Die demokratische Öffentlichkeit bespricht die Krise (Teil 3)
"Die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor."
Vielleicht ein bisschen blumig ausgedrückt, aber was der Kapitalismuskritiker Marx schon 1848 wusste und sagen wollte, wird schon klar: Es ist eine Schande für die Menschheit, dass die von ihr veranstaltete Wirtschaftstätigkeit unter dem Kommando des Kapitals so abläuft, als wäre sie von blinden Naturgewalten beherrscht; und das, obwohl diese Gesellschaft Naturbeherrschung und Produktivkräfte immens vorantreibt. In der Tat, ein vernichtendes Urteil über den Kapitalismus und die Krisen, die ihm immanent sind. Wie recht der alte Marx von 1848 mit seiner Kritik gehabt hat, dass im Kapitalismus die menschlichen Lebensverhältnisse sich den Menschen wie blinde Naturgewalten darstellen, dafür gibt die Krise von 2008 jede Menge Beispiele her.
"Die Finanzwelt bebt - weltweit"
"'Finanz-Tsunami', 'Börsenbeben', 'Bankensterben': Die Bezeichnungen für die weltweite Schieflage des Finanzsektors sind kreativ. Alle weisen auf dasselbe hin: Die Welt wird nach der Krise nicht mehr so sein, wie sie einmal war." (Bild, 18.9.)
Dass da ein Ungemach größten Kalibers passiert ist, muss jedem Bild-Leser unmissverständlich klargemacht werden: Irgendwie ist da in Amerika etwas geschehen, was mit der Wucht und Unabänderlichkeit einer Naturkatastrophe über die Menschheit hereingebrochen ist. Zwar haben Naturkatastrophen wie Tsunamis und Erdbeben einfach nichts Gemeinsames mit einer Finanzkrise. Derartige Bilder mit ihren Natur-Metaphern legen aber die Perspektive fest, unter welcher der 'einfache Mann' von der Straße das Ganze zu betrachten hat: als ebenso Ahnungs- wie Machtloser erfährt er von Zuständigen und Experten, was da Unausweichliches auf ihn zukommt. Zuerst soll man sich das Unfassbare vorstellen, das passieren kann und offensichtlich als die Katastrophe gilt: "Die Finanzkrise hat Börse und Banken platt gemacht - und damit auch ein ganzes Land." Dagegen hat ein Bild-Leser nichts aufzubieten; er ist ja von seinem Leib- und Magenblatt ewig und drei Tage in der Haltung des Betroffenen bestärkt worden, der gegen die Wucht nichts ausrichten kann, mit der ihn die Machenschaften aus den Führungsetagen der Gesellschaft treffen. So präpariert, erfährt der Bild-Leser dann freilich aus der Bild-Redaktion genau denselben Übergang, den FR-Redakteure hingelegt haben: Zum guten Glück für den 'kleinen Mann' naht in der Krise auch das Rettende, nämlich in Gestalt der staatlichen Zwangsklammer der kapitalistischen Gesellschaft. Und die hat ja hoffentlich genug Macht, um - nach den Worten von Frau Merkel - mit dem Finanzkapital auch "die Bürger" zu retten. Die Bürger sind schließlich abhängig vom Funktionieren des Marktes, also auch des Finanzmarktes - und so lange sie diese Abhängigkeit für einen ausreichend guten Grund halten, sie sich gefallen zu lassen, geben sie praktisch gesehen Frau Merkel ja sogar recht.
Die Schuldigen, Gier, usw.
1. a) Diese inszenierte ohnmächtige Auf- und Abregung angesichts der Wucht unabänderlicher Ereignisse ist aber nur die eine Hälfte der Pflege eines gesunden Volksempfindens in Krisenzeiten, dem sich Bild- und andere Zeitungen widmen. Die andere ist die Erregung öffentlicher Empörung über die Schuldigen, welche diese Katastrophe verursacht haben. Das gute demokratische Volk soll schließlich praktisch alles mitmachen, aber genau dafür soll es sich ideell mit zuständig wissen; und dazu bekommt es von Bild und einem Professor den richtigen Weg der Kritik gewiesen.
"Verzocken Banker unseren Wohlstand?"
