« vorige nächste » Die Sendung vom 06. August 2008

Obamamania

Warum jubeln 200.000 Leute in Berlin dem US-Präsidentschaftskandidaten zu?

Vor gut einer Woche gab sich der Präsidentschaftskandidat der Demokraten aus den Vereinigten Staaten in Berlin die Ehre. Barack Obama bereiste Verbündete und amerikanische Kriegsschauplätze. In Europa machte er u. a. in Berlin Halt und hielt dort die einzige programmatische Rede zur amerikanischen Außenpolitik auf dieser Reise. Was er in Berlin entfacht haben soll, ist seitdem unter der Bezeichnung Obamamania bekannt, übrigens nicht nur in Deutschland, sondern auch bei den europäischen Nachbarn. Mania- Manie, das heißt ja so viel wie Verrücktheit und ist vielleicht wirklich keine schlechte Kennzeichnung dessen, was sich da in Berlin beim Besuch von Herrn Obama abgespielt hat. Bloß - was uns stutzig macht, diese Kennzeichnung dessen, was sich da abgespielt hat, als Verrücktheit ist allseits ausgesprochen positiv gemeint.

Da kommt also ein Ami-Kandidat, der sich nach allgemeiner Auskunft von seinem Besuch in einigen Hauptstädten der Welt für seinen Wahlkampf daheim eine Aufwertung seines schwachen Standings in puncto Außenpolitik und Durchsetzungsfähigkeit verspricht. In Berlin hält er eine Rede - und 200.000 Leute gehen hin, jubeln ganz aus freien Stücken besser als die sprichwörtlichen Jubelperser und finden, wenn sie danach gefragt werden, den Mann einfach klasse. Und das, obwohl sie ihn gar nicht wählen dürfen und von ihm gar nicht regiert werden können. Die Amis in Europa, die sich Obama mal aus der Nähe ansehen wollten, waren ja gewaltig in der Minderzahl gegenüber den vielen Berlinern und deutschen Touristen. Darunter ganz viel Jungvolk, das sonst unter dem Verdacht der "Politikverdrossenheit" steht und sich deutsche Parteiversammlungen nie antun würde.

Für uns vom Gegenstandpunkt Grund genug, sich damit zu befassen, was es mit dieser Obamamanie eigentlich auf sich hat. Sicher: Die deutschen Obama-Fans haben wahrscheinlich mitgekriegt, dass da der Mann vorbeischaut, dem gute Chancen prognostiziert werden, zum künftigen Präsidenten der Weltmacht Nr.1 gewählt zu werden. Bei einem anderen, x-beliebigen Staatsgast - und davon gibt es in Berlin genug - wären sie nicht massenhaft aufgelaufen. Vielleicht haben sie auch die hiesigen politischen Kalkulationen mitbekommen, dass Deutschland mit seinem eigenen weltpolitischem Ehrgeiz mit einem Ami-Präsidenten Obama besser fahren könnte, der sich umgänglicher gibt als der als arro-gant verschriene Mr. Bush, der selbst auf die Auffassungen seiner Bündnispartner keine Rücksicht nimmt.

Bloß: Von solchen oder anderen politischen Inhalten war auf der Berliner Obama-Fanmeile, wo die Fans ja von den Medien ausgiebig nach den Gründen für ihre Begeisterung gefragt wurden, einfach nicht die Rede. Die können also auch nicht der Grund für die Begeisterung sein. Zumal viele der Befragten laut eigenem Bekunden die Rede Obamas gar nicht richtig hören konnten. Begeistert waren sie trotzdem. Überhaupt scheint die Begeisterung, die das Land erfasst hat, ziemlich unabhängig zu sein von den politischen Positionen, für die dieser Ami-Politiker steht.

Daraus ergeben sich für uns bei der heutigen Sendung zwei maßgebliche Gesichtspunkte:

a) Warum diese Begeisterung für diesen fremden Staatsgast und wofür?

b) Was ist denn von diesem Mann so Erbauliches zu erwarten? Mit welchen politischen Ideen wirbt er denn eigentlich für sich?

