2. Thema: Der "Amoklauf" von Winnenden
Demonstrationsaufruf zum 28.03.: WIR ZAHLEN NICHT FÜR EURE KRISE!
Ihr wollt nicht für die Krise des Kapitals zahlen? Dann tut es auch nicht!
Tatsächlich bezahlt ihr längst! Und die Demonstrationsaufrufe benennen das auch: Wenn die Märkte einbrechen, wenn in Industrie und Handel die Geschäfte schrumpfen, dann wenden die Unternehmen Schaden von ihren Bilanzen ab, indem sie ihn an ihre Arbeitskräfte weitergeben: Sie entlassen, verordnen Kurzarbeit, senken Löhne. Sie passen ihre Kosten an die verminderten Geschäftsgelegenheiten an und verteidigen ihre Gewinne. An dieser Front findet der Kampf darum statt, wer in welchem Maß Opfer zu bringen hat dafür, dass das Wachstum wieder in Gang kommt und die ganze kapitalistische Scheiße von vorne losgeht. Wer sich die Rolle als flexibler Kostenfaktor nicht mehr gefallen lassen will; wer es satt hat, in Zeiten der Konjunktur mit flexibler Arbeitsbereitschaft für das Wachstum der Profite bereit zu stehen und in der Phase der Schrumpfung die Firmenbilanzen durch Lohnverzicht zu sanieren, der kommt um eine Kündigung seiner Rolle als Ware Arbeitskraft nicht herum. Die Aufrufe zu dieser Demonstration schimpfen kräftig auf den Kapitalismus und fordern ein anderes Wirtschafssystem, das Mensch und Natur dient aber den Kampf um die Abschaffung des Kapitals, den finden sie nicht für nötig.
Zitat aus dem gemeinsamen Aufruf: Zeit für Systemwechsel - Für eine solidarische Gesellschaft. Die Entfesselung des Kapitals und der erpresserische Druck der Finanzmärkte haben sich als zerstörerisch erwiesen. Ein anderes Wirtschaftssystem ist notwenig.
Eine sehr wuchtig klingende Forderung - ein merkwürdiger Systemwechsel allerdings, den sich die Demonstranten vorstellen. Merkwürdig insofern, als all die Figuren, die in der schlechten alten Gesellschaft das Sagen haben und deren Profitmacherei all die aufgezählten Übel von der Armut in Europa und in der Welt bis hin zum Klimawandel verursacht haben, - all diese Charaktere sind in der geforderten solidarischen Gesellschaft gleich wieder mit an Bord:.
- Die Reichen und die Millionäre zum Beispiel. Die gibt es auch im neuen System und sie bleiben auch Millionäre: Schließlich will man ihnen eine Sonderabgabe auf große Vermögen und eine Millionärssteuer aufbrummen. Damit so die Vorstellung - sollen die staatlichen Unkosten der Bankenrettung gemindert werden.
- Auch die Banken müssen natürlich gerettet werden! Auch sie sind in der solidarischen Gesellschaft unverzichtbar. Schon deswegen, weil die Finanzkapitalisten ihren gerecht großen Beitrag zum großen Topf der Krisenbewältigungs-Kosten beisteuern sollen. Aber nicht nur deswegen:
Die Banken haben sich auf der Suche nach immer höheren Renditen von einer Dienstleistungsrolle für die Realwirtschaft gelöst und mit ihren Geschäften den Kollaps des ganzen Finanzsystems riskiert. Als Schlüsselbranche im Kapitalismus gehören sie unter öffentlichen Kontrolle. Dabei geht es nicht darum, nur bankrotte Banken zu verstaatlichen, sondern gerade darum, finanzstarken Instituten demokratische Kontrollmechanismen aufzuzwingen."
- Bankenrenditen losgelöst von der Realwirtschaft pfui, Bankenrenditen mit Kreditvergabe an die Realwirtschaft hui! Klar, wer auf Banken und deren Dienstleistungsrolle steht, der will logischerweise finanzstarke Institute. Als solche sollen sie dann wieder loslegen mit ihrem Gewerbe, aus ihrer Verfügung übers Geld der Gesellschaft per Zinsgeschäft mehr Geld zu machen und damit, gesetzlich geschützt und beauftragt, den ganzen Laden zu einer Maschinerie des Geldverdienens herrichten! Vermögende Banken sollen sein nur so können sie schließlich den geschätzten Dienst an der Realwirtschaft erbringen: Kapitalvorschuss auf Kredit spendieren und Kapital braucht die arbeitende Bevölkerung in den Augen von Attac und Co ja wohl so nötig wie das tägliche Brot, oder?
- Und die Kapitalisten aus der Realwirtschaft die sind damit natürlich auch als nützliche Beiträger in der neuen Gesellschaft begrüßt. Als hätten die Unternehmer, die Autos, Gummibärchen oder Windräder produzieren lassen, dabei etwas anderes im Sinn als immer höhere Renditen!
Es zählt nicht, dass der ökonomische Zweck der Realwirtschaft sich von dem der geschmähten Finanzgeier in nichts unterscheidet: Auch beim Produzieren und Verkaufen geht es darum, aus Geld mehr Geld zu machen. Die Produktion von Kühlschränken, Medikamenten, Haferflocken alles sind gleichwertige Alternativen, Geld anzulegen, sofern gleiche Profite auf den Kapitalvorschuss zu erzielen sind. Die Güter werden erzeugt, wenn es sich lohnt, und ihre Erzeugung wird eingestellt, sobald sich ein rentableres Betätigungsfeld für das schöne Geld findet. In dieser Hinsicht sind die Kapitalisten ganz vorurteilslos: Die Produktion von was auch immer ist für sie Mittel ihrer Geldvermehrung. (Die großen deutschen Kapitale sind bekanntlich alle beides: FK und PK alle Autofirmen haben eine Bank.) Und wenn sie Arbeitsplätze schaffen, also Arbeit für die Herstellung gewinnträchtiger Waren anwenden, dann so, dass auch Gewinn herauskommt: Dann sind die Löhne knapp kalkuliert, die Arbeitstage lang und die Arbeitsstunden dicht. So sorgen sie für die Differenz zwischen Kosten und Verkaufspreisen, auf die es ankommt.
Das Realkapital, das echte Werte erzeugt, bekommt durch den Kontrast durch das Wörtchen Real lauter positive Eigenschaften: Dass es für seinen Profit Produkte herstellt und verkauft, dass es dafür Lohnarbeiter ausnutzt, sich den materiellen Lebensprozess der Gesellschaft unterwirft und ihn vom Gelingen seiner Bereicherung abhängig macht, das alles verkehren seine Liebhaber in einen Dienst des Realkapitals am Leben der Gesellschaft: Da wird auf Autos, Kühlschränke und Lebensmittel gedeutet, die Nützlichkeit der Produkte hervorgehoben und ignoriert, dass 1. all diese schönen Sachen Mittel der Gewinnproduktion sind und 2. die Gebrauchswerte auch nur dann in die Hände der Konsumenten gelangen, wenn diese über das nötige Kleingeld verfügen, diese auch zu versilbern.
Und die behauptete Idylle ist dann perfekt, wenn das Finanzkapital den von seinen linken Kritikern angemahnten gesellschaftlichen Dienst wieder erbringt und Kredite vergibt. Den sollen die Unternehmer dann verwenden und neben dem eigenen Profit noch den Zins für die Banken aus der Arbeit herauswirtschaften. Dann hat das Volk wieder die Arbeitsplätze, die es braucht und die Ausbeutung geht wieder ihren normalen Gang.
