Elterngeld: Der Staat kauft sich Kinder
Mit Beginn dieses Jahres wird ein Gesetz gültig, das die staatliche Unterstützung bei der Aufzucht von Kindern neu regelt: Das sogenannte "Elterngeld" löst das bisherige Erziehungsgeld ab. Schon beim ersten Blick auf diese Gesetzesänderung fällt auf, daß - anders als sonst bei Reformen üblich - nicht durchweg eine Verschlechterung der materiellen Situation der betroffenen Bürger erlassen wird. Einige Mütter und Väter stellen sich mit der neuen Regelung besser, einige allerdings auch schlechter.
Die neue Regelung im Einzelnen
Beim neuen Elterngeld gibt es ein Jahr lang zwei Drittel des bisherigen Nettoeinkommens - maximal aber 1800 Euro pro Monat - vom Staat, wenn ein Elternteil wegen eines Neugeborenen vorübergehend aus dem Berufsleben aussteigt. Geht auch der andere Elternteil in "Elternzeit", so gibt es das Elterngeld noch 2 Monate länger. Das sind also maximal 25.200 Euro, die der Staat für ein Neugeborenes zahlt. Bisher hat er mit dem Erziehungsgeld von monatlich 300 Euro über zwei Jahre für ein Neugeborenes maximal 7.200 Euro ausgegeben.
Diejenigen, die netto weniger als 900 Euro monatlich verdienen oder gar arbeitslos sind, werden mit dem Elterngeld allerdings jetzt schlechter gestellt als mit dem Erziehungsgeld. Denn durch die verminderte Laufzeit bekommen sie jetzt mit dem neuen Elterngeld weniger. Dessen Mindestsatz liegt zwar auch bei 300 Euro monatlich, wird aber nur ein Jahr bzw. 14 Monate gezahlt: statt der bisherigen 7.200 Euro erhalten Geringverdiener höchstens noch 4.200 Euro.
"Mein Bauch gehört mir" - von wegen.
Es ist schon seltsam: Während sonst noch jede Bedürftigkeit als Last und untragbarer Anschlag auf die Staats- oder Sozialkassen betrachtet und zurückgewiesen wird, stellt beim Elterngeld niemand die spannende Frage nach dessen "Finanzierbarkeit". Vielmehr bringt Familienministerin von der Leyen ganz viel Verständnis für die Nöte junger Familien auf:
"Die aktuelle Shell-Jugendstudie bringt das auf den Punkt. Mit einem wirklich glücklichen Leben verbinden Jugendliche in erster Linie Familie. Aber sie wissen auch ganz genau, daß es nicht einfach ist, Ausbildung, Beruf, Partnerschaft, Karriere und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen. Die Folgen dieser Skepsis sind hohe Kinderlosigkeit und das Verschwinden der Mehrkindfamilie. Das heißt, Familie ist nach wie vor zeitgemäß, aber die Rahmenbedingungen, die wir als Gesellschaft Familien im 21. Jahrhundert zumuten, sind nicht mehr zeitgemäß."
Kein Problem hat Frau von der Leyen damit, einzuräumen, was für eine Zumutung diese unsere Marktwirtschaft ist: die fordert schon für bescheidenen Lohn den ganzen Menschen, und verweigert sogar denjenigen, die in ihm auch noch Karriere machen wollen, jede geregelte Arbeits- und Freizeit. Und wer einen ordentlichen Arbeitsplatz hat, lebt im und für den Job; freie Interessen, Liebesbeziehung und Kinderbetreuung werden da schwierig. Auf Familienmenschen schließlich, die lieber aufs volle Geldverdienen, nicht aber auf die lieben Kleinen verzichten wollen, wartet todsicher das "Armutsrisiko Kind".
