Kritischer Sachverstand zu Arbeit und Armut (Teil 1)
Wer hat nicht schon die folgenden Sprüche sich anhören müssen:
- "Wer Arbeit hat, ist nicht arm!"
- "Lohnnebenkosten vernichten Arbeitsplätze!"
- "Armut sozialstaatlich betreut - ist fast nicht mehr vorhanden!"
Dass auf "uns" harte Zeiten zukommen, wenn die Finanzkrise so richtig auf die sog. "Realwirtschaft" durchschlägt, das wird in unserer ordentlichen demokratischen Öffentlichkeit nicht verschwiegen und schon gar nicht beschönigt. Man erfährt sofort wer die Hauptleidtragenden sind:
a) der "Standort Deutschland" - dessen bisher ziemlich unschlagbarer Reichtum in Sachen Kapital und nationaler Größe wird fraglich
b) ""die Wirtschaft", deren Schlagkraft in Sachen nationaler Kapitalakkumulation und internationalen Konkurrenzerfolgen steht auf dem Spiel. Harte Zeiten deswegen auch für die
c) "Arbeiternehmer". Deren Arbeitskraft wird, wieder mal, als ein kapitalistischer "Produktionsfaktor" in Visier genommen, der sich wie immer und jetzt erst recht - es ist ja nach dem Aufschwung (dieses zarte Pflänzchen durfte man seinerzeit durch "überzogene Lohnforderungen" nicht gefährden) nationale Notlage angesagt - jede Erinnerung an: von Lohnarbeit will man leben - abzuschminken hat. Und nicht zuletzt die prognostizierten massenhaft steigenden Ausfälle aus dem Heer der nationalen Arbeiterarmee, die
d) Arbeitslosen: deren angekündigte Armut firmiert in der Besprechung durch national verantwortliche Kommentatoren als "Katastrophe" - allerdings als Katastrophe in Sachen Krisenbewältigung wegen mangelnder Kaufkraft und als potentielle Gefahr für den "sozialen Frieden"...
Die öffentliche Sorge um "die Zukunft unserer Wirtschaft" weiß also auch in dieser "noch nie dagewesenen Krise" schon wieder sehr genau zu unterscheiden zwischen den Nutznießern dieses Systems und seinen Opfern, den Arbeitern und Arbeitslosen, Hartz4lern - eben allen, die die Armutsstatistiken und Armutsberichte bevölkern. Für deren öffentlichkeitswirksame ideologische Besprechung braucht die "freie demokratische Presse" ihr Repertoire an scheinbar lauter unhinterfragbaren gültigen Weisheiten nicht mal auszutauschen - damit hat sie die kapitalistische Welt aus Lohnarbeit, Armut und Reichtum schon immer ziemlich intensiv und erfolgreich bedient! Hantiert wird dabei im Wesentlichen mit folgenden Weisheiten: "Wer Arbeit hat, ist nicht arm!" "Lohnnebenkosten vernichten Arbeitsplätze!" "Armut sozialstaatlich betreut - ist fast nicht mehr vorhanden!" Aber der Reihe nach:
1.
"Wer Arbeit hat, ist nicht arm!"
Da kennt man sich aus in den Redaktionen der seriösen Presse: Die Armutsgrenze verläuft zwischen dem untersten Bodensatz der Gesellschaft und denen, die in der Gesellschaft angekommen und aufgehoben sind. Und wer Arbeit hat, der gehört dazu, ist angekommen, kann also (!) nicht arm sein. Völlig ignorant gegen die Art und Weise, wie ihre wunderbare Marktwirtschaft funktioniert, schreiben sie diese tröstliche Botschaft jahrein, jahraus in ihre Leitartikel. Und das ist einigermaßen erstaunlich:
- Man erwartet zwar nicht, dass sie ernsthaft dem Gedanken nahe treten könnten, dass Armut aus der Lohnarbeit erwächst, ja notwendigerweise zu ihr dazugehört
- Aber dass sie auch noch angesichts der Tatsache, dass es hierzulande massenhaft Leute gibt und demnächst noch mehr geben wird, die selbst von einem Vollzeitjob nicht mehr leben können und in ihren eigenen Blättern als die neuen "working poor" besprochen werden, denen das Loblied des "Armutsschutzes Arbeit" zu singen, das ist zynisch. Zweitens macht es einiges deutlich über die Logik dieses Urteils: "Arbeit schützt vor Armut" - es ist ein Vorurteil: Es steht eben längst vor jeder Beurteilung fest und lässt sich auch durch die härtesten Fakten aus der realen Welt der Ökonomie nicht erschüttern. Wenn die Realität nicht zum guten Urteil über sie passt, werden die Fakten einfach nicht zur Kenntnis genommen oder gnadenlos unter die schon längst feststehende Botschaft subsumiert: Es geht nichts über Arbeitsplätze, gerade für arme Leute ist nichts wichtiger. Deswegen ist jeder Euro, der von Staats wegen für diese Leute ausgegeben wird, gerade für die armen Leute selber von Übel. Womit wir bei Dogma Nr. 2 wären
2.