Die besagten politischen Kalkulationen können höchstens so was wie die Vorgeschichte der Berliner Begeisterung darstellen; auch wenn der Top-Filmstar der 'Berlinale' sich die Ehre gegeben hätte, hätte der nicht so viele Leute bewegt wie der aussichtsreiche US-Präsidentschaftskandidat, der Machtmensch. Bloß andersherum: Darin, wie die Leute ihre Begeisterung für Obama ausgedrückt haben, kommt der Machtmensch mit seinen politischen Positionen, Zielen und Methoden überhaupt nicht vor! Viel eher Zeug, was beim Filmstar angesagt wäre: 'Wie ein Popstar; ein klasse inszeniertes Event; der Mann kommt an - bei mir und bei so vielen anderen; der Mann hat Charisma; das ist ein cooler Typ, da bin ich ein Fan von; da muss man dabei gewesen sein, da kann man noch seinen Enkeln davon erzählen' - das waren so die Erläuterungen für ihre Begeisterung. Halt ungefähr so, wie die Leute in ihrer Eigenschaft als 'Fans' sich kurze Zeit vorher in der Fan-Meile der Fußball-EM wohlgefühlt haben - die war ja just genau am selben Ort wie der Obama-Auftritt.

Die Medien haben diese Stimmung mit der passenden Stimmungsmache unterstützt ("BILD" setzt die GI-Frisur Obamas per Fotomontage deutschen Politikern von Merkel bis Westerwelle aufs Haupt mit der Schlagzeile "Wer macht uns den Obama?"). Alle sind sich einig, dass von unseren Politikern so was Begeisterndes nicht ausgeht - was ist denn jetzt der bloß der Inhalt der Begeisterung, wenn von den bestimmten politischen Inhalten, für die Obama steht, abstrahiert wird? Wovon sind die Berliner Fans, wenn sie sich auf der Fanmeile als Fans von Obama outen?

Der Mann wird a) als Politiker für glaubwürdig befunden, weil er b) so menschlich rüberkommt. In seinem Fall heißt das: 'Jung, dynamisch, nicht verkrustet, was man schon an seiner Hautfarbe sieht; sympathisch; nahe bei den Leuten, geht joggen und noch im Luxushotel ins Fitness-Studio; kann die Leute begeistern; hat Visionen' - welche, spielt in dem Moment keine Rolle, wo die Leute an der von Wahlkampfstrategen ausgetüftelten Inszenierung eines Machtmenschen als Mensch die Geschmacksfrage aufmachen: Kann ich dem als Mensch vertrauen; würde ich ihm einen Gebrauchtwagen abkaufen (oder heutzutage: einen Hypothekenkredit)? 'Geschmacksfrage' ist da durchaus ernst zu nehmen: Die an Obama toll gefundenen Eigenschaften wie 'jung, unverbraucht' kann man genau so gut negativ deuten: 'unerfahren, unüberlegter Heißsporn’ etc (genau so ist die Tour des Obama von seinen politischen Konkurrenten Hillary Clinton und McCain dem geneigten Publikum ja auch ausgedeutet worden).

Das ist gute demokratische Sitte und jedem Wähler wohlvertraut: In ihrer Eigenschaft als demokratische Untertanen, die Herrscherfiguren über sich ermächtigen dürfen, sehen sie von deren Herrschaftsprogramm ab und auf angebliche menschliche Qualitäten hin. Aber bloß, um sich daran der Vertrauens- und Glaubwürdigkeit der Figur zu versichern, die sie zur Herrschaft ermächtigen - auf die sie also doch hinsehen. So geht die Kunst demokratischen Führerkults von unten her: Die Untrigkeit imaginiert sich den Kandidaten für die Staatsmacht mal eben als Familienmitglied oder Gebrauchtwagen- oder Hypotheken-Verkäufer - aber bloß als Entscheidungshilfe zur Auswahl des politischen Führers, also weil sie den Unterschied des in der Wahl vorliegenden Herrschaftsverhältnisses zu einem Privatverhältnis, wo die Kategorie Vertrauen allenfalls ihr Recht hat, genau kennt. So dialektisch können ganz normale Menschen als Wähler locker denken.

