Wozu ein Folteropfer doch alles gut ist!
(Zitate, sofern nicht angegeben, Bild, SZ, Spiegel und FAZ vom 23.1.-31.1.)Rund viereinhalb Jahre schmort Murat Kurnaz in Guantánamo im Militärgefängnis der USA unter den dort üblichen, bekannt rauen Haftbedingungen. Von "Käfighaltung" der gefangenen Muslime erfuhr man schon Anfang 2002 und auch davon, dass Folter die dort übliche Verhörmethode war. Doch das Schicksal des jungen Islamisten hatte zwischen 2002 und 2005 nur mäßige Aufmerksamkeit gefunden
, berichten die Medien, deren Beruf es bekanntlich ist, die Aufmerksamkeit ihrer Leser- und Hörerschaft auf die Affären zu lenken, die echte Aufmerksamkeit verdienen.
Mitte Januar 2007 lösen nun die Leiden des Murat Kurnaz
auf einmal einen "politisch-publizistischen Orkan" aus, nämlich nach seiner Befragung im BND-Untersuchungsausschuss. Regierung und Opposition zeigen sich von Kurnatz' Schilderungen im Ausschuss tief beeindruckt
und tun gemeinschaftlich so, als ob ihnen die Methoden der Amis, verdächtige Muslime etwas härter anzufassen, nicht völlig vertraut wären. Presse und Fernsehen walten ihres Amtes, bohren nach und werfen viele kritische Fragen auf. Die sind interessant.
Die erste lautet: Musste der Bremer Kurnaz länger als nötig im US-Lager Guantánamo ausharren?
Länger als nötig ist also der kritische Punkt. Wer so fragt, der hält es für keinen Skandal, wenn verdächtige "islamistische Terroristen" zuallererst mal ins Lager verfrachtet werden. Da trifft es auch für die Menschenrechtsfreunde allemal die Richtigen. Und auch wenn heute nach allgemeinem Konsens bei Kurnaz schon früh alles für seine Unschuld sprach
und auch die USA mit ihrem Fang nicht mehr viel anzufangen wussten, dann reichen die Jahre im Foltercamp der deutschen Presse noch lange nicht für einen Skandal.
Und zwar weil man damals wie heute in deutschen Redaktionsstuben ziemlich viel Verständnis dafür hat, dass jemand von den Amis eingebuchtet wird, der einen Monat nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nach Pakistan reist, um angeblich mehr über seinen islamischen Glauben zu lernen
. Zum anderen geizen die publizistischen Menschenrechtsfreunde aber nicht mit kraftvollen Worten, die das furchtbare Schicksal des unschuldigen Opfers in Guantánamo
so beeindruckend vor Augen führen sollen.
Die eigentliche Affäre, auf die sie die Aufmerksamkeit lenken wollen, ist für sie die folgende: Hat das Verhalten der damaligen rot-grünen Bundesregierung dazu geführt, dass Kurnaz nicht freikam, auch nachdem seine Unschuld feststand?
Diese Frage wird aufgeworfen - und nach Sichtung der Informationen, die der Presse aus den BND-Untersuchungsausschüssen zugespielt wurden, ist die sich schnell einig: "Im Prinzip schuldig!" Unter dem Titel Ein Opfer des Staates
kommentiert ein Leitartikel in der Süddeutschen Zeitung vom 23. 01. 2007 die Affäre so:
"Die ehemalige Regierung in Berlin, die öffentlich immer ihre Sorge über das US-Lager Guantánamo bekundete, hat Kurnaz der amerikanischen Willkür für viele Jahre ausgeliefert und mit bürokratischem Eifer sichergestellt, dass er nicht nach Deutschland zurückkehren konnte."
Der Leitartikler meint, die damalige Regierung eines Widerspruchs überführen zu können: Da hat sie sich immer auf eine menschenrechtsorientierte Außenpolitik
(Joschka Fischer) berufen, hat ihre Sorge über den US-Umgang mit Terroristen in Guantánamo ausgedrückt, aber wie sah ihre eigene Praxis aus? Was der Schreiber da als Diskrepanz zwischen Reden und Tun festhält, dafür hatte die Schröder-Fischer-Regierung folgende Gründe:
Die damalige Bundesregierung war unzufrieden mit der untergeordneten Stellung, die ihr die US-Regierung im weltweiten amerikanischen Antiterrorkrieg verpasst hat. Sie wollte sich der US-Forderung nach einer weltweit geschlossenen Allianz gegen den Irak unter alleiniger Führung und Befehlsgewalt der USA nicht anschließen. Dennoch wollte sie sich damit nicht offen in Gegensatz zu den USA setzen. Also drückte sie diese Distanz unter anderem auf diplomatische Art und Weise als "Sorge" über Guantánamo aus, dass sie sich einen solchen Umgang mit verdächtigen Terroristen, wie ihn die USA nicht nur in Guantánamo praktizieren, nie und nimmer selber erlauben würde.
