Es ist was faul...
Schon wieder erschüttert ein sog. Lebensmittelskandal die Republik, naja, besser gesagt: er beunruhigt leicht. Teilweise scheint er sogar eher anzuöden. Zumindest die taz kann im Fall der verdorbenen Döner-Spieße ein Gähnen nicht unterdrücken. Denn sie ist über das hierzulande übliche Umdeuten eines solchen Vorfalls zu einem Skandal, also zu einer expliziten Ausnahme im normalerweise einwandfreien Lebensmittel-Geschäfts, schon wieder hinaus. Sie weist die Schuld gleich an dem von ihr ausgemachten wahren Verantwortlichen zu - dem Konsumenten:
"Wieder einmal erweist sich der Skandal als das Medium der Ahnungslosen. Ob ein Dönerspieß aus massivem Fleisch besteht oder aus zusammengemanschten Abfällen, kann jeder Konsument leicht auf den ersten Blick erkennen. Wer von Lebensmitteln auch nur den geringsten Schimmer hat, entschied sich schon immer für die Fleisch-Version - weil der Müll-Döner auch dann nicht appetitlich ist, wenn die eingearbeiteten Schlachtabfälle das Verfallsdatum nicht überschritten haben."
Weit davon entfernt, sich zu fragen, wie so etwas denn in einer Welt sein kann, in der der Markt doch angeblich für gute Qualität und geringe Preise sorgt, geht die taz einfach wie selbstverständlich davon aus, das der Mensch Ekelkram erhält, wenn er Lebensmittel bestellt und nicht ganz genau hinschaut.
Der pfiffige Konsument nimmt das als Naturgegebenheit hin und muß sich eben schlau machen, welche Nahrungsmittel für den Genuß taugen und welche nicht. Wer aber immer partout "Gammelfleisch, Dioxineier und Uranmineralwasser auf seinen Einkaufszettel schreibt, hat wirklich keinen Grund zu meckern, er kriegt schließlich genau das, was er will - und ein paar ungeahnte Überraschungen obendrein.
Und außerdem hätte man doch schon aus dem Gammelfleischskandal Ende des letzten Jahres lernen können, als etliche Verlautbarungen der folgenden Art dazu angetan waren, den Bundesbürgern die vorweihnachtliche Freude auf den Festtagsbraten gründlich zu vergällen:
"Verdorbenes Hackfleisch, stinkende Döner, schlieriges Roastbeef, angegammeltes Putenhack, Abfälle aus der Geflügelzucht - tonnenweise hatten dubiose Firmen Gammelfleisch über die Republik verteilt."
"Der Umgang mit abgelaufenen Fleischprodukten ist weder einer einzelnen Supermarktkette noch einem einzelnen Großhändler oder Hersteller zuzuordnen. Die Spuren führen quer durch die Republik ... Die Fleisch-Mafia ist überall. Selbst Ökofleisch soll betroffen sein."
Also: Man muß ganz einfach damit rechnen, daß man Müll auf den Tisch bekommt - wenn man nicht aufpaßt. Jetzt ist das aber mit dem Aufpassen so eine Sache, wenn doch erklärtermaßen nicht nur einzelne "gewissenlose Betrüger" am Werk sind, die auf Kosten der Gesundheit der Verbraucher ihr Geschäft machen, sondern "Gammelfleisch" vielmehr ein ziemlich weit verbreitetes Phänomen ist. Frage ist, warum das so ist.
1. Erklärung: ...wegen der "Zwänge des Marktes"
Die Gründe dafür werden in der Presse so dargelegt: Die Schlachtereien ...müssen aus Kostengründen die Tierkörper fast zu 100 Prozent verwerten. Nur lassen sich viele Tierteile schwer vermarkten.
Dazu ein Herr Fuchs, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Fleischerverbands:
"Das ist die logische Konsequenz des Preiskampfes ... die Margen sind so gering, daß es nicht mehr drin ist, Ware einfach wegzuschmeißen ... Also gibt es Spezialfirmen, die mit allem handeln, was so liegen bleibt.
Die Verlockung, Schlachtabfälle oder Fleisch jenseits des Verfalldatums zu verwerten, ist obendrein durch den wachsenden Wettbewerb in der Branche gestiegen. Seit etwa vier Jahren bieten auch Discounter Frischfleisch an, was die gesamte Branche unter Druck gesetzt und einen beispiellosen Konzentrationsprozeß ausgelöst hat, der noch nicht abgeschlossen ist. Maximal fünf Unternehmen werden in Zukunft noch eine wirklich bedeutende Rolle spielen, Dies setzt den kleineren Fleischverarbeiten zu - und hat manche von ihnen in die Illegalität getrieben."