Das alles muß selbstverständlich so sein und bleiben. Daran kann und will die Familienministerin nichts ändern. Sie setzt vielmehr darauf, mit gewissen Hilfen fürs Aushalten der Zumutungen die richtigen "Anreize" zu setzen. Die bestehen in finanzieller Unterstützung und laden - anders als die anderen Abteilungen des Sozialstaats - interessanterweise nicht dazu ein, es sich in der "sozialen Hängematte bequem" zu machen; die Schwierigkeiten junger Eltern stoßen im Gegenteil beim Staat auf ganz viel Verständnis:
"In Anbetracht steigender Kinderlosigkeit werden heute Maßnahmen gebraucht, welche die Entscheidung für Kinder erleichtern und die wirtschaftliche Stabilität von Familien stärken." (von der Leyen)
Wer dachte, Frau von der Leyen habe plötzlich Mitleid mit geplagten Eltern (und Kindern) bekommen und wolle ihnen einfach das Leben leicher machen, wird eines Besseren belehrt: Sie stört vielmehr, daß die wirtschaftliche Instabilität von Familien offenbar auch zu steigender Kinderlosigkeit führt. Damit hat sie ein Problem.
Denn die Sphäre des privaten Glücks erhält ihre öffentliche Wertschätzung deshalb, weil sie Keimzelle des Staates ist: Sie, die Familie, soll ihm gefälligst wieder mehr neue Staatsbürger liefern. Die Inhaber der Staatsgewalt sind in Sorge, daß das von ihnen regierte Volk in den nächsten 50 Jahren kleiner werden könnte - zu klein offenbar für das, was sie mit ihm vorhaben.
Mehr Volk fürs Vaterland
Über das längst vergangene Dritte Reich macht man sich nichts vor: Damals war der Mensch für den Staat da, nicht umgekehrt. Wer heute an Hitlers Mutterkreuze und an die edle Aufgabe erinnert, für deren Erfüllung sie verliehen wurden, brandmarkt einen Zynismus des Staates: Die Staatsmacht ehrte die Mütter dafür, daß sie selbstlos Führer und Reich Kinder und damit zukünftige Soldaten schenkten. Das, so wird heute gesagt, sei zynisch und menschenverachtend gewesen sein. Wenn Politiker dagegen heute das Land mit der Prognose erschrecken: "Die Deutschen sterben aus!" und wenn sie in wohlgesetzten Worten eine Politik zur Steigerung der Geburtenraten ankündigen, stellt sich dasselbe Urteil komischerweise nicht ein. Dabei gibt der Staat mit seinen Maßnahmen im einen wie im anderen Fall deutlich zu erkennen, daß er sich selbst als höchsten Zweck des gesellschaftlichen wie familiären Lebens sieht und die Menschen zum Material seiner Selbstbehauptung und Größe erklärt - weshalb es von denen nicht genug geben kann.
Einerseits geniert sich die demokratische Familienministerin nicht, den öffentlichen Kinderwunsch als einen Dienst ihres Hauses an der familiären Idylle auszudrücken; nur um Glück und Erfolg der Eltern sei es ihr zu tun, wenn sie Maßnahmen gegen die Kinderlosigkeit ergreift:
"Über dem Ganzen muß aber wieder die Grundmelodie zu hören sein, welches Glück Kinder in ein Leben tragen."
Genau dieses private Glück überläßt sie dann aber nicht der "Privatinitiative", die doch ansonsten auf allen Feldern das Allheilmittel ist. Hier ist einmal nicht die Selbstverantwortung des mündigen Bürgers gefragt, sondern die starke öffentliche Hand. Dehalb will von der Leyen, daß
"der Staat die Voraussetzungen schafft, daß die Wahrnehmung der Erziehungsaufgabe in der Familie nicht zu beruflichen Nachteilen führt, daß eine Rückkehr in eine Berufstätigkeit ebenso wie ein Nebeneinander von Erziehung und Erwerbstätigkeit für beide Elternteile einschließlich eines beruflichen Aufstiegs während und nach Zeiten der Kindererziehung ermöglicht und daß die Angebote der institutionellen Kinderbetreuung verbessert werden."
Daß die öffentliche Fürsorge einem staatlichen Bedürfnis entspringt, verschweigt die Familienministerin nicht: Deutschland braucht einfach wieder mehr Kinder.
Allerdings mahnt eine demokratische Familienministerin die Produktion neuer Menschen nicht zum Wohle des Staates an, sondern mit Blick auf die "Probleme einer alternden Bevölkerung" zum Wohle des Volkes selbst.
