« vorige nächste » Die Sendung vom 28. Oktober 2009

Immer mehr Krieg in Afghanistan und Pakistan (Teil 2)

Sprachregelungen zu einem Krieg - die Sicht der freien Presse

Die hiesige Öffentlichkeit kann der berechnenden regierungsamtlichen Zurückhaltung in der Wortwahl zu ihrem Einsatz in Afghanistan überhaupt nichts abgewinnen. Wie besessen klären Rundfunkanstalten und Presse wochenlang von morgens bis spät in die Nacht hinein darüber auf, warum der deutsche Afghanistan-Krieg schnörkellos das Attribut „Krieg“ verdient. Bild widmet gleich am Tag nach der Verkündung der jüngsten Todesfälle die Titelseite unter dem Motto „Schon 35 Soldaten starben für Deutschland“ (24.6.) einer ausführlichen Kriegsberichterstattung. Nach deren Lektüre kann kein Zweifel an der Einsatzbereitschaft und dem Opfermut deutscher Soldaten einerseits, an der Bestialität des Feindes andererseits, mehr bestehen. Dennoch fällt die Bilanz für Bild erschreckend aus: „Insgesamt sind damit bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr 81 deutsche Soldaten und Bundespolizisten ums Leben gekommen. Davon 35 in Afghanistan, wo die Bundeswehr in einem Krieg ist, den noch immer kaum ein Politiker so nennen will.“

Das ist in den Augen der Bild-Zeitung eine echte nationale Schande: Da sterben deutsche Soldaten auf dem Schlachtfeld und die Politik weigert sich, den Krieg beim Namen zu nennen. Im Namen des Volkes und der kämpfenden Truppe nimmt die Zeitung die Politiker, die den Krieg gerade angeordnet haben, in die Pflicht. Laut Bild schulden sie ihren Soldaten Anerkennung für deren Hingabe fürs Vaterland, und diese Anerkennung realisiert sich in erster Instanz darin, die Größe der Aufgabe, vor der die Bundeswehr steht, beim Namen zu nennen: Krieg! Überhaupt: Nicht nur die Politiker – auch die restliche Gesellschaft lässt es an Unterstützung für die tapferen Soldaten fehlen. Im ganzen Land fehlt es an ein bisschen mehr Begeisterung für unsere Helden vor Ort. Stellvertretend lässt das Blatt den Wehrbeauftragten des Bundestages mit einer Beschwerde zu Wort kommen: „Ich frage mich: Wo bleibt das klare Wort der Kirchen, der Gewerkschaften, der Wirtschaft? Das Bekenntnis: Unsere Truppe steht in Afghanistan in einem schweren Kampf – und wir stehen als Bürger und Staatsbürger fest zu ihnen. Das wäre ein Zeichen menschlicher Zuwendung.“ (Robbe im Interview mit Bild)

Im Krieg ist der ganz normale Nationalismus des Volkes der Bild-Zeitung nicht genug. Da reicht es dem Blatt nicht, dass die Leute arbeiten und ihren Alltagspflichten nachkommen; dass sie, wenn die Politik sie dazu aufruft, eine neue Regierung per Wahl ermächtigen, sich weitere vier Jahre regieren lassen und auch um einen Krieg kein weiteres Aufheben zu machen. Bild ist all das einfach nicht genug. Im Krieg ist Bekenntnis zur Nation und ihrer kämpfenden Armee verlangt, Grußadressen und Beten für die Frontsoldaten, die sich treu und berechnungslos für Deutschland aufopfern, sind eine moralische Pflicht für jedermann in der modernen Zivilgesellschaft, mehr ideelle Anteilnahme am Krieg ein Gebot „menschlicher Zuwendung“. Bild jedenfalls arbeitet daran.

Aber nicht nur die Bild-Zeitung. Auch bei der Süddeutschen hält man es für einen Skandal, dass nicht längst vom „Krieg“ gesprochen wird. Auch dieses Blatt argumentiert ganz im Namen der kämpfenden Soldaten. „In der Truppe wird die gestiegene Kampfbereitschaft der Bundeswehr überwiegend begrüßt, auch wenn es jetzt vermehrt Opfer geben sollte. Andererseits wünschen die Soldaten auch, dass nun allmählich in der deutschen Öffentlichkeit anerkannt wird, dass sie kein ‚bewaffnetes Technisches Hilfswerk’ sind, wie häufig gespottet wurde, sondern dass sie sich in einem veritablen Krieg befinden.“ (SZ, 24.6.)