"Der Wettbewerb" "wächst", löst gar einen "Konzentrationsprozeß" aus und "treibt" unschuldige Unternehmen in die Illegalität! Wie macht der das bloß?
Keinesfalls soll man sich die Sache so denken: Kapitalisten in Fleisch machen "den Wettbewerb", von dem sie immerzu "getrieben" sein sollen. Sie wollen ordentlich Profit machen auf einem Markt, auf dem sich viele ihrer Art tummeln. Müllverarbeitung ist dafür durchaus die geeignete Tour: mit niedrigeren Preisen die andern unterbieten und dank niedriger Gestehungskosten trotzdem satt abkassieren!
Aber mal abgesehen von der raffinierten Verwechslung von Subjekt und Objekt kann man dem Herrn Fuchs schon glauben: Ja, es wird schon so sein, daß satte Profite auf dem Fleischmarkt mittlerweile nur noch auf die Ekeltour zu machen sind.
Nun könnte könnte man ja einwenden: Wenn in unserer schönen Marktwirtschaft also ein fast unabweisbarer Sachzwang herrscht, sich derart unfeiner Methoden zu bedienen, das ist doch mal wieder ein handfester Einwand gegen das ganze System der Konkurrenz!
Dummerweise bietet diese Lesart keine Möglichkeit, die Angelegenheit als Skandal zu besprechen, und ist deshalb überhhaupt nicht üblich. Vielmehr kommen auch hier wieder keinerlei Zweifel an dem Mantra von den segensreichen Wirkungen auf, welche die Konkurrenz allüberall entfalten würde, wenn man sie nur ließe. Das Bild von einem Wettbewerb, der fast nur Opfer kennt, will nämlich nichts anderes als eine "Branche im Dilemma" vorstellig machen:
Kostensenkung ist in dieser Lesart nicht das Mittel der Fleischproduzenten, um die Preise zu senken, die Konkurrenten so aus dem Markt zu drängen und selber Gewinn einzufahren. Nein: sie ist vielmehr ein Zwang, dem sie, mal mehr, mal weniger, ausgeliefert sind.
Die Botschaft, daß in der Marktwirtschaft mit Dreck gehandelt werden muß, läßt sich auch mit genau der entgegengesetzten Betonung vermitteln:
Bei den Gewinnen, die auf dem Gebiet der Fleischverwertung winken - wenn man nicht immer mit dem Lebensmittelgesetz unter dem Arm durch den Betrieb läuft - da muß man ja fast schon schwach werden:
"Die Möglichkeiten, Schlachtabfälle als lebensmitteltauglich zu deklarieren, sind riesig. Es locken Gewinnspannen von 300 Prozent. Auch beim Tiermehl, das nicht an landwirtschaftliche Nutztiere verfüttert werden darf, ist Betrug lukrativ. Dieser Dünger ist hochproteinhaltigem Futter gleichwertig, das das Zehnfache kostet."
Sei es, weil die Konkurrenz ihnen die Luft zum Atmen, d. h. jeden Spielraum zur Einhaltung der einschlägigen Vorschriften nimmt, oder weil einfach der schnöde Mammon lockt: die Marktwirtschaft bietet einschlägigen Unternehmen in jedem Fall Anlaß genug zur Produktion und zum Handel mit "Gammelfleisch".
2. Erklärung: Der Staat paßt auf...
Ein derartiges Geschäftsgebaren ist und bleibt selbstverständlich eine Riesensauerei
, so der nordrhein-westfälische Ministerpräsident. Und dem schließen sich alle vorbehaltlos an. Denn weil eine Geschäftswelt, der es um ihren Profit geht, Unappetitliches, Ungenießbares und Schlimmeres an den Mann bringt, hat der Staat doch schließlich Vorschriften erlassen, die festlegen, inwieweit das erlaubt ist!
Wenn also dasselbe Geschäftsinteresse, das solche Vorschriften notwendig macht, diese mehr oder weniger trickreich umgeht oder einfach nicht einhält - und das passiert notwendigerweise, weil man nur so die genannten hochprozentigen Gewinnspannen erzielt - dann, aber auch erst dann ist das eine "Sauerei", dann ist der geschäftsmäßige Umgang mit dem Fleisch kriminell und Verständnis für wirtschaftliche Zwänge fehl am Platz.
