2. Thema: Das aktuelle Feindbild: Ausländisch, jugendlich, kriminell (Huisken-Interview)
Das hat der Schule echt noch gefehlt: Kopfnoten setzen eins drauf!
Staat und Wirtschaft reichen die bisherigen Noten nicht. Sie verlangen, dass das Leistungs- und Sozialverhalten der Schüler neben den Fachnoten auch noch ausdrücklich gewürdigt wird. Deshalb sollen die längst abgeschafften Kopfnoten wieder her. So soll in Zukunft von der Grundschulzeit an extra gemessen und bewertet werden, wie sich einer als Schüler generell zur Schule und ihren Anforderungen stellt. Damit will die Schule ihre Selektionsleistung für die Wirtschaft auf den neuesten Stand bringen.
Nun war Schule auch schon bisher die Veranstaltung, in der man Tag für Tag, Halbjahr für Halbjahr daran gewöhnt wird, den Stoff vor allem zu einem Zweck durchzukauen: Sich damit gegen andere hervorzutun und am Ende eine gute Note zu kassieren. Gelingt das in möglichst vielen Fächern, kriegt man ein gutes Zeugnis und damit die Möglichkeit, in der nächst höheren Abteilung der Schule weiterzumachen, am Ende vielleicht auf die Uni zu gehen. Mit schlechten Benotungen hat man das Nachsehen und findet sich mit vielen anderen beim Bewerbungsgespräch um Ausbildungsplätze wieder, mit der Aussicht, sein Leben lang anstrengende Arbeit für wenig Geld abzuliefern.
So sieht der Zusammenhang zwischen der Schule und der marktwirtschaftlichen Gesellschaft also aus: Die ganze schöne Bildung steht nicht erst ab morgen, sondern von vornherein im Dienst an der staatlich gewünschten Sortierung der Jugend für die höheren und niederen Funktionen dieser Gesellschaft. Die Noten, die in den einzelnen Fächern vergeben werden, sind deshalb auch keine wohlmeinenden Auskünfte über den erreichten Wissensstand und mögliche Defizite nach dem Motto: Bruchrechnen kann er, Dreisatz muss er noch. Die Fachnoten wollen Leistungsunterschiede zwischen den Schülern feststellen und zum Zweck ihrer Selektion zementieren. Dieser Vergleich hat zwei Seiten. Der Stoff muss gelernt sein: die Kulturtechniken Schreiben, Lesen, Rechnen, ein bisschen Naturwissenschaft, aber auch staatsbürgerliche Gesinnung und Liebe zur Heimat; dabei wird gemessen und benotet, wer das besser/schneller als der Durchschnitt hinkriegt. Auch dabei zählt dauernd die Bereitschaft, grundsätzlich und in jeder Tagesform bei allem mitzumachen, was einem serviert wird. Schon bei der heutigen Notenvergabe beurteilen die Lehrer ihre Meute so: Wer ist regelmäßig da, wer ist pünktlich, wer arbeitet mit, wer ist zumindest unauffällig und stört nicht ...
So scheiße also schon das, was bisher abgeht in der Schule.
Jetzt auch noch das: Kopfnoten
Der jetzt neu verlangte Tugendkanon nimmt den Willen des Schülers beim Mitmachen zusätzlich ins Visier. Wirtschaftsverbände und Schulbehörde verkünden einhellig, dass die alte Praxis völlig unzureichend sei. Bloße "Leistungsmessung" sei das gewesen, wo es doch besonders auf die "Sekundärtugenden" ankomme. Offenbar ist es dafür, was diese Instanzen mit den künftigen Schulabgängern vorhaben, super wichtig, verlässliche Auskünfte über deren charakterliche Eignung in Sachen /Leistungsbereitschaft, Wille zum Unterordnen und Kollegialität/ zu kriegen - und nur aus einer "Drei" in Deutsch und einer "Vier" in Mathe können sie ihrer Ansicht nach den Bewerber für ihre wertvollen Ausbildungs- und Arbeitsplätze nicht so genau einschätzen, wie sie das gerne hätten.