Jetzt kann man sich an dieser Stelle ja mal fragen, was denn so schlimm wäre, wenn die Bevölkerung Deutschlands abnähme? Was wäre denn so schlimm, wenn das deutsche Volk also kleiner werden würde?
Eine erste Antwort liefern Bevölkerungswissenschaftler. Die erläutern den Bedarf an deutschem Nachwuchs, indem sie die Vorstellung nahelegen, es seien für die viel zu vielen Alten bald keine Krankenschwestern und Pfleger mehr aufzutreiben, wenn die deutsche Bevölkerung in Zukunft von 82 auf circa 70 Millionen geschrumpft und der Anteil der über 80-jährigen auf 10 Millionen gestiegen sein wird.
Daß das Unsinn ist, kann man schon daran merken, daß ein Mangel an diesen Pflegekräften nicht erst in 50 Jahren, sondern schon jetzt, mitten in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit existiert: Es fehlt eben nicht an arbeitsfähigen jungen Leuten, sondern an Geld. Die Armut der Rentner läßt eine anständige Bezahlung der Pflegekräfte, also auch eine anständige Pflege nicht zu.
Von der Überzeugungskraft der Frage: "Wer wird uns einmal pflegen?" macht denn auch kein staatlicher Bevölkerungsplaner etwas abhängig. Sie dient nur als populäres Bild für die nationale Unerträglichkeit einer schrumpfenden Bevölkerung und eines steigenden Durchschnittsalters.
Eine weitere Plausibilisierung dafür, daß es dem Volk besser ginge, wenn es möglichst groß ist, wird mit der Frage der zukünftigen Finanzierung des Rentensystems aufgemacht: Wie sollen die Renten finanziert werden, wenn immer weniger arbeitsfähige Junge mit ihren Sozialversicherungsbeiträgen immer mehr Rentner unterhalten müssen?
Unmöglich! sollen wir denken, "auf den Schultern eines jeden aktiven Beitragszahlers lasten in Zukunft zwei Rentner!" Was hier wie eine rationale Rechnung zur Demonstration der kommenden Katastrophe vorgeführt wird, ein sachzwanghaftes, quasi biologisches Verhältnis von Generationen und ihren relativen Größen, ist alles andere als das. Es ist vielmehr die falsche Übersetzung der kapitalistisch hergestellten Altersarmut.
Denn mit diesem Bild wird keineswegs eine naturwüchsige Gefahr beschrieben, vielmehr wird wird auch für das nächste Jahrhundert der Fortbestand diverser kapitalistischer Brutalitäten unterstellt, nämlich daß :
- die arbeitende Bevölkerung weiterhin vom Kapital nach Strich und Faden ausgelutscht wird; sie wird nach etwa 40 Arbeitsjahren verbraucht, krank und intellektuell fertig ausgemustert und selbstverständlich nicht weiter bezahlt.
- die arbeitende Bevölkerung ihren Lebenslohn schon verbraucht hat, wenn sie ihre Arbeitsstätte verläßt, sie also auch in Zukunft mittellos dasteht.
- die Alten von den nachrückenden Jahrgängen nicht einfach mitversorgt werden, sondern daß ihre Rente aus Abzügen vom nationalen Gesamtlohn finanziert wird - und der hängt auch in Zukunft davon ab, wie viel den Unternehmern die Arbeit ihrer Arbeitskräfte wert ist.
- gehen die Warner vor der demographischen Katastrophe felsenfest davon aus, daß die Einkommen der aktiven Jahrgänge auch im neuen Jahrhundert nicht steigen werden, sie sich also die Lohnabzüge für die Versorgung ihrer Elterngeneration nicht werden leisten können.
Und 5. ist es nach Meinung dieser Forscher ebenso logisch, daß eine neue Generation Deutscher nicht dasselbe ist wie deren 100-prozentige Beschäftigung. Denn dazwischen steht immer noch "die Wirtschaft" mit ihrem Arbeitskräftebedarf, den sie auch in Zukunft mit allen verfügbaren Instrumenten senken wird.