In einer Hinsicht kommt es noch besser, nämlich bei den Berlinern, die ja in Sachen Obama gar nicht wahlberechtigt sind, insofern auch keinen Anlass haben, sich einer bevorstehenden Wahl wegen die obigen herrschaftstreuen Gedanken zu machen. Sie haben mitgekriegt, dass Obama mit seiner auf die US-Wähler gemünzten Masche daheim gut ankommt, seine parteiinterne Konkurrentin - man erinnere sich: das war Hillary Clinton - schon mal ausgestochen hat und vor McCain in Führung liegt. Dieser Mann behauptet sich bisher erfolgreich in der Konkurrenz um das Amt des mächtigsten Mannes der Welt - und dieser Erfolg reicht offenbar dafür, dass sie in Berlin dem Obama ganz begeistert seine Hauptparole "Yes, we can" nachbrüllen, auch wenn sie noch nicht mal in der armseligen Rolle des Wählers gefragt sind, also auch noch nicht einmal ein Wahlkreuz für ihn machen können.

Was wollen die sich obamaman aufführenden Massen eigentlich mitteilen? Wenn sie "yes, we can" schreien, interessieren sie sich doch gar nicht dafür, was da wer kann. Es gibt ja in der Öffentlichkeit - wenn überhaupt eine - dann die folgende kritische Stellungnahme zu dieser Parole: Bisweilen heißt es, diese Parole "yes, we can" sei ja völlig inhaltsleer. Diese Kritik teilen wir nicht. Sicher: wer diese Kritik äußert, dem ist aufgefallen, dass das, was das jemand kann, überhaupt nicht vorkommt, überhaupt nicht benannt wird. Aber inhaltsleer, also nichtssagend ist sie deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil. Gerade in ihrer ganzen Abstraktheit - 'we can', ganz ohne 'what und was' - hat sie durchaus einen wuchtigen Inhalt. Gerade wenn kein konkretes Anliegen, kein bestimmtes Vorhaben genannt wird, dann ist klar, dass alles gemeint ist, was die Nation sich vornimmt. Schließlich ist mit dem 'wir' im "we can" zuallererst einmal der Mann gemeint, der sich da für das höchste Amt in Amerika zur Wahl stellt. Mit dem 'we' sind ja wirklich nicht die Berliner Bürger vor der Siegessäule gemeint. Die sind übrigens auch gar nicht auf diesen Propagandaruf gekommen. Den haben sie sich ja vorsagen lassen, und in ihrem Munde klänge der auch ziemlich lächerlich. Bei Obama dagegen nicht, weil klar ist, wer damit gemeint ist: ein Mann, der jetzt schon Macht hat und noch mehr Macht will. Mit dem 'we' bezeichnet sich Obama selbst als zukünftige Inkarnation des nationalen Willens, als zukünftiger Repräsentant des mächtigsten politischen Amts, der das aktuelle 'we', das der alte Führer Bush repräsentiert, ablösen will. Wenn also Obama mit dieser Parole antritt, dann ist auch klar, was damit gemeint ist. Dann umfasst sein "we can" gerade alle Anliegen und Vorhaben in Amerika und auf der ganzen Welt, die die Supermacht verfolgt, an deren Spitze er gelangen will. Und da steht ja bekanntlich allerhand auf dem Programm.

