« vorige nächste » Die Sendung vom 10. Oktober 2007

Marco knutscht sich in den Knast

Ein deutscher Knabe und ein englisches Mädchen treffen sich im Urlaub in der Türkei. Sie pubertieren stark, trinken eins und finden zusammen mit Gleichgesinnten ein Hotelzimmer, wo es zu verschärftem Knutschen kommt. Was bis hierher nach altersgerechtem Traumurlaub klingt, erweist sich in der Folge als gar nicht so einfach.

Die erste Komplikation tritt deswegen auf, weil das englische Mädchen, gerade dreizehn Jahre alt, offenbar unter einem frühreifen Gewissen leidet und daheim alles, und vielleicht noch ein wenig mehr, erzählt.

Die zweite Komplikation tritt deshalb auf, weil man heutzutage offenbar in englischen Touristenfamilien überkommene Erziehungstechniken schleifen lässt: Das Mädchen bekommt nicht ausgiebig geschimpft, Hausarrest oder Ohrfeigen. Auch den beteiligten Jungmann knöpfen sich die Eltern nicht persönlich vor. Die sind vielmehr der Auffassung, ihrem Kind, das sie sich nur als willenloses Opfer vorstellen wollen, sei neben einer unerwünscht frühen privaten Erfahrung etwas Spezielles zugestoßen:

Ein Unrecht nämlich, auf das man mit den zeitgemäßeren Techniken der Zivilgesellschaft zu reagieren habe, mit einer Anzeige bei der zuständigen Justiz zum Beispiel.

Vielleicht sind die englischen Eltern einfach nur blöde, vielleicht aber auch so berechnend, dass es ihnen gerade recht wäre - der orientalischen Örtlichkeit wegen-, den jugendlichen Unhold aus Deutschland vor einen hoffentlich besonders strengen Richter bringen zu können: einen original türkischen Kadi.

Damit sind die Zutaten für die größte annehmbare Komplikation im Gefolge eines eher intimen Ereignisses zusammen: Die private wird zu einer Staatsaffäre.

Es ist schon unangenehm genug, wenn plötzlich rechtlich gewürdigt wird, was eigentlich für niemandes Würdigung, mit Ausnahme der der Beteiligten, vorgesehen war; wenn also ein persönlich gar nicht involvierter Staatsanwalt oder Richter anfängt, sich einzumischen und aktenkundig zu machen, worum es sich bei einem intimen Getümmel eigentlich und in strafrechtlicher Hinsicht gehandelt haben soll.

Die Eltern, rachsüchtig und offenkundig mehr um die Rechts- als die Gemütslage ihrer Tochter besorgt, und ihr türkischer Anwalt behaupten entschieden, es könne sich, trotz anderslautender Zeugenauskünfte, nur um Kindesmissbrauch und Vergewaltigung gehandelt haben. Das wiegt schwer; und weil der Angeschuldigte als Urlauber naturgemäß über keinen festen Wohnsitz in der Türkei verfügt, wird er sistiert, damit er sich nicht dem anstehenden Verfahren und möglicher Strafe entziehe.

Noch unangenehmer wird die Sache darüber, dass, einmal im Visier des staatlichen türkischen Strafanspruchs, wegen der Nationalität des Angeschuldigten in Windeseile die pubertäre Liebes- zu einer zwischenstaatlichen, also politischen Affäre unter Beteiligung von Justiz, Diplomatie und nicht zuletzt Volksseele wird: Marco ist Deutscher, weshalb sich deutsche Politiker und Diplomaten um die Sache kümmern und die entsprechenden türkischen Instanzen kräftig dagegen halten. Die Deutschen prüfen die rechtlichen Umstände, die Haftbedingungen, fragen sich und die Türken, ob das denn alles sein müsse, und mischen sich ein in ein laufendes, rechtsstaatliches Verfahren, das sie - man redet hier von der Türkei! - von Haus aus nicht für so übermäßig rechtsstaatlich halten: Schließlich reden die Europäer den Türken schon jahrelang ins Gewissen, sie sollten ihren Rechtsstaat nach abendländischem Vorbild reformieren. Dass die das bis heute nicht richtig hingekriegt haben, weshalb sie auch vorläufig nicht in die EU aufgenommen werden können, weiß doch eigentlich jedes Kind. Dass sie sich jetzt plötzlich, in diesem Fall, so anstellen, sich auf Recht und Gesetz und die Unabhängigkeit der Justiz berufen und einen deutschen Marco einbuchten, anstatt ihn auf deutsches diplomatisches Stirnrunzeln hin einfach laufen zu lassen, das findet man in Marcos Heimat nicht amüsant.

Die Einwände von Freunden und Kennern internationaler Rechtslagen, die dahin gehen, dass es einem türkischen Jugendlichen unter der gleichen Anschuldigung in Deutschland ziemlich genau so erginge wie Marco in der Türkei, treffen zwar juristisch zu, sind ansonsten aber unbeachtlich. Erstens wäre das ja dann ein Türke und kein Deutscher, was ja wohl einen ziemlichen Unterschied macht! Zweitens sind bei uns die Gerichte wirklich unabhängig und behaupten es nicht nur, wie derzeit die türkischen, nur um unter diesem Vorwand ihr Mütchen an einem unschuldigen Deutschen zu kühlen und ihre nationalistischen Empfindlichkeiten auszuleben. Die sind nämlich der Grund dafür, dass sie sich plötzlich so überkorrekt benehmen, was man, wie gesagt, von denen sonst gar nicht kennt.