"Der Fall der einst hoch angesehenen Investmentbanken zeigt drastisch, wohin ungezügelte Gier von Bank-Managern führen kann. Die Finanzmarktakteure haben sich im ganz großen Stil verspekuliert. Hochriskante, gefährliche Geschäfte aus Gier nach mehr sind die Ursache."
Aha: "Die zügellose Gier der Banker" zeichnet für das Zuviel der Blasen und Türme verantwortlich, die jetzt einstürzen. Und worauf richtet sich die Gier, die aus dem Banker kommt? Auf immer mehr Gummibärchen oder vielleicht Diamantketten, um den Bedürfnissen der höheren Stände gerecht zu werden? Nein, so verrückt darf man sich diese Leute natürlich nicht vorstellen; es ist schon die Gier nach Geld, die sie umtreibt. Bloß: Wenn Geld das Objekt der Begierde ist, welches andere Bedürfnis soll man denn danach entwickeln als - immer mehr davon? Wir müssen uns schon etwas wundern, wenn Sachverständige, für die es absolut in Ordnung geht, dass es in einer Wirtschaft allein auf die Vermehrung von Geld ankommt - also auf einen Zweck, der in sich kein Maß hat - sich daran machen, am systemkonformen Erwerbssinn der Akteure, den sie gleichfalls für menschennatürlich halten, eine Scheidelinie zu ermitteln; die dann sogar gleich noch eine zwischen gut und böse sein soll. Und wo, bitte schön, ist denn das nachvollziehbare Maß zwischen 'verdientem Entgelt für verantwortungsvolle Betriebsführung' und 'Gier'? Selbst die 500.000 Euro, die der Finanzminister in sein Bankenrettungspaket als ungefähre Sollgröße für Managergehälter bei zu rettenden Banken hineingeschrieben hat, erscheinen uns, wir können uns nicht helfen, noch immer recht willkürlich - obwohl sie ja von Amts wegen kommen. Es ist gar nicht zu vermeiden, dass man in solche kleinen Kalamitäten kommt, wenn man statt nach Gründen nach Schuldigen sucht, also von der - in diesem Fall ökonomischen - Sache absieht und "den Menschen" oder eine bestimmte Sorte Menschen dafür haftbar macht.
b) Die böse Anklage 'Gier'!, die ideell die Gemeinten quasi aus der Gemeinde der Rechtschaffenen ausschließt, ist andersherum gerade sehr erpicht auf die Vorstellung einer nationalen Gemeinschaft wohlmeinender Pflichterfüller, die alle Gegensätze zwischen den sozialen Klassen hinter sich lässt: "Gierige" Banker sind welche, die ihren allgemeinwohldienlichen Auftrag verfehlen. Umgekehrt sollen sie also, bitte schön, anständig und deswegen erfolgreich wirtschaften, lautet der Antrag - schließlich geht es um "unseren Wohlstand", gerade so, als wäre der kapitalistische Reichtum eine Art Gemeinschaftsprodukt, für das alle Beteiligten ihre Pflicht zu tun haben. Zwar bringt es die Mehrheit mit ihrer Arbeit gar nicht zu dem beschworenen Wohlstand, den die Manager da angeblich verspielen. Aber gerade weil sie ihre Pflichten ehrlich und bescheiden erledigt, kann sie von der Wirtschaftselite verlangen, dass auch die das Ihre leisten und ihr Geschäft der Geldvermehrung gefälligst solide betreiben. Statt dessen aber sackt die pflichtvergessene wirtschaftliche Führungselite "Provisionen" ein, obwohl sie der Gemeinschaft die Leistung schuldig bleiben:
"Banker haben alles dafür getan, um Geld zu generieren. Je mehr, desto höher die eigenen Provisionen. 'Perversion des Leistungsprinzips', nennt Prof. Dr. Rudolf Hickel von der Universität Bremen diese Entwicklung. Über die Millionen für die Pleite-Manager sagt er: 'Es ist ein Skandal, dass die Leute, die Mist bauen, dafür auch noch fürstlich entlohnt werden.'"