Nicht nur die Reichen und Mächtigen, auch die Armen und Abhängigen treten in der solidarischen Gesellschaft wieder in ihren alten Rollen auf: Wozu fordert man wohl einen Sozialen Schutzschirm, wenn man nicht davon ausgeht, dass es weiterhin ohnmächtige und schutzbedürftige Sozialfälle geben wird:
- einen Mindestlohn für die Beschäftigten im Niedriglohnsektor. Den Sektor soll es offenbar noch länger geben da haben die Aufruf-Autoren es dann schon nötig, sich von der SPD-Definition des für arme Arbeiter Zumutbaren mit einem aber bitte armutsfest abzugrenzen
- eine existenzsichernde Erhöhung der Hartz-IV-Sätze für die Langzeitarbeitslosen, die auch nicht weniger werden - mitsamt ihrer ewig unsicheren Existenz
- Sozialrente mit 65 statt mit 67 für die Alten, die in der Krise sowieso vor Erreichen der Altersgrenze aus den Betrieben gedrängt werden
Geht's noch bescheidener? Aber was soll man schon erwarten von einem Demonstrationsaufruf, der die Menschen vor Profite setzen, also die Rangordnung der beiden hohen Güter korrigieren will?
- Menschen vor Profite das ist überhaupt eine ziemliche absurde Parole, denn sie interessiert sich überhaupt herzlich wenig für die Frage, was die lieben Beschäftigten unter dem Kommando ihrer Anwender eigentlich produzieren nämlich Profit, um dann die Frage aufzuwerfen, wer damit was anfangen darf und kann. Menschen vor Profite da möchte man die Leute, die dies für eine sinnvolle Forderung halten, mal fragen: Haltet ihr wirklich für ergebnisoffen, was man mit Profiten macht? Ob man sie vor oder hinter Menschen stellt? Es ist schon extrem widersinnig,
- einerseits an einem Betriebsergebnis nichts zu finden, was gar nicht anders zustande kommen kann, als dass man den Lohn für den Lebensunterhalt seiner Produzenten minimiert, die Leistung die dafür abzuliefern ist maximiert, damit mit jedem Produkt ein anständiger Überschuss über den als Kosten verbuchten Produktionsfaktor Arbeit erzielt werden kann,
- und dann energisch darauf zu bestehen, dass mit diesem Profit ein sozialer Schutzschirm finanziert wird, der all das kompensieren soll, was seine Produktion kostet! Also lauter soziale Probleme löst, die es ohne Profit gar nicht gäbe! An solch einem radikal alternativen Schutzschirm weiß man wirklich nicht, was man mehr bewundern soll seine Bescheidenheit oder seine Widersinnigkeit
Angesichts dessen, dass der Lohn für seine Zahler Kost ist und deshalb für seine Empfänger Armut bedeutet, entdecken die meisten Demonstranten keinen hoffnungslosen Gegensatz sie sind der Auffassung, dass man mit einem Mindestlohn schon mal aus dem Gröbsten raus ist! Und wenn man feststellt, dass an diesen Schirm schon eifrig gebastelt wird und er vor allem die Existenz eines nationalen Niedriglohnsektors schützt, dann muss das auch nicht sein, wenn man sich ein bisschen doof stellt, das für eine Nebenwirkung erklärt, die eigentlich nicht sein müsste und ihn sich mit gesetzlichen Gütesiegel armutsfest wünscht.
- Wenn das Kapital sogar die Existenz streicht für diejenigen, die es für sein Wachstum nicht mehr gebrauchen kann, dann ja dann scheint für die kritischen Demonstranten Existenzsicherung offensichtlich schon der Einstieg in die Komfortklasse. Weg mit Hartz IV und Agenda 2010, für sofortige Erhöhung des Eckregelsatzes existenzsichernd und ohne Sanktionen gegen Erwerbslose. Überleben ist doch glatt vorgesehen in der besseren Welt, die möglich ist, wenn man die Profite nur an den richtigen Platz stellt. Wie groß dann das Abstandsgebot zu den bisherigen Eckregelsätzen sein muss, damit man den Übergang von einer Armutsverwaltung in eine solidarische Gesellschaft auch erkennen kann, wird dann wohl in den einschlägigen alternativen Forschungseinrichtungen ermittelt.
- Und wie schon oben mal erwähnt: für die aus Altersgründen Aussortierten haben die Autoren des Flugblatts auch noch die passende Forderung:
für armutsfeste Renten ohne Lebensarbeitszeitverlängerung. Heißt es dort und wieder kommt die abenteuerliche Dialektik zur Anwendung, dass die Alten es verdienen, mit unter den sozialen Schutzschirm genommen zu werden, weil die ja gerade die Erfahrung machen, dass ein 40 45 Jahre währendes Arbeiterleben unter dem Regime des Profits nicht die Mittel abwirft, die vor einem Abstieg in die absolute Armut schützen
Profit soll also schon sein, aber der Mensch darf darüber nicht vergessen werden! Mensch und Profit sollen koexistieren können, so ist es doch gemeint? Wie passt das dazu, dass Profit von vornherein auf Kosten der arbeitenden Menschen geht? Dass der gar nichts anders ist, als was der Kapitalist aus seinen Arbeitskräften herausholt?
Sieht so die andere Welt aus? Ist das das neue Wirtschaftssystem, für das man demonstrieren gehen sollte?
Nein, liest man, mit Mindestlohn, existenzsichernder Sozialhilfe, Rente mit 65 etc. ist die solidarische Gesellschaft noch nicht fertig. Das alles sind nur Sofortmaßnahmen, erste Schritte aber Schritte wohin? Die Demo-Aufrufe zählen viele Übel auf, die das kapitalistische Wirtschaften bei der Klasse der Lohnabhängigen verursacht, aber sie wenden sich nicht gegen das Kapital, sondern an den Staat, der dem Schaden Grenzen ziehen soll. Also an genau die Adresse, die mit ihrer politischen Macht durch die Garantie des Privateigentums die Wirtschaftsmacht des Kapitals in die Welt setzt, absichert und betreut. Von den Schäden, die das Kapital verursacht, gehen sie aus und tun erstens so, als gäbe es die von ihnen angeprangerte Gier der Finanzkapitalisten ohne den staatlichen Auftrag an seine Gesellschaft, das Geld in Privathand zu vermehren. (Vielleicht kann hier jemand einen Einwurf machen und das Gier-Argument mal kritisieren: Gewinn gut Gier schlecht mehr vom selben schlecht?! Oder an einer anderen Stelle.) Zweitens tun sie so, als wären alle Schäden, die sie dem Kapital anlasten, zu vermeiden, wenn die Politik sich anders dazu stellt. Ihr Vorwurf an die Politik lautet, dass diese bewusst die Deregulierung und Liberalisierung der Finanzmärkte vorangetrieben hat - die Politik hat den renditegierigen Managern und Finanzkapitalisten zu viel Freiheit gelassen , anstatt: diese demokratisch zu kontrollieren. Sie verdammen den reinen, entfesselten, ungezügelten, finanzgetriebenen, Kasino- und Turbo-Kapitalismus, und grenzen ihn von dem geregelten, gezähmten, sozialen Kapitalismus ab, den vor der Globalisierung gab und den sie im Rückblick ganz akzeptabel finden. Der Unterschied, der sie interessiert, fällt in alternative Strategien der Staatsmacht, ihren Kapitalismus zum Blühen zu bringen. Deregulierung ist rechts Regulierung ist links! Gefordert wird:
Der private Bankensektor muß gesellschaftlich kontrolliert und am öffentlichen Interesse orientiert werden. Die Steueroasen sind endlich zu schließen; Banken, die dort arbeiten müssen bestraft werde. Das weltweite Finanzsystem muß reguliert und demokratisch kontrolliert werden. Hedgefonds und andere spekulative Instrumente sind zu verbieten. Betriebe, die öffentliche Finanzhilfe bekommen, dürfen nicht entlassen. Die Beschäftigten brauchen Veto-Rechte bei grundlegenden wirtschaftlichen Entscheidungen.