Dass dies eine Lüge war, wird spätestens dann klar, wenn der heutige Außenminister Steinmeier sich gegen den Vorwurf, Kurnaz im Stich gelassen zu haben, mit der Parole verteidigt: Im Zweifel für die Sicherheit!
. Ihm war - wegen der "Sicherheit"! - offensichtlich ganz recht, was die USA mit von ihnen als Verdächtige ausgemachten Leuten veranstalten.
Der Leitartikler von der SZ nimmt die genannte deutsche "Sorge über Guantánamo" und die Forderung nach einer "menschenrechtsorientierten Außenpolitik" also nicht als diplomatische Gesten zwecks Distanzierung von der amerikanischen Antiterrorpolitik, sondern als ernsthafte politische Absicht und entdeckt dann folgerichtig eine Abweichung von der wirklichen, von der damaligen Regierung für zweckmäßig erachteten Praxis - und die bestand nun mal darin, die einmal ausgemachten Terrorverdächtigen auf Nimmerwiedersehen draußen zu halten.
Wenn Zeitungsschreiber wortreich betränen, was die deutsche Politik angeblich an Kurnaz verbrochen hat, dann geht es ihnen also nicht um den Schaden, der Kurnaz zugefügt wurde, sondern um den Schaden für die Glaubwürdigkeit deutscher Außenpolitik. Die will nämlich alternativ zur amerikanischen in der Welt auftreten und anderen Staaten mit dem Titel "Menschenrechte" ihre Ansprüche auf Kontrolle und Hineinregieren geltend machen - mit demselben Titel übrigens, den auch die USA für ihre Kriege in Anspruch nehmen. Diese deutsche Tour erscheint dann im Vergleich zu den USA als "friedlichere" und "ehrlichere" Alternative in der Weltpolitik. Dabei hat diese deutsche Alternative nur den einen schlichten und für die deutsche Außenpolitik ärgerlichen Grund, dass sie über ein überlegenes Gewaltpotenzial von der Größenordnung der USA nicht verfügt.
Der "Fall Kurnaz" lässt diese edle Alternative nun in einem etwas anderen Licht erscheinen. Und es wird die Frage gestellt: "Saßen also Heuchler im Kanzleramt?
Diesen Angriff kontert der damals zuständige Kanzleramts- und heutige Außenminister, auf den der Vorwurf gemünzt ist, assistiert vom früheren Innenminister mit den Worten: "Im Zweifel für die Sicherheit!" Von wegen, da klafft ein Widerspruch zwischen Worten und Taten. Sind doch den Dokumenten, die der Presse zugespielt werden, die politischen Kalkulationen unschwer zu entnehmen, die zu solchen Brutalitäten führen, wie sie Kurnaz widerfahren sind. So geht es eben zu, wenn sich Staatsmänner, wie es Steinmeier ausdrückt, in sehr schwierigen Zeiten der Verantwortung für die Sicherheit unseres Landes stellen
.
Für die demokratische Presse sind solche politischen Berechnungen samt ihren brutalen Konsequenzen keine Kritik wert, sondern ein gefundenes Fressen. Ihr Handwerk besteht genau darin, den publizistischen "Orkan" anzuheizen, der nicht nur die Auflagen stärkt, sondern die Dinge auf den Punkt bringt, auf den es ihrem Urteil nach eigentlich ankommt: Es ist der Punkt, an dem sich das politische Schicksal von Außenminister Frank-Walter Steinmeier entscheiden könnte.
Dessen Schicksal darf man ab jetzt seine volle Aufmerksamkeit schenken. Dieser Austausch des Objekts der Anteilnahme - Wird aus dem Fall Kurnaz ein Fall Steinmeier?