...aber nur so gut er kann
Also ertönt der Ruf nach besseren und schärferen Kontrollen, der - realistisch wie unsere Experten nun mal sind - ergänzt wird durch prinzipielle Skepsis in Bezug auf deren Umsetzbarkeit:
"Um die Kontrollen tatsächlich wirksamer zu machen, müßten sie vielmehr einer neuen Logik gehorchen: Zurzeit kontrollieren nämlich ausgerechnet die kommunalen Veterinäruntersuchungsämter die Schlachthöfe. Interessenkollisionen sind da programmiert. Ein Kreisveterinär, der den möglicherweise größten Gewerbesteuerzahler seiner Gemeinde genauer als üblich inspiziert, muß jedenfalls ein mutiger Mensch sein."
Die aktuell herrschende "Logik" gebietet es offenbar, nicht so genau hinzuschauen. Jedenfalls wenn das Mitglied der "Fleischmafia" gleichzeitig der wichtigste Steuerzahler ist, also nicht nur inoffiziell zur "Ehrenwerten Gesellschaft" gehört.
Das relativiert nebenbei ein Stück weit das Bild vom verzweifelt am betrieblichen Existenzminimum herumkrebsenden Unternehmerlein, der sich ungewollt und deshalb eigentlich unschuldig auf zwielichtige Geschäfte einläßt. Vor allem aber eröffnet es einen Blick auf die Maßgabe, mit der die gesetzlichen Vorgaben erlassen worden sind: Auf die Verträglichkeit profitabel produzierter Produkte soll geachtet werden, ohne den Geschäftserfolg allzu sehr zu behindern.
Auf den Erfolg seiner Unternehmen kommt es dem staatlichen Verwalter des Standorts Deutschland nämlich an, weil seine wirtschaftliche Macht davon abhängt. Daß dies zu einem "Dilemma" für die konkret agierenden Kontrollinstanzen führen muß, leuchtet dem Kommentator schon wieder ein. Irgendwo muß der Staat schließlich sein Geld für seine vielen Aufgaben herkriegen. Deshalb kann er auch nicht einfach vor jeden Schlachthof einen Aufpasser stellen, so wünschenswert es wäre:
"Mehr Geld zum Beispiel für mehr Kontrolleure wollen die meisten Länder nicht ausgeben, manche, wie Bayern, haben in diesem Bereich Personal abgebaut."
Und überhaupt ist das verantwortliche Ministerium eine Fehlkonstruktion, eine reine Lobby-Einrichtung von Agrarwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Man kann nicht die Interessen von Verbrauchern und Agrarlobby gleichzeitig vertreten. Die sind oftmals gegenläufig.
Ist doch ein Hammer:
- daß in dieser schönsten aller Wirtschaftsweisen das Interesse der Wirtschaft dem der Menschen, von ihren Produkten leben zu können, widerspricht;
- daß gesetzliche Beschränkung des Wirtschaftsinteresses nötig ist, damit die Verbraucher nicht (allzusehr) geschädigt werden;
- und daß diese Beschränkung auf das Funktionieren des Geschäfts zu achten hat, also nicht die Verbraucherinteressen gegen es durchsetzt,
all das gilt den sachverständigen Skandalberichterstattern als Sachnotwendigkeiten, die zu diesem Laden dazugehören und keinesfalls gegen ihn sprechen sollen. Selbstverständlich wird nach "harter Bestrafung" der beim Umetikettieren erwischten Unternehmen gerufen, aber ob das der "Fleischmafia" wirklich das Handwerk legt? Der Journalist hat Zweifel.
Also bleibt am Ende nur einer übrig, der dem Spuk ein Ende machen könnte - der Konsument. Womit wir wieder beim Anfang wären und bei der taz-Erklärungs"logik":
3. Erklärung: Wer Gammel kriegt, ist selber schuld
Der Verbraucher ist nämlich, glaubt man dem Ernährungsminister und der Presse, zu einem Gutteil, wenn nicht überhaupt, dafür verantwortlich, daß die Fleischproduzenten tun, was sie tun:
"Die Geiz-ist-geil-Mentalität ist gerade bei Lebensmitteln hochgefährlich. Qualitativ hochwertige Lebensmittel haben ihren Preis." (Seehofer in Bild, 01. 12. 2005)
"Doch lohnt es schon das Nachdenken, wie Bauern, Schlachter und Händler noch Geld verdienen sollen, wenn Käufer vor allem Schnäppchen jagen. Qualität hat auch ihren Preis." (Kölnische Rundschau 30. 11. 2005)
Diese Ausreden sind so alt wie der Kapitalismus selbst:
Mit seinem "Kaufverhalten" übt der Kunde den entscheidenden Einfluß auf die Warenanbieter aus. Als "König" betritt er den Markt und zwingt mit seiner Nachfrage die Produzenten dazu, ihm anzubieten, was er verlangt. Ändert er sein "Kaufverhalten", ändert sich - so die Behauptung weiter - auch die Produktion. Nun hat "König Kunde" zwar nicht nach Stinkefleisch verlangt, er hat aber zu wenig Geld auf den Verkaufstisch geblättert. Da braucht er sich dann auch nicht zu wundern, wenn er Stinkefleisch kriegt, denn "Qualität hat ihren Preis" und über den kann der "König" Kunde nicht bestimmen, er kann ihn nur - bezahlen.