Gesellschaftliche Kontrolle ist das Zauberwort, mit dem sich alles Schlechte des Kapitalismus zum Guten wenden lässt. Bankkrise und Fehlspekulation hätte es nie geben können, wenn ehrliche Geschäfte unter dem wachsamen Auge der Gesellschaft abgewickelt worden wären. Entsprechend hat man sich die andere Welt von Attac und Co vorzustellen:
Rating-Agenturen, aber immer - aber: vom Gewerkschaftssekretär mit VWL-Diplom gegengecheckt! Ein Attac-Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Bank mit Zuständigkeit für die Manager-Boni? Opel-Betriebsratschef und Co-Manager Franz rettet die Arbeitsplätze der Opelaner, wenigstens 18.000 von 25.000? Gegengutachter Rudolf Hickel als Wirtschaftminister? Und LA Fontaine als Finanzminister, der endlich das deutsche Steuerrecht auch in ausländischen Staaten durchsetzt!? Zins- und Spekulationsgeschäfte im Auftrag der Arbeiterklasse? Das wird gemütlich! Die propagierte andere Gesellschaft ist nichts anderes als ein weichgespültes Abziehbild der kapitalistisch-demokratischen Klassengesellschaft. Das ist nicht bloß naiv, sondern sehr ärgerlich, weil: verharmlosende Rolle des Staates:
Es wird die Vorstellung erweckt als wäre die ganze Latte von Einrichtungen, zu denen es der globalisierte Kapitalismus und seine nationalen Standortvorsteher gebracht haben - samt den Rollen, die darin für die Massen vorgesehen sind! - , so eine Art Dual Use-Güter, die man genau so gut zur Menschheitsbeglückung verwenden könnte wie zum Betreiben des Systems der Welt-Marktwirtschaft.
(Oder anders herum: Sind eure Auffassungen von Menschheitsbeglückung vielleicht gar nicht so anders? Uns kommt es so vor, dass eure Kritik am Kapitalismus sich ganz sachfremd reduziert auf einen (wie ihr euch ausdrückt) entfesselten Finanzmarktkapitalismus; und wenn der gefesselt wird - von den Kommandohöhen des bürgerlichen Staats aus und mit euch als Hilfstruppen? - , dann wäre die Welt viel sozialer, also schon leidlich in Ordnung. Das solls bringen für die sozialen Opfer, die Staat und Kapital doch auch nach eurer Diagnose immerzu produzieren, und zwar auf allen Märkten?!)
All die Anklagen an die Politik sind ein dickes Kompliment an den Staat der verfügt nämlich über lauter Systeme und Instanzen, die, richtig zum Einsatz gebracht, die Welt schon sozialer und gerechter machen sollen. All die Anklagen an die Macher des Staates sind gar nicht in der Sache begründet, die diese exekutieren. Was kapitalistische Staaten mit ihrer Kommandogewalt über Land und Leute ins Werk setzen und in Konkurrenz zu ihresgleichen vorantreiben, nehmen diese Kritiker nicht zur Kenntnis. Ihre schlechte Meinung von den Regierungen verdankt sich dem Maßstab, dass diese ihren eigentlichen Aufgaben nicht gerecht werden als wäre es die eigentliche Bestimmung der staatlichen Macht und Obrigkeit, die Menschheit zu beglücken! Ärgerlich, weil so der Untertanenglaube an die eigentlich guten Werke der Herrschaft bestärkt wird. So werden die Leute darauf eingeschworen, dass alle Notlagen, die sie in dieser Marktwirtschaft erleiden, ausgerechnet dem Garanten dieses Systems zur Betreuung angetragen!
Um den letzten Punkt noch mal deutlicher zu machen, noch ein anderes Zitat: Die Regierenden haben kaum gezögert, als es darum ging, Bankern, Groß-Aktionären und Managern mit Hunderten von Milliarden aus den Staatskassen zu auszuhelfen. Topbanker und Firmenchefs dieselben Akteure, die für die Krise verantwortlich sind, werden nun mit ihrer Lösung betraut. Die Betroffenen Arbeiterinnen, Arbeitslose, Arme erhalten indes keinerlei Unterstützung im täglichen Kampf um ihr Auskommen und sollen nun auch noch zur Finanzierung de Rettungspakete zur Kasse gebeten werden.
Die Beschwerde heißt: Der Staat hilft nur den Reichen, nicht aber den Schwachen, die er auch noch belastet. Da möchten wir schon mal dagegen fragen: Hat der Staat mit der Notwendigkeit des Kampf um ihr täglichen Auskommen nicht mehr zu tun als fehlende Hilfeleistung? Hat er nicht auch ein bisschen dafür gesorgt, das es einen Kampf ums täglichen Auskommen überhaupt gibt und dieser mit und ohne Finanzkrise zur Normalität des Arbeiterlebens dazugehört? Könnte man dann nicht mal fragen, warum das so ist? Vielleicht ist die Krise der Kapitalisten tatsächlich ein Gefährdung dessen was der Staat will: nämlich die produktive Vermehrung seines Geldes, die die Quelle seiner Macht ist. Wenn die Kapitalisten es wieder einmal zum System-Zustand Krise gebracht, dann versagen die Mittel ihrer Bereicherung tatsächlich ihren Dienst, und ihre Geld- und Kapitalmacht ist brachgelegt ein Zustand, der nicht mit umgewidmeten Manager-Boni zu beheben ist. Da braucht es vielmehr das politische Gewaltmonopol des Systems namens Marktwirtschaft, das mit seiner Macht der Macht des privaten Eigentums über Arbeit und Konsum die nötigen Mittel zuführt. Die Politik steht für die Sanierung des Finanzkapitals ein, nämlich wegen seiner systemischen, also fundamentalen Bedeutung für den Standort-Staat, und dafür machen die Standort-Vorsteher dessen menschliche Manövriermasse haftbar. Das ist die wuchtige sachdienliche Mitteilung aus den Chefetagen von Geschäft und Gewalt; und die ist doch von anderem Kaliber als die alberne Vorstellung von einem großen Topf zur gemeinschaftlichen Bewältigung der Krise, in den die Urheber mehr einzahlen als die unschuldig Betroffenen!
Letzte Woche gab es in der FAZ das ist das Vorreiterblatt zur Verteidigung des Kapitalismus einen Artikel zur Attac mit dem Titel Im Strudel des Mainstream. Zieht man einmal die Häme und Genugtuung der FAZ-Schreiberlinge darüber ab, der von ihnen verachteten linken Konkurrenz wieder einmal einen Abgesang zu attestieren etwas getroffen an dem, was die Attac-Mitveranstalter der Demonstration praktizieren, ist damit allemal: Vollends zu verwirren schien die Organisation, dass ihre ureigensten Forderungen wie jene nach einer Regulierung der Finanzmärkte und der Schließung von Steueroasen plötzlich von Politikern aller Parteien erhoben werden. (FAZ, 24.03)
So kanns gehen. Uns ist dies jedenfalls vor einiger Zeit schon aufgefallen, weshalb wir die Attac auch schon einmal den Aldi unter den Weltverbesserern bezeichnet haben (hier findet jeder krittelnde Geist ein Plätzchen und ein Angebot bis hin zu Heiner Geißler). Und daher ist anzunehmen, dass die zitierte Verwirrung auch nicht lange angehalten hat. Für die Attac und mit ihr sympathisierenden Vereinen sieht die Welt ja etwas anders aus: da hat man sich nicht im Strudel des Mainstream verirrt, sondern da bewegt sich die Welt v.a. die, die etwas zu sagen hat auf die linken Weltverbesserer zu:
In der Krise liegt unsere Chance, die Auseinandersetzungen für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen und Alternativen zum Kapitalismus wieder offensiv zu führen.