Die deutsche Zivilgesellschaft jedenfalls schreibt unterstützende Transparente an Marcos Wohnort, zündet die üblichen Kerzen an und findet auch eine Öffentlichkeit, die darüber berichtet. Die türkische, nicht faul, hält auch ihre Demos ab, auf denen gewöhnliche Bürger, empört über deutsche Einmischungen ins türkische Rechtswesen, in die Kameras schäumen. Wie sollen da, fragt man sich angesichts all dessen besorgt, lernwillige junge Menschen in Deutschland, der Türkei oder England unter solchen Umständen in Ruhe ihren Interessen nachgehen und die Völkerfreundschaft pflegen?

rauf · top · runter

Warum sich die Deutschen manchmal für die Armut in Pakistan und eine Koranschule in Islamabad interessieren

Der "Sturm auf die rote Moschee"

Zehn Tage lang widmet sich die Berichterstattung ausführlich einer Koranschule "mitten im Herzen der pakistanischen Hauptstadt Islamabad." Der Vorsteher des dortigen Militärregimes verbietet der Schulleitung ihre, - wie der Spiegel vom 9. Juli weiß - , fundamentalistischen Umtriebe. Die Schulleitung weigert sich und besetzt mit Bewaffneten die Schule und die zugehörige Moschee. Nach einigen Tagen der Verhandlung entschließt sich das Militär - der zitierte Spiegel meint "endlich" - zum "Sturm auf die rote Moschee." Das Militär macht die Koranschule platt und hinterlässt über 100 Tote.

Was war jetzt an dieser Schule und den Vorgängen um sie herum so spannend, dass man ihr zehn Tage lang soviel Raum in den hiesigen Medien widmete? Hundert Tote?

Das schaffen die Amis und ihre Gegner im Irak und Afghanistan fast jeden Tag, ohne dass - wenn überhaupt noch - mehr als eine kurze Notiz oder ein Filmschnipsel im Fernsehen darüber erscheint.

Klar ist jedenfalls angesichts der öffentlichen Aufmerksamkeit: Die Ereignisse betreffen, "uns" hier in Europa und Deutschland irgendwie. Was es mit den Verhältnissen in Pakistan auf sich hat, darüber geben Süddeutsche Zeitung, der Spiegel und die FAZ Auskunft. Die nachfolgenden Zitate sind diesen Presseorganen vom 13.7., 16.7., und 7. 8. entnommen und werden im Weiteren nicht mehr im Einzelnen genannt.

Dass es in Pakistan - wie in allen anderen Staaten der Region - massenhaft "arme Menschen" gibt, deren elementarsten Lebensbedürfnisse nicht gestillt werden, ist dabei keine echte Neuigkeit und keine Nachricht, die man für sich genommen mit Religionsunruhen in Zusammenhang brächte.

Dass vor allem die "Kinder der Armen" weder auf "Verpflegung noch auf Bekleidung", geschweige denn auf auch nur die "einfachste Ausbildung und Erziehung" hoffen können, macht natürlich - wie es heißt - menschlich betroffen, was aber im Klartext heißt: Das geht der Welt also im Großen und Ganzen am Arsch vorbei.

Dass aber die Koranschulen Pakistans die Einzigen sind, die sich um die Not "der Jugend Pakistans" (SZ, ebd.) kümmern, für die der pakistanische Staat nichts übrig hat, das lässt die Chronisten aufmerken.

Denn was in Koranschulen gelehrt wird, in pakistanischen zumal, darüber weiß man im Westen genau Bescheid: Die Sicht der deutschen Presse hat ziemlich unisono folgende Lesart: Dort stacheln "Hassprediger" ihre Zöglinge zum "heiligen Krieg" gegen die westliche Lebensart auf. Mittels "Gehirnwäsche" - nur so kann man es überhaupt schaffen, Abneigung gegen das sympathische Abendland zu wecken - verwandeln sie "verwahrloste Junge" aus den "Elendslandschaften Pakistans", die sie vorher "verpflegt und eingekleidet" haben, in "tickende Bomben".

Dabei werden sie in den Schulen, deren "Hauptfach Hass" ist, zu Aktivisten im Terrorkampf "gegen die westlichen Eindringlinge". Die "Risiken und Gefahren", die von ihnen ausgehen, bedrohen nach einem Diktum des deutschen Innenministers auch deutsche Interessen, und das "nicht nur am Hindukusch, sondern auch in Hindelang".

