an die abhängig Beschäftigten, Arbeitslosen oder Rentner, an deren Lebensunterhalt Arbeitgeber und Politik mit Entlassungen und Lohnkürzungen, Reformen und Steuererhöhungen heftig sparen. Und was machen dann diese Leute in ihrer zunehmenden Armut? Sie zeigen sich als Kundschaft beim Geldausgeben doch glatt geizig! So zynisch die Schuldzuweisung ist: Ihr läßt sich durchaus eine sachliche Auskunft entnehmen. Wenn man "zu schlechten Preisen nicht allerbeste Lebensmittel bekommen kann", dann ist es wohl eine Illusion, daß die schöne Marktwirtschaft dazu da wäre, ihre gewöhnlichen Bewohner mit anständigen Nahrungsmitteln zu versorgen, die sie sich auch noch leisten können. Statt dessen stellt der Kapitalismus mit jedem sogenannten "Lebensmittelskandal" praktisch klar: Mit seinem normalen Geldbeutel bekommt der Normalmensch eben nur den unverträglichen Billigfraß – denn nur bei dem sind mit schlechten Preisen die allerbesten Geschäfte zu machen.

Und auf eines können sich die Unternehmer mit ihren Geschäftspraktiken sowieso verlassen: auf die Einsicht des Staates, daß ihr Nutzen auch der seine ist.

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