« vorige nächste » Die Sendung vom 11. März 2009

Neues vom Bundespräsidenten: Dringender Aufruf ans Finanzkapital: “Weitermachen!”

Das Bankenwesen genießt zurzeit keinen guten Ruf. Die Öffentlichkeit will bei den in die Krise geratenen Banken plötzlich ein verantwortungsloses Herumspekulieren in einer Art ”Casinokapitalismus” als Grund ihrer Maläse entdeckt haben. Sie will sogar ausfindig gemachte Verantwortliche schon mal als ”Bankster” hinter Gitter bringen. Genauso bei der Politik, die Bank- und anderen Managern unzulässige Selbstbereicherung vorwirft und über eine irgendwie gerechte Obergrenze für Managergehälter und andere Boni nachdenkt. Vorbei sind die Zeiten, als so mancher Bankvorstand zum Manager des Jahres gekürt wurde und sich neben der Politik im Rampenlicht sonnen konnte. Seitdem klar ist, dass die Finanzmarktkrise keine vorübergehende Episode und noch lange nicht ausgestanden ist, müssen sich Ackermann und wie sie alle heißen, vorhalten lassen, dass es ihnen beim Nachgehen ihrer Geschäfte ”nur noch um die Maximierung der Rendite” gehe (so für viele der Bundespräsident im Spiegel vom 13.10.08).

Von einem, für den die Marktwirtschaft über alles geht und der jeden Morgen seinem Herrgott dankt, dass der Sozialismus abgewirtschaftet hat, möchte man schon gern mal wissen, was am Maximieren von Rendite so verdammenswert ist. Dass sich eine Investition, sei es in eine Fabrik oder in eine Bank für deren Eigentümer irgendwie lohnen muss, gehört doch zum gültigen geistigen Gemeingut. Das wird immer wieder damit bebildert, dass die Menschheit noch auf den Bäumen hocken würde, wäre es dem dafür zuständigen Unternehmertum nicht erlaubt, seinem Bereicherungstrieb nachzugehen.

Wenn es bei dem nun einmal aufs Geldvermehren ankommt, wo soll denn da die Grenze sein, ab wann eine bewundernswerte Rendite zur moralisch verwerflichen mutiert? Was soll man mit einer Rendite denn anderes machen, als sie zu maximieren, wie es ja auch in jedem einschlägigen Lehrbuch der Betriebswirtschaft steht. Darum dreht sich schließlich die Konkurrenz der Kapitalisten: In der werden Renditen verglichen, und der Kapitalist mit der höheren ist der Konkurrenztüchtigere, der mit der niedrigeren ist gefährdet. Eine Rendite nicht maximieren zu wollen, hieße, sich aus der Konkurrenz zu verabschieden. Wenn es für den ökonomischen Sachverstand so selbstverständlich ist, dass in dieser besten aller Wirtschaftsformen der oberste Zweck ist, Geld zu vermehren, dann wird es ihm auch nach heftigstem Nachdenken nicht gelingen eine Scheidelinie anzugeben, bis zu welchem Prozentsatz eine Rendite wohlwollend zu begutachten und ab wann sie für etwas schlechtes zu halten ist.

Die üble Nachrede, die die Banken sich zur Zeit gefallen lassen müssen, gibt es nur, weil es mit der Rendite ganz schlecht ausschaut und die Banken - und nicht nur die - auf der Kippe stehen. Vorher waren doch alle voll des Lobes über Risikobereitschaft und Unternehmergeist der Banken. Wohlwollend wurde zur Kenntnis genommen, dass die deutschen Banken internationalen Vergleichen standhalten konnten und dem Finanzplatz Deutschland Respekt verschafften. Da kam keiner auf die Idee, der Finanzwelt moralisches Fehlverhalten vorzuwerfen. Insbesondere erfreulich war, dass die gewinnmaximierenden Banken die „Versorgung der Realwirtschaft mit Krediten” ganz ausgezeichnet erledigten. Dafür, dass das nicht mehr klappt, hört man jetzt immer dieselbe, und zwar die dämlichste Erklärung. /