Also von wegen inhaltsleer. Wenn sich da einer um höchste Amt der Supermacht bewirbt, ist auch klar, was er können will, wenn er im Pluralis majestatis kund tut, dass er kann. Eben alles, was dieses Amt verlangt. Wenn Obama gebetsmühlenartig seinen Schlachtruf wiederholt, dann ist der Inhalt arschklar:

1.nämlich die Nation, die Führernation allemal, wie sie ist, kann alles, was sie will, noch viel besser, wenn sie

2.den unfähigen und unwürdigen alten Führer, der abgewirtschaftet hat, durch einen neuen ersetzt, der den Willen zum nationalen Erfolg ganz glaubwürdig verkörpert, und der

3.darin glaubwürdig ist, dass er die Wählermassen, die er für seine Wahl braucht, für sich begeistert, so dass dann

4.kein Löschblatt mehr zwischen den Führer und seine Gefolgschaft, die ihn zum Führen ermächtigt, mehr passt.

Wenn also die von der Ami-Wahl nicht betroffenen Berliner diese Parole "yes, we can" begeistert nachschreien, obwohl sie nichts in der Hand haben und über nichts entscheiden, was Obama kann und können will, dann tun sie zuallererst einmal ganz unabhängig von einer tatsächlich anstehenden Wahl ihr politisches Bedürfnis kund. Mitten in der schönsten Demokratie äußern sie mit ihrem Personenkult um Obama nichts Minderes als die Sehnsucht nach einem Führer, dem man begeistert folgen kann. Einem, der - wie es heißt - 'die Menschen anspricht' und 'sie mitnimmt' - nämlich auf einen Kurs, den er bestimmt. Und bei dem man als sowieso gehorsamspflichtiger Untertan auch noch das Gefühl hat: 'Das bringt’s, mit dem durch dick und dünn zu gehen.'

Die Berliner, die die US-Wahl gar nichts angeht, geben öffentlich zur Kenntnis, dass sie das Bedürfnis nach einem 'charismatischen Politiker' spüren. Sie erklären, ihn in Obama gefunden zu haben, indem sie zu ihm hinrennen und ihm bescheinigen, was für ein toller Typ er sei, ein Visionär und so sympathisch. Ein charismatischer Politiker ist einer mit 'Ausstrahlungskraft', einer der beeindruckt, dessen Bann man sich nicht entziehen kann. Man merkt schon an dieser Kennzeichnung, wenn man das nur so dahinsagt, dass da eine Verwechslung vorliegt. Wer einem Politiker bescheinigt, charismatisch zu sein und deshalb hinter ihm herzulaufen, der tut doch glatt so, als ob sein Bedürfnis nach einem Führer, von dem er sich beeindrucken lassen will, doch glatt eine persönliche Eigenschaft des Führers sei, so dass er gar nicht anders könne, als ihm zu folgen. So kompliziert geht demokratisches Untertanenbewusstsein. Mit den Eigenschaften, die für Obama genannt werden und für ihn sprechen sollen, halten die jubelnden Massen es ihm zugute, dass er in ihnen den Wunsch nach einem feinen Führer erzeugt hätte - den sie als demokratische und dabei führerbegeisterte Untertanen in Wirklichkeit doch ganz von selbst entwickeln.

Ich will diesen Gesichtspunkt noch einmal verknüpfen, mit dem,was über das Bedürfnis nach einem glaubwürdigen Führer gesagt wurde:

Die Eigenschaften, mit denen Obama charakterisiert wird - von jung und dynamisch bis visionär und sympathisch - haben mit dem Politiker und seinen Vorhaben rein gar nichts zu tun. Es sind Gesichtspunkte, die - sagen wir es einmal so - in der privat-menschlichen Sphäre angesiedelt sind. Es sind übrigens Gesichtspunkte, die nichts darüber sagen, was der Mensch will und kann, sondern nur etwas darüber, wie derjenige, der das Urteil fällt, ihn findet. 'Sympathisch', 'toll', 'dynamisch' sind keine Urteile über eine Person, sondern über die Stellung des Urteilenden zu dieser Person. Damit wird gesagt: Ich finde ihn toll, sympathisch usw. So dass die Stellung des Urteilenden als Eigenschaft des Beurteilten daherkommt. Das ist schon immer eine saublöde Verwechslung, aber bei der Beurteilung eines Politikers ein ernsthafter Fehler.

