« vorige nächste » Die Sendung vom 06. Dezember 2006
Friedensnobelpreis für einen Bankier:

Geschäft ist Hilfe, Kredit ist Menschenrecht

Das norwegische Parlament, das zur Erinnerung an einen der größten Rüstungsfabrikanten und Kriegsgewinnler, Alfred Nobel, den weltweit bedeutendsten Friedenspreis verleiht, hat wie stets eine würdige Wahl getroffen. Ein Kriegsherr, der seine Sache gerade zu Ende gebracht und Frieden geschlossen hat, war wohl nicht zu finden, so hat man einen anderen Wohltäter der Menschheit geehrt: Den Bankier Mohammad Junus aus Bangladesch.

Er hat dadurch von sich reden gemacht, daß er in seinem Land eine Art Raiffeisenbank gegründet hat, die kleine und kleinste Summen auch an die ganz Armen verleiht. Die Bank verzichtet auf pfändbare Sicherheiten, die diese Sorte Klientel ohnehin nicht stellen könnte. Die Sicherheiten ersetzt seine "Grameen"-Bank (Dorf-Bank) durch eine intensive Überwachung und soziale Kontrolle der Schuldner, eine Technik, die ihr die gigantische Rückzahlungsquote von über 98% ihrer Ausleihungen einträgt. Auf diese Ausleihungen nimmt die Bank satte 20% Zinsen im Jahr - immer noch viel weniger, als andere Wucherer, die sie damit verdrängt.

Mit ihren nahezu risikolosen Zinserträgen und stetigen Rückflüssen, mit Spareinlagen und dem Verkauf von Genossenschaftsanteilen an ihre Kunden vergrößert die Dorf-Bank ihre Finanzkraft stetig, weitet ihr Geschäftsfeld auf immer neue Dörfer und Dörfler aus und wächst damit noch in ganz andere Dimensionen hinein. Zusammen mit Telenor ist sie inzwischen Eigentümer des größten Mobilfunkbetreibers des Landes - und findet wegen dieser Erfolge weltweit immer mehr Nachahmer auch unter global agierenden Privatbanken, die sich das neu erschlossene Geschäftsfeld nicht entgehen lassen wollen. Das Interesse des echten Finanzkapitals, das weit davon entfernt ist, das edle Entwicklungsprojekt zu diskreditieren, adelt dieses endgültig als realitätstaugliches Bankgeschäft.

Natürlich wird der Preis des schwedischen Dynamitproduzenten nicht für diese Finanzinnovation verliehen, mit der sich auf neuen, bisher ungenutzten Feldern Geld machen läßt. Nein, dieser Preis wird verliehen, weil sich der Empfänger um die höchsten Ideale des modernen Imperialismus verdient gemacht hat, nämlich um Frieden und Entwicklung. Preiswürdig findet das Komitee die bengalische Geschäftsidee deshalb auch wegen ihres Beitrags zur Entwicklung von unten (Handelsblatt, 16. 10. 2006); da kann man auch lesen: Der Bankier der Armen hat Millionen Menschen aus der Armut geholfen. Das dürfte übertrieben sein. Was sich aber sagen läßt, ist, daß Junus mit seinen Mikrokrediten aus untätigen, überlebensunfähigen und nutzlosen Armen fleißige, schachernde, dienstleistende und Zinsen zahlende Arme gemacht hat.

Und es ist keine Lüge, sondern eine zynische Wahrheit über die ökonomischen Existenzbedingungen auch in der sogenannten Dritten Welt: die Indienstnahme des Überlebenskampfes der Armen zugunsten des Bankkapitals nimmt den Charakter einer Hilfe an, ja der einzig realistischen und wirksamen Hilfe überhaupt. Und wie geht das?

Wo Kredit Hilfe ist und gar unverzichtbar dafür, daß einer überhaupt an die für seine Existenz absolut nötige Arbeit gehen kann, da sind alle traditionellen Formen von Kooperation, Arbeitsteilung und sozialem Verbund durch die Macht des Privateigentums aufgelöst und zerstört.
Dieses Privateigentum aber liegt nicht in den Händen der Armen. Auch sie müssen sich in einer Wirtschaft behaupten, in der sich alles ums Geld dreht. Sie brauchen Geld und haben es nicht, und sie haben auch niemanden, der ihnen einen Lohn zahlt, um aus ihrer Arbeit Profit zu schlagen.

Diese Leute sind dennoch auf Gedeih und Verderb aufs Geldverdienen angewiesen. Für sie sind aber schon primitivste Arbeits- und Produktionsmittel - Saatgut, Nähmaschine, Wasserpumpe - unerreichbar. In dieser Situation kann eine Bank helfen - wo alle Bedingungen beisammen sind und nur noch ein Geldvorschuß dafür fehlt, daß der mittellose Arme sich in einen Erwerb stürzt und mit seinen Anstrengungen um einen Lebensunterhalt auch noch Zinsen abwirft. Wenn der Kapitalismus erst einmal Platz gegriffen hat, geht nichts mehr ohne Kapital - und sei es in homöopathischen Dosen.

Was haben nun die mit Startgeld ausgerüsteten Kleinstunternehmer zu leisten, bevor ihre Arbeit sie ernährt? Erstens müssen sie sich mit ihrem Angebot gegen die Konkurrenz der industriell erzeugten Importprodukte aus den entwickelten Ländern durchsetzen; zweitens müssen sie sich gegen den kämpferischen Geschäftssinn von ihresgleichen behaupten, und drittens müssen sie die Ansprüche ihres wohltätigen Gläubigers befriedigen.