Dämlich weshalb? Die erste Hälfte dieser Erklärung besteht in der Behauptung, die Banken hätten ”übertrieben”. Was haben sie ‚übertrieben‘? Eben das, was so prima geklappt hat. ”Zuviel des Guten!” – diesen Spruch soll man sich einleuchten lassen und sich das ungefähr so vorstellen: Mitten im schönsten Gewinnemachen hätten die Banker an den nächsten Spruch denken sollen: ”Alles Gute hat eine Ende”, daraufhin ihre Rendite runterfahren und ihr Institut gegenüber der Konkurrenz zurückfallen lassen – woran sie natürlich im Traum nicht dachten, weil sie sich damit selbst geschädigt hätten. Die Banken haben sich also nicht an die – angebliche! – Geschäftslogik „Rechtzeitig aufhören!” gehalten, und das soll ihr Fehler gewesen sein.

Dieser Fehler – so die zweite Hälfte der Erklärung – kommt zustande durch menschliches Versagen. Der Bank-Mensch soll einem Trieb gefolgt sein, der ihn gegen die – angebliche! – Geschäftslogik ”Rechtzeitig aufhören!” blind werden ließ. Was vorher die zivilisatorische Leistung des Gewinnstrebens war – ohne es wären „wir alle“ immer noch in der Steinzeit - heißt nun plötzlich „Gier"; oder in den Worten des Bundespräsidenten: ”Ein Teil der Finanzbranche kultivierte das Zocken.” Wenn man dazu ‚Volksverdummung‘ sagt, ist das noch milde ausgedrückt.

Was Köhler als nächstes vorschlägt, ist auch nicht besser. Er beschwört die Banker: ”Besinnen Sie sich wieder auf die Tugenden des soliden Bankiers – und ich sage bewusst Bankier und nicht Banker.” Woran bei dieser seltsamen Unterscheidung ein und desselben Berufsstandes – einmal auf französisch und einmal auf englisch – erinnert wird: Im Gegensatz zum angloamerikanische Banker, der ausschließlich seine Rendite im Blick hat, ist der französisch ausgesprochene Bankier für Köhler einer, der seiner eigentlichen Verantwortung gerecht wird. Von denen fordert er eine Neubesinnung auf ihre Rolle als ”Treuhänder derer, die ihnen ihr Erspartes anvertraut haben”, und sie sollen wieder ihrer ”Funktion als Dienstleister” vor allem für ”unsere Mittelständler” gerecht werden. Die Bank ist ein ”Treuhänder”, dem ”Geld anvertraut” wird?

Erstens landet das Geld der Gesellschaft automatisch und notwendiger Weise bei den Banken, was schließlich jeder von seinem Konto und dem darüber abgewickelten Zahlungsverkehr kennt. Denkt man zweitens bei einem Treuhänder an einen, der uneigennützig die Interessen eines anderen vertritt, dann ist es lächerlich, wenn Köhler die Bank als ‚Treuhänder‘ bezeichnet. Da kann sie ja gleich zumachen. Schließlich sind für sie Geldannahme und –verwaltung die Basis ihrer Kreditvergabe und dafür da, ein Geschäft für sich verbuchen zu können. Die ”Treuhänder”-Idee von Köhler taugt nur für eins: Nachdem er vorher den Banker gescholten und misslingendes Geschäft auf eine schlechte Menschennatur geschoben hat, schiebt er nun gelingendes Geschäft der guten Menschennatur des Bankiers in die Schuhe – nach der großen Schimpfe wirbt er also für Vertrauen in diesen Berufsstand, besser: die große Schimpfe ist gerade dafür da, sich dem Bankier aufs Neue anzuvertrauen.

