« vorige nächste » Die Sendung vom 12. Juli 2006
Ahmadinedschads Infragestellung des Holocaust und sein Offener Brief an den großen Freiheitsführer George W. Bush

Entlarven gilt nicht oder: Die Moral ist immer auf der Seite der überlegenen Gewalt.

Der verfemte Präsident des Iran verteidigt sich durch Attacken auf die moralische Hegemonie des Westens.

Seit Dezember des vergangenen Jahres macht der iranische Präsident von sich reden. Das erkenntnisleitende Interesse Ahmadinedschads bei seiner Infragestellung des nationalsozialistischen Genozids an den Juden ist das, wofür dieser Völkermord heute steht: Für das absolut unbestreitbare Recht des israelischen Staates auf einen Platz in Palästina, für die Blankovollmacht, sich mit dem ständigen Einsatz auch staatsterroristischer Mittel zu verteidigen und territorial auszuweiten sowie für die Pflicht aller zivilisierten Nationen, Israel dabei zu unterstützen. Der Juniorpartner des amerikanischen Antiterrorkriegs, der den Palästinensern das Leben so gut wie unmöglich und seinen arabischen Nachbarn so schwer macht, soll selbst immer bloß ums blanke Überleben kämpfen. Dem widerspricht Ahmadinedschad.

Er will nicht akzeptieren, daß seine palästinensischen Glaubensbrüder und die gesamte nahöstliche Region die historische Rechnung für etwas bezahlen müssen, mit dem sie ganz offensichtlich nichts zu tun haben, und daß dies den Staat Israel und alle seine gewaltträchtigen Vorhaben ins Recht setzen soll. Also bestreitet er den moralischen Rechtstitel für die Existenz des Vorpostens des Westens im Nahen Osten.
So meint er, daß für die historisch-moralische Legitimität Israels die Faktizität des Holocausts irrelevant ist, weil so oder so andere moralische Konsequenzen viel naheliegender wären:

"Wenn der Holocaust passiert ist, dann muß Europa die Konsequenzen ziehen und nicht Palästina den Preis dafür zahlen. Wenn er nicht passiert ist, dann müssen die Juden dahin zurückkehren, wo sie hergekommen sind." (Spiegel, Nr. 22/2006)

Die korrekte historisch-moralische Schlußfolgerung aus dem Holocaust lautet nach Ahmadineschad:

"Wenn die Europäer mit der Behauptung die Wahrheit sagen, sie hätten sechs Millionen Juden im Zweiten Weltkrieg getötet, warum sollten die Palästinenser für dieses Verbrechen bezahlen ... Wenn ihr die Verbrechen begangen habt, dann gebt den Israelis ein Stück eures Landes irgendwo in Europa oder Amerika und Kanada oder Alaska, damit sie dort ihren eigenen Staat aufbauen können."

Die Idee, daß diejenigen die territorialen Kosten der Wiedergutmachung übernehmen sollen, die die einschlägigen Schandtaten begangen haben, mag für Außenminister Steinmeier ja schockierend sein, von der Sache her ist sie wohl nicht ganz so irrsinnig, wie allenthalben diagnostiziert wird. Ahmadinedschad will sich mit diesem moralimmanenten Schlagabtausch jedoch nicht zufrieden geben. Er will der gängigen Holocaust-Moral auch noch den Boden unter den Füßen wegziehen, indem er die Faktizität ihres historischen Ausgangspunkts in Frage stellt. Hinter der Verwendung des Holocausts als kategorische Legitimation des Judenstaates sowie als Totschlägerargument gegen jede Israel-Kritik wittert er das Interesse Israels beziehungsweise der westlichen Israelunterstützer an diesem Legitimationsgrund und schließt von da aus auf eine antiarabische Verschwörung – Israel und seine Freunde sollen die historische Grundlage des Staates Israel glatt erfunden haben:

"Der Mythos vom Massaker an den Juden ist von den westlichen Staaten erfunden worden, um mitten in der islamischen Welt einen jüdischen Staat zu errichten" (Ahmadinedschad im Dezember 2005)

Der kurze Schluß in all seiner Gedankenschlichtheit: Wem eine solche Generallegitimation nützt, der steht unter dem Verdacht, die Fakten, mit denen operiert wird, erfunden zu haben. Zur propagandistischen Präsentation dieses Fundamentalangriffs auf die israelische Staatsideologie lädt er einige notorische Exemplare von braunen Holocaustleugnern als Kronzeugen zu einem "Holocaust-Kongreß" nach Teheran ein.