Ich schlage dagegen folgenden Gedanken vor: Wenn ich als Untertan, wählender oder nicht wählender, schon Material der Herrschaft bin, dann leiste ich mir doch nicht den Luxus zwischen den Herrschaften oder Kandidaten auf die Herrschaftsposten geschmäcklerische Unterschiede zu machen, wen ich jünger und dynamischer oder erfahrener und besonnener finde, sondern beurteile lieber, was sie vorhaben und wie ich dabei verplant werde.

Die Obamamanen sehen das anders - und die stehen ja hier nur als Beispiel für mündige Bürger. Wenn der Obama so ein toller Typ ist, dann geht die Tatsache, dass er die Herrschaft übernimmt, ja wohl voll in Ordnung. Was die dann vorhat, ist eh schon abgehakt. So bescheinigt der demokratische Untertan der Herrschaft, dass sie seinen Ansprüchen genügt, so dass sie letztendlich als die Erfüllung der Bedürfnisse ihrer Untertanen erscheint.

Wer sich so mit seiner Herrschaft auseinandersetzt, versöhnt sich mit ihr - Hauptsache, der Richtige ist an der Macht. Das ist jedenfalls - ganz ungeachtet von bestimmten politischen Themen, die Obama vertritt und die manche gut finden und andere nicht so gut - der politische Skandal an der hiesigen Obamamania: Dass Demokratie und Führerkult ein Widerspruch wären, ist also wirklich ein haltloses Sozialkunde-Gerücht.

Dieser Befund wird bestätigt durch die politische Experten-Debatte darüber, wie man jetzt zur deutschen Obamamanie stehen soll. Ein paar einschlägige Einfälle in Auswahl:

1. Klasse, dieser amerikanische Menschenfischer; die Menschen, junge sogar, sind also doch für Politik zu begeistern!

2. Ein Ami begeistert sogar Deutsche - da könnte man glatt neidisch werden, dass bei uns weit und breit kein solch durchschlagender Führer in Sicht ist! Kann man überführen in:

3. Ist das nicht vom deutschen Standpunkt aus besorgniserregend, wenn die Deutschen ihren Führerkult austoben? Und dann an einem Ami? Da muss man schon mal anmerken: Die begeisterten Deutschen werden sich schon noch umschauen, wenn Obama. dann an der Macht ist, den wirklichen Notwendigkeiten der Macht Rechnung trägt und z. B. Deutschland in Afghanistan stärker einspannt. Ganz Skeptische zitieren sogar die neidische Stellungnahme der US-Republikaner, statt in der Pfalz stationierte US-Soldaten zu besuchen, habe Obama sich lieber mit "kriecherischen Deutschen" abgegeben. Führerkult sollte doch wohl tunlichst den eigenen Führern zugute kommen!

4. Der 'Spiegel' bringt alles unter einen Hut: Es war nur zu berechtigt, dass die BRD nach den Erfahrungen mit Hitler den Führerkult tabuisiert und lieber Langweiler an die Staatsspitze gebracht hat. Aber das ist 60 Jahre her, hat ein 'charismatischer-Führer'-Vakuum und 'Poltikverdrossenheit' erzeugt - so dass das heutige Deutschland erstens den Bedarf nach politischen Messias-Figuren hat und sich solche zweitens längst verdient hat. Dem politischen Sachverstand ist jedenfalls keinesfalls unbekannt, in welchen Bereich man sich bei der Obamamanie und ihrer Bewertung bewegt. Ihm kommt es bloß so vor, als sei Führerkult ein zutiefst menschliches Bedürfnis.

Und was soll man nun von Obamas Politik halten, der Sache nach? Aus dem ersten Teil kann man ja bereits folgenden kritischen Befund mitnehmen: Der Nachfrage demokratischer Untertanen nach unwiderstehlichen Führerfiguren liefert Obama eines der Angebote. Und zwar ganz überlegt und kalkuliert und inszeniert mit einem Riesenaufwand an Geld und Werbung. Da stilisiert er sich dann z. B. in puncto 'charismatischer' Führungsqualität als der neue John F. Kennedy, der ja als das Sinnbild eines politischen 'Hoffnungsträgers' gilt, zu dem kein Untertan nein sagen kann.