Eine sehr volkstümliche professorale Auskunft: Wer nicht das Seine leistet, hat auch nichts verdient, das gilt auch für die, die gar keine Arbeit leisten, sondern managen! All diese Vorwürfe an die Geldelite sind trefflich zugeschnitten für die Sichtweise von 'unten'. Da kann das Volk, für das im kapitalistischen Alltag die Rolle der schweigenden und arbeitenden Manövriermasse vorgesehen ist, einmal ganz radikal die Position des Klägers einnehmen, kann von 'denen da oben', die ihm ansonsten alles anschaffen, die über den Reichtum und die wirtschaftlichen Mittel gebieten, von denen es abhängt, lautstark Verantwortung einfordern, ihre Unfähigkeit und Unredlichkeit anprangern - und kriegt damit von berufenen Stellen in der Krise auch noch recht.
2.
a) Doch aufgepasst: Nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten, wenn jetzt Spekulantenschelte 'in' ist! Schließlich darf unsere verantwortliche Wirtschaftselite nicht generell verunglimpft werden; wo kämen 'wir' da denn hin, wenn uns keiner sagen würde, wo es in der Wirtschaft lang geht - nämlich unter dem einzig senkrechten Gesichtspunkt der Rentabilität. Da wären wir aber aufgeschmissen!
Das Moderieren der Spekulantenschelte, in der 'Spekulant' mit 'verwerflich' zusammengedacht wird, geht natürlich in zwei Richtungen: 1.) Sind wir nicht alle kleine Spekulanten, also ein bisschen verwerflich? Und 2.) Es sind gar nicht alle Spekulanten verwerflich. Beides wird bedient. Variante 1 z.B. im Feuilleton der SZ vom 23.9. unter der Überschrift "Wir Schuldenmacher":
"Der derzeit kursierende moralische Hinweis auf die 'Gier', welche an der Börse zuletzt ausschließlich regiert habe, ist so zutreffend wie nutzlos. Das Problem ist nicht die Gier. Gierig ist jedermann, vom kleinen Schnäppchenjäger bis zum Vorstandsvorsitzenden; ohne Gier würde das Wirtschaftsleben über den Naturaltausch nicht hinausgekommen sein."
Der Mann kennt also eine gute Gier; nämlich die, welche seiner Auffassung nach die Geldvermehrungswirtschaft beflügelt. Zur Begründung, mit der er für das Bereicherungsinteresse der Geldbesitzer wirbt, bemüht er eine klassenübergreifende allgemeine Menschennatur, der, klar!, niemand auskommt. Auf seinen Vorteil ist schließlich auch derjenige bedacht, dessen Geldbeutel so knapp bestückt ist, dass er nach dem Billigsten sucht, oder! Und der leistet nach SZ-Auskunft mit seinem Verhalten genauso wie der Kapitalist in der Chefetage sogar einen wertvollen Beitrag zum Fortschritt der Menschheit: Ohne Gier würden wir heute alle noch in den Bäumen hocken! Also: Berufsstand Spekulant entlastet, und zwar durch seine Haupteigenschaft als Mensch wie du und ich.
b) Die umgekehrte Stoßrichtung führt uns dieselbe SZ vom selben Tag, bloß an anderer Stelle vor: "Sicherheit wird es nie geben. Gewinne und Spekulationen sind nicht von sich aus verwerflich. Sie sind Triebkraft unserer Marktwirtschaft."
Das muss klar sein und bleiben: Die Kapitalisten mit ihrem Geschäftssinn sind grundsätzlich zu bewundern und nicht zu verdammen. Sie treiben mit all ihren Geschäften schließlich unser System voran. Und insofern ist ihre 'Gier' nach immer mehr Geld , so sie mit ihren Gewinnen "die Marktwirtschaft" ordentlich voranbringen, keine Schande, sondern eine Tugend.
Die Bild-Zeitung vom 29.9. schreibt es uns quasi wie einen Katechismus-Spruch ins Stammbuch: "Die liberale Marktordnung hat Millionen Menschen Wohlstand gebracht und darf nicht leichtfertig infrage gestellt werden."
Diesen Grundsatz muss der Mann aus dem Volk, der schließlich von der Marktwirtschaft lebt, schon noch beherzigen, wenn er sich gerechterweise über unanständige Banker aufregt. Beim Thema Gerechtigkeit muss man eben immer fein differenzieren und darf nie übers Ziel hinausschießen! Und dafür, dass uns das gelingt, haben wir ja unsere öffentlichen Meinungsbildner, die sich voll Verantwortungsbewusstsein schwer ins Zeug legen.