Die wieder eingeführten Kopfnoten sollen also die "charakterliche Eignung" der Schüler messen und den künftigen Chefs anzeigen. Was früher mal "Betragen" und "Fleiß" hieß, sind heute politisch korrekt "Kompetenzen" - und zwar gleich sechs Stück: Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Sorgfalt, Selbständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Konfliktverhalten und Kooperationsfähigkeit. Der Sache nach ist jedes einzelne dieser Dinger ein Ausweis davon, wie sehr Zwang und Gegensätzlichkeit das schulische Leben beherrschen - sonst müsste man freiwilliges und gemeinschaftliches Mitmachen wohl kaum zur Tugend erheben. Anders gesagt: Bei dem "Mitmachen", das von oben gefordert und zukünftig gesondert benotet wird, geht es weder um Wissen über die Gesetze der Natur und den Gang der Gesellschaft und erst recht nicht um irgendwas, was Spaß macht, Fußballspielen und Musikmachen etwa - Interessen also, bei denen man von ganz alleine "selbständig", "zuverlässig" und mit viel "Sorgfalt" und "Leistungsbereitschaft" mit von der Partie ist. Es geht um die Bereitschaft, kontinuierlich Leistung bei Sachen zu zeigen, die einem eher nicht einleuchten, von denen gar nicht einsichtig ist, was man von ihnen hat, die einem also schlicht abverlangt werden. Ähnlich bei den anderen Kompetenzen: Bei "Kooperationsfähigkeit" und "Pünktlichkeit" denkt die Schulbehörde natürlich nicht an Schüler, die "gemeinsam" darüber nachdenken, wie man gegen Kopfnoten demonstriert, und auch nicht an solche, die nachmittags nur rumhängen oder am Computer spielen - die "kooperieren" vermutlich alle ganz gut und laufen danach durchaus "pünktlich" bei Demo oder Skakonzert auf. "Pünktlichkeit" ist offensichtlich nicht einfach eine Frage der Uhrzeit, sondern Pünktlichkeit in der Schule ist gefragt! Und bei "Kooperation" geht es auch nicht einfach um Kollegialität und Freundschaft, sondern darum, von Leuten soziales Verhalten und Teamfähigkeit zu fordern und zu messen, die die Schule in eine ziemlich harte Konkurrenz gegeneinander stellt - und die im Klassenraum und auf dem Schulhof trotzdem irgendwie miteinander auskommen sollen.
Die Kopfnoten setzen im Schulbetrieb ein paar neue Maßstäbe. Klar, was ab jetzt in Zeugniskonferenzen los ist. Wenn über die neuen Zensuren beratschlagt wird, soll und darf alles durchgehechelt werden: Ob einer den Finger hebt oder döst, wird genauso in Betracht gezogen wie Frechheiten, die er sich gegenüber der erlauchten Lehrerschaft erlaubt hat; wie einer aussieht oder sich kleidet, wird genauso registriert wie Einwände im Unterricht oder Lautstärke auf dem Schulhof, die gleichgültig gegen ihren Inhalt womöglich unter Renitenz fallen. Die ganze Palette von pubertären Späßen bis zur familiären Armut und sozialen Verrohung der Jugendlichen - alles wird unter dem Gesichtspunkt herangezogen, welcher gute oder schlechte, leicht oder schwer erziehbare Charakter sich da auftut, und steht ganz oben auf dem Zeugnis! Und all das liefert den Lehrern absehbar ein paar neue Disziplinierungsmittel. Es ist also schon eine besonders krasse Heuchelei, wenn die Schulministerin ihre Reform auch noch als Dienst am Besten der Schüler darstellt. Nach ihrer Auskunft haben nämlich ausgerechnet die Schüler einen "Anspruch auf klare und verständliche Rückmeldungen und Bewertungen auch zu diesem Entwicklungsbereich" - ganz so, als hätten die Schüler verlangt, dass es die Kopfnoten wieder gibt, und als wären diese neuen Noten nicht neue Selektionskriterien, sondern gut gemeinte Tipps für die eigene "Entwicklung".
Protest gegen die Kopfnoten
Ist also angebracht. Passender wäre es allerdings, sich am Beispiel dieser Noten auch gleich mal Sinn und Zweck der Noten überhaupt klar zu machen. Denn neu erfunden wird die Schule mit den Kopfnoten wirklich nicht. Die längst in ihr gültigen, im Unterricht also tagtäglich praktizierten Zwecke sollen mit dieser Reform auf den neuesten Stand ihrer Funktionalität für Staat und Wirtschaft gebracht werden - nicht mehr und nicht weniger.
