Der Papst auf Bayerntournee.
"Wer glaubt, ist nicht allein" lautet das Motto, unter dem der Papstbesuch steht. Folgendes fällt uns dazu auf:
Wenn man Fußball spielt, ist man auch nicht allein, wenn die Stones ein Konzert geben, ist man auch nicht grad einsam und die begeisterten Nazianhänger im dritten Reich waren auch eine schöne Gemeinschaft. Also kommt's ja wohl irgendwie auf den Inhalt an, in dem man sich mit den vielen anderen einig ist, mit dem man nicht allein dasteht. Wir fragen uns jetzt: Was ist eigentlich der Inhalt dieser Pilgergemeinschaft, was denkt sich so ein Mensch, der feuchte Augen kriegt, wenn er dem höchsten Stellvertreter Gottes ganz nah sein darf, wenn er mit Abertausend ihm völlig fremder Menschen ein Gemeinschaftsgefühl über sich kommen läßt?
Warum gibts eigentlich in der aufgeklärten Demokratie immer noch ein Bedürfnis nach dem religiösen Wahn?
Unbestreitbar, der Mann Gottes ist in jeder Hinsicht ein Ausnahmeathlet. Seine Feldmessen in Regensburg oder München sind ein Megaevent, das den Auftritt berühmter Popstars locker in den Schatten stellt. Nicht nur gläubige Fans, auch weltliche Gemüter und die BILD-Zeitung sind begeistert: Wir sind Papst!
, brüllte BILD bekanntlich. Im Zeitalter moderner Naturwissenschaft, die vom kleinen Atom bis zum großen Universum alles erforscht und Erkenntnisse liefert für unsere sogenannte "Wissensgesellschaft", macht sich das pure Bekenntnis zum Glauben an einen Höchsten im Jenseits nicht lächerlich. Im Gegenteil. Obwohl "glauben" ja ausdrücklich heißt, nicht zu wissen, gilt der Papst in allen wichtigen Fragen unseres Daseins als kompetent. Ob Gentechnik oder Abtreibung, Pille oder Ehe, Krieg oder Frieden, der Rat des obersten Kirchenmannes, ob danach gefragt oder nicht, hat Gewicht. Er verkündet seine "Glaubenswahrheiten" auch noch ungeniert mit dem Anspruch eines Unfehlbarkeitsdogmas.
(Übrigens: Allein das Wort Glaubenswahrheit ist ein Widerspruch in sich. Handelt es sich jetzt um Glauben oder um Wahrheit, d. h. eine sachlich richtige Feststellung, wenn der Papst seine Glaubenswahrheiten da so vom Stapel läßt?)
Die Frage, die uns jetzt aber beschäftigen soll, lautet: Was macht eine Religion, die vor über 2000 Jahren erfunden wurde, so attraktiv für aufgeklärte Zeitgenossen in einer modernen Demokratie und Marktwirtschaft?
Wer gläubig ist sich als Diener eines himmlischen Herrn bekennt, der führt deswegen kein sehr viel anderes bürgerliches Leben als seine gottlosen Zeitgenossen. Der hat genau wie die genug damit zu tun, daß er das Notwendige erledigt kriegt: Der Gelderwerb vollzieht sich nach den harten Regeln der "freien Marktwirtschaft" und wird belebt durch die Konkurrenz um den beruflichen Auf- und gegen den sozialen Abstieg. Beim Bemühen um die privaten Genüsse, für die der ganze Aufwand sich lohnen soll, ist viel sachgerechtes Sich-Einteilen gefragt. Christen wie Nicht-Christen tun, was ihnen durch Recht und Gesetz und durch die dadurch in Kraft gesetzten ökonomischen "Sach"zwänge vorgegeben ist. Die Vorschriften ihres Sozialstaats, der Markt und die öffentliche Meinung geben ihnen eine fix und fertige "Lebenswelt" vor. Die Erfolge, nach denen sie streben und zu denen sie es immer nicht recht bringen, sind bei Gläubigen und Ungläubigen dieselben. Und auch die Deutungen dessen, was sie sich in ihrem täglichen Leben einhandeln, sind bei beiden dieselben: Glück haben meistens die andern; die Verdienste, die man sich erwirbt, werden einem selber nie angemessen vergütet, und überhaupt wird einem ständig die Gerechtigkeit vorenthalten. Auf diese Weise begleiten die Leute - Jesus-Fans ebenso wie praktizierende Heiden - ihr ganzes bescheidenes Leben mit ihrer moralischen Unzufriedenheit. Darin also unterscheiden sich weder die Christen von Moslems so übermäßig noch die Frommen von ihren ungläubigen Mitbürgern.
