« vorige nächste » Die Sendung vom 17. Juni 2009

„Unser“ Bildungssystem soll schöner werden?

Konkurrenz in Schule und Hochschule? Aber bitte sozial gerecht und garantiert demokratisch/solidarisch!

Die Organisatoren des bundesweiten Bildungsstreiks geben sich ausgesprochen kämpferisch: Sie wollen „nicht lieb protestieren“, sie planen vielmehr auch Blockaden und Besetzungen, um gegen „Zustände und Entwicklungen im Bildungssystem“ vorzugehen, die sie als „nicht weiter hinnehmbar“ verurteilen. Gleichwohl bestätigt ein Blick auf den Inhalt ihrer Forderungen, dass sie trennen möchten zwischen Umständen des im Bildungswesen organisierten Lernens, die sie stören, und der Bildung, die sie verteidigen. Sie meinen, dass hässliche Verhältnisse an Schulen und Hochschulen, die ihnen aufstoßen, eigentlich unpassend seien für das deutsche Bildungswesen und die politischen Zwecke, für die es vom Staat betrieben wird.

Woran ist denn bei dem Wunsch nach „kostenloser Bildung für alle“ bzw. „gesetzlich verankerte Gebührenfreiheit von Bildung“ gedacht? Da weiß man zwar, dass arme Familien ihren Kindern Computer, Arbeitszimmer und Nachhilfe nicht finanzieren können und dass sie nicht in der Lage sind, die Studienkosten aufzubringen. Man weiß also um die Sortierung dieser Gesellschaft in Reich und Arm. Aber man stört sich allein an den Auswirkungen des Einkommensgefälles auf das Bildungsgeschehen. Bei der Bildung wenigstens soll das Geld der Eltern keine Rolle spielen, wenn sich an ihm auch sonst alles entscheidet. Über den Bildungserfolg soll nicht das Portemonnaie der Eltern entscheiden! Was aber sonst? Allein die Leistungskonkurrenz? Offensichtlich sollen sich in der Schule alle unter gleichen Lernbedingungen am Start um die aussichtsreicheren Schulkarrieren aufstellen und alle, die sich im schulischen Wettbewerb durchgesetzt haben, ohne finanzielle Einschränkung an der Hochschule weiterkonkurrieren. „Soziale Selektivität“ soll nicht sein. Das sehen Bildungspolitiker anders: Sie halten es keineswegs für ungehörig, dass die Einkommensunterschiede auch in der Schule – und mit Studiengebühren an der Universität – wirksam werden, wo das Bildungswesen die nachfolgende Generation doch in genau diese Gesellschaft von Reich und Arm einführt.

Auch die Parole: „Eine Schule für alle – weg mit dem mehrgliedrigen Schulsystem“ ist von diesem schulischen Gleichheitsideal beseelt. An der Mehrgliedrigkeit des Schulsystems stößt den Streikkomitees irgendwie sauer auf, dass die Schule die Lernenden frühzeitig sortiert, die Schule also von Anfang an Ungleichheit produziert. Doch was wäre, wenn alle Schüler in ein und derselben Schule nach denselben Grundsätzen traktiert würden? Wäre das nicht dennoch Leistungslernen mit einer Hierarchisierung der Lernenden durch Punkte und Noten? Wenn aber Schluss wäre mit der Selektion nach vier Schuljahren, wenn gar allen der Weg zum Abitur offen stünde? Dann fände, wie gehabt, ein Hauen und Stechen statt um den Abischnitt, und an der Uni ginge es nahtlos weiter. Wenn dann dort wirklich gälte „Master für alle“, würde konkurriert um die Qualität dieses Abschlusses, und danach ginge die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt weiter.

Dass die besser bezahlten Führungspositionen, um die das Bildungswesen von allem Anfang an einen Kampf organisiert, immer nur für eine Minderheit zu haben sind, scheint ja nicht der Stein des Anstoßes zu sein. Man hätte aber gerne, dass zu dieser Minderheit auch ein paar Angehörige der bislang „bildungsfernen Schichten“ gehören. Dann wäre wohl schon viel für soziale Gerechtigkeit getan! Der „gezielten Förderung“ der Lernenden und ihrer Persönlichkeit soll die „Aufstockung des Lehrpersonals“ dienen. Fällt dabei niemanden auf, dass eine Schule mit „mehr LehrerInnen und kleineren Klassen“ nur den Lehrern das Leben leichter macht? Klar, die Schüler würden vielleicht mehr lernen – was auch immer! Lehrer könnten ihnen mehr Zeit widmen – wofür auch immer! Was käme dabei heraus? Allein das Lernniveau würde sich ändern, auf dem die Schulklassen in der Lernkonkurrenz nach Schulsiegern und Schulverlierern zerlegt werden.