Das aktuelle Feindbild: Ausländisch, jugendlich, kriminell (Huisken-Interview)
In der Münchner U- Bahn ermahnt ein pensionierter Lehrer zwei Jugendliche: Sie sollen ihre Zigaretten ausmachen. Daraufhin schlagen die beiden den Mann krankenhausreif. Den Vorfall greift der hessische Ministerpräsident Roland Koch im Zuge seines aktuellen Wahlkampfs auf und fordert eine Verschärfung der Gesetzgebung für jugendliche Gewalttäter. Sie sollen im Regelfall wie Erwachsene bestraft werden. Andere Politiker halten dagegen, eine schärfere Bestrafung halte niemanden von Gewalttaten ab. Diese Politiker schlagen eine pädagogische Betreuung der Jugendlichen anstelle der Haft vor. Herr Huisken, uns ist aufgefallen, dass in der politischen Besprechung des Münchner Vorfalls nie über mögliche Gründe für die Handlungen der jugendlichen Schläger gesprochen wird. Stattdessen heißt es meist: Sie sind verrückt, kennen keinen Respekt gegenüber anderen. Welchen Grund sehen Sie für das gewaltsame Handeln von Jugendlichen?
Huisken: Ich teile Ihre Einschätzung nicht. Im Unterschied zur öffentlichen Aufregung über die schulischen Gewalttaten der letzten Jahre (Amokläufe in Deutschland und den USA) hat sich, so meine ich, Einiges in der öffentlichen und politischen Befassung mit solchen Rohheiten von Jugendlichen verändert, radikalisiert. Zum einen fällt mir auf, dass aus "Jugendgewalt" nach dem Münchner Vorfall - das hat sich natürlich vorher schon angedeutet - "Jugendkriminalität" geworden ist. Das heißt, an den Vorfällen interessiert nur noch bzw. primär der Rechtsbruch, der Verstoß gegen Gesetze. Die Kids sind von vornherein als Kriminelle eingestuft. Weswegen sich auch zweitens umstandslos die Debatte anschließt, wie man diese Kriminellen nach Recht und Gesetz aus der Gesellschaft entfernen kann: ausweisen, wegsperren, in "Erziehungs"-Camps kasernieren. Früher wurden erst einmal Formen der psychologischen, sozialpädagogischen oder pädagogischen Betreuung bemüht, ehe dann letztlich auch die Staatsgewalt diese pädagogische Arbeit am Täter adäquat ergänzen durfte. Jetzt geht es nur noch um die Frage, wie und auf welcher Rechtsgrundlage zugeschlagen werden soll. Drittens werden die so genannten Milieus, aus denen diese Jugendlichen stammen, knallhart angesprochen: Die Täter - in erster Linie soll es sich um Ausländer oder Menschen mit sofort verdächtigem Migrationshintergrund handeln, je nach Standpunkt werden deutsche Jugendliche auch erwähnt - stammen aus zerrütteten Familien, die zu den Gesellschaftsverlierern, zu der untersten Armutsschicht gehören und in denen selbst geschlagen wird. Diese Jugendlichen sind laut Statistik - nicht zufällig - Schulverlierer, ohne Lehrstelle mit dem Berufswunsch "Dealer" oder "Hartz IV" (siehe die Debatte über die Berliner Rütli-Schule).
Diese Zusammenhänge werden wie Verweise auf Ursachen bzw. Umstände, die für die Brutalitäten verantwortlich sind, vorgestellt. Und da ist, meine ich, ja auch etwas dran: Nicht dass es da einen Automatismus gäbe, nicht dass Kinder unabänderlich durch ihre soziale Lage determiniert wären, nicht dass Jugendliche, die in der Familie geprügelt wurden, zwangsläufig zu Schlägern werden... Für jeden ihrer Übergriffe haben sie schon ihre eigenen Gründe, jede Schlägerei müssen sie schon mit Willen, Bewusstsein und eigenen Motiven anzetteln. Aber dass Verlierer, sprich: Menschen, die gesellschaftlich zu Verlierern gemacht worden sind, sich auch schon einmal aufstellen und sich und der Welt beweisen wollen, dass sie nicht der "Ausschuss" sind, zu dem Schule, Arbeitsmarkt und Ausländerpolitik sie gemacht haben, dass sie vielmehr "coole Typen" sind, die sich "nichts gefallen" lassen, die den besonderen Wert ihrer Person in der Ausübung physischer Überlegenheit sehen und dem rechtslastigen Ideal folgen, dass Stärke Recht verleiht - das erklärt ja solche Taten. Also: Auch diesen Zusammenhang gibt es neben den "Eigentumsdelikten", die ja nicht zufällig bei Eigentumslosen verbreitet sind. Wie gesagt, das gibt es aber nur, wenn die Kids den psychologischen Anerkennungswahn, nebst allen faschistischen Übergängen, im Kopf haben. Die Verarbeitung der Erfahrungen geht ja auch anders: Bin ständig geschlagen worden, hat bei mir nichts bewirkt, nur Schmerzen und Zorn...