Weil die SZ endlich Schluss machen will damit, den deutschen Einsatz als Brunnen bohren zu besprechen, gibt sie sich als Sprachrohr der Truppe, die der diesen Wunsch quasi von den Lippen abgelesen hat: Es ist überfällig, die Phrasen, mit denen der Einsatz hierzulande jahrelang gerechtfertigt wurde, aus dem Verkehr zu ziehen. Die lenken nämlich in den Augen der Meinungsmacher nur vom Kern der Sache ab: Die Armee führt Krieg, ihre Kampfbereitschaft ist von keinerlei Opfern zu erschüttern, kurz: die Moral der Truppe steht wie eine Eins. Dafür darf sie wohl mit Fug und Recht die Anerkennung „der deutschen Öffentlichkeit“ beanspruchen.

Kritik an der Führung, nationalistische Hetze und Kriegstreiberei wegen ihrer Verweigerungshaltung gegenüber dem „K-Wort“ ist also an der Tagesordnung. Anwürfen derart, sie ließe es gegenüber der Truppe an Würdigung ihrer Leistungen mangeln, ist die Regierung – bei weiterer konsequenter Vermeidung des umstrittenen Terminus – allerdings locker gewachsen: Den ums Leben gekommenen Bundeswehrsoldaten wird schon seit geraumer Zeit die Ehre zuteil, „gefallen“ zu sein; und als Symbol der Ehrerbietung gegenüber dem soldatischen Heldenmut im Kampf für Deutschland wird eigens ein neuer Orden spendiert.

Mit der demonstrativen Anerkennung der Leistungen ihrer Streitmacht auf dem Feld der Ehre ist die Bundesregierung allerdings noch lange nicht aus dem Schneider. In dem Bemühen, das K-Wort zu vermeiden, entdeckt die deutsche Journaille nämlich noch ein ganz entscheidendes Vergehen: Feigheit vor dem Volk! Stellvertretend für alle – ein Zitat aus dem Spiegel: „Die deutschen Politiker, die die Soldaten nach Afghanistan schicken, tun lieber so, als wäre dies ein Polizei- und Entwicklungshilfeeinsatz. Denn sie wissen, dass das Mandat in der Bevölkerung unpopulär ist.“

Anstatt das Volk zu mehr Begeisterung für die Truppe anzustacheln, reden die Führer dem Volk nach dem Maul und nehmen Rücksicht auf dessen Bedenklichkeiten! Ein feiner Vorwurf an die Herrschaft!

Also: Nicht nur BILD – auch die Meinungsmacher für die intellektuellen und kritischen Köpfe sind der Ansicht, dass das Volk zu mehr Einsicht ins Notwendige hin erzogen werden muss. Die FAZ kommt zu folgendem Urteil: „Die wachsende Abneigung der deutschen Bevölkerung gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan lässt sich im Kern auf einen Grund und auf eine Ursache zurückführen. Die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts haben sich bei den Deutschen in einer pazifistischen – oder antimilitärischen – Grundhaltung niedergeschlagen; sie lehnen ‚Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln’ geradezu instinktiv ab. Die militärische Intervention in Afghanistan hat nach dem Sturz der Taliban die Illusion genährt – nicht nur in Deutschland, auch in Amerika –, die Terrornester von Al Kaida könnten in einem Blitzkrieg ausgeräuchert werden, und der Neuaufbau des Landes sei dann eine friedliche Aufgabe … Unter diesen Voraussetzungen hat sich auch die Bundeswehr am Hindukusch engagiert.“ (FAZ, 4.7.)

Da müssen die Frankfurter Experten für Meinungsbildung aber einmal hart mit ihrem Volk ins Gericht gehen: Es ist vollkommen verweichlicht, nicht im Stand, dass man ihm eine klare Kriegsansage präsentiert, bestenfalls für einen Blitzkrieg zu haben und prompt mies gestimmt, wenn er ein bisschen länger dