Erpressen darf hier nur einer!
Zu Jahresbeginn werden die Gas- und Öllieferungen Russlands an Weißrussland unterbrochen. Die Medien schlagen unter Berufung auf den letztjährigen Streit zwischen Russland und der Ukraine und andere aktuelle Konflikte zwischen Russland und seinen Nachbarstaaten Alarm. Und die Politik setzt die Szenarien in eine Anklage um, nach der ein unzumutbarer, nämlich politischer Gebrauch des Energiegeschäfts durch Russland vorliegt. Der Europarat verabschiedet im Januar eine Resolution über, die Zitat Gefahr, die Energieversorgung als politisches Druckmittel einzusetzen
. Dies ist ein Vorwurf, der nunmehr bei jeder Gelegenheit erschallt, bei der ein Russe greifbar ist. Bei dem, was da alles im Ton der Entrüstung Russland gegenüber aufgetischt wird, fragt sich allerdings, gegen welche guten Sitten Russland eigentlich verstoßen haben soll.
Es geht damit los, dass Russland vorgeworfen wird, dass die Preise enorm erhöht worden seien. Dabei besteht auch hierzulande die allernatürlichste Eigenschaft von Preisen darin, dass sie erstens steigen, und daß sie zweitens zu bezahlen sind, soll geliefert werden. Im Falle Russlands soll das aber nicht selbstverständlich sein - hier wird sofort auf einen namentlich bekannten Schuldigen gedeutet. So heißt es in der Süddeutschen Zeitung
"Auch im Westen müssen die Kunden wissen, dass Gasprom seine Preisvorstellungen notfalls mit großer Brutalität durchzusetzen gewillt ist." (SZ 02. 01. 2007)
Man fragt sich, von welchen Kunden die Süddeutsche Zeitung eigentlich redet. Sind das dieselben Kunden, die von EON und RWE oder von ihren Stadtwerken immer erst gefragt werden, ob ihnen Preissteigerungen recht sind, die einen Umgang gewöhnt sind, bei dem über Strom- und Gaspreise verständnisvoll mit ihnen verhandelt wird? Und wenn der Kunde schlecht bei Kasse ist, hat der Stromversorger dann ein Einsehen und gewährt einen Nachlass? Die Anklage gegen die Handhabung der Energiepreise durch Russland verfährt darüber hinaus sehr wählerisch:
- Im Fall von Weißrussland gesteht man Russland durchaus einmal das Recht zu, Weltmarktpreise zu verlangen, weil in diesem Fall die schädlichen Wirkungen der Preissteigerung gutgeheißen wurden; sie "entlarven" das angebliche weißrussische Wachstum, mit dem Präsident Lukaschenko bislang seine in Deutschland beschlossene Entmachtung verhindert.
- Im Fall der Ukraine galten Preiserhöhungen wiederum als empörend, weil ja dort der Präsident "unser Mann" ist...
Die Sensibilität gegenüber Preisen und Preissteigerungen ist offenbar sehr unterschiedlich ausgeprägt. Wenn russische Unternehmen im Ausland verlangen, was der Markt hergibt, dann folgen sie damit nicht etwa einer goldenen Regel der Marktwirtschaft; einer Regel, die unsere Mineralölkonzerne nicht nur zu Urlaubsbeginn durchexerzieren oder die deutschen Stromriesen, wenn sie die ihnen von der Bundesregierung geschenkten Emissions-Zertifikate umgehend zu Preiserhöhungen nutzen.
Aber im Fall der russischen Gasprom ist die marktübliche Beutelschneiderei in den Augen der hiesigen Öffentlichkeit auch noch deswegen eine Schweinerei, weil sich der Konzern in Russland wiederum garnicht daran hält: In deren Inland gelten doch glatt Preise, die sich an nationalen Gesichtspunkten orientieren! Da gibt es eine Sozialpolitik und auch noch eine Wirtschaftspolitik! Die benützen die eigenen Rohstoffe glatt zur Förderung der eigenen Wirtschaft! Wo "wir", das heißt die versammelte öffentliche Meinung, sich doch viel besser vorstellen könnte, dass der russische Gaskonzern mit "brutalen Preisvorstellungen" erstmal das russische Volk schädigt, das russische Wachstum abwürgt und anschließend "uns" zum 'Sozialtarif' versorgt. Das ist einmal eine schöne Kritik am Preis: Zu verlangen, was der Markt hergibt, grenzt genau dann an Ausbeutung, wenn ein fremder Konzern das bei uns tut und seiner russischen Regierung damit die Handlungsfreiheit verschafft, ihre Wirtschaft auf Vordermann zu bringen.
Gewarnt wird in unseren Medien aber noch vor ganz anderen russischen Machenschaften und der ominösen Macht eines expandierenden Konzerns. So heißt es in der FTD vom 02. 01. 2007: Die Krake breitet die Tentakel aus
. Und in der Süddeutschen Zeitung Zielstrebig baut der Gasprom-Konzern seine Macht in Europa aus.
(SZ, 03. 01. 2007) Gasprom will also bei uns Marktanteile erobern, Gewinn maximieren, expandieren. Und das ist noch nicht alles. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat herausgefunden: Es geht um eine Monopolstellung Gasproms
und darum, wie jetzt im Falle Weißrusslands, auch die Kontrolle über die Transitleitungen zu gewinnen.
(FAZ, 10. 01. 2007)
Interessant, was sich alles an Verstößen gegen angebliche Regeln auf dem Markt entdecken lässt, wenn man nur will: In der Konkurrenz gewinnen wollen, eine marktbeherrschende Stellung anstreben, und dafür möglichst alle Momente des Geschäfts monopolisieren - das gilt jetzt neuerdings als unsittlich? Sollte den Wirtschafts- und anderen Journalisten noch nicht aufgefallen sein, dass sich auf dem Markt nur solche "Kraken" bewegen? Seit wann ist denn Größe ein Argument gegen einen Konzern, zumal in Zeiten der Globalisierung und vor allem in der Energiebranche?! Auch für den deutschen Außenminister sprechen für Größe gute Gründe, wenn er im Handelsblatt die Marktmacht der deutschen Energiekonzerne verteidigt, wie in diesem Beispiel gegen überzogene Wettbewerbsideen der Brüsseler Kommission:
"Außenminister Steinmeier wandte sich zudem gegen eine Zerschlagung der Energiekonzerne, weil Deutschland finanzstarke internationale Akteure zur Sicherung seiner Energieversorgung brauche." (Handelsblatt, 15. 01. 2007)
"Unsere" Energiekonzerne agieren eben im Dienst an "unserer" Versorgung, bei ihnen ist Durchsetzung auf dem Markt, Finanzstärke und das Format eines Global Player folglich Pflicht.
Das Schlimme an Gasprom besteht also offensichtlich darin, dass es haargenau dasselbe vorhat, deswegen in "unseren" Markt einbricht und sich darüber den Vorwurf zuzieht, das von ihm verdiente Geld komme in die falschen Hände. Marktwirtschaftlicher Erfolg steht also allein unseren Konzernen zu, russischen aber nicht - so einfach geht die nationale Logik.
Die Entrüstung darüber, dass sich Russland und seine Konzerne nun mit den Mitteln und Methoden der Marktwirtschaft breitmachen, ist aber noch lange nicht am Ende. Hinter den brutalen Preisen und dem krakenhaften Benehmen steckt nämlich noch ein "Regelverstoß" höherer Art:
"Russland setzt seinen Rohstoffreichtum und besonders die marktbeherrschende Position des Staatsunternehmens Gasprom in zunehmendem Maße als politisches Instrument ein. Vorerst [!] beschränkt man sich auf Nachbarn wie die Ukraine, Weißrussland oder Georgien, die Moskau als seinen traditionellen Einflußbereich ansieht." (FAZ, 10. 01. 2007)
Wovor warnt die FAZ jetzt eigentlich?
Dass sie an uns Geld verdienen, würde die FAZ den Russen - "in vernünftigen Maßen" - vielleicht gerade noch zugestehen, aber Geschäfte als "politisches Instrument" einzusetzen - das steht ihnen eindeutig nicht zu.
Als ob es die Russen gewesen wären, die den Übergang von ökonomischer Abhängigkeit zur Forderung nach politischem Wohlverhalten erfunden hätten. Als wüssten solche Leitartikler nicht genau, dass auf dem Weltmarkt eine Hierarchie gilt, dass dort "Führungsnationen" unterwegs sind und andere, die geführt werden, wobei es sich von selbst versteht, wer der Hinterhof ist! In ihren politischen Kommentaren bestehen sie doch auch regelmäßig darauf, dass sich kapitalistische Erfolge ihrer eigenen Nation in "politische Instrumente" gegen andere umsetzen und Anspruch auf Respekt begründen.