Das Merkwürdige ist nun - und darauf läuft Ihre Frage vielleicht hinaus -, dass all die Politiker, Wissenschaftler und TV-Menschen, denen diese Zusammenhänge selbstverständlich sind, nicht im Entferntesten auf die Idee kommen, ihre Beseitigung zu fordern. Der Spruch "Man darf nicht an den Symptomen herumdoktern, sondern muss an die Ursachen ran" geht ihnen flüssig von den Lippen, aber die von ihnen gerade angesprochenen Ursachen oder Grundlagen der Gewalttätigkeiten würdigen sie mit keiner Silbe: Weder fällt ihnen ein, diese Familien aus der Armut herauszuholen, noch fällt ihnen ein, die Jugendlichen bildungsmäßig ausgiebig zu betreuen und erst recht fällt ihnen nicht ein, die systematische politische Ausgrenzung ausländischer Menschen zu beenden. *Das wäre es doch* - nach ihrem eigenem Urteil -, was weiterhelfen würde: Familien ohne materielle Sorgen, in denen es dann auch vernünftiger zugeht, deren Kindern es ermöglicht wird, ordentlich etwas zu lernen und von der Welt zu begreifen und an deren Pass und Hautfarbe keine Einrichtung und kein Mitmensch Anstoß nimmt. Der "Jugendkriminalität" wäre glatt der Boden entzogen! Warum niemandem das einfällt, ist kein großes Rätsel. Dafür müssten sich die Herrschaften, die hier das Sagen haben, glatt von den Grundprinzipien der demokratisch-kapitalistischen Gesellschaftsordnung verabschieden: von der völkischen Sortierung nach In- und Ausländern, von der ökonomischen Sortierung nach Eigentümern und Nicht-Eigentümern und auch von der schulischen Sortierung nach Studienberechtigten und Rest-Schülern. Das haben sie nicht vor. Eher schon werden diese Hinweise genommen, um den Eltern die Schuld zuzuweisen oder fehlende "Frustrationstoleranz" bei den Kids zu beklagen.
Die Öffentlichkeit reagiert geschlossen mit Bestürzung. Ihren Abscheu vor der Münchner Tat nehmen die einen zum Anlass für die Forderung nach höheren Strafen, Stichwort "Null Toleranz", andere stellen bei den Jugendlichen einen Mangel an Zuwendung fest und rufen nach pädagogischer Betreuung der Täter. Warum reagiert die Öffentlichkeit so, und was halten Sie von den Diagnosen der beiden Seiten?
Huisken: Die Sache mit dem Zuwendungsmangel ist wirklich zur Zeit nicht der Hit. "Null-Toleranz" trifft es eher: Ausweisen, Wegsperren und Kasernieren sind die - nicht allein von Koch - in die politische Debatte gebrachten Konsequenzen. Man soll sich nur noch die Frage vorlegen, ob das existierende Jugendstrafrecht für die "Null-Toleranz"-Strategie ausreicht, ob es verschärft werden soll, ob Jugendliche mit 18 nach Erwachsenenstrafrecht abgeurteilt werden sollen, ob die "Erziehungs"- Camps erfolgversprechender sind als Jugendknast, ob Einsitzen mehr abschreckt als Bewährung usw. Nur Varianten des Zuschlagens der Staatsgewalt gegen jugendliche Gewalttäter soll man sich durch den Kopf gehen lassen. Noch mal: Das Mittel gegen Gewalt von Jugendlichen wird in zunehmendem Maße und ganz besonders in der laufenden öffentlichen Debatte allein im Einsatz der Gewalt des Staates gesehen. Gegen unautorisierte und damit für kriminell erklärte Jugendgewalt soll die rechtsstaatlich autorisierte und übermächtige Staatsgewalt zuschlagen. Gewalt hier, Gewalt da. Die eine gilt als kriminell, die andere als legitim, geradezu als Bürgerschutz, und fällt deswegen gar nicht recht unter Gewalt - obwohl jeder weiß, dass es ein Gewaltmonopol gibt. Dabei lassen sich die Bilder aus der Münchner U-Bahn durchaus mit Bildern vergleichen, in denen uniformierte Schlägertrupps linke Demonstranten verfolgen, Schwarzfahrer brutal in die Mangel nehmen oder verdächtige Ausländer auf dem Boden knebeln, treten und abtransportieren...