Wie man es auch dreht und wendet: Das ganze Bild vom "Rentnerberg", der zu viel Jugend zu seiner Versorgung braucht, drückt in Wirklichkeit nur eines aus: Bevölkerungsforscher und -politiker wollen und können sich die Versorgung der Alten nur als Abfallprodukt eines stets wachsenden nationalen Kapitalismus vorstellen. Und um dieser Wirtschaft ihren wichtigsten Produktionsfaktor - genug billige Arbeit - zur Verfügung stellen zu können, brauchen sie am besten eine wachsende, jedenfalls nicht abnehmende Bevölkerung.
Davon, daß für den Bedarf des Kapitals jetzt schon viel zu viel Volk auf deutschem Raum lebt - wie die Arbeitslosen anschaulich demonstrieren -, läßt sich ein Bevölkerungspolitiker nicht irritieren: Dann weiß er plötzlich, daß sich der Bedarf des Kapitals nach Menschen nicht vorausberechnen läßt, Nachwuchs also stets ein Lebenselixier des nationalen Kapitalismus ist. Politiker und Ökonomen scheuen sich nicht, einen drohenden Verlust der "Wachstumsdynamik" der deutschen Wirtschaft vorherzusagen, wenn das Kapital in Zukunft nicht überreichlich mit Menschenmaterial versorgt werden sollte.
Dafür braucht der Staat Nachwuchs. Freilich nicht nur dafür: Mit seinem Anspruch auf mehr Volk verbindet der Staat nämlich noch einen weiteren Anspruch - er will mehr deutsches Volk. Denn selbst wenn es denn tatsächlich so wäre, daß die Wirtschaft sich aus dem Arbeitskräftereservoir nicht mehr bedienen könnte, weil es wegen des Schrumpfens der Bevölkerung austrocknete; selbst wenn den Rentenkassen die Beitragszahler tatsächlich nicht wegen der Arbeitslosigkeit, sondern aus biologischen Gründen ausgehen würden und den Altenheimen die Pfleger fehlten: Kinder gibt es auf der Welt wahrlich genug.
Das Wachstum der Weltbevölkerung ist schließlich so groß, daß es hinsichtlich der Dritten Welt gar als Bedrohung für die Stabilität von Staaten und Ökonomien beschworen wird: Tatendurstige junge Leute aus Afrika, Osteuropa und Asien werden von den Grenztruppen der Europäischen Union vor den Kanarischen Inseln, vor der italienischen Küste und im Osten sehr leichenträchtig an dem Versuch gehindert, in all die Rollen einzuwandern, die die deutsche Regierung künftig unterbesetzt sieht. Sie würden mit Handkuß die schlimmsten Drecksarbeiten der Ersten Welt erledigen und auch noch Geld in die Sozialkassen einzahlen - wenn man sie nur ließe und wenn es die Jobs gäbe, für die es angeblich in Deutschland bald nicht mehr genug Personal geben soll.
Der Kinderwunsch des Staates richtet sich also doch nicht einfach auf Arbeitskräfte für die Wirtschaft - diese Rolle würden Einwanderer auch ausfüllen -, sondern auf hier geborene und aufgewachsene Deutsche. Dabei sind noch nicht einmal Kinder von Ausländern, die schon im Land sind, erwünscht: So sagt Singhammer von der CDU: An ausländische Eltern, die nicht auf Dauer in Deutschland bleiben werden, wird kein Elterngeld gezahlt.
Den Ausländern - natürlich erst recht denen, die man wieder loswerden will - trauen Familienpolitiker die Leistung nicht zu, auf die es ihnen ankommt: zwar mögen die Zuwanderer auch als biologische Keimzelle des Staates funktionieren, wg. Kinderreichtum vielleicht sogar besser als die Eingeborenen; als zugleich sittliche Keimzelle des zukünftigen Volkskörpers sind sie allerdings unzuverlässig: Von Fremden, die unsere "Leitkultur" nicht intus haben, die nicht richtig wissen, worauf es hier ankommt, die ihren Kindern wer weiß was für Einstellungen und Werte eintrichtern: von solchen will die Familienministerin die Zukunft der Nation nicht abhängig wissen.