- macht die Sache mit Kurnaz jetzt so richtig spannend. Schließlich geht es ab sofort nicht mehr wesentlich um die gewaltträchtigen Berechnungen der Sicherheits- und Ausländerpolitik der Regierung damals wie heute. Diese Berechnungen werden vielmehr unter dem Blickwinkel besichtigt, ob der amtierende Außenminister nach dem Urteil der Presse die damaligen Entscheidungen glaubwürdig genug rechtfertigen kann und sie damit in Ordnung gehen; oder ob er sich als "kaltherzig" zeigt und mit einer "infamen Verteidigungslinie" ein schlechtes Bild auf das Amt wirft.
Der Außenminister muss sich durch die kritische Presse fragen lassen, ob er den Schein der menschrechtsfreundlichen sittlichen Überhöhung deutscher Außenpolitik noch glaubwürdig zu repräsentieren vermag, wenn er solche Entscheidungen fällte wie die damals im Fall Kurnaz - Entscheidungen übrigens, die Alltag in diesem Amt sind. So wird das Publikum nach der Um- und Fortschreibung des Dramas um Kurnaz mit dem Krimi Außenminister Steinmeier - Gefangener seiner Vergangenheit
(Spiegel 4-2007) unterhalten und kann sich sein Urteil bilden anhand der Rezensionen, die die Presse kritisch verteilt. Und zwar genau entlang der Maßstäbe, die von nirgendwo anders herstammen als aus dem Außenamt. So kann das lesende und fernsehende Publikum in seiner Funktion als Wähler der Notengebung der Sachverständigen in den Redaktionen summa summarum recht geben und Steinmeier in ein Umfragetief stürzen: Um 22 Prozentpunkte ist die Zustimmung zu seiner Amtsführung laut Politbarometer gesunken.
Weitere spannende Fragen stehen allerdings noch bevor: Ob ihn seine Stellung als wichtiger SPD-Minister in der Großen Koalition in der Machtkonkurrenz der beiden Parteien eher unangreifbar macht? Oder ob Beck nach seinem Posten geiert? Oder ob Merkel andere Berechnungen an ihm bzw. mit ihm durchzieht? Stürzt er über den deutschen Türken oder hält er sich? Das sind die wirklich wichtigen Fragen, die sich uns - geht es nach den Propagandisten der deutschen Öffentlichkeit - in Bezug auf die "Schilderung der Leiden" des Murat Kurnaz stellen sollten.
Das ist doch mal wirklich menschlich gedacht.
Arbeit und Reichtum
Letzte Woche gab es in Marburg eine Filmreihe mit dem Titel "Über Arbeiten". Wie man der Lokalpresse entnehmen konnte, zeigten die meisten Filme elende Arbeits- und Lebensverhältnisse nicht nur in Ländern der 3. und 4. Welt, sondern auch in Deutschland.
Dem heutigen Beitrag des Gegenstandpunktes geht es darum, etwas Grundsätzliches zu Arbeit, Reichtum und Armut im Kapitalismus, im Jahre 2007 darzustellen. Wir wollen im Folgenden zeigen, dass diese elenden Arbeits- und Lebensverhältnisse in anderen Ländern durchaus keine negativen Auswüchse einer ansonsten guten und menschenfreundlichen Wirtschaftsweise sind.
Die Behauptung in diesem Zusammenhang ist schon, dass elende Lebens- und Arbeitsbedingungen sowohl dort als auch hier ihren gemeinsamen Grund in der Marktwirtschaft, im Kapitalismus haben; nämlich im Interesse aller Kapitaleigner dieser Welt, ihr Vermögen ständig zu vergrößern. Dieses Interesse kennt kein beschränkendes Maß in sich, es ist maßlos und aus diesem Interesse folgt deshalb, die Arbeit möglichst rentabel einzusetzen. Mit den so hergestellten Waren konkurrieren die Unternehmen auf den heimischen Märkten und dem Weltmarkt. Für Firmen in China, Indien und anderen Ländern der sogenannten 3. und 4. Welt ist das absolute Elend ihrer Arbeiter die Grundlage, das Mittel und das Resultat, um die Konkurrenz mit den produktiveren Firmen bei uns aufnehmen und bestehen zu können.