Besonders stolz ist Professor Junus darauf, daß sein Entwicklungsprojekt nicht zum x-ten Mal auf Mildtätigkeit hinausläuft, sondern sich in ein echtes Geschäft übersetzt. Das Nobel-Komitee sagt laut Handelsblatt dazu, daß es sich bei den Mikrokrediten um ein Geschäft wie jedes andere handle, das sich erstens selbst finanziert und wächst und zweitens dafür sorge, daß auch die Ärmsten der Armen selbst für ihre Entwicklung arbeiten können. So hat Junus, wie das Nobel-Komitee meint, mit seiner Geschäftsidee mehr für die Entwicklung von unten bewirkt als viele Milliarden auswärtiger Entwicklungshilfe.[1]

Der Spruch Almosen bringen nichts!, diese alterprobte Wahrheit, versteht der philanthropische Ökonom allerdings nicht etwa so, daß einmalige Geschenke und Nothilfen an der Lage der Betroffenen nichts ändern und es schon mehr bräuchte, um in seiner Weltregion das Leben erträglicher zu machen - etwa den freien Zugriff auf Produktionsmittel und die kollektive Organisation der notwendigen Arbeit. Nein, er versteht den Satz pädagogisch, lehnt nicht rückzahlbare Zuwendungen und Entwicklungshilfen ab; nicht weil sie nichts nützen, sondern weil sie seiner Auffassung nach die Beschenkten verwöhnen, ihnen am Ende den Zwang zur Mühsal ersparen und sie wie Drogenabhängige nur immer noch "abhängiger" vom nächsten Zuschuß machen würden.

Kapitalismus als Erziehungsmittel ist für den Bankier dagegen genau das, was die Elenden brauchen. Die streng überwachte Pflicht der Zinsenbedienung hilft der Schaffenskraft der Armen auf die Sprünge. In diese Schaffenskraft setzt Junus großes Vertrauen, wenn er sagt: Jeder Mensch hat die Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen[2]. Das wirkliche Verhältnis von Zweck und Mittel im Bankgeschäft stellt der ökonomische Volkserzieher damit auf den Kopf: Der Zweck des Geldverleihens soll nicht sein, Zins zu erwirtschaften, sondern der ist ein raffiniertes Mittel, um den Schuldner zu regelmäßiger Arbeit anzuhalten und an die Härten der Selbstverantwortung zu gewöhnen. Dieses falsche Urteil über den Kredit ist ein der Volkswirtschaftslehre würdiger Idealismus; und solange die Rückzahlungen funktionieren, kann man ja so tun, als liefen beide Ziele auf dasselbe hinaus: Der Zwang einen Teil der eigenen Arbeitszeit für die Bank zu arbeiten wäre die beste Erziehung zur Arbeit für sich selbst.[3]

Überhaupt bekennen sich der Preisträger wie seine Laudatoren dazu, daß es ihnen mehr um die Hebung der Moral der Ärmsten zu tun ist, als um die Hebung von deren Lebensstandard: So wird er allenthalben gelobt: Mit seiner Idee, den Armen durch Kleinstkredite zu helfen, gab er vielen Menschen ihre Würde zurück. (Nürnberger Nachrichten, 14. 10. 2006) So verhält es sich also mit der Würde: Arme Leute, die ihre Rechnungen bezahlen und Schulden tilgen, haben "Würde" - die Sorte Selbständigkeit und Respektabilität nämlich, die die Freiheit kapitalistischer Existenzen ausmacht. Die Ideologen des Kapitalismus stellen damit alles auf den Kopf: Die vertraglich eingegangene Abhängigkeit vom Mikrokreditgeber ist in ihren Augen das gerade Gegenteil, nämlich Unabhängigkeit; und die erfüllte Pflicht zur Verzinsung ist Freiheit. Hilfe anzunehmen, wäre dagegen Unselbständigkeit, Elend und begründete zu Recht Verachtung.

Mohammad Junus hat sich also wirklich verdient gemacht. Erstens um den immer wieder bedrohten Ruf des globalen Kapitalismus. Mit seiner moralisch besonders glaubwürdigen, weil geldmaterialistische Motive gar nicht verleugnenden Innovation hat er bewiesen, daß sich auch die ganz Armen im Kapitalismus unterbringen lassen: die Gleichung von Arbeit für den Lebensunterhalt und Arbeit fürs (Finanz-) Kapital läßt sich wenigstens für einige der Armen organisieren. Er hat sich zweitens verdient gemacht um die praktische Verankerung eines angepaßten Armutskapitalismus in den Weltregionen, die der Rechnungsweise des Kapitals längst unterworfen sind, ohne daß Kapitalisten mit den Menschen dort so recht etwas anzufangen wüßten.

[1] Das ist natürlich ein bißchen ungerecht. Immerhin wurde auch per Entwicklungshilfe dafür gesorgt, daß der Globus heutzutage flächendeckend fürs Geschäft erschlossen ist; wofür nicht zuletzt Subsistenzwirtschaften im großen Maßstab zerstört und Elendspopulationen geschaffen wurden.
[2] Und für den Herrn Junus.
[3] Übrigens eine merkwürdige Logik. Wenn die Notleidenden einer extra 'Motivation' bedürften, um überhaupt zu arbeiten, liefe der Zwang zur Mehrarbeit ins Leere: Er setzte voraus, was er erst erzeugen soll. Aber bitte: Auch Junus ist offensichtlich der Auffassung, daß der Mensch nur dann für sich arbeiten dürfe, wenn er dabei fremden Reichtum mehrt.