Nein, Frau von der Leyen setzt auf deutsche Eltern, die bereit sind, sich ihrer reproduktiven Verantwortung für "unsere Zukunft" zu stellen, denen die Fortpflanzung daher eine sittliche Selbstverständlichkeit ist. Von Eltern mit einem solchen Verantwortungsbewußtsein erwartet sich die Familienministerin dann auch anständigen Nachwuchs, der neben den Tugenden von Erwerbssinn, Aufstiegswillen und Karriere vor allem die deutsche Identität schon mit der Muttermilch eingesogen hat.
Stellt sich jetzt die Frage, warum die Familienförderung von Erziehungsgeld auf Elterngeld umgestellt wurde
Mehr gutes Volk
Nochmal zur Erinnerung: Leute, die netto weniger als 900 Euro monatlich verdienen oder gar abrbeitslos sind, werden jetzt schlechter gestellt. Denn sie bekommen jetzt mit dem neuen Elterngeld weniger. Der Mindestsatz liegt zwar auch bei 300 Euro monatlich, der wird aber nur ein Jahr bzw. 14 Monate gezahlt. Warum die Familienförderung von Erziehungsgeld auf Elterngeld umgestellt wurde begründet sich nämlich auch noch daraus, daß die Regierung außer dem nationalen auch ein soziales Selektionskriterium kennt, wenn sie sich neues Volk bestellt: Ihr geht es nicht um deutschen Nachwuchs überhaupt, es geht um staatstragendes Volk.
Und dazu gehört die neuerdings auch so genannte Unterschicht ganz offensichtlich nicht. Von der gibt es längst zu viele Exemplare, zumal ausgerechnet die ganz Armen durchaus zu einem gewissen Kinderreichtum neigen. Die Verwalter des Gemeinwesens registrieren nicht nur, was ihr Wirtschaftssystem an Arbeitslosigkeit und Massenelend erzeugt; für die überflüssigen, weil für die Wirtschaft unbrauchbaren Arbeitskräfte organisieren sie mit Hartz IV und anderen Sozialreformen selbst immer steilere Verelendungskarrieren, produzieren Perspektivlosigkeit und Verwahrlosung. Sogar der Umstand, daß ihr auf Auslese zielendes Bildungssystem dafür sorgt, daß sich diese Karrieren ziemlich zuverlässig vererben, ist ihnen geläufig. Sie lasten diese Zerstörung von Leben und Charakteren den Opfern ihrer Wirtschafts-, Sozial- und Bildungspolitik als deren Versagen an. Und von diesen kaputten Typen braucht das Land keine Kinder!
Die kleine familienpolitische Revolution
, so Frau Bärbel Dieckmann von der SPD, macht Schluß mit dem veralteten sozialpolitischen Grundsatz, daß staatliche Hilfe dorthin gelenkt werden sollte, wo die Not am größten ist. Jetzt gilt das Gegenteil. So sagt der NRW-Familienminister Laschet:
"Zum ersten Mal in unserer gesamten Familienförderung geben wir mehr Geld für die Rechtsanwältin als für die Rechtsanwaltsgehilfin, wenn sie schwanger wird."
Das bisherige Erziehungsgeld wird laut FAZ vom 02. 08. 2005 abgeschafft, weil es bildungsfernen Schichten die Entscheidung zum Kind zu sehr erleichtere, aber für berufstätige Frauen kein Anreiz sei, sich für ein Kind zu entscheiden.
Und in Wikipedia ist zu lesen:
"Während das Erziehungsgeld als kindbezogene Sozialleistung konzipiert war, ist das Elterngeld in erster Linie eine elternbezogene Lohnersatzleistung. Für nicht Berufstätige, Geringverdiener und Studenten hat das eine teils erhebliche Verschlechterung zur Folge, da sie das monatlich 300 Euro betragende Erziehungsgeld bis zu zwei Jahre erhalten haben. Das Elterngeld wird hingegen für höchstens 12 bis 14 Monate gezahlt. Wer es zwei Jahre lang in Anspruch nehmen möchte, erhält monatlich den halben Betrag, der für Nicht-Erwerbstätige gerade mal 150 Euro ausmacht. Folglich ist das Elterngeld nur für Normal- und insbesondere Gutverdienende, die bisher aufgrund der Höhe des Einkommmens kein bzw. maximal sechs Monate Erziehungsgeld bekommen haben, eine finanzielle Verbesserung."