Und die Politiker aller Parteien hören jetzt so langsam die Signale, die ihnen die linken Weltverbesserer immer schon zugerufen haben der Krise sei Dank.
Schon jetzt ist klar: die Zeit ist reif für einen Systemwechsel.
Es ist Zeit für eine Wende.
Die Chance ist jetzt da, den Finanzmarktkapitalismus zu Grabe zu tragen! Es ist deutlicher als je zuvor, dass wir grundsätzliche Alternativen zum derzeitigen Wirtschaftssystem brauchen!
Und was wird da eigentlich deutlicher als je zuvor? Die kapitalistisch verursachten Schäden an Mensch und Natur sind doch keine Neuheit, sondern die in Kauf genommene und beabsichtigte Kosten für das Wachstum des Kapitals, das sich ausschließlich finanziell eben als vergrößerte Überschüsse in Geld bemisst. Für die Leute von Attac scheinen diese Schädigungen allerdings nur Indizien gewesen sein, Indizien dafür, dass der Laden einfach nicht klappen kann.
Wir können ein System schaffen, das funktioniert - das Mensch und Natur dient...etc."
Das lässt an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig, oder? Da sind diese Weltverbesserer die ganze Zeit den Gipfeln der Weltmächte mit dem Argument zu Leibe gerückt, wie schädlich das Funktionieren liberalisierter Finanzmärkte und entfesselten Kapitalismus für das Wohlergehen von Mensch und Natur sei und haben ausgemalt, wie viel einnehmender doch der Laden sei, wenn er sich auf seine bessere Natur besänne und sich die Ideale vom Dienst am Gemeinwohl auf die Fahnen schriebe. Damit sind sie auf keinerlei Resonanz gestoßen: Und jetzt? Jetzt fasst sich die ganze Kritik an den schädlichen Wirkungen der Geldwirtschaft zusammen in klappt doch nicht! Und umgekehrt liegt offenbar der ganze Betörungswert der besseren Welt in der Auskunft klappt hingegen prima! Es scheint so zu sein, dass sich diese Weltverbesserer wirklich für Krisengewinnler halten, weil sich die herrschende Klasse endlich blamiert hat! Bloß so richtig zugeben tut es die herrschende Klasse noch nicht.
Die Regierungsberater, Wirtschaftsvertreter und Lobbyisten sind nicht vor Scham im Boden versunken, sondern betreiben weiter ihre Interessenpolitik. Um Alternativen durchzusetzen
Demonstrationen am internationalen Aktionstag zum G20-Gipfel sind erst der Anfang.
Und das Ende? Fällt eigentlich an der solidarischen Gesellschaft niemandem auf, dass die Solidarität als gesellschaftliches Prinzip die dauerhafte Scheidung in Starke und Schwache unterstellt, dass diese Scheidung ein dauerhaftes Benutzungsverhältnis der einen durch die anderen beinhaltet? Das soll die Lehre aus der Krise sein? Bloß eine (nachhaltige ökologische) Gerechtigkeitswirtschaft, eine andere Weise Staat zu machen, also ein dauerhaftes und prosperierendes Herrschaftsverhältnis zu managen?
Wer nicht weiterhin zum Opfer von Krise und Krisenbewältigung gemacht werden will, wer in einem neuen Aufschwung nicht wieder Mittel des Profits sein will - der hat anderes zu tun, als mit einer Demonstration gesellschaftlichen Druck für einen sozialen Politikwechsel in Berlin aufzubauen.
Ihr wollt nicht zahlen für die Krise des Kapitals? Dann verweigert euer Mitmachen! Aber feilscht nicht mit der Regierung um Preisnachlässe bei der Bezahlung der Krisenlasten.
Der "Amoklauf" von Winnenden
Als vor knapp drei Wochen ein 17jähriger Jugendlicher in seiner ehemaligen Realschule sechs Mitschüler und drei Lehrerinnen erschoss, auf seiner anschließenden Flucht noch drei weitere Menschen abknallte und anschließend sich selbst das Leben nahm - da bewegte vor allem eine Frage die deutsche Öffentlichkeit: Wie wurde so ein netter Junge zum Amokschützen? (BILDzeitung vom 12.03.09). Es sei einfach unfassbar, wie ein junger Mensch, der als völlig ruhig und unauffällig galt, der nie aggressiv geworden ist und eher schüchtern war, sich und 15 weitere Menschen vom Leben zum Tod befördern konnte, und niemand weiß, warum (FAZ, 12.03.09).
1.
Im ersten Moment wurde in allen öffentlichen Verlautbarungen distanzloses Entsetzen bekundet:
.Wir stehen vor einer Situation, wo uns die Worte fehlen (evangelischer Landesbischof) unfassbare Tragödie (Kultusminister) eine grauenvolle und in keiner Form erklärbare Tat (Ba.-Wü.-Ministerpräsident Oettinger) Fassungslos, entsetzt und ratlos stehen wir da. Warum nur musste das geschehen? Uns fehlen die Worte. Wir haben keine Antwort. (ders.)
Das Gleiche wurde auf Plakaten am Ort des Geschehens auch mit einem einzigen Wort ausgedrückt Warum! Warum mit Ausrufezeichen! Dieses Warum war nicht als Fragewort gedacht, und das heißt, es soll nicht gefragt werden. So will man ausdrücken, dass es auf die Frage nach Gründen für die Tat keine denkbare Antwort gibt.
Das ist nicht wirklich ernst gemeint, wie man gleich sehen wird. Aber bei der Inszenierung von Betroffenheit, das bei Politikern, Kirchenmännern und anderen professionellen Kommentatoren quasi zum Berufsbild dazu gehört, gehören solche Floskeln wie unfassbar und unbegreiflich zum unvermeidlichen Repertoire. Allerdings: Anstatt daraufhin Ruhe zu geben, werden die eben noch Sprachlosen gleich im Anschluss daran sehr beredt. Die politisch Verantwortlichen hierzulande beginnen nämlich sofort nach der Tat mit der Suche nach Erklärungen; und da will keiner, der hierzulande politisch etwas zu vermelden hat, zu spät kommen, sondern mitmischen, um seine Sicht der Dinge und der notwendigen Konsequenzen gemäß seiner politischen Couleur zu Gehör zu bringen. Womit sich das sprachloses Entsetzen denn doch als ziemlich billige Heuchelei entpuppt. Experten wie Laien machen sich also an die Ursachenforschung; und darin zeigen sie mittlerweile schon fast so etwas wie Routine. Politiker, Zeitungsschreiber, Fernsehmoderatoren, Psychologen, Lehrer usw. - alle machen sie sich im Anschluss an die Tat daran, den ihnen wohlbekannten Katalog von Gründen für eine solche Tat abzuarbeiten und auf mögliche Treffer für den Fall Tim K. hin durchzusehen: Schule, Elternhaus, Hobbys und Freundeskreis werden gründlichst und ziemlich rücksichtslos durchleuchtet. Entgegen der beschworenen Ratlosigkeit sind die Zeitungen gleich am nächsten Tag voll mit Angeboten aller möglichen Erklärungen, die sich schon in vorangegangenen Fällen von school shooting - in Deutschland spätestens seit Erfurt 2002 und Emsdetten 2006 zur Bearbeitung der Frage nach dem Warum bewährt haben.