Der Schaden, den er erleidet, wenn er es nicht tut, ist allerdings ebenso ein Dementi der Vorstellung, er sei der eigentliche Herr der Marktwirtschaft, wie der Umstand, daß "Qualität" für ihn (zu) teuer ist. Auf den Zweck der Produktion, einen Profit zu machen, hat die Macht der Konsumenten nämlich nicht den Hauch eines Einflusses. Alle Kunden der Welt können kapitalistische Produzenten nicht dazu zwingen, auf den Profit zu verzichten.
Waren gibt es, weil, sofern und damit bei ihrem Verkauf ein Profit herausspringt, und nicht, weil der Konsument sie so bestellt hätte. Der möchte ja billig und gut, was bekanntlich "nicht geht" wegen dem Profit. Geld verdienen "Bauern, Schlachter, Händler" und sonstige Akteure der Marktwirtschaft, indem sie zu einem Preis verkaufen, der ihre Kosten übersteigt - je mehr, desto besser. Nur auf diese Differenz kommt es an. Waren, deren Verkauf diese Differenz nicht erbringt, gibt es nicht.
Deshalb hat "Qualität ihren Preis": der Verzicht auf Wachstumsbeschleuniger, Gift und Konservierungsmittel u.ä. kostet Geld - und Gewinn soll gemacht werden. Der Hersteller, der seine Kosten senkt, kann seine Konkurrenten preislich unterbieten, so die Zahlungsfähigkeit der Kundschaft auf sich ziehen und dennoch Gewinn machen. Weil die Konkurrenz aber genau dasselbe macht, bleibt der Konkurrenzvorteil nur erhalten, wenn die Kosten immer weiter gesenkt werden, und bei den Mitteln zur Kostensenkung sind Skrupel nicht angebracht, wenn man die Differenz zwischen Kosten und Marktpreis vergrößern will.
Und diese Prinzipien des Marktes stehen längst fest, wenn "König Kunde" auf ihm erscheint.
Der kann sich nun entscheiden: Nicht so direkt zwischen gut und schlecht - schließlich behauptet auch jedes Schnäppchen von sich, qualitativ in Ordnung zu sein - sondern zwischen teurer und billiger. Und weil das Budget der "Könige" meist mehr, selten weniger beschränkt ist, kommt "teuer" für die große Masse von ihnen nicht in Frage. Nicht weil sie "Geiz geil" finden und ihr Geld lieber horten wollen, sondern weil sie sich "teuer" bestenfalls hin und wieder leisten können und, um sämtliche alltäglichen Bedürfnisse befriedigen zu können, meist billig kaufen müssen.
Das ist so normal, daß diese finanzielle Beschränktheit die Geschäftsgrundlage für ein eigenes Marktsegment bildet: eine Heerschar von Billigheimern fabriziert und verhökert Schund für die Armen (das heißt dann: "Qualität zu Top-Preisen"). Bei minimalen Herstellungs- und Vertriebskosten und einer geringeren Gewinnspanne pro Stück macht hier die Masse den Kohl fett.
Im Gammelfleischskandal fängt sich dieser popelige Marktmachtinhaber nun eine scharfe Kritik ein: bei Lebensmitteln habe er "an der falschen Stelle gespart".
Die Frage, wo denn nun die richtige sei, stellt man besser nicht. Schließlich gilt ja überall, daß "Qualität ihren Preis" hat. Und das heißt genau so viel: Wer nichts sofort oder mittelfristig Unbrauchbares oder Schädliches kriegen will, muß sich das was kosten lassen. Und bei jedem aktuellen Skandal gilt das dann mal eben ganz besonders.
Wer sich das zu Herzen nimmt, dem sind die Kosten garantiert, die Qualität aber nicht. Das meiste Geld verdienen nämlich tüchtige Geschäftsleute, die Qualität draufschreiben, aber Schund reintun (denn wie heißt es doch in den Pressenachrichten: Selbst Ökofleisch soll betroffen sein
).
Und unser König Kunde kriegt so was nur mit, wenn und falls ein öffentlich gemachter Skandal draus wird.
So mächtig ist er.