Diese Koranschüler bringen auch ihr eigenes Land durcheinander, indem sie sich nicht nur gegen die heimische "Elendskultur" auflehnen, sondern mit Forderungen nach Einführung der Scharia, dem Verbot der Prostitution und überhaupt sauberer, gottgefälliger, also islamischer Regierung den Anspruch auf ein ganz anderes Pakistan erheben, als es sich die USA bei dem mit Militärgewalt herrschenden Präsidentengeneral bestellt haben.

Soweit die Sicht der hiesigen Presse. Der kann man folgendes entnehmen:Pakistan ist mitsamt seinem Massenelend, seiner zunehmend umkämpften Herrschaft und den Atombomben, die da herumliegen, von der herrschenden Weltordnung für zu wichtige Vorhaben verplant, als dass man es feindseligen Moslem-Mannschaften überlassen könnte, auch wenn die die pakistanischen Hungerleider noch so gut füttern würden.

Damit die Lage der Elenden der Welt es sonst in den Rang einer prominenten Nachricht schafft, dafür müssen schon echte Katastrophen passieren, also zum Beispiel wieder einmal die ohnehin trostlosen Lebensgrundlagen von 20 Millionen Leuten im Monsun absaufen.

Die gewohnt himmelschreienden Zustände in den imperialistischen Hinterhöfen werden üblicherweise am Rande notiert: Wenn aber der zivilisierte Blick in die Welt auf die besorgniserregende Kombination von millionenfach verzweifelten Lebenslagen und einem daraus erwachsenden Gefährdungspotenzial für die Interessen von freedom & democracy stößt und - wie in Pakistan - ein Zusammenhang von Armut und Terrorgefahr entdeckt wird, dann ist auch einmal von deutscher Seite ernste Kritik an der Armut und natürlich auch an den Armen fällig: Die Armut ist von Übel, weil sie die Armen so anfällig macht für den Missbrauch, den dort religiöse Fundamentalisten, anderswo Kommunisten, Nationalisten, Populisten oder andere Volksverderber mit den Elenden treiben!

Der pakistanisch-islamistischen Art entgegenzutreten, in der mit der landesüblichen Armut politisch Schindluder getrieben wird, dafür hat, wie gesagt, die Weltordnung eigentlich ihren Musharraf vor Ort. Die Aufgabe des pakistanischen Regierungschefs wäre es, der Ausnutzung der üblen Verhältnisse durch antiwestliche Agitatoren einen Riegel vorzuschieben und die religiös verhetzten Massen ruhig zu stellen. Niemand verlangt hierzulande ernsthaft von ihm, sein Volk besser zu stellen, gar in eine sozialpolitische Konkurrenz mit seinen muslimischen Gegnern zu einzutreten. Was von dem regierenden General an Bekämpfung der unerwünschten Zustände in seinem volkreichen Land erwartet wird, das ist die Zerschlagung des organisierten Islamismus. Dass er die Lage um die Rote Moschee schließlich mit Waffengewalt bereinigt hat, geht insoweit in Ordnung. Nur: Ob er es auf Dauer schafft, seinen westlichen Sponsoren die terroristische Feindschaft seiner verarmten und islamistisch agitierten Landsleute zu ersparen, daran sind die Zweifel groß.

Vor diesem anspruchsvollen Maßstab muss sich das Regime Musharraf bewähren - und es sieht gar nicht gut aus dabei. Einerseits ist es ja die Stärke eines "Militärdiktators, wie Musharraf einer ist", dass er ohne große Rücksicht auf rechtsstaatliche Umstände über Leichen geht. Andererseits verlangt man ihm neben seiner blutigen Durchschlagskraft aber auch noch eine gewisse Zurückhaltung ab, so heißt es, er solle nicht "allzu diktatorisch" auftreten.

Man hält ihm vor, er habe es nicht verstanden, die pakistanischen Massen durch die Segnungen demokratischer Agitation ruhig zu stellen, kritisiert ihn, er habe mit dem Blutbad in der Koranschule einerseits zu lange gewartet, andererseits aber so ungeschickt hart zugeschlagen, dass er die Schüler der weiteren ca. 30 000 Koranschulen des Landes noch mehr gereizt habe.

Und kaum haben die USA ihre Wünsche nach "einem Übergang zu einem vom Volk gewählten Präsidenten" (SZ, 18.19.8.) in Umlauf gebracht, da weiß auch der Spiegel mit seinem Kennerblick, dass wohl mit einem Diktator, der so wenig den Ansprüchen genügt, an denen er gemessen wird, tatsächlich "kaum noch Staat zu machen ist."

Aus der Sicht anspruchsvoller westlicher Beobachter ist das Gemetzel um die Rote Moschee, - so sehr es von den Militärs auch als Demonstration der Durchsetzungsfähigkeit gegen die inneren Feinde gemeint war, - also nur eine der "Bewährungsproben", die noch auf das Regime in Islamabad warten. Ob dieses Regime seine elenden und aufgeregten Volksmassen weiterhin einigermaßen im Griff halten kann und seinen Beitrag dazu leistet, dass "wir" ruhig schlafen können, bleibt abzuwarten. Allein dadurch könnte sich das pakistanische Regime den Titel einer wirklich guten Regierung verdienen, auf die auch die deutsche Nation ein Recht hat.

rauf · top · runter