Zu den "Erziehungs"-Camps mit ihrem militärischen Drill noch ein paar Worte. Geworben wird für sie mit ihrer Erfolgsquote. Wobei ich erstens etwas zum Maßstab des Erfolgs anmerken will und zweitens kurz der Frage nachgehen will, wie dieser bestimmte Erfolg zu erklären ist. Maßstab für Erfolg ist die "Rückfallquote". Dabei handelt es sich um einen Maßstab, der den "Erziehungs"-Erfolg ausschließlich daran festmacht, ob die Kids wieder kriminell werden. Was diese Jugendlichen in der "Freiheit" dann sonst noch treiben, was sie im Kopf haben, welche Möglichkeiten sie haben, nach dem Camp ihr Leben zu organisieren, und welche Vorstellungen sie davon hegen, ist von minderem Interesse. Nur nicht wieder brutal Rentner oder Ausländer oder Obdachlose zusammenschlagen. Diese - eigentlich ist das doch eine - Selbstverständlichkeit bildet den mehr als anspruchlosen Erfolgsmaßstab der Sorte "Erziehung", die in den Camps stattfindet. Der passt aber zu dem, was ich vorher gesagt habe: Die Verhältnisse so umzukrempeln, dass nicht gleich ein großer Teil der Jugendlichen auf der Verliererstraße landet und von der nicht mehr weg kommt, das ist keineswegs das Anliegen. Sie sollen vielmehr *ihren Verliererstatus selbstdiszipliniert verarbeiten*. Allein darum geht es! Arm, aber anständig sein - d.h. nicht kriminell und nicht NPD-Wähler werden -, wenn das dabei herauskommt, sind die politischen und pädagogischen Betreuer zufrieden. Genau so wollen sie diese Teile des Volkes haben, die vom Reichtum der Gesellschaft von Anfang an ausgeschlossen werden.
Nun soll die Rückfallquote bei Camp-Absolventen in der Tat vergleichsweise niedrig sein, die Jugendlichen sollen - so hört man - mit "Begeisterung bei der Sache sein", also bei Drill, Schikane, bedingungsloser Unterwerfung unter Regeln und Autoritäten und unter körperliche Zucht bis zum Umfallen engagiert mitmachen. (Die TV-Bilder von den Liegestützen in den Schlammlöchern hat man ja vor Augen.) Wie das? Wie kann es sein, dass gerade die heranwachsenden "Looser", die auf der Straße oder in der Schule alles tun, um sich als der Größte, Stärkste, Schönste brutal zu präsentieren, plötzlich an ziemlich brutalen Unterwerfungshandlungen, deren Opfer sie sind, Gefallen finden? Meine Antwort heißt: Deswegen! Das Prinzip, dem sie auf der Straße, in der U-Bahn oder auf dem Schulhof huldigen, wenn sie andere zusammentreten, findet nämlich in diesen militaristischen Camps ebenfalls Anwendung: Wenn sie gnadenlos gedrillt werden, dann wollen sie im Vergleich mit den anderen kasernierten "Kameraden" beweisen, was sie alles an Schmerz, Demütigung, Bestrafung etc. aushalten können; dass sie nicht klein beigeben, dass sie vielmehr zu denen gehören, die - wie hieß das mal - "hart wie Kruppstahl" sind; kurz: dass sie wer sind, wenn sie das Camp ungebrochen überstehen. Das faschistische Ideal, das sie ohnehin im Kopf haben, das brutale Ideal von der Stärke, die erst den Wert des (deutschen) Menschen (Mannes) ausmacht, wird an ihnen jetzt als Erziehungskonzept zur Anwendung gebracht. Das finden sie gut!