Allerdings: Wer gläubig ist, der denkt sich zu alledem noch seinen Extra-Teil. Er denkt sich eine allgegenwärtige Autorität oberhalb und jenseits aller wirklichen Chefs und Machthaber. "Der Herr ist mein Gott" heißt es dann auch. Diese "Gott" genannte Autorität führt zugleich im Hintergrund die Regie über alles Leben. Dabei ist es übrigens egal, welchen Gott man sich erschafft, ob er Allah oder Jesus, unser Heiland, heißt.
Fromme Menschen pflegen damit eine äußerst grundsätzliche Knechtsgesinnung. Dabei handelt es sich um eine Überhöhung von Herrschaft. Es wird sich nämlich ein Herr eingebildet, der ganz anders ist als die wirkliche Herrschaft. Mit der wirklichen Obrigkeit ist jeder unzufrieden, weil er ständig zu kurz kommt, immer wird ihm etwas aufgezwungen, was ihm nicht gut tut. Die Vorstellung von einem guten Herrn, einem Herrn, der für die Untertanen nur Gutes tut, ganz nur für sie da ist, sie ganz prinzipiell liebt - das ist die Sehnsucht und das Ideal von Unterdrückten; von Unterdrückten, die ihre praktische Unterwerfung unter die Zwecke der irdischen Herrschaft nicht aufkündigen wollen. Gläubige Menschen wollen an dem Verhältnis von oben zu unten auf jeden Fall festhalten. Sie haben Sehnsucht nach einem Herrscher, der mächtiger ist als alle irdische Macht, der einem aber nicht als Herrscher entgegen tritt, sondern als "gütiger Vater". Man selbst ist dann aber das unverständige Kind: "Dein Wille geschehe", heißt ja: Nicht meiner; heißt: Du weißt besser, was für mich gut ist.
Mit diesem Gedanken einer göttlichen Herrschaft ist folgendes geleistet: Sie ist die ultimative, die absolute Herrschaft, der man entsprechend bedingungslos folgen muß. Gott bestimmt, was gut und was böse ist und ordnet zum Beispiel durch die 10 Gebote an, daß und wie man ein ihm gefälliges Leben zu führen hat. Der Gläubige ist in erster Instanz seinem jenseitigen Herrn verpflichtet und rechenschaftspflichtig. Das heißt aber nicht, daß er sich von seinen irdischen Herrn nichts sagen ließe, denn der oberste Herr persönlich fordert ja Gehorsam vor der Obrigkeit. "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist", heißt es schließlich. So bekommt die irdische Herrschaft ihren Glanz und ihre prinzipielle Legitimation, weil sie ja auch ein Auftragnehmer des Höchsten ist. Und das wird von fast allen Regierungen so sehr geschätzt, daß sie dafür die paar Ermahnungen, Vorgaben und Nörgeleien des Papstes, doch bitteschön gottgefällig zu regieren, glatt in Kauf nehmen.
Der Papstbesuch ist ja eine regelrechte Staatsaffäre. Da werden Autobahnen gesperrt und Kampfflugzeuge sichern den Luftraum, wenn Papa mit seinem Mobil unterwegs ist. Die Bayerische Staatsregierung richtet dem Inhaber des "Heiligen Stuhls" als Souverän einen Staatsempfang aus, bei dem sogar zur militärischen Ehrung des Gastes das - Gewehr präsentiert wird, Bergpredigt hin oder her. Die Kirche unserer Tage hat keine Macht und sie ist keine.[Daß die Kirche heutzutage nurmehr über die Macht der Moral verfügt, ist wirklich nicht ihr Verdienst. Bis die kirchlichen Armeen entwaffnet und die höchst irdische Macht der Oberhirten gebrochen waren, drückte sich die Lehre von der Nächstenliebe vorrangig in gottgefälligem Blutvergießen und ordentlich Leuteauspressen aus. Das Pech der Kirche war, daß sie in der Gewaltkonkurrenz gegen alte und neue weltliche Herrscher den Kürzeren gezogen hat. Die "Vernunft", zu der der moderne Glaube gefunden haben will, verkürzt sich schlicht auf den Opportunismus der unterlegenen Gewalt; der Streit um die Rolle des Glaubens in der weltlichen Welt wurde schließlich nicht mit Argumenten geführt. Welche Ansprüche auch moderne Kirchenchefs umtreiben, zeigt sich nicht zuletzt in der Existenz eines Kirchenstaates samt Schweizer Garde - und in der Penetranz, mit der Kirchenchefs die Nähe zur wirklichen Macht suchen.
Aber das ist ja auch logisch: Denn wer behauptet, den Willen eines Allerhöchsten zu vertreten, für den ist und bleibt es ein Widerspruch, sich einem Zweithöchsten zu beugen.]
Fragt sich: Was schätzt denn jetzt der Staat an der Religion und ihrer Institution so sehr, daß er sie wie eine reale Macht hofiert?