Ahmadinedschad glaubt sicherlich nicht im Ernst daran, daß der Nahostkonflikt durch einen exotisch beschickten Historikerkongreß einer Lösung näher gebracht werden könnte. Er glaubt aber offenbar schon, auf diese Weise der antiisraelischen Staatsräson des Iran ein wenig mehr Respekt verschaffen zu können und vielleicht sogar die Gemeinschaft der Israel-Unterstützer aufweichen zu können:

"Wie lange noch muß das deutsche Volk die Geisel der Zionisten sein?" (Spiegel, a. a. O.)

Westliche Politiker und Medien lassen sich freilich gar nicht erst auf Ahmadinedschads Ausführungen ein. Stattdessen subsumiert man mit kongenialer Gedankenschlichtheit seine gesamte Kritik an der Verlogenheit der westlich-israelischen Rechtstitel unter die Kategorie "Auschwitz-Lüge". Und weil die längst als ein schwerer Menschenrechtsverstoß definiert und bei uns sogar kriminalisiert ist, ist damit das Urteil über die antiisraelische Wortmeldung und über ihren Autor auch schon perfekt. Ein amerikanischer Regierungssprecher: Himmelschreiend!, die Bundeskanzlerin: Unfaßbar! Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland will gar keinen Unterschied zwischen Täter und Interpreten mehr gelten lassen: Ein zweiter Hitler! In Israel sieht man das genauso. Ein Regierungssprecher unter unüberhörbarem Verweis auf die stets gefechtsbereite israelische Militärmaschinerie: Es wird keine zweite 'Endlösung der Judenfrage' geben! Und Friedensnobelpreisträger Schimon Peres sekundiert mit der Drohung, daß auch der Iran von der Landkarte gelöscht werden kann.

Und dann schreibt Ahmadinedschad auch noch George W. Bush einen offenen Brief. Dabei demonstriert er, daß auch er sich auf die hohe Kunst der diplomatischen Heuchelei versteht: Im Gestus eines gemeinsamen Strebens nach Friede und Ordnung auf der Welt sowie eines gemeinsamen Glaubens an einen Allmächtigen will er Widersprüche und offene Fragen, die er auf der internationalen Ebene ausgemacht hat, zur Diskussion stellen, damit die Möglichkeit eröffnet wird, für Abhilfe zu sorgen.

Damit soll anscheinend der mit großem propagandistischen Aufwand etablierte Standpunkt torpediert werden, daß die Interessen Amerikas immer ein zutiefst berechtigtes und folglich von allen Nationen guten Willens anzuerkennendes und zu unterstützendes Anliegen sein sollen. Zu diesem Zweck nimmt er die Selbstdarstellung der amerikanischen Politik beim Wort, um ihre Moral an ihren eigenen Maßstäben zu blamieren und zugleich der iranischen Sicht der Dinge Respekt zu verschaffen. Ein Beispiel:

"Kann jemand Anhänger Jesu Christi ... sein, ... sich der Achtung der Menschenrechte verpflichtet fühlen, den Liberalismus als Zivilisationsmodell präsentieren, seine Opposition zur Verbreitung von Atomwaffen und Massenvernichtungswaffen verkünden, sich den "Krieg gegen Terror" auf seine Fahnen schreiben und schließlich an der Errichtung einer vereinten internationalen Gemeinschaft arbeiten ..., aber gleichzeitig Länder überfallen, Leben, Ansehen und Besitz von Menschen zerstören und mit der äußerst geringen Wahrscheinlichkeit, daß sich einige wenige Kriminelle in einem Dorf, einer Stadt oder beispielsweise einem Konvoi befinden, das Dorf, die Stadt oder den Konvoi in Brand schießen? Oder kann es wirklich sein, daß nur aufgrund der reinen Möglichkeit der Existenz von Massenvernichtungswaffen in einem Land dieses jetzt besetzt ist, rund 100.000 Menschen ermordet, seine Wasserressourcen, Landwirtschaft und Industrie vernichtet, an die 180.000 Mann ausländischer Truppen stationiert wurden, die Unverletzlichkeit der Privatwohnungen seiner Bürger mißachtet und das Land möglicherweise fünfzig Jahre in seiner Entwicklung zurückgeworfen wurde?"