Unter dem Titel "Great Game" berichten dieselben Medien im Ton der gespannten Begeisterung von genau dem Stoff, den sie Russland gerade zum Vorwurf machen: Sie fordern den Zugriff auf die Energieressourcen der Welt und auf die Staatsgebilde, unter deren Boden diese zufällig herumliegen. Sie würdigen verständnisvoll den höheren, von den USA ausgegebenen Rechtstitel, nach dem es darum geht, die Region der ehemaligen Sowjetrepubliken und jetzigen selbstständigen Staaten "russischen Großmachtbestrebungen" zu entreißen. Seit der Auflösung der Sowjetunion arbeiten auf der einen Seite die USA, auf der anderen Europa als Juniorpartner und Konkurrent daran, die Energiequellen der ölreichen Kaukasusstaaten in ihre Zuständigkeit zu überführen. Und zwar nicht nur durch Einkauf, Kredit oder andere ökonomische Hilfsmittel - die Weltmacht Amerika und ihre verbündeten Konkurrenten langen da gleich ganz anders hin:
Unterhalb des Anspruchs, die dortigen Herrschaften, die über die Energiequellen regieren, in die eigene Zuständigkeit zu übernehmen, zur eigenen Einflusssphäre umzufunktionieren, will man gar nicht anfangen. Und das heißt, diesen Nationen vorzuschreiben, an wen sie zu verkaufen haben - das heißt: nicht an Russland! - und wie sie ihre Exportrouten zu bauen haben - das heißt: an Russland vorbei!
"Die USA drängen die Länder Zentralasiens, neue Exportrouten für Öl und Gas aufzubauen, statt ihre Ressourcen wie bisher an Russland oder über russische Pipelines zu verkaufen. Unterstützung findet diese Forderung Washingtons auch aus der EU [...] Bei ihrem gestrigen Treffen mit dem kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel, man sei an einer engen Kooperation im Energiebereich interessiert - um unabhängiger von einzelnen Lieferländern zu werden. Zwar betonte [der für die Region zuständige US-Außenstaatssekretär Richard] Boucher, der Wunsch nach neuen Exportpipelines sei nicht gegen Russland gerichtet. Unter vier Augen bestätigen US-Vertreter jedoch, dass Washington sehr wohl Moskau treffen wolle. 'Unsere Politik ist, Russland künftig bei Energieexportrouten zu umgehen, vor allem in Zentralasien', sagte ein Diplomat. [...] 'Wir werden darauf hinarbeiten, dass ein so großer Teil der weltweiten Energievorkommen wie möglich an Russland vorbeifließt.'" (FTD, 31. 01. 2007)
Merke: Die Abhängigkeit von Energielieferungen politisch zur Erpressung fremder Nationen auszunützen - so etwas steht nur den etablierten imperialistischen Nationen zu! Im Fall von Russland belieben die westlichen Staaten und ihre journalistischen Sprachrohre die russische Konkurrenz als Regelverstoß zu definieren. Da pochen sie auf ihre Macht als ein Recht, das die andere Seite zu respektieren hätte. Weil "unsere" Interessen schon weltweit verankert sind, trägt dieses schöne Ensemble von Geschäft und Politik ja schließlich auch den Namen "Ordnung"; und die verträgt es nicht, wenn sich neue Teilnehmer bemerkbar machen, denn die stören die etablierten.
Russland wird damit zum Vorwurf gemacht, dass es als imperialistische Nation Neueinsteiger ist. Der Anspruch Russlands auf die Eroberung einer Machtposition mittels Energie und auf eine an diesem Programm ausgerichtete Einflusssphäre wird von den bisherigen Nutznießern dieses Weltkapitalismus bestritten. Und der russische Regelverstoß besteht darin, dagegenzuhalten. Auf so einen Teilnehmer könnten die westlichen Führungsmächte mit ihrem Weltmarkt und bei ihrem Weltordnen gut verzichten.
Der Vorwurf "Missbrauch von Energie als politische Waffe" ist demnach die verlogene Verkündung des harten Anspruchs der westlichen Staatsgewalten: Was für sie als erfolgreiche Imperialisten selbstverständlich, steht solchen, die es erst werden wollen, einfach nicht zu.
Menschheitskatastrophe Klimawandel (Teil I)
Unser Beitrag zum Klimawandel besteht aus 2 Teilen. Dies ist der 1. Teil, den 2. Teil gibt es voraussichtlich nächste Woche.