Im Nachfolgenden soll gezeigt werden, dass Firmen in Deutschland bei ihrem Interesse, die Arbeiter für sich möglichst rentabel anzuwenden, notwendigerweise dieselben Rezepte anwenden wie ihre Kollegen und Konkurrenten in den anderen Teilen der Welt. So heißt in Deutschland der Fortschritt für die Arbeiter in den Firmen heute:
"Länger arbeiten und weniger verdienen"
Deutsche Konzerne praktizieren seit einigen Jahren etwas, was es so vorher in dieser Republik nicht als Regel gegeben hatte: Sie verlangen ganz offen unbezahlte Mehrarbeit. Zunächst wurde es als ein Affront aufgenommen und besprochen, als DaimlerChrysler 2004 ankündigte, dass der Konzern aus seiner Stuttgarter Mannschaft pro Jahr 500 Millionen Euro zusätzlich herauswirtschaften wolle. Jetzt gehört es fast zur Normalität, wenn Firmen ankündigen, das bisherige Verhältnis von Lohn und Arbeitszeit einseitig zu Gunsten der Unternehmen ändern zu wollen.
VW setzte seit 2004 wiederholt durch, die Personalkosten auf diese Art und Weise zu senken. Siemens und Opel, MAN und KarstadtQuelle machten es ebenso. Und was für die feinen Weltkonzerne gilt, gilt erst recht für die kleinen Klitschen und den Mittelstand: Tarifverträge werden offen missachtet oder in Zusammenarbeit mit Betriebsrat und Gewerkschaft ausgehebelt und umgangen; der Arbeitstag wird verlängert und das Lohneinkommen wird oft in ein paar Monaten um mehr gekürzt, als die Lohnerhöhungen der letzten 15 Jahre eingebracht haben.
Die Unternehmer begründen das einmal mit Verlusten (Karstadt, Opel), ein andermal fragen sie gerade in Jahren mit Rekordgewinnen provozierend: Muss ein Unternehmen denn erst kurz vor dem Konkurs stehen, bevor sich etwas bewegt?
(FAG Kugelfischer).
Gleichgültig ob Firmen Branchenführer mit Supergewinnen sind oder Verluste bilanzieren; gleichgültig, ob sie ihre Konkurrenten mit zusätzlichen Kostensenkungen vom Markt fegen wollen oder ob sie sich mit Kostensenkungen vor dem Konkurs retten wollen, immer haben sie dieselbe Diagnose: Die Arbeitskräfte in Deutschland arbeiten zu wenig und kosten zu viel. Und für alle ihre unterschiedlichen Konkurrenzbedürfnisse wissen sie stets dieselbe Lösung: Verlängerung der Arbeitszeit plus Lohnsenkung.
Die einen wie die anderen verweisen auf den Zwang der Konkurrenz, der ihnen keine andere Wahl lasse. Da fragt sich doch, was soll das für ein Zwang der Konkurrenz sein, der da ganz unabhängig vom Handeln der einzelnen Unternehmen existieren soll? Die 1. Wahrheit ist doch die, dass die Unternehmen selbst diesen Zwang durch die Verfolgung ihres ureigenen Geschäftszwecks gegeneinander ausüben - und dieser Geschäftszweck heißt nun einmal Profit und lebt davon, dass Arbeitskräfte für die Firma arbeiten und nicht für sich. Je mehr Leistung sie abliefern und je weniger sie davon haben, desto besser für die Rendite und desto besser für die Fähigkeit der Firma, ihren Konkurrenten den Markt streitig zu machen. So herrscht das Interesse der Kapitaleigner in Form eines ganzen Systems von Sachzwängen und jede einzelne Firma "muss" immerzu genau das tun, was sie ohnehin tun will.
Die 2. Wahrheit ist, dass die Firmen tatsächlich bei ihrer Jagd nach Profit gegen Konkurrenten erfolgreich sein müssen, sonst gehen sie über lang oder kurz unter. Aber ist das ein guter Grund für die Lohnabhängigen, dem Profitinteresse des Kapitals den eigenen Lebensstandard zu opfern? Das beweist doch nur, dass die Arbeiterschaft nicht nur einem einzelnen raffgierigen Unternehmer gegenübersteht, mit dem sie fertig werden muss, sondern einem ganzen System. Die Unternehmer jedenfalls, die selbstbewusst für den Vorrang des Profits vor dem Lohn argumentieren, verlassen sich nicht auf ihre Überzeugungsarbeit: Mit der Verordnung längerer Arbeitszeiten für weniger Geld stellen sie praktisch klar, dass der Lohn keine Frage einer gerechten Entsprechung von Leistung & Entgelt ist, sondern eine Frage der Macht; wenn sie sich stark genug fühlen und die Gegenwehr schwach genug ausfällt, ändern sie einfach Leistungsanforderungen und Entlohnung in ihrem Sinn. Den Belegschaften, die das nicht gleich einsehen wollen, kommen sie mit Erpressung. Sie drohen, deutsche Standorte zu schließen und anderswo "Arbeit zu geben", wo das Elend noch größer ist - und ebenso die Bereitschaft, sich alles gefallen zu lassen.