So hat er sich denn auch in Berlin präsentiert, als ein Mann, der sich ganz in der Tradition aller amerikanischen Präsidenten sieht, die sich dem - wie er es ausdrückt - "Schicksal" gestellt haben. Auch Obama beherrscht die Kunst derjenigen, die die größte Militärmacht der Welt kommandieren, ihre politischen Vorhaben und Ziele als historischen Auftrag darzustellen, dem sie nicht ausweichen können. So beginnen immer Kriegsreden - und die von Obama in Berlin stand ganz in dieser Tradition. Die erste Hälfte seiner Rede erinnerte an historische Etappen im Niederringen des von der Sowjetunion angeführten Blocks der Staaten des Realen Sozialismus - von der Berliner Luftbrücke als Beginn des 'Kalten Krieges' bis zum Fall der Berliner Mauer als dessen Ende. Da damals bekanntlich die Front an der Grenze zwischen BRD und DDR verlief, liebten es amerikanische Politiker, hier ihre Feindschaftserklärungen gen Osten programmatisch und publikumswirksam zu formulieren. Kennedy, der anno 63 bei der Kuba-Krise den dritten Weltkrieg vom Zaun gebrochen hätte, wenn die UdSSR nicht so nachgiebig gewesen wäre, und ersatzweise dann den Vietnam-Krieg angefangen hat, wird von Obama in Berlin ebenso als Vorbild zitiert wie der Oberhäuptling aller Kalten Krieger, Ronald Reagan. Der hat bekanntlich mit so feinen Programmen, wie dem Totrüsten des damaligen Feindes der USA im Osten, mit der Lancierung des heute von Bush mit den Polen und Tschechen vereinbarten Raketenschutzschilds und mit der Androhung eines Atomkriegs die Sowjets zum Kapitulieren gebracht hat. In dieser Tradition sieht sich Obama, erinnert an den Sieg über die alten Feinde im Osten und verspricht seinen Zuhörern. dass er die aktuellen Feinde der USA mit ebensolcher unerbittlichen Konsequenz und mit dem besten Gewissen der Welt bekämpfen will, wie dies seine illustren Ahnen aus dem Weißen Haus mit den früheren Feinden Amerikas getan haben.

Der "Kampf gegen den internationalen Terrorismus" ist auch Obamas erster und wichtigster Programmpunkt. Seine Differenzen zu George Bush oder McCain beziehen sich auf Schauplätze und Methoden der Kriegführung. Er wirft ihnen Dilettantismus vor und Verrat an Amerikas Recht auf das Gewinnen von Kriegen. Was manche Leute als (zumindest vergleichweise) friedliche Politik Obamas wahrnehmen - so soll er ja laut Umfragen in Deutschland die besten Ergebnisse bei den Anhängern der Grünen und der Linkspartei bekommen -, ist der Sache nach die Verlegung von x-tausend US-Soldaten vom Irak nach Afghanistan, wo sie nach Obamas Urteil besser am Platz sind, um den Weltmacht-Interessen der USA mit der gebührenden Militanz zur Durchsetzung zu verhelfen.

Obama lässt keinen Zweifel daran: Amerika ist befugt, die Ordnung auf der Welt zu diktieren und - wo und wenn sich Widerstand regt - mit aller erforderlichen Konsequenz und Härte durchzusetzen. Die Aufgaben, die er dabei in Angriff zu nehmen gedenkt, sind keine anderen als die, die auch heute schon auf der Agenda der Supermacht stehen. Obama zitiert sie alle: von einem Nahostfrieden, der Israels Suprematie zementiert, über den Irak, Afghanistan und die Denuklearisierung des Iran bis zur Klimapolitik. Für alles ist Amerika an erster und oberster Stelle zuständig. Obama wörtlich: "Wir müssen der Welt den Stempel aufdrücken."