2.
Wenn der Amoklauf für die kommentierende Öffentlichkeit und die berufenen Experten nämlich wirklich unbegreiflich wäre, dann ließe sich dazu tatsächlich nicht mehr und nicht weniger sagen wie zu einem schlimmen Unfall oder einem bösen Zufall: nämlich Schicksal. Wenn Tim K. wirklich ein geistesgestörter Psychopath gewesen wäre, dann würde man über ihn niemals diese Talkshows und Fernseh-Brennpunkte veranstalten und wochenlang über mögliche Beweggründe und Folgen diskutieren. Gerade weil der Amokläufer kein Verrückter war, sondern ein ganz normaler, unauffälliger Jugendlicher, quasi einer wie wir alle, gibt es an ihm, seinen Lebensumständen und seiner Umgebung ein so großes öffentliches Interesse.
3.
Als wichtigstes wird der Ort der Tat, die ehemalige Schule des Amokläufers, ins Visier genommen und nach möglichen Gründen für die Tat durchforstet. Naheliegenderweise, denn der Amokläufer hat - wie auch die anderen vor ihm - sicherlich mit Absicht seine Schule als Tatort ausgewählt. Auch den Ursachenforschern leuchtet es ein, dass in der Schulsituation eines Jugendlichen Motive fürs Ausrasten zu finden sein müssen. Man erinnert sich an den Fall des Erfurter Amokläufers vor einigen Jahren, der zum zweiten Mal und endgültig bei der Zulassung zum Abitur gescheitert war. Doch Tim war kein Schulversager, wird bekannt; er hatte den Realschulabschluss in der Tasche. Das lässt den Amoklauf der ursachenforschenden Öffentlichkeit erst einmal unbegreiflich erscheinen. Schulversagen das hätte als Grund für Tötung und Selbsttötung wohl eingeleuchtet? Offenbar schon! Der Amokläufer von Winnenden hat sein Leben aber auch mit Realschulabschluss für wertlos gehalten, und in seinen ehemaligen Klassenkameraden und Lehrern Repräsentanten der dafür verantwortlichen Institution gesehen. Prompt entdecken die Zeitungen, dass hinter der Fassade des unauffälligen Schülers eine menschliche Zeitbombe versteckt war: Ein auffällig unauffälliger Einzelgänger, nicht sehr beliebt in seiner Klasse, der Mitschüler gemobbt hat und selbst Opfer von Mobbing wurde. Kurz, die Diagnose lautet: Zitat FAZ, 13.3.09: Was Tim fehlte, waren Anerkennung und Selbstachtung. Und da sind sich sämtliche Ursachenforscher, Profis wie Laien, einig: Was die Schule den jungen Menschen mitgeben muss, unabhängig von Zensuren und Zeugnissen, ist Anerkennung und Selbstachtung.
Wir zitieren aus einem Leserbrief: Ohne Leistung, ohne Leistungsbereitschaft wäre die Schule wirklichkeitsfremd. Aber immer muss klar sein, dass die Beurteilung einer Leistung kein Urteil über die Person ist. Kein Schüler, kein Mensch ist ein hoffnungsloser Fall. Niemand darf an den Punkt kommen, an dem er glaubt, sein Leben sei nichts wert, weil er in einem bestimmten Bereich nur wenig leisten kann. Jeder ist wertvoll durch das, was er ist, und nicht durch das, was er kann.
Sehr aufschlussreich, dieser Leserbrief. Was kann man ihm entnehmen? 1. das Bekenntnis, dass die Schule eine Konkurrenzveranstaltung ist. 2. ein verräterisches Dementi: wenn es heißt, die Beurteilung der Leistung darf kein Urteil über die Person des Schülers sein - warum wird das wohl abgestritten? Weil es de facto so ist, dass die Schule mit der Leistungsbeurteilung darüber urteilt, was ein Schüler wert ist: mehr oder weniger begabt, lernwillig oder lernunwillig, oder gar ein Versager. 3. Verräterisch ist auch die Beteuerung, kein Schüler sei ein hoffnungsloser Fall: denn genau das, eine beträchtliche Anzahl hoffnungsloser Fälle, produziert die Schule am laufenden Band. Laufend werden Schüler qua Leistungsbeurteilung von weiterführenden Bildungswegen ausgeschlossen und bekommen ihr Scheitern bescheinigt, von der Mittelmäßigkeit übers Sitzenbleiben bis zur Perspektive einer Hartz-IV-Karriere. Und schließlich verrät der Leserbrief auch noch, was daraus für Konsequenz folgen: dass Schüler deswegen ihr ganzes Leben für nichts wert halten.
4.
Nach dem, was der zitierten Leserbrief mehr oder weniger deutlich macht, ein paar Takte Erklärung, was es mit Leistung und Anerkennung in der Schule tatsächlich auf sich hat: Natürlich, so meint jeder, geht es in der Schule erst einmal um Leistung. Wissen ist in der Tat ohne Lernen nicht zu haben. Tatsächlich wird aber nirgends zur Kenntnis genommen, dass die Schule gar nicht die Erfüllung bestimmter Leistungsanforderungen verlangt, die bei entsprechender Vorbereitung im Prinzip alle hinkriegen können. Sondern sie veranstaltet zwischen ihren Schülern einen Leistungs-Vergleich, bei dem Lernen pro Zeit vorgegeben und durchgezogen wird, so dass immer welche scheitern müssen, wenn andere relativ besser abschneiden. Das liegt in der Natur der Konkurrenz: eine Leistungskonkurrenz, bei der alle Schüler gleich gut abschneiden, wäre von diesem Standpunkt aus gesehen eine Absurdität. Die schulische Konkurrenz ist darauf angelegt, dass aus ihr immer aufs Neue gute, mittlere und schlechte Schüler herauskommen. Diese Selektion wirkt entscheidend daran mit, dass die Schüler jedes Jahrgangs verteilt werden auf die unabhängig von ihren Lernanstrengungen in der Gesellschaft vorgegebenen Positionen, auf die Hierarchie der Berufe in einer Klassengesellschaft. Dass die Schule wirklichkeitsfremd wäre (vgl. Zitat), kann man ihr also wirklich nicht vorwerfen. Sie eröffnet den einen den Weg zu den besseren Berufen und Einkommen in dieser Gesellschaft und verdammt die anderen zu viel Arbeit und wenig Geld, oder gar gleich zu aussichtsloser Armut.
Schüler und Lehrer sehen die schulische Leistungskonkurrenz und ihre Resultate entschieden anders, und zwar verdreht auf eine ziemlich perfide Weise: an dem, was die schulische Selektion aus einem macht, zeige sich, was man für einer ist: Jeder bekomme das, was er verdient, jeder wird das, was in ihm steckt, und landet auf dem gesellschaftliche Rang, auf den er hingehört, weil das exakt seinen Fähigkeiten entspreche. Diese quasi rassistische Ideologie der Erziehung verwandelt das Ergebnis der Selektion tatsächlich in ein Urteil über die natürliche Eigenschaft der Person: Im Ergebnis sind die einen die winner, die anderen sind die loser.