Wer schließlich „gegen Schulzeitverkürzung – wie dem G8-Abitur“ und gegen „Regelstudienzeit und Dauerprüfung“ antritt, dem passt die staatliche Verschärfung des Leistungsdrucks nicht. Der wünscht sich die (Wieder-)Einführung einer Normalität, in der ebenfalls Selektion stattfand oder -findet, aber in einem weiter gespanntem Zeitrahmen und mit weniger Prüfungen, mit weniger „Stress“ eben. Nur so sei das „Ideal einer zur kritischen Reflexion befähigenden, gemeinwohlorientierten Bildung“ zu verwirklichen. Auch hier gilt: Bildungspolitiker sehen das mit gutem Grund anders. Das Gemeinwohl, dem sie verpflichtet sind und für das sie den Nachwuchs dienstbar machen, besteht in den Bedürfnissen von Wirtschaft und Staat. Und diesem Gemeinwohl ist es durchaus dienlich, wenn die bildungsmäßige Vorsortierung für die berufliche Hierarchie zügig(er) und kostengünstig(er) vonstatten geht. Sich dann in erhöhtem Tempo nach oben durchzuboxen ist die Befähigung, die in dieser Gesellschaft zählt.

Über die Konditionen der Sortierung per Leistungskonkurrenz will mitbestimmen, wer „Demokratisierung des Bildungssystems“ fordert. Man kann in der Demokratie offenbar nicht früh genug lernen, das eigene Interesse damit gut bedient zu sehen, dass man konstruktiv in Gremien mitwirkt, die über dessen funktionale Unterordnung unter vorab feststehende, durchaus ungemütliche Zwecke entscheiden. Da darf sich eine SMV darum zu kümmern, dass in der Schule wirklich jede ungerechte Beurteilung, jede Lehrerbeleidigung, jede dem Lernen abträgliche, antiquierte Arbeitsmethode und was sonst noch das gedeihliche Miteinander von Lehrer und Schüler stört, sofort und gnadenlos bei den Zuständigen zur Anzeige kommt. Und ehemalige Gegner von Studiengebühren haben jetzt, wo es diese gibt, alle Hände voll damit zu tun, gemeinsam mit den Zuständigen für deren „sachgerechten“ Einsatz zu sorgen. Die Zuständigen, das sind die Staatsbeamten in der Leitung der Bildungsanstalten. Die gehören nämlich zu den Guten.

Das ist dem radikal gemeinten Ruf: „Beendet den Einfluss der Wirtschaft auf die Schulen!“ und „Abbau von wirtschaftlichen Zwängen im Bildungsbereich“ zu entnehmen. Denn „die Wirtschaft“, das sind die Bösen, deren Geld und Interesse in Bereich der Bildung nichts zu suchen hat. Aber ist es nicht so, dass das Bildungswesen den Nachwuchs auf nichts anderes als auf den Dienst an und in dieser Wirtschaft vorbereitet? Geht es der staatlichen Sorge um das Funktionieren des Bildungswesens um etwas anderes, als dass die Schule als Lieferant von praktisch vorsortiertem Menschenmaterial für „die Wirtschaft“ funktioniert? So etwas heißt heute 'Praxisnähe' und gilt als Teil von Reform. Wer also dem Einfluss der Wirtschaft auf die Schule dort entgegentreten will, wo sie auch noch penetrant als Lobby und Sponsor auftritt und durchrechnet, ob nicht aus dem Schul- und Hochschulwesen selbst noch ein Geschäftchen zu machen ist, der kommt etwas zu spät.

Da stellen die Streikkomitees eine Reihe von Forderungen auf, in denen ihre Kritik an staatlicher Schulpolitik zusammengefasst ist, um dann am Ende wieder mit einem Plädoyer für die gerade eben kritisierte staatliche Bildungspolitik aufzuwarten. Im Schoß des Staates fühlen sie sich letztlich doch besser aufgehoben als in dem der Wirtschaft, verkünden sie mit ihrer Absage an jeglichen Einfluss ökonomischer Macht. Als ob man hierzulande zwischen Staats- und Geldmacht wählen könnte! Die Forderungen des Bildungsstreiks greifen eben weder die Sicherung der praktischen Benutzbarkeit noch die der geistigen Parteilichkeit durch Schule und Hochschule an. Sie haben weder am letzten Bildungsziel, „aktiv für die demokratische Ordnung“ einzustehen, etwas auszusetzen, noch machen sie die Verteilung des Nachwuchses auf die vorgegebene kapitalistische Berufshierarchie zum Thema. Sie mahnen allein die Verbesserung von Lern- und Konkurrenzbedingungen an. Und deshalb sind sie bei staatlichen Bildungsbehörden auch an der richtigen Adresse. Einerseits wenigstens. Andererseits fragt sich natürlich, warum Bildungspolitik all das – und noch viel mehr – eingefallen ist, was dem kritischen Nachwuchs so gar nicht schmeckt. Zufall wird das wohl nicht sein und gewürfelt haben ihre Vertreter auch nicht. Welche politischen und ökonomischen Gründe sie für das Bildungswesen haben, so wie sie es jetzt umkrempeln, das müsste man wirklich einmal ermitteln. Es steht zu erwarten, dass dabei herauskommt, dass Ausbildung im Kapitalismus anders funktioniert, als es sich diejenigen Schüler und Studenten vorstellen wollen, die immer nur ihre Enttäuschung darüber kund tun, dass das Bildungswesen ihren Idealen nicht so zu Diensten ist, wie sie es gerne hätten und wie sie es von ihrem Staat erwarten.