Und was um Himmels willen braucht die Welt jetzt auch noch einen jungen, unverbrauchten Leader, wo doch der alte die ganze Welt mit eben diesem Programm schon genug traktiert hat? - Obama selbst gibt die Antwort: Unter Bush hat Amerika vergessen, dass es eine Kraft ist zu integrieren. Im Klartext: Bush hat es nicht vermocht, die Verbündeten entsprechend in dieses Programm mit einzubinden, also in die Pflicht zu nehmen. "Yes, we can!" - ein guter Grund, diesem Früchtchen zuzujubeln, oder was?!

Schließlich noch ein Blick auf das Urteil über O., das die politischen Experten hierzulande, politische Macher und Öffentlichkeitsmacher, aus ihrem interessierten Blickwinkel heraus fällen. Dieses fällt betont zweideutig aus: Bei O. kann man als 'Mittelmacht' vom Schlage Deutschlands mit mehr Berücksichtigung rechnen; dafür droht man aber auch mehr eingespannt zu werden.

Der Beurteilungsmaßstab ist eindeutig, und den sollte man sich als Betroffener deutscher Politik mal auf der Zunge zergehen lassen: Ist der neue Chef in spe der Weltmacht Nr.1 eine gute oder nicht so gute Bedingung; nämlich dafür, wie viel Macht und Einfluss - nicht zuletzt auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt - Deutschland auszuüben imstande ist. Dieses Deutschland misst sich unentwegt an den Interessen, der Macht und der Reichweite der Haupt-Weltmacht, und fragt sich von diesem Standpunkt aus höchst interessiert, was ein O. im Weißen Haus für deutsche Weltpolitik bedeuten könnte.

Die gute Nachricht, die man diesbezüglich in Berlin vernommen haben will, heißt: O. ist bereit, dem Umstand Rechnung zu tragen, dass den USA ihr Irak-Krieg nicht zufriedenstellend von der Hand geht, und will den "Unilateralismus" der Bush-Regierung so nicht fortsetzen, sondern die Verbündeten konsultieren und ihnen mehr Mitsprache einräumen. Nämlich wobei - bei den elementaren Fragen von Krieg und Frieden, über Einsatz und Methoden von Kriegführung und "Nation building" und welches Verhältnis dazwischen der eigenen Nation am besten zusagt. Mitbestimmung dabei - das ist das Credo von 'Machtprojektion' made in Germany.

Und dass mehr deutscher Einfluss in diesen Fragen keineswegs weniger Krieg bedeuten muss, wie wohlmeinende Gerüchte besagen, sieht man an der zweiten Hälfte deutscher Begutachtung dessen, was von O. zu erwarten wäre – nämlich mehr aktive deutsche Kriegsbeteiligung mindestens in Afghanistan! Schließlich, so nimmt man in Berlin wahr, verlangt O. dafür, dass er die Verbündeten am imperialistischen Entscheidungsprozess teilhaben lässt, mehr Kriegsbeteiligung und mehr "Lastenteilung" - mehr, als man das aus der deutschen Interessenslage heraus derzeit selber beabsichtigen würde.

Das sind also so die Freuden und Drangsale, die deutsche Weltpolitiker dem Umstand entnehmen, dass O. aussichtsreich fürs Amt des Chefs der USA im Rennen liegt: Einerseits könnte mehr Mitentscheidung in imperialistischen Kernfragen winken, andererseits die Instrumentalisierung deutscher imperialistischer Kernkompetenzen wie der Bundeswehr drohen. Dazwischen die national zuträglichste Verlaufsform zu ermitteln, das ist der Job der Merkel, Steinmaier und Jung.

Alles garantiert kein Grund, weder den 'langweiligen' deutschen Führern noch dem 'begeisternden' neuen Ami-Star als nationale Manövriermasse zu dienen…

Der Beitrag ist ein Mitschnitt der Sendung Forum GegenStandpunkt auf RadioX Frankfurt vom 04.August 2008