Die 1. falsche Botschaft der öffentlichen Debatte ist: "Der industrialisierte Mensch richtet das Weltklima und damit sich zugrunde". Jeden Tag und auf allen Kanälen kann man Ankündigungen und Schlagzeilen der folgenden Art hören beziehungsweise lesen: Vor uns die Sintflut
heißt es in der FAZ vom 25. 11. 2006, und Achtung Weltuntergang - Wege aus der Treibhausfalle
, so der Spiegel Nr. 45 2006. Und wir alle sind von diesen Medien und den Politikern aufgerufen, uns dessen anzunehmen, von dem es heißt, es sei das drängendste Umweltproblems unserer Zeit
. Der Weckruf
dafür ertönte bereits Ende letzten Jahres aus London von einer anerkannten Geistesgröße:
"Kein Ökoromantiker und kein Maschinenstürmer, sondern Sir Nicholas Stern, der frühere Vizepräsident der Weltbank, der Wirtschaftsberater der britischen Regierung, Verfasser einer Studie, die auf Erkenntnissen der besten Klimaforscher beruht, die je an Universitäten ausgebildet wurden" (FAZ, 25 11 2006)
Im schon zitierten Spiegel heißt es: Sterne hat komplexe physikalische Prozesse in eine Einheit umgerechnet, mit der die Menschen täglich umgehen: Geld
. Und weiter heißt es, dass dieser Nicholas Stern dem Schrecken des Klimawandels ein Preisschild aufgeklebt hat [...] 5,5 Billionen Euro könnte es kosten, wenn die Menschheit weiterhin so gewaltige Mengen von Klimagasen in die Atmosphäre pumpt.
(Spiegel, ebd.)
Wenn nicht ganz schnell was getan wird, so lautet die Botschaft, ist die Katastrophe unausweichlich. Und wodurch wird sie hervorgerufen? Die Antwort, die inzwischen fast jedes Kind hersagen kann, heißt: Durch die naturwüchsige Wirkung eines CO2-bedingten Treibhauseffekts
. Wenn man sich vor dem fürchtet, muss man allerdings einiges ausblenden - nämlich die Geldökonomie der herrschenden Wirtschaftsweise und ihre Sachnotwendigkeiten. Die diktieren auf dem Erdball das Leben und seine Not und die sorgen schon ganz ohne Klimaerwärmung dafür, dass ganz Schwarzafrika den Status eines Armenhauses und leidgeprüften Hungerkontinents
in der globalen Marktwirtschaft nicht los wird. Erst recht erübrigt sich mit der Diagnose "erhöhter CO2-Ausstoß" die Nachfrage, ob es nicht einen gewissen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Menschheitskatastrophe
gibt. Nein - wir sollen davon ausgehen, dass "wir alle" schuld sind:
So war auf der Internetseite der Tagesschau Unter "Dossier: Klimawandel" zu lesen:
Zitat Der Mensch hat erstmals selbst an den globalen Thermostaten gedreht und sich damit in Bedrängnis gebracht.
Die wirtschaftlichen und politischen Interessen, ihre Subjekte und Kalkulationen kommen erst einmal gar nicht vor, auch wenn es nicht "der Mensch", sondern diese Interessen der kapitalistischen Wirtschaft sind, die z. B. die nationale Energieversorgung mit dem Einsatz reichlich fossiler Energieträger betreiben, weil das für sie bislang die konkurrenzlos billige Energiequelle für das Wachstum eines gewinnträchtigen nationalen Wirtschaftsleben ist.
Und es ist auch nicht "der Mensch", sondern kapitalistische Unternehmen nutzen die Atmosphäre gründlich als kostenlose Abgasdeponie für Kohlendioxid und andere ungesunden Emissionen. Wenn die Rede von "unserer Art zu wirtschaften" ist, dann bleibt als knallharte Systemanklage nur stehen: "Der industrialisierte Mensch" sorgt mit seinem rücksichtslosen Verbrauch von Energie für den verheerenden "anthropogenen Einfluss" auf das Erdklima.
Die 2. Botschaft der öffentlichen Debatte lautet: Der eigentlich Geschädigte ist die Marktwirtschaft.
Nachdem das einmal klargestellt ist, kommt die Rede dann doch noch auf den Kapitalismus - aber wie! Das Publikum ist aufgeschreckt worden und soll sich als nächstes fragen, was das denn jetzt eigentlich bedeutet und was damit wirklich an Bedrohlichem auf uns zukommt.