Das ist die Wirklichkeit der Leistungskonkurrenz in der Schule und keine bloß subjektive Deutung eines durchgeknallten Gehirns. Die Schulrektoren und Schulpädagogen wissen schon, warum sie am Jahresende anlässlich der Zeugnisvergabe überall im Lande pädagogische Seelsorge anbieten und hoffen, dass sich keiner ihrer Schüler das Leben nimmt, weil er sich mit seinem Zeugnis nicht nach Hause traut
5.
Aus diesem Grund gehört zum Lehrplan der modernen Pädagogik seit geraumer Zeit ein allen Fächern übergeordnetes Lernziel: nämlich das pädagogische Ziel und Ideal, dass jeder Schüler, explizit unabhängig von seinem Stand in der Leistungskonkurrenz, Selbstbewusstsein entwickeln soll, mit dem er die schulischen Niederlagen zu kompensieren habe. Und damit es klappt mit dem Selbstbewusstsein, soll jeder Schüler von seinen Mitmenschen Lehrern wie Klassenkameraden Anerkennung bekommen, egal wie gut oder schlecht, stark oder schwach er ansonsten in der Leistungs-Rangliste dasteht.
Bei diesem Lernziel müssten sich eigentlich sämtliche Haare sträuben: Das Schulleben läuft hochoffiziell ab nach dem Motto: Lernkonkurrenz muss sein! Verlierer in dieser Konkurrenz? Müssen sein! Und dann den Kindern auf dieser Grundlage ein robustes Selbstbewusstsein verordnen, vor allem denen, die die Schule selbst zu losern gemacht hat, das hält die moderne Pädagogik für ethisch hochwertig und äußerst verantwortungsvoll. Uns kommt das allerdings mehr wie ein Zynismus vor: Das Selbstbewusstsein soll nach der Vorstellung der Erfinder dieses Lernziels die Funktion erfüllen, Niederlagen und Schädigungen zu kompensieren und die Geschädigten auf diese Weise stabilisieren womit keine Schädigung beseitigt ist, aber jede Frage nach dem Grund der Niederlagen oder gar nach einer Verhinderung der Schäden aus der Welt geschafft ist. Also: Entgegen der herrschenden Auffassung, dass doch jeder Mensch Selbstbewusstsein und Anerkennung braucht, sogar die Erfolgreichen, und schon gleich die weniger Erfolgreichen, die Schwachen in der Gesellschaft entgegen dieser Auffassung müssen wir festhalten, dass das Bedürfnis nach Anerkennung ein Fehler ist und fatale Konsequenzen zeitigen kann, wenn es jemand bitter ernst damit meint.
Denn erstens: Das Bedürfnis nach Anerkennung gibt es nur in einem System, das das gesellschaftliche Leben und damit die Reproduktion jedes Einzelnen als Konkurrenz organisiert, in der es also mit Notwendigkeit Sieger und Verlierer gibt. Verlierer nicht in irgendeinem Spiel, sondern tatsächlich in Bezug auf die materiellen Bedingungen des späteren Lebens.
Zweitens: Die Erfolgreichen in dieser Konkurrenz auch sie haben nach eigenem Bekunden (Plasberg in Hart aber fair) das Bedürfnis nach Anerkennung. Aber die kriegen sie in der Regel auch in reichlichem Maß. Das ist eben der bürgerliche Rassismus, den wir gerade schon angesprochen haben: die Erfolgreichen, die, die sich mit Glück oder Verstand im bürgerlichen Hauen und Stechen durchgesetzt haben, die werden in den allermeisten Fällen wegen ihres Erfolgs auch als Mensch wertgeschätzt (erfolgreiche Abiturienten, Doktoren, Politiker, Unternehmer usw.), oder angehimmelt (erfolgreiche Sportler) oder gar verehrt (erfolgreiche Stars usw.).
Schließlich drittens: Für die weniger Erfolgreichen soll Anerkennung quasi an die Stelle des verpassten materiellen Erfolgs treten. Mit Anerkennung wollen bzw. sollen diese Menschen eine Wertschätzung erfahren, getrennt von dem Urteil, das die Leistungskonkurrenz über sie gefällt hat. Das ist nichts Gutes & Schönes. Wer meint, es helfe z.B. einem erfolglosen Mitschüler weiter, wenn der wenigstens Anerkennung von seinen Lehrern oder Klassenkameraden bekommt, der irrt sich. Die Schäden, die so ein Kind in der Leistungskonkurrenz erleidet, werden dadurch nicht verringert, dass man es beachtet, ihm auf die Schulter klopft und ein freundliches Hallo oder Wie gehts zukommen lässt, und, wie es eine Leserbriefschreiberin zur besseren Bewältigung von Frustrationen vorschlägt, ihm das Gefühl gibt, ein Jemand und kein Niemand zu sein (Leserbrief aus der Rheinpfalz v. 21.3.09). Das nimmt vom Leistungsdruck nichts weg, denn der wird ja gar nicht angetastet. Und die Frage danach, woher die Schäden kommen, wird mit der vermeintlichen Kompensation durch Anerkennung ausgeblendet.
Ein Schüler, der davon überzeugt ist, dass es im Leben auf Anerkennung ankommt, oder dass ihm höchstpersönlich Anerkennung versagt wird, der beurteilt all das, was ihm in der Schule und in der Welt drumherum widerfährt, gar nicht mehr so, wie es tatsächlich gemeint ist, sondern sucht mit verbohrtem Blick darin nur noch nach Material für seine Selbstbestätigung. Der kriegt dann überhaupt nicht mehr in den Blick, was wirklich mit ihm passiert, sondern fasst alles als persönliche Bestätigung oder eben Beleidigung auf. Ein solches Selbstbewusstsein grenzt an Wahn, und wird mit Notwendigkeit enttäuscht. Alle Enttäuschungen erscheinen dementsprechend als Angriff auf die komplette eigene Person, als Angriff auf ihn als Mensch. Also als eine noch viel radikalere Infrage-Stellung des eigenen Selbstbewusstseins, als es die schulische Leistungskonkurrenz vermag.
6.
Was die Kombination aus Konkurrenzzwang und Anerkennungsgebot in den Köpfen der Schüler angerichtet hat, kann man in den Klassenräumen und Pausenhöfen der Nation seit geraumer Zeit besichtigen. Die Schüler selbst ergänzen die von den Lehrern durchgeführte Leistungskonkurrenz um eine ziemlich grausame Anerkennungskonkurrenz, die sie untereinander mit den Mitteln ausfechten, die ihnen zur Verfügung stehen. Das geht von der Konkurrenz um die angesagten Klamotten und Handys über tatsächliche bzw. glaubwürdig vorgespielte Erfolge beim anderen Geschlecht oder beim Saufen, bis hin zu Diebstahl, Erpressung, Demütigung, Ausgrenzung, Quälerei und Schlägerei. Hier herrscht permanente Beweispflicht: Wer ist der coolste Typ in der Klasse, weil er andere fertig machen kann oder aushält, wovor andere sich ekeln. Wer gehört dazu, wer ist out, uncool usw. Sogar die fiese Bezeichnung du Opfer kursiert als gängiges Schimpfwort unter Schülern. Alle mehr oder weniger rohen Formen von Angeberei und Mobbing stehen hoch in Kurs. Wer in dieser Konkurrenz mitmacht und sich im Resultat als ausgegrenzt empfindet oder erfährt, der ist tatsächlich in seiner ganzen Person, in seiner Ehre gekränkt und beleidigt. Und das - die Beleidigung der Ehre - ist an gut bürgerlichen Maßstäben gemessen bekanntlich die schlimmste aller Beschädigungen, die sich ein moralisch empfindender Mensch überhaupt vorstellen kann. So dass es der bürgerlichen Denke keineswegs fremd ist, wenn jemand deswegen durchdreht, sich selbst umbringt oder psychisch krank wird: wie Tim, der sich wertlos fühlte, Depressionen hatte und zuletzt Hass auf alles empfand.