Darauf will Köhler hinaus, wenn er den “Dienst” der Banken für den “Mittelstand” anmahnt. Das klingt so, als sollten sie bescheiden ins zweite Glied zurücktreten und die Geschäftswelt von ihrem “übertriebenen” Renditewahn verschonen. Der “Dienst” ist aber nichts anderes als der Kredit, hinter dem der “Mittelstand” her ist. Den braucht er, um sein Geschäft zu erweitern - wie die großen Unternehmen, die sein Vorbild sind, weiß er, dass die Größe des Kapitals die Waffe in der Konkurrenz ist, je mehr Kredit, desto besser. Und das gar nicht bescheidene Ziel, das er damit - wie Unternehmen aller Größenordnung - verfolgt, ist die Maximierung der Rendite. Dafür sind die Banken unverzichtbar - womit klar ist, dass die moralische Verdammung des Bankgewerbes das Gegenteil einer Kritik oder gar einer Absage an es ist. Die Forderung, es solle gefälligst wieder seinen “Dienst” erfüllen, ist in Wahrheit die Forderung, es solle sein Geschäft möglichst schnell und möglichst umfangreich wieder in Gang bringen, endlich wieder Renditen hinlegen, dass es brummt, so dass dann die so genannte “Realwirtschaft” mit jedem nur denkbaren Kredit ausgestattet werden kann und ebensolche Renditen hinlegt. Um es noch einmal zu sagen: Das Geschimpfe auf den “Renditewahn” gibt es nur, weil das Bankgeschäft eingebrochen ist, und es klagt nichts anderes ein, als dass die Banken genau so wieder funktionieren, wie man es vorher für ganz toll gehalten hat.

Die Moral, mit der Köhler seine europäische Bankenmannschaft belämmert, ist so schlicht wie einfältig und auf den gemeinen Menschenverstand gemünzt: Seid redlich und mehret den Reichtum! Gemeint ist: Das Geschäft in Deutschland, eures in erster Linie, soll wieder – erfolgreich – laufen! Gegen letzteres hatten die versammelten Ackermänner noch nie was einzuwenden; und ihrem Beruf als Geldvermehrer gehen sie weiterhin nach, ohne sich um dessen englische oder französische Sprechweise zu kümmern…

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Streit um Veranstaltung zum Gaza-Krieg in Nürnberg (mp3-Aufnahme)

Stadt bot Verfassungsfeinden ein Podium – so titelte die Nürnberger Nachrichten am vergangenen Wochenende einen Artikel. Eine Veranstaltung der „Redaktion der politischen Vierteljahreszeitung Gegenstandpunkt“ zum Gaza-Krieg am letzten Donnerstag im K4 sorgte für Aufruhr. Oberbürgermeister Maly bewertete die Inhalte von Gegenstandpunkt als „schrecklich dummes Zeug“. Er sieht mit solchen Veranstaltungen das Ansehen der Stadt gefährdet. Als Konsequenz überlegt er städtische Mietverträge zu überarbeiten. Es soll ein Passus eingeführt werden, damit umstrittene Veranstaltungen verhindert werden können. Im Vorfeld lies die Stadt die Veranstaltungsankündigung von Gegenstandpunkt juristisch im Hinblick auf den Tatbestand der „Volksverhetzung“ prüfen, Fehlanzeige, der Text ist strafrechtlich unrelevant. Einzig und allein KuKUQ- Chef Mathias Strobel sieht das ganze gelassener, es sei nur eine Veranstaltung zur politischen Bildung über den Krieg in Gaza gewesen, und eine Gruppe die im Verfassungsschutzbericht auftauche müsse nicht gleich in die Nähe von Terroristen gestellt werden.

Welche Position der "Gegenstandpunkt" eigentlich zum Gaza-Krieg vertritt und warum es um ihre Veranstaltung so einen Wirbel gibt, wollten wir genauer wissen. Karin Raab hat nachgefragt. Sie unterhielt sich für die Sendung "Stoffwechsel" im "Radio Z" mit Peter Decker von der Redaktion „Gegenstandpunkt“ .

(Über das CD-Symbol oben rechts kann die Aufnahme als mp3 in zwei Teildateien herunter geladen werden)

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