Wirklich bedroht ist unsere schöne Wirtschaftsweise, betroffen ist in erster Linie der Kapitalismus, weil der nämlich - von dessen Funktionieren bekanntlich alles abhängt - die ernstesten Schäden hinzunehmen hat. Das fängt beim fehlenden Schnee an. Dass man wegen zu milder Winter nicht mehr Skifahren kann, mag bedauerlich sein, aber wirklich an den Kragen geht es dem Kommerz der Tourismusindustrie, wenn bei "uns" laut OECD-Studie nur noch zwei Wintersportorte übrig bleiben. Das gibt zu denken und ist zudem nur der Anfang:
- Das weltweite Geschäft leidet ganz gewaltig unter zu heißen Sommern, schmelzenden Gletschern und Meeresübersäuerung! Das ist das Drängende am "drängendsten Umweltproblem unserer Zeit"!
- Klimazerstörung kostet - Geld, viel Geld, und sie kommt "unseren" Volkswirtschaften und ihrem Wachstum in Zukunft teuer zu stehen. Selbstverständlich dann auch für die Menschen, die als "unselbständig Beschäftigte" davon betroffen gemacht werden.
Genau der Zweck, um den sich weltweit in diesem Laden alles dreht und für den Mensch und Natur dienstbar gemacht und zerstört werden, nimmt also Schaden und ist deshalb das schützenswerte Opfer, wenn der weltumspannende Kapitalismus mit seinen ungesunden Emissionen auch noch die bis dato einigermaßen intakte Atmosphäre versaut.
Der rücksichtslose marktwirtschaftliche Gebrauch von Mensch und Natur zahlt sich am Ende nicht aus - ein ganz klarer Fall von größtem Marktversagen, das es je gab.
(Nicolas Stern)
Das muss wachrütteln. Die dafür schwindelerregenden Zahlen hat Sir Nicholas, der locker Windgeschwindigkeiten in Euros messen und komplexe physikalische Prozesse
in ganz handliche volkswirtschaftlich relevante Schadensgrößen übersetzen kann, mit Hilfe der Versicherungsmathematik hochrechnen lassen: Auf 5,5 Billionen Euro, damit auf sage und schreibe bis zu 20 % ihrer gesamten Wirtschaftskraft beläuft sich laut Spiegel für deren Besitzer - die zwar auch zu "der Menschheit" gehören, dort aber nur einen verschwindend geringen Bruchteil stellen - der Schaden durch den Klimawandel.
Eine solche drohende "Superrezession" hält keine anständig funktionierende freie Marktwirtschaft mehr aus! So lautet der kritische Einwand gegen das ökologische Zerstörungswerk, das von eben dieser Marktwirtschaft angerichtet wird, und das ist das schlagendste Argument für die Notwendigkeit und Möglichkeit von mehr Klimaschutz in dieser bekanntlich besten aller Welten.
Die 3. Botschaft der öffentlichen Debatte heißt: Nur die Schädigungen der Weltwirtschaft durch den Klimawandel sind von Bedeutung. Sie abzuwenden ist bezahlbar und für einige ein gutes Geschäft. Mit anderen Worten: den Teufel auszutreiben macht man am besten mit dem Beelzebub. Die restlichen Schäden müssen hingenommen werden.
Nach dieser schlechten Nachricht durch Sir Nicholas können Spiegel & Co. das besorgte Publikum mit einer frohen Botschaft überraschen: Der Teil der Menschheit, der die Wirtschaftskraft kommandiert und von ihr profitiert, wird in Zukunft kaum mehr umhin können, dem Klimaschutz einen höheren Rang in seinen Wachstumsrechnungen einzuräumen als bisher - aus purem Eigennutz. Wenn die Ruinierung des Weltklimas auch die Ruinierung des Geschäftslebens bedeutet, dann wird aus Gründen der Aufrechterhaltung dieses Geschäftes doch auch die Klimarettung zu machen sein. Und auch das hat der Sir herausgefunden: Klimaschutz kostet weniger, als man glaubt, und rechnet sich fürs Geschäft mehr, als man denkt. Diese Versöhnung von Ökologie und Ökonomie macht Hoffnung für den Globus. So heißt es im Spiegel:
. Stern macht ganz nüchtern eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf: Investitionen von einem Prozent der Weltwirtschaftskraft jährlich würden bereits reichen, um das Schlimmste noch abzuwenden ... Der Erde werde ein Hitzeschock um fünf Grad Celsius oder gar noch mehr erspart. Stattdessen komme sie mit einer Erwärmung um zwei oder drei Grad davon. Wer auch das verhindern will, dem explodieren die Kosten ... Dies ist seine frohe Botschaft. Die Investitionen in den Klimaschutz betrachtet er als riesiges Subventionsprogramm. Es werde die Wirtschaft zur neuen, grünen Blüte treiben, 'Die Märkte für klimaschonende Technik könnten 2050 schon 550 Milliarden Dollar groß sein
frohlockt Stern.