Genauso wenig ist es der bürgerlichen Moral unbegreiflich, wenn jemand aus beleidigter Ehre die innere Berechtigung zur gewaltsamen Gegenwehr empfindet, um die eigene Ehre wiederherzustellen. Für die Ehre, z.B. die Ehre der Nation, werden bekanntlich Schlachten geschlagen und Orden verliehen, und das findet niemand verwerflich. Ehrenmorde in der Familie werden zwar bestraft, aber es wird ihnen immerhin ein nachvollziehbarer Grund attestiert, ein falsch verstandener Ehrbegriff. Und mit dem Selbstbewusstsein im Kopf, die Welt sei ihnen Ehre schuldig und entwerte sie als Mensch, nehmen sich immer mal wieder auch einzelne Schüler das Recht heraus, der Öffentlichkeit bzw. den für die eigene Schmach irgendwie Verantwortlichen auf die brutalst mögliche Weise zu beweisen, was für ein Potential wirklich in ihnen steckt.
Insofern ist der Amoklauf des Tim K. nichts anderes als die letzte und radikalste Konsequenz des bürgerlichen Rechtsbewusstseins. Die Verletzung seines Ehrgefühls übersetzt er in ein Unrecht, dass ihm angetan wurde. Darauf kennt die bürgerliche Gesellschaft nur eine einleuchtende Antwort: Unrecht wird dadurch vergolten, dass das Recht mittels überlegener Gewalt wiederhergestellt wird. So wird in der bürgerlichen Gesellschaft jedes begangene Unrecht geahndet. Dazu ist allerdings niemand anders befugt als die dafür eingesetzte Ordnungsmacht, Polizei und Gericht. Der Amokläufer hat das Gleiche auf seine Weise realisiert, und das ist es, was dem rechtschaffenen bürgerlichen Verstand dann so unbegreiflich erscheint: Er hat die bürgerliche Gewaltenteilung ignoriert und sich zum Ankläger und Richter in einer Person gemacht. Dass das ein Verstoß gegen das geltende Recht ist, hat er selber gewusst, und dementsprechend auch am Ende sich selbst gerichtet.
7.
Selbstbewusstsein und Anerkennungsbedürfnis haben also im Kern etwas Unbedingtes, sehr Radikales. Damit das beides für die Bewältigung des Alltags taugt, müssen die Menschen, denen gepredigt wird, dass es im Leben auf Selbstbewusstsein und Anerkennung ankommt, beizeiten lernen, dieses Bedürfnis zu regulieren. U.d.h. es an den Gegebenheiten der Realität auszurichten. Also soll z.B. der gescheiterte Schüler akzeptieren lernen, dass er zwar gescheitert ist, aber dafür schön basteln, gut Tischtennis spielen kann oder in der Klasse beliebt ist. Und sich auf diese Weise mit seiner Einsortierung in die Gesellschaft zufrieden geben. Das hat schon etwas von Selbstbetrug an sich, aber so funktioniert das Aushalten aller möglichen Zumutungen und Enttäuschungen in unserer Gesellschaft mehr oder weniger.
Die Psychologen greifen das auf, um daraus ein Argument für die Verrätselung solcher Taten zu gewinnen. Und zwar mit folgendem Trick: Die Gründe für eine Tat werden in einen psychischen Zwangsmechanismus verwandelt, demzufolge dann jeder, der die gleichen Erfahrungen macht, auch genau so wie der Amokläufer handeln müsste. Und das ist offenkundig nicht der Fall - andere in ihrer Ehre gekränkte Menschen schießen nicht um sich. Deshalb - so lautet der verkehrte Schluss - darf keiner der zuvor noch debattierten Gründe als Grund der Handlung gelten gelassen werden. Dass andere gequälte Schüler eben anders mit der gleichen gesellschaftlichen Erfahrung umgehen - z.B. sie aushalten, runterschlucken und sich zur Entspannung bzw. zum Abreagieren nur daheim auf dem Computer virtuell den Frust von der Seele ballern dass das der gesellschaftliche Normalfall ist, wird als Einwand gegen die Gründe für beide Verhaltensweisen gewertet. Damit wird jede Umgangsweise mit den gesellschaftlichen Verhältnissen von der Gesellschaft getrennt, in der sie entstehen, und die Amoktat in die unbegreiflichen Abgründe einer kranken Seele verlegt, zu der höchstens noch psychologische Profis Zugang haben.
8.
Dann bleibt tatsächlich nichts weiter übrig als das Böse in Gestalt des Amokläufers, der unerklärbare Wahnsinn, die absolut rätselhafte, allen verborgen gebliebene doppelte Identität des Täters und damit: die absolute Entschuldigung des Systems, in dem er seine Erfahrungen gemacht hat. Genau so läuft die öffentliche Nachbereitung des Amoklaufs von Winnenden dann auch ab: Nach ungefähr einer Woche öffentlicher Besprechung aller möglichen Motive des Täters, nach der ausgiebigen Durchleuchtung seines Umfelds, beansprucht anlässlich der offiziellen Trauerfeier ein Kirchenvertreter das letzte Wort: Zitat Bischof Huber, Vorsitzender der ev. Kirche in Deutschland:
Dass in dieser Tat das Böse am Werk war, ist unübersehbar. Das Böse entzieht sich jeder Erklärung. Denn erklären hieße ja immer: Gründe anzugeben. Aber für das Böse gibt es keinen Grund; es ist vielmehr ein Abgrund. Wer sich ihm anvertraut, stürzt ins Bodenlose. (Zitat nach FAZ , 23.3.09)
Erklärungen jeglicher Art egal wie zutreffend oder falsch sie im Einzelfall sind machen sich nach Auffassung des Bischofs grundsätzlich verdächtig, Verständnis für die Tat oder den Täter aufzubringen, gar Einverständnis mit der Tat zu bekunden und einer Entschuldigung des Täters zu dienen. Eigentlich ein reichlich blöder Gedanken: Als ob mit jedem Grund auch gleich ein Ich-bin-dafür ausgesprochen wäre. Aber der Kirchenmann will uns ex Kathedra verkünden: Mit gesellschaftlichen Gründen hat der Amoklauf nichts zu tun. Wir sollen Winnenden vielmehr zum Anlass nehmen, in uns zu gehen, uns an die eigene Brust schlagen und, die grundsätzliche Sündigkeit und Schlechtigkeit des Menschen bedenkend, in Demut die Schnauze halten.
Der Rundschlag mit dem kirchlichen Hammer - die Verwandlung des Täters in die Personifikation des Bösen, in einen Teufel - beeindruckt allerdings die reaktionären Meinungsbildner von der FAZ außerordentlich: Zitat FAZ-Kommentar von Heike Schmoll auf der 1. Seite vom gleichen Tag:
Der Amoklauf hat die finsterste Seite der menschlichen Phantasie durchbrechen lassen und uns die nahezu unbegrenzte Zerstörungskraft des Individuums gezeigt. Das Erschrecken darüber ist groß. Das Geschehene lenkt den Blick aber nicht nur auf die eigenen dunklen Phantasien. Es konfrontiert die Gesellschaft auch mit ihrer eigenen Ohnmacht, mit dem Eingeständnis, dass solche zerstörerisch-ekstatischen Ausbrüche der Phantasie in die Realität und das Leben anderer nicht verhindern lassen.