"Lohnnebenkosten vernichten Arbeitsplätze!"
Diese Weisheit halten alle, die sie liebend gerne zitieren, sowieso für ein unumstößliches ökonomisches Faktum. Mal dahingestellt, ob es überhaupt die Regel ist, dass Unternehmer auf die Benutzung von Arbeitern verzichten, weil die Sozialabgaben zu hoch sind. Die Kommentatoren, die ununterbrochen vor zu hohen Lohnnebenkosten warnen, sind sich völlig sicher, dass sie den Geist der unternehmerischen Kalkulationen erwischt haben. Und sie finden überhaupt nichts dabei, dass sie bei diesem Geist felsenfest davon ausgehen, dass der Lebensunterhalt der Arbeiter für Kapitalisten ein einziges Geschäftshindernis ist. Sie leisten sich im Gegenteil den Zynismus, die Abhängigkeit der Lohnarbeiter von ihrer Ausbeutung als guten Grund dafür zu unterstellen, dass sie den Rechnungen der Unternehmerseite im eigenen Interesse zuzustimmen haben - wer überhaupt Arbeit hat, soll gefälligst dankbar sein, dass er sie bekommen hat und mit dieser Demutshaltung jeden Lohn und jede Lohnsenkung abnicken.
So gesehen ist jeder Euro, den Unternehmer für Arbeitslöhne aufwenden müssen, zuviel, auch wenn es sich nur um den Lohnbestandteil handelt, den der Staat für seine Sozialkassen verstaatlicht hat, um die Arbeiterklasse insgesamt für die "Wechselfälle" des proletarischen Lebens halbwegs abzusichern - eben auch für den "Fall" Arbeitslosigkeit, den das Kapital seinen geschätzten Mitarbeitern also mit schöner Regelmäßigkeit beschert. Für die schreibende und laut nachdenkende Zunft der Apologeten dieses Systems allerdings kein Grund für den leisesten Zweifel an diesem Laden. Für sie steht völlig außer Frage:
3.
"Armut sozialstaatlich betreut - ist fast nicht mehr vorhanden!"
Denn genau genommen gibt es die Armut nicht mehr, wenn man sie nur mit ihrer Bekämpfung zusammen denkt, was dann so gestanzte Sätze ergibt wie: Der "deutsche Sozialstaat reduziert durch seine ausgiebige Umverteilung das Armutsrisiko wirksam". Wo man "ausgiebige" Bekämpfung der Armut entdeckt, da ist die zu bekämpfende Armut selbst ziemlich aus dem Blick der Redaktion verschwunden. Wo sie ansonsten einen jeden Euro, der fürs Soziale "umverteilt" wird, für einen Euro zu viel halten, loben die Zeitungsleute die gezahlte Armutsstütze als "Beweis des humanisierenden Sozialstaates". Wenn die armen Schlucker hierzulande nicht einfach ihrem einkommenslosen Schicksal und der Mildtätigkeit der Straße überlassen werden, dann kann man erstens nicht mehr von Armut, sondern bestenfalls von einem "reduzierten Armutsrisiko" sprechen und dann ist zweitens deswegen doch wohl ein gesunder nationaler "Stolz auf die egalisierende Verteilungswirkung des Abgaben- und Steuersystems" angebracht.
Also: In der deutschen Öffentlichkeit ist man es ziemlich leid, dass Armut mit Versagen des Kapitalismus und des Sozialstaates assoziiert wird, statt Zufriedenheit mit dem eigenen Gemeinwesen empfinden zu dürfen. In der öffentlichen Armutsdebatte vermissern Zeitungen eben diese affirmative Übereinstimmung und Zufriedenheit mit der Nation schwer bei all jenen sogenannten "Skandalisierern" und "Gutmenschen", die mit "Deutschland ist ein reiches Land" anfangen und dann miesmacherisch bei der Armut als Schande für Deutschland landen. Umgekehrt gilt: "Deutschland ist ein reiches Land" und damit basta! - darauf können dann selbst seine Armen stolz sein, die, so ideologisch betreut, letztendlich auch keine wirklich Armen mehr sind...