« vorige nächste » Die Sendung vom 02. April 2008

Globalisierter Hunger, Hungeraufstände und imperialistische Ordnungsprobleme

1. Hungeraufstand in Haiti, Proteste in Ägypten, Mehl- und Brotrationierungen in Pakistan, mangels Mais unerschwingliche Tortilla in Mexiko, Reisknappheist in Thailand und den USA etc....

In der Welt der freien Marktwirtschaft haben Lebensmittel einen Preis. Der entscheidet, ob das unmittelbare Bedürfnis nach Essen und Trinken überhaupt befriedigt wird, in welchem Umfang und zu welcher Qualität. Dieser scheinbar unumstößliche und selbstverständliche ökonomische Tatbestand ist eine vernichtende Auskunft über die Versorgung der Menschheit mit Lebensmitteln: Sie findet nämlich nur dann und so statt, wenn sich damit ein Geschäft machen lässt, also der Geldreichtum von Lebensmittelproduzenten vermehrt wird - oder sie entfällt eben. Diese Sorte ökonomischer Erpressung lebt davon, dass sie die bedürftige Bevölkerung sehr grundsätzlich dieser kapitalistischen Rechnungsweise unterworfen hat - so ziemlich jede Ecke der Welt ist auf ihre diesbezügliche Geschäftstauglichkeit überprüft, für sie hergerichtet oder verworfen worden. Hungersnöte, mit Opfern in Millionenhöhe, begleiten daher die "Wachstumsbranche" Nahrung, deren kapitalistische Rechnungsweise den lohnarbeitenden Massen regelmäßig Sparsamkeitserwägungen in Sachen Ernährung und den einen oder anderen kostensenkenden Bestandteil in ihrem Sonntagsbraten beschert, "Lebensmittelskandal" inklusive.

2. Die demokratische Weltöffentlichkeit bilanziert die Opfer ihrer Marktwirtschaft regelmäßig und hat, angesichts der von ihr aktuell ausfindig gemachten "neuen Knappheit" in Sachen Nahrungsmitteln, den Hauptschuldigen dingfest gemacht - es sind vor allem die "Preisschwankungen". Mit dieser kleinen Verschiebung der Betonung vom Preis hin zu seinen Schwankungen ist der tatsächliche Grund auch für den aktuellen Hunger theoretisch aus der Welt geschafft:

"In einem Land Nachfrage nach Biosprit, heißt im Land des Anbieters Hunger" - so die Gleichung, die der bürgerliche Sachverstand entdeckt, Erklärungsbedarf anmeldet und ein Missverhältnis von Angebot und Nachfrage ausfindig und für die Teuerung verantwortlich macht. Ein Missverhältnis? Handelt es sich nicht eher um eine erzkapitalistische Preiskalkulation, die da Preise zum Schwanken bringt, wenn dem zahlungskräftigeren alternativen Energiebedarf einer kapitalistischen Nation die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung eines anderen Landes geopfert wird, weil das den staatlichen Geldreichtum Mexikos mehrt?

"In einem Land vermehrter Nahrungsbedarf heißt im anderen Land hungern" - noch so eine anscheinend geläufige Gleichung aus der Welt des marktwirtschaftlichen Denkens. Auch damit soll auf einen Mangel in Sachen ökonomischer Arithmetik aufmerksam gemacht werden. Schon wieder ein Missverhältnis? Doch wohl eher eine Auskunft über Marktstrategien des freien Unternehmertums mit Lebensmitteln! Für einen "neuen Markt" mit größeren "Gewinnerwartungen" werden die zahlungsschwächeren Lebensbedürfnisse anderswo zusammengestrichen, für die sind dann die Preise ins "Unermessliche" gestiegen, während sich anderswo genau damit hohe Gewinne erzielen lassen.

Und noch so eine marktwirtschaftliche Selbstverständlichkeit: "In einem Land Landwirtschaft treiben, z. B. in Form des EU-Agrarmarkts mit seinen Subventionen, heißt, dass die Bauern in Afrika ihre Produkte nicht loswerden" - na so was! Erst werden über Jahrzehnte afrikanische Lebensverhältnisse für die Weltmarkttauglichkeit der Rohstoffe aus diesem Kontinent ruiniert und anschließend die bäuerlichen Restbestände für eine rudimentäre Agrarproduktion reanimiert; gleichzeitig, in einer ganz anderen staatlichen Liga, werden mit staatlichen Subventionen in Europa die Weltmarktambitionen der EU vorangebracht und dafür Produktion und Konsumtion ganzer Weltgegenden geopfert. Vielleicht liegt ja doch solchen "schwankenden" Preis- und Lebensverhältnissen der einfache Tatbestand zu Grunde, dass das (Über)leben der Menschen im Kapitalismus einen Preis hat...

Mit solchen Erklärungen der Resultate kapitalistischen Geschäfts mit Lebensmitteln wollen sich dessen Agenten gar nicht abgeben. Stattdessen wird beklagt, auf dem Weltmarkt passten Angebot und Nachfrage leider nicht so recht zusammen. Damit wird das falsche Bild eines Mechanismus aufgemacht, dessen Teile man nur wieder ins rechte Verhältnis zueinander bringen müsste, um die als Missverhältnisse dingfest gemachten Zustände zu beenden - zum Segen des Geschäfts und zum Wohl der Weltkonjunktur. Deren Wohlergehen wird als allererste Voraussetzung für eine Chance auf die Beseitigung von Hunger ausgegeben. So einfach verwandelt sich unter der parteilichen Sichtweise der politischen und theoretischen Sachwalter des Weltmarkts der Welthunger in ein Weltkonjunkturproblem samt seinen kapitalistischen "Lösungen".

3. Vor allem aber ist der Hunger ein "Ordnungsproblem" - sagen die zuständigen Beaufsichtiger des weltweiten Elends. Nicht, dass sie bei der Bewältigung dieses "Problems" nicht einiges an Routine besäßen - ihr Globus ist voll Potentaten, die in Sachen Gewaltbedarf gegenüber der Bevölkerung bestens ausgerüstet sind - aber die Zahl der Kandidaten wächst. Weltaufsichtsbehörden wie der IWF und die führenden imperialistischen Nationen machen neuerdings 20-30 Staaten, die bislang im relativ "störungsfreien" Mittelfeld der 3. Welt angesiedelt wurden, als neue potentielle Ordnungsfälle aus. Die Durchfütterung der Massen in dem gewohnt armseligen, ruhestiftenden Umfang sehen sie gefährdet. Und das ist eine Bedrohung, nicht etwa für die Lebensbedürfnisse der betroffenen Bevölkerung, sondern eine Bedrohung der vorhandenen geschäftsnützlichen Herrschaftsverhältnisse vor Ort - und das erzeugt Handlungsbedarf bei den erfolgsverwöhnten Akteuren des Weltmarkts.