Aus dem weltweiten Überangebot von Arbeitsleuten suchen sich Kapitalisten immer die billigsten und leistungsfähigsten heraus. Und nur wenn die einheimischen dieses Kriterium nach Preis und Leistung erfüllen, tun sie ihnen auch den Gefallen, sie auszubeuten. Wie Mafiosi drücken die Unternehmer ihre Erpressung als ein Angebot an die Belegschaften aus, das die nicht ablehnen können. So heißt es sehr schlicht: "Nur wenn deutsche Löhne mit polnischen, indischen usw. konkurrenzfähig sind, können wir Arbeitsplätze in Deutschland halten."
Bei ihrer Erpressung setzen die Konzerne auf die Abhängigkeit der "Arbeitnehmer" von der Arbeit, die sie "geben" - und auf den Willen ihrer Leute, den Ansprüchen dieser Abhängigkeit gerecht zu werden. Und wie es aussieht, können die Kapitalisten auch darauf setzen. Die erpressten Arbeitsleute sollten aber eines wissen: Genau mit ihren Anstrengungen, die Renditeansprüche des Kapital zu erfüllen und selbst für weniger Geld mehr zu leisten, reiten sie sich immer tiefer in ihre elende Lage.
Genau dadurch nämlich vergrößern sie die Erpressungsmacht des Kapitals, die ihnen zu schaffen macht.
Worauf gründet sich die Erpressungsmacht des Kapitals?
Die meisten Menschen in den modernen Volkswirtschaften sind, um sich die Mittel des Lebens beschaffen zu können, darauf angewiesen, dass ihnen jemand "Arbeit gibt". Sie können die Arbeit, die sie nötig haben, nicht selbst erledigen, denn sie verfügen nicht über die nötigen finanziellen und sachlichen Mittel der Produktion. Die Eigentumsordnung führt dazu, dass eine kleine Minderheit über Finanzmittel und Maschinen, Grund und Gebäude, Erfindungen und Know-how verfügt.
Diese Minderheit arbeitet nicht, sondern lässt arbeiten - und zwar unter der Bedingung, dass die Arbeit, die sie verrichten lässt, erst einmal ihr einen Gewinn einbringt. Die Vergrößerung des Reichtums der Unternehmen ist deshalb auch die Bedingung dafür, dass Arbeit überhaupt stattfindet, und dass das Lebensnotwendige überhaupt produziert wird. Arbeit, die keinen Profit abwirft und nur dem Arbeitenden nützt, gibt es im Kapitalismus nicht. Und nur deshalb gibt es Arbeitslose, Leute die zwar Arbeit brauchen, aber sie nicht leisten können, weil sie für diese Reichtumsproduktion nicht gebraucht werden.
Für ihren Gewinn sind die Unternehmer auf die Dienste ihrer Beschäftigten angewiesen. Aber sie verstehen, mit dieser Abhängigkeit so umzugehen, dass daraus keine wechselseitige Erpressungsfähigkeit von Arbeitgeber und Arbeitnehmer entsteht, sondern die Sache schön einseitig bleibt. Da die Löhne, von denen die Beschäftigten leben müssen, für die Unternehmer Kosten sind, setzen sie neue Maschinerie ein und machen die Arbeit, die sie bezahlen, immer produktiver. Das könnte ein Segen für die Menschheit sein. Technisch gesehen wird es nämlich von Jahr zu Jahr leichter, das Notwendige und Wünschenswerte herzustellen und zu beschaffen.
Es nimmt also die Arbeitszeit ab, die notwendig ist, um ein bestimmtes Produkt herzustellen.