Bedrohlich werden diese Phantasien, die in jedem stecken und in der Regel gut verschlossen sind, erst dann, wenn sie sich Bahn brechen in die Realität.
Also, das Böse ist immer und überall, und dieser Heike Schmoll mit ihrer finsteren Phantasie wollen wir lieber nicht im Dunklen begegnen.
9.
Da die etwas aufgeklärter denkenden Teile der Öffentlichkeit aber doch Wert darauf legen, aus der Tat von Winnenden Lehren zu ziehen, noch ein paar Bemerkungen zu dieser Sorte von konstruktiver Bewältigungsarbeit. Die diskutierten Lehren befassen sich alle mit der Frage, an welchen Punkten die im Prinzip guten und anerkannten, verantwortungsvollen Institutionen der Gesellschaft im Fall Winnenden möglicherweise versagt haben: die Schule, das Elternhaus, die Gesetzgebung bezüglich Verbot bzw. Jugendschutz bei Gewalt-Computerspielen, und nicht zuletzt geraten auch die ehrenwerten Schützenvereine der Nation unter den prüfenden Blick.
Die Schule: Sie soll selbstverständlich bleiben wie sie ist (Leistung muss sein.). Was sie eventuell versäumt hat, ist Sensibilität für potentielle Täter. Lehrer haben womöglich nicht genügend hingeschaut; also soll eine Kultur der Aufmerksamkeit helfen, zurückgezogene Schüler genauer zu beobachten und einen Verdacht auf mögliches Ausrasten nicht beiseite zu schieben, sondern ihm nachzugehen.
Die Schüler werden ermahnt, unbeliebte Mitschüler nicht zu schneiden, sie bei ihrer Beliebtheitskonkurrenz nicht auszusortieren, sondern besser einzusortieren. Andererseits sollen sie aber auch gegenüber ihren Klassenkameraden Polizei spielen, nämlich dort, wo die richtige Polizei nach eigenem Bekunden gar nicht hinkommt, in den chatrooms der jugendlichen peergroups, und verdächtige Hinweise vertrauensvoll an die Polizei weitergeben. Eine begeisternde Perspektive: Wenn das Verdachtsmerkmal für künftige Amokläufer ihre Unauffälligkeit ist, können sich Lehrer wie Schüler ja auf ein sehr erfreuliches Umeinander-Kümmern und Aufeinander-Zugehen (so die Anregung von Familienministerin von der Leyen) einrichten.
Weil Amokläufe dadurch aber nicht mit Sicherheit verhindert werden können, schlägt die Polizei eine Verbesserung der Sicherheit in den Schulgebäuden vor: Überwachungskameras, Metalldetektoren, Zugangscodes
Aber das Kultusministerium bremst: ein Hochsicherheitstrakt passt schlecht zum Bild von der Schule als Herz der offenen Gesellschaft (Zitat Kultusminister Rau), an dem bei dieser Gelegenheit kontrafaktisch festgehalten werden soll.
Die Elternhäuser: Die werden daran erinnert, dass Erziehung auch die sog. elterliche Gewalt mit einschließt. Neben emotionaler Obhut haben sie also auch die Verpflichtung zur Kontrolle der Heranwachsenden in Kinderzimmern und in dort installierten Computern. Weiterhin wird ihnen zu bedenken gegeben, dass allzu viel materielle Großzügigkeit (z.B. Erfüllung aller Wünsche, zu viel Taschengeld usw.) für die Erziehung eher vom Übel ist: psychologische Experten, die sich zum Fall Tim K. äußern, nennen das emotionale Wohlstandsverwahrlosung, weil die jungen Menschen dann nicht nachhaltig genug und nicht rechtzeitig genug daran gewöhnt werden, Frustrationen auszuhalten. Erziehung zur Frustrationstoleranz heißt das auf gut psychologisch, womit jede Überlegung, was sich eventuell gegen die Ursachen des Frusts machen ließe, schon im Ansatz erschlagen ist. Gute Erziehung beinhaltet also die rechtzeitige Einübung in zukünftig zu erwartende Härten und Niederlagen, die das Leben für einen jungen Menschen todsicher noch parat hat, als geeignetes pädagogisches Mittel, damit die Heranwachsenden dann auch im späteren Leben reibungslos mit allen Zumutungen zurechtkommen.
Der Jugendschutz: Forderungen nach einem Verbot der Gewalt-Computerspiele wie Counterstrike u.ä. sind auch nach dem jüngsten Amoklauf wieder erhoben worden. Als ob mit dem Verbot von Spielen und von Gewaltdarstellungen etwas gegen die reale Gewalt in der Gesellschaft getan wäre! Wenn das wahr wäre, sollte man besser die täglichen Fernsehnachrichten verbieten! Die meisten Jugendlichen können zwischen Spiel und Wirklichkeit unterscheiden; übrigens auch Tim: dem war vom ersten bis zum letzten Schuss klar, dass er in Winnenden kein Spiel spielt. Der Grund für Gewalttaten sind solche Killerspiele nie. Nur wer für sich vorab die Entscheidung gefällt hat, dass Gewalt ein Mittel für seine Anliegen ist, nur der kann sich dann auch von Gewaltvideos etwas abschauen. Mit einem Spieleverbot die Geisteshaltung solcher Jugendlicher ändern zu wollen, ist allerdings absurd.
Die Schützenvereine: Ganz besonders sind nach dem Amoklauf von Winnenden der private Waffenbesitz und die Vereine der Waffennarren, genannt Schützenvereine, in den Blick der Kritik geraten. Ohne Schießeisen und Ausbildung hätte Tim K. natürlich nicht so viel Schaden anrichten können. Insofern, so wird zu Bedenken gegeben, könnte die Abrüstung im Privathaushalt helfen. Dieser friedliebende Standpunkt: Waffen gehören ausschließlich in die Hände der öffentlichen Gewalt muss sich dann von einer Gießener Kriminologieprofessorin sagen lassen: Die Waffe stiftet Identität. Schießen als Sport gilt als sinnvoll für den seelischen Haushalt und könnte aggressive Außenseiter ins Vereinsleben integrieren. Oder hätten schärfere Waffengesetze die Tat verhindert? Eher nicht, lautet das Urteil der den Waffenfreunden verpflichteten Politiker, wie z.B. auch Kurt Beck von der SPD, die Politik hat da nichts versäumt (zitiert nach FAZ). Waffen sind überall zu bekommen ja dann weiter so! Und Waffenbesitzer zu Hause zu kontrollieren, lehnte der Berliner Innensenator ab, da solche Kontrollen die Unverletzlichkeit der Wohnung tangieren (Zitat nach FAZ). Da lachen ja die Hühner! Seit wann hat das den Staat jemals am Ausspähen gehindert.
Gleich nach der Tat gibt ein ostdeutscher Innenminister von der CDU zu bedenken (Zitat SZ), Es sei nun nicht die Zeit, die Schützenvereine zu verunglimpfen. Sie leisten gute Jugendarbeit und sind ein wichtiger Bestandteil der deutschen Tradition. Anerkennend stellt die Süddeutsche Zeitung fest: "Diese Vereine schaffen Identität, Gruppensolidarität, Heimatgefühl. Und mit ihren fast 2 Millionen Aktiven bilden die Sportschützen (Zitat Süddeutsche Zeitung) insgesamt ein beachtliches Wählerpotential das überzeugt. Denn Achtung! 2009 ist das Super-Wahljahr!
Man sieht, es ist gar nicht so leicht, etwas zu ändern an diesem Deutschland, damit alles beim Alten bleibt nur ohne solche Konsequenzen wie die in Winnenden, Erfurt, Emsdetten.