Man sieht ja: Die Welt religiöser Einbildungen, der dazugehörige Zauber und das Außersichsein ist hierzulande weder ausgestorben noch bloße Privatsache. Wenn die Staatschefs es für wert befinden, den Stellvertreter Gottes mit allen, auch militärischen Ehren zu empfangen, dann dokumentieren sie damit ihr großes Interesse an den irdischen Leistungen des leitenden Gottesmannes. Sie sind interessiert an der sehr weltlichen Funktionalität der Gläubigkeit ihrer freien und mündigen Bürger. Die sollen sich nämlich in dieser Welt auf alle rechtsgültigen Vorschriften und herrschenden Sachzwänge konstruktiv einstellen und nur in den vorgesehenen Bahnen ihren materiellen Erfolg suchen.
Daß für die übergroße Mehrheit der Leute dieser Erfolg nie zustande kommt, weil sie als Kostenfaktor der herrschenden Interessen ihrer Arbeitgeber kalkuliert sind, führt bei gläubigen Menschen nicht zum Willen zur Abschaffung der Verhältnisse, die sie immer zu nichts kommen lassen, sondern zum Bedürfnis nach Kompensation: Einem höheren Lebenszweck jenseits des irdischen Jammertals verpflichtet zu sein, spendet dem Gläubigen den Trost für den weltlichen Mißerfolg. Mehr noch: Im Jenseits liegt für den Gottesfürchtigen die eigentliche Bestimmung des Erdendaseins. Durch diese Aussicht wird der gläubige Mensch reif dafür, alle Beschwernisse geduldig zu ertragen, die ihm das tägliche Leben im Kapitalismus reinsemmelt genau so machen sich Leute auf Dauer zu den nützlichen Idioten, als die sie von ihren realen Herren vorgesehen und eingeplant sind. Wie sonst soll so ein Spruch einer Papstbesucherin in München einzuordnen sein, die sagt: Wenn man sich das Motto 'Wer glaubt, ist nicht allein' jeden Tag vor Augen hält, geht es einem schon viel besser.
Das geistige Bedürfnis nach einer gläubigen Sinnstiftung pflegen und bedienen im christlichen Abendland die Kirchen. Äußerst konstruktiv vermitteln sie ihren Anhängern, die sich in Anlehnung an das Bild des Hirten auch noch freiwillig "Schafe" nennen, eine positive Grundeinstellung zu den Opfern, die ihnen der alltägliche Kapitalismus und dessen nationale Standortverwaltung auferlegen. Dabei funktioniert die römisch-katholische Kirche derzeit ganz offenbar zur vollsten Zufriedenheit unseres Staates (wie man an der Anteilnahme am Bayernbesuch bemerken kann).
Eine letzte Klarstellung zur Trennung von Kirche und Staat und zum rein "privaten" Charakter religiöser Überzeugungen liefert die freiheitlich-demokratische Republik und insbesondere der Freistaat anläßlich des Besuchs von Benedetto in seiner Heimat. Bayern gerät kurzzeitig außer Rand und Band, das normale Leben wird streckenweise außer Kraft gesetzt. Die erste Garde der Politik begibt sich an der Spitze einer Heerschar von Pilgern zum Papstempfang und zu den Messen. Ganz Deutschland begeistert sich dafür, daß die oberste Moralinstanz neuerdings von einem Deutschen besetzt wird. Anläßlich der Papstwahl hat schon die BILD-Zeitung getitelt: Wir sind Papst!
Dieses "Wir" ist definitiv nicht das der katholischen Sonntagsmessebesucher, sondern das "Wir" aller deutschen Patrioten. Weil Josef Ratzinger gerade noch diesseits des Inn in Bayern geboren ist, sieht die deutsche Nation in Gottes neuem Stellvertreter nicht bloß den neuen, zuverlässig antikritischen Kirchenführer, sondern erkennt vor allem den Deutschen in ihm und empfindet sich moralisch und weltweit als ganz ungeheuer aufgewertet. Nicht daß die Herren in Berlin sich ab jetzt dem weisen Ratspruch der katholischen Kirche unterwerfen würden. Unsere Politiker sind sich vielmehr sicher darin, daß ihnen der Papst noch jede Gemeinheit, die sie mit ihrem Volk vorhaben, absegnet. Egal ob es sich dabei um die fortschreitende Verelendung seines Menschenmaterials handelt oder um den nächsten Kriegsschauplatz, bei dem Deutschland mitschießen will. Mehr als die eine oder andere Nörgelei, ob das denn wirklich sein muß, ist doch vom obersten Moralwächter nicht zu erwarten.
So viel für heute zu den Stichwörtern Glauben, Kirche und Religion. Unsere Argumente sind hauptsächlich aus 3 Gegenstandpunktartikeln zusammen getragen. Wer sie nachlesen will, findet diese im Heft 2-2005 . Die Artikel heißen: "Die Sache mit der Religion", "Vom christlichen Glauben" und "Papst Wojtila ist tot - Es lebe Papst Ratzinger, Ein Fest des frommen und aufgeklärten Fundamentalismus".
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