Aber im Kapitalismus findet der technische Fortschritt selbstverständlich nicht statt, um den Arbeitern mehr Güter zugänglich zu machen oder um ihnen Arbeit zu ersparen. Er findet statt, um dem Kapital Lohnkosten zu ersparen; und entsprechend sehen seine Wirkungen aus:
Wenn Firmen den technischen Wirkungsgrad der Arbeit steigern und in einer Stunde das Ergebnis von vorher zwei Arbeitsstunden erarbeiten lassen, dann entlassen sie die eine Hälfte ihrer Beschäftigten, und sparen sich die Zahlung von deren Lebensunterhalt. Die verbliebene andere Hälfte muss dann, erpresst durch die schönfärberisch so genannte "Personalanpassung", froh sein, an den verbliebenen Arbeitsplätzen - wenn sie Glück hat, zum alten Lohn - weiterarbeiten zu dürfen. Dadurch senken die Kapitalisten ihre Lohnkosten und steigern ihren Gewinn.
Die Form der Arbeitszeitverkürzung, die der Kapitalismus kennt, heißt Arbeitslosigkeit - und mit der Produktivität der Arbeit in den Fabriken wächst die Zahl derer, die ins Elend abstürzen, weil das Kapital ihre Dienste nicht mehr braucht. Ihre Not ist das Produkt des wachsenden Reichtums der Reichen.
Warum wird diese Erpressungsmacht immer größer?
Warum wächst die Erpressungsmacht des Kapitals? Warum wächst sie zusammen mit dem Reichtum des Kapitals?
Die Unternehmen - sowohl jedes einzelne für sich, als auch die Unternehmen in ihren Zusammenschlüssen in den verschiedenen Arbeitgeberverbänden - verwenden die durch ihren Fortschritt geschaffenen Arbeitslosen als Kampfmittel gegen ihre Beschäftigten. Je produktiver die Arbeit, desto größer die Zahl der national und weltweit Arbeitlosen; und je größer deren Zahl, desto härter und glaubwürdiger fällt die Drohung der Kapitalisten aus, noch billigere Arbeitslose an Stelle der angestammten Belegschaften anzustellen: Eben dadurch, dass die einen gar nicht mehr arbeiten dürfen, werden die anderen dazu erpresst wieder länger zu arbeiten.
Arbeitslosigkeit und Überarbeit gehören in diesem System zusammen. Und das hat eben nichts damit zu tun, dass eine vorhandene Arbeitsmenge gerecht aufgeteilt werden könnte oder sollte. Diejenigen, die mit der neuen Organisation der Arbeit wegrationalisiert werden, verlieren mit ihrem Arbeitsplatz ihren Lohn und damit ihren Lebensunterhalt. Für diejenigen, die immer rentablere Arbeit leisten sollen, heißt das: längere Arbeitszeit und/oder weniger Lohn
Welche Rolle spielt der Staat bei dieser Sache?
Unsere These dazu: Der freiheitlich, demokratische Staat baut die Erpressungsmacht der Unternehmer zum kompletten Zwangssystem aus:
Er verfügt nämlich nicht nur die Eigentumsordnung, sondern kümmert sich auch um den Erfolg dieser Sorte Reichtumsproduktion. In diesem Zusammenhang heißt das unter anderem: Er verordnet den vom Kapital überflüssig gemachten und auf öffentliche Unterstützung Angewiesenen, ihre Existenz mit 345.- Euro zu bestreiten und zwingt sie so erst recht in eine Billigkonkurrenz gegen die Beschäftigten. Sie müssen jede Arbeit zu jedem Preis annehmen und drücken dadurch den Lohn aller, um die Attraktivität des Standortes Deutschlands für das weltweit um Anlage und Verwertung suchende Kapital zu steigern.
So wächst im Zeitalter nahezu vollautomatischer Fabriken und inmitten des größten Überflusses an Produkten aller Art die Armut. Die einen werden für Dienste am Kapital nicht mehr gebraucht und verlieren mit der Arbeit ihr Einkommen. Die anderen, die "Arbeit haben", verteidigen ihren Status gegen die Billiglöhner und das Abgleiten in den Sozialpauperismus dadurch, dass sie ihnen immer ähnlicher werden, immer fleißiger nämlich und ärmer.
Also: Rentabilität der Arbeit heißt: Möglichst wenig Lohn und lange Arbeitszeit
und
Steigerung der Produktivität der Arbeit heißt Arbeitslosigkeit. Die Empörung sollte sich besser gegen dieses marktwirtschaftliche Prinzip richten und nicht gegen graduelle Unterschiede, wie man sie in China, Indien oder sonst wo in der kapitalistischen Welt vorfindet.