Genau darum geht es der Familienminsterin: Sie will ausdrücklich mehr gut ausgebildete junge Frauen und Männer zur Familiengründung animieren
. Denn an einem Problem in unserem Land können wir nicht vorbeisehen. Je besser die Ausbildung der jungen Frauen und Männer, desto seltener entscheiden sie sich für Kinder.
Jetzt versagen aber ausgerechnet die guten, leistungswilligen und leistungsfähigen Bürger des Landes bei der fälligen Reproduktion des Volkskörpers. Viel zu wenig kommen die staatlichen Wunschkinder aus den intakten Familien zustande. Aus Familien, in die die Eltern das pro-soziale Streben so zuverlässig implantieren, daß es dann auch drin ist und damit lauter brave, beschäftigte, steuerzahlende und sich ihrerseits zuverlässig fortpflanzende Jungbürger auf der Matte stehen. Jetzt sollen auch Frauen nicht mehr daheim am Herd bleiben, sondern studieren, Karriere machen und die Wirtschaft voranbringen - zugleich aber sollen sie auch ihre Rolle als nationale Nachwuchsproduzenten spielen und dem Gemeinwesen mit beiden Leistungen zu Diensten sein.
Gerade die Besserverdienenden, die sich am ehesten die finanzielle Belastung eines oder mehrerer Kinder leisten könnten, drücken sich aber um diese erwünschte Doppelbelastung herum: Sie entscheiden sich gegen Kinder nicht nur wegen der knappen Zeit und der Nöte der Karriere, sondern auch, weil sie sich im Maß ihrer Mittel unter Lebensgenuß und Selbstverwirklichung auch noch was anderes vorstellen können als das familiäre Glück und eine große Kinderschar. Deshalb, so von der Leyen, sollte das Staatsinteresse an nationalem Nachwuchs unter der durchaus gewünschten Berufsorientierung nicht leiden, sondern als verwirklichter Kinderwunsch wieder selbstverständlicher Teil einer modernen Lebensgestaltung werden:
"Familienpolitik muß sich an den Lebensentwürfen der heutigen jungen Generation orientieren. daß junge Frauen heute arbeiten, ist selbstverständlich. Die Frage ist nur: Entscheiden sie sich für oder gegen Kinder?" (von der Leyen)
Diese Frage will die Ministerin richtig, nämlich mit einem klaren und massenhaften "Pro - für Kinder" beantwortet haben. Dafür greift sie ganz unsentimental zu dem Mittel, mit dem im Kapitalismus noch alles zu haben ist: Den nötigen "Anreiz", dem auch und gerade berufstätige Frauen sich nicht werden entziehen können, setzt sie mit Geld. Und sie kalkuliert natürlich gleich mit ein, daß die ausgelobte Prämie, um als Anreiz zu wirken, um so höher sein muß, je weniger es um die Behebung wirklichen Geldmangels und je mehr es um die Einflußnahme auf die freie Lebensplanung von Besserverdienenden geht.
Frauen verdienen heutzutage oft selbst, schon wegen des unzureichenden Einkommens, das der Mann heimbringt. Diese erzwungene Anpassung der Frauen an die Erfordernisse der Konkurrenz nennt die Ministerin nicht ganz zu Unrecht "Lebensentwürfe". Schließlich lügt sich jedermann das, was er tun muß, als seine Selbstverwirklichung und seinen Lebenssinn zurecht. Und weil zu diesem privaten Sinn die "Verwirklichung" im Beruf heute einfach dazugehört, kommt sie ihren kinderlosen Konsumbürgern mit Geld: Sie macht ein Angebot an den höher entwickelten Materialismus dieser Bürger, damit sie dem Kind wieder mehr Sinn- und Glückspotential beimessen. Um diese Leute zum wahren Glück zu motivieren, muß der materielle Anreiz natürlich umso größer ausfallen, je mehr sie verdienen. Oder anders gesagt: Auf je mehr Einkommen und Konsum die Eltern im Fall der Kindererziehung verzichten müßten, desto höher muß der materielle Anreiz sein. So kommt im Gemeinwesen dann wieder mehr Liebe zu Kindern auf und so erblüht seine sittlich-biologische Keimzelle aufs Neue - so die Kalkulation. Ausgerechnet damit die Bürger dem Land den reproduktiven Dienst wieder besser tun, soll also bei ihnen zusammengehen, was bisher nicht und immer schlechter zusammenpaßt: Familie und Beruf.
Mit Geld Gebärverhalten steuern
Das Elterngeld für Besserverdienende, diese radikale Modernisierung der Familienpolitik
erinnert schon an eine Art soziale Eugenik. Eugenik bedeutet: die Förderung der Fortpflanzung besonders geeigneter Personen zur Verbesserung des "Volkskörpers". So darf man das wegen der Erinnerung an eine für die Nation so "unselige" wie "unvergleichbare" Vergangenheit natürlich nicht bezeichnen. Und tatsächlich: Der Staat verbietet seinem Lumpenproletariat nicht die Fortpflanzung und gebietet sie nicht den sozial besseren Volksteilen, sondern interveniert in den Intimbereich der Bürger, wie stets im Kapitalismus unter voller Wahrung der Freiheit aller Beteiligten, mit Geld. Wie auch sonst?
Das ist ja das Ärgernis der Bevölkerungspolitiker, daß sie Nachwuchs nicht so leicht verordnen können wie neue Steuern. An der Front der lebendigen Staatssubstanz hängt die zukünftige Größe der Nation ja tatsächlich noch von individuellen Lebensentscheidungen der Bürger ab - jedenfalls seit Verhütungsmittel verfügbar sind und des früheren Kanzlers Adenauer Gewißheit Kinder kommen sowieso
wohl doch nicht mehr so gewiß ist. Denn "Ich-bezogen", wie sie sind, denken die Bürger beim Zeugen und beim Verhüten an alles Mögliche, nur nicht an die Kopfzahl des deutschen Volkes in 50 Jahren.
Frau von der Leyen weiß also, was für Anforderungen der moderne Kapitalismus an die Bürger stellt und mit was für Anpassungsleistungen die darauf antworten. Heute ist auch die verheiratete Frau berufstätig. Wenn sie dafür eine ordentliche Ausbildung genossen hat und Karriere macht, steht ihr nach einer vollen Arbeitswoche aber auch das Konsumangebot des Marktes offen. Sie ist, wie vorher der Mann, zum vollwertigen Konkurrenzsubjekt und Konsumenten geworden. Sport, Hobby, Urlaub und andere Angebote zur Lebensgestaltung und "Selbstverwirklichung" konkurrieren auch bei der Frau von heute mit dem klassischen Familien- und Kinderglück - und lassen Letzteres offenbar umso schlechter abschneiden, je eher die gut verdienenden Erzeuger sich die finanzielle Last eines oder mehrerer Kinder leisten könnten.
Diese staatlichen Hilfen also sind eigentlich weniger Hilfen zur Überwindung von materiellen Schranken bei der Aufzucht von Kindern, sondern eher Anreize zur Überwindung einer allzu schwachen Motivation. Und sie müssen je nach der finanziellen Lage der Gebär-Verweigerer kleiner oder größer ausfallen: Je besser ein Paar verdient, desto größer müssen die finanziellen Anreize sein, wenn sie wirken sollen. Und das sollen nach dem Geschmack der Bevölkerungsministerin die passenden Brutpaare der Zukunft also sein: Menschen mit Verantwortungsbewußtsein, die bereit sind die Gleichung vom privaten Lebensglück und öffentlichen Dienst gegen ein bißchen finanzielle Nachhilfe wahr zu machen und ihrem Gemeinwesen eine ökonomisch, sittlich und biologisch einwandfrei funktionierende Keimzelle zu liefern.