Übrigens sind die "Lehren", die Jugendliche gezogen haben, wenn sie - wie bei Anne Will berichtet - erst im Jugendknast "einsichtig" geworden sind, ziemlich ähnlich gestrickt. "Eingesehen" haben die nur, dass es eine Gewalt gibt, der sie letztlich nichts entgegenzusetzen haben, die ihren Willen ganz einfach durch Wegsperren brechen kann. Die Verbeugung vor der stärkeren Gewalt ist der Inhalt ihrer Lehre. Und die ist natürlich gleichbedeutend mit der Botschaft an Ihresgleichen: "Lasst den brutalen Quatsch, es lohnt sich nicht, ihr zieht ohnehin den Kürzeren!" Ihre soziale und materielle Lage, aus der heraus sie den "Quatsch" betreiben, ist damit erst einmal abgesegnet. Jetzt soll man sich freuen, wenn man wenigstens eine Lehrstelle bekommt und vom Meister schikaniert wird oder im 1-Euro-Job das Lager bei OBI fegen darf.
Auch in Ihren Büchern weisen Sie immer wieder auf die Erziehung der jungen Menschen zu selbstbewussten Konkurrenten als Grund für ihre Gewalttätigkeit hin. Weil die jungen Menschen sich entschieden haben, sich gegen andere durchsetzen zu wollen, greifen manche nicht zum Schulbuch, um eben die bessere Note zu schreiben, sondern zur Gewalt, um den anderen alt aussehen zu lassen. Warum werden denn Menschen trotz solch unschöner Folgen zu Konkurrenten erzogen?
Huisken: Sie werden gar nicht "trotz solcher unschönen Folgen zur Konkurrenz erzogen". Der von Ihnen zitierte Zusammenhang ist doch den Organisatoren, Kontrolleuren und wissenschaftlichen Beweihräucherern der Konkurrenz gar nicht klar. Die Konkurrenz gilt doch als Inbegriff von Freiheit. "Freie Marktwirtschaft" heißt es, da kann es jeder zu etwas bringen, wenn er sich nur ordentlich anstrengt. Das gilt doch immer noch: Jeder ist seines Glückes Schmied. Und: Konkurrenz belebt das Geschäft. Allenfalls werden bei Gelegenheit bestimmte Konkurrenztechniken als übertrieben gebrandmarkt, weil sie angeblich nicht zur eigentlichen Konkurrenz gehören, sondern sich einer Ellenbogenmentalität verdanken. Was Konkurrenz tatsächlich ist, davon haben die Verantwortlichen keine Ahnung und davon wollen sie auch nichts wissen: dass die Sache mit dem "Glück", dessen Schmied jeder ist, eben den kleinen Haken hat, dass erstens alle Mittel für die Glückssuche vorgeschrieben sind und sich ausnahmslos aufs Geldverdienen konzentrieren; dass zweitens übers Geldverdienen gar nicht die Leistung des Einzelnen entscheidet, sondern bekanntlich die Anzahl an Arbeitsplätzen, die Unternehmen anbieten und das auch nur dann, wenn es sich für sie lohnt - was nichts Gutes fürs verdiente Geld bedeutet -; dass drittens jeder sein Glück immer gegen alle anderen, die dasselbe wollen, schmieden muss, jeder Erfolg in der Schule, auf dem Markt, im Beruf bedeutet, dass man anderen ihr "Glück" streitig machen muss; und dass viertens das Resultat der Konkurrenz längst feststeht, bevor man in sie hineingeworfen wird, dass z.B. in der Schule von vornherein feststeht, dass die Mehrzahl der Pflichtschüler zu den Schulverlierern gehört, die von weiterführender Bildung und Studium ausgeschlossen sind. Die Lernkonkurrenz hat da nur den Inhalt, gegen die Mitschüler dafür zu sorgen, dass man nicht zu den Schulverlierern gehört. Was aber gerade den Migrantenkindern - um darauf zurückzukommen - häufig schon deshalb nicht möglich ist, weil ihnen die hier gültigen Voraussetzungen, um sich überhaupt an der Konkurrenz zu beteiligen, vorenthalten werden: Sprachkenntnisse etc.
Also: Erzogen wird man im und für den Konkurrenzbetrieb, weil sich über ihn im Kapitalismus alle bereits genannten politischen, ökonomischen und sozialen Sortierungen vollziehen, die dieses von der Politik verwaltete und neuerdings bis zum Hindukusch verteidigte Produktionsverhältnis nun einmal ausmachen.