Was heißt das jetzt? Zunächst doch mal so viel: Wie viel an Rettung des Weltklimas in unserem feinen Wirtschaftssystem andererseits überhaupt geht, das richtet sich selbstverständlich ganz danach, ob sich der Aufwand für den Klimaschutz volkswirtschaftlich rechnet: Will man ökologische Schäden, die das freie Marktwirtschaften stiftet, verhindern, so stellt das in der gültigen Rechnungsweise eine Kostenbelastung dar - und die hat sich natürlich durch einen Nutzen zu rechtfertigen. Klimaschutz muss das Bruttosozialprodukt schützen und darf sich deshalb keinesfalls zur "Kostenexplosion" für es auswachsen. Die Beschädigung der Umwelt zu unterlassen oder gar rückgängig zu machen, ist kapital-rechnerisch einfach nicht drin, es kann nur darum gehen, das Schlimmste noch abzuwenden
an Klimawandel.
Mehr Schutz für das Weltklima lässt sich realistischerweise aus dieser vernünftigsten Art zu wirtschaften nicht herausoptimieren und ist ihren Veranstaltern und Nutznießern auch nicht zuzumuten. Wie schlimm die ökologischen Schäden sind, das hat sein Maß natürlich darin, ob unseren Volkswirtschaften und ihrem globalen Bruttosozialprodukt ein Mehr an Rettung des Weltklimas gut tut.
Wenn ein Prozent Weltwirtschaftskraft bereits reichen
, um den von Nicholas Stern errechneten Schaden von bis zu 20 % an Weltwirtschaftskraft
zu verhindern, dann ist damit auch in ökologischer Hinsicht auf jeden Fall die Katastrophe
abgewendet.
Der Weltkapitalismus kann mit schlappen zwei oder drei Grad
Erderwärmung also ganz gut leben; also ist auch die globale Fauna und Flora und die Menschheit mit solch einem Treibhaus gut bedient und noch mal davongekommen. Nicht so gut bedient sind zwar gewisse Menschen, die laut Spiegel offenbar auf jeden Fall dran glauben müssen: Mit 40 bis 60 Millionen zusätzlichen Opfern allein in Afrika rechnet Stern bei einem globalen Temperaturanstieg von zwei Grad.
Wir erinnern uns: Die zu verhindern, ginge zwar durchaus, aber nur zu "explodierenden Kosten", weshalb das nicht in Frage kommt; anders: 'zig Millionen Menschen dem Profit zu opfern: das ist "Realismus", das ist "wirtschaftliche Vernunft" in der Marktwirtschaft!
Bei einer so wohldosierten und kostenoptimierten Säuberung der Atmosphäre kommt in einer freien Weltwirtschaft natürlich auch die private Bereicherung am Klimaschutz nicht zu kurz. Das ist ja auf der anderen Seite wiederum das Interessante am "Klimaschock": In der Klimazerstörung des globalisierten Kapitalismus steckt ein riesiges Geschäftspotenzial, das es mit einem "technologiegetriebenen Umsteuern" zu erobern gilt - wobei "immer strengere Grenzwerte" ausnahmsweise willkommen sind.
Welchem Wirtschaftsstandort in diesem Rettungsprogramm dabei mehr die Rolle des subventionierten Nutznießers von globalem Klimaschutz und welchem mehr die des Kostenträgers zufallen soll, das steht für unsere Öffentlichkeit am Standort des Klimaschutzvorreiters und Exportweltmeisters natürlich außer Frage: Deshalb heißt es aufpassen auf die Klimaschädlinge in anderen Weltgegenden, die den dringend nötigen "Wettbewerb um Klimaschutz" nicht blockieren dürfen, bloß weil sie an ihren Ertrag bzw. ihre Kosten denken. Versöhnung von Ökonomie und Ökologie
ist das große Thema - und ein Kampffeld der imperialistischen Nationen.
Wer hier den Vorreiter gibt und den anderen die Vorschriften machen kann, darum wird es im 2. Teil gehen.