In der Tat. Lauter Widersprüche.
Natürlich ist es die leichteste Übung von der Welt, die wenig idealen Taten des Imperialismus an den hohen Idealen, in deren Namen sie vollbracht werden, zu blamieren. Dabei hätte selbst Ahmadinedschad auffallen können, daß akkurat dieselben Ideale & Werte, an denen er Bush auflaufen läßt, ansonsten – genauso gekonnt – dazu dienen, ihn einer "Achse des Bösen" zuzuordnen. Ein Streit um moralisch fundierte Rechtstitel kann gar nicht anders ausgehen, als das Hornberger Schießen. Einen universellen Wertehimmel, an dem jede Politik quasi objektiv gemessen werden kann, gibt es eben nicht. Der politisch-ideologische Nutzeffekt von Moral hängt ganz davon ab, wer sie erfolgreich in Anschlag bringen kann; d. h. wer über die Macht verfügt, seine Position gültig zu machen.

Die Reaktionen im Westens lassen denn auch ein hohes Maß an Souveränität gegenüber Ahmadinedschads Anklagen erkennen: Sie ignorieren sie einfach.
Condoleezza Rice stellt trocken fest, daß er nichts Konkretes zu bieten hat. Schließlich hat man bei ihm keine moralischen Anklagen bestellt, sondern ein Schuldbekenntnis in Sachen Massenvernichtungswaffen sowie den sofortiger Stop der Urananreicherung:

"Die Probleme, mit denen wir zu tun haben, werden darin nicht konkret angesprochen. Darin steht nichts, was darauf hindeutet, daß wir uns auf einen anderen Kurs befinden als vor dem Erhalt des Briefes ... Ziel Ahmadinedschads ist es vermutlich, die internationale Gemeinschaft kurz vor dem Außenministertreffen in New York durcheinander zu bringen." (Condoleezza Rice)

Der Mann tut einfach nicht, was die USA von ihm erwarten und erfüllt nicht die Bedingungen, unter denen die USA sich überhaupt herablassen, mit ihm zu reden. Und: Ahmadinedschad will doch glatt andere Mitglieder der Völkerfamilie – noch dazu Verbündete der USA! – in seinem Sinn beeinflussen. Während man im Iran darauf hofft, der Brief könne neue diplomatische Wege (Chef-Unterhändler Ali Laridschani) eröffnen, hält man es in Washington schon für einen Skandal, daß der Iran überhaupt mit eigenen Positionen zu Wort meldet und ihnen Gehör verschaffen will: Der Brief ist ein taktischer Versuch, die Diskussion im Sicherheitsrat über das weitere Vorgehen gegen Iran gezielt zu beeinflussen. (US-Geheimdienstchef John Negroponte)
Kurz: Der Mann bewährt sich als Terrorist auch da, wo er nur Briefe schreibt.

Und überhaupt:
Ahmadinedschad stellt sich mit seinem Schreiben auf die gleiche Stufe mit seinem Adressaten. Trotz aller kunstvollen Höflichkeitsfloskeln (FAZ, 10. 05. 2006) also ein einzige Unverschämtheit:

"Ahmadinedschad beansprucht sozusagen auf gleicher Augenhöhe mit dem amerikanischen Präsidenten zu kommunizieren." (ebd.)

Von daher ist keine Reaktion zu zeigen gerade am aufschlußreichsten: Der amerikanische Präsident denkt gar nicht daran, sich mit dem obersten Schurken eines Schurkenstaates von Gleich zu Gleich über Recht und Unrecht in der Weltpolitik auszutauschen. Und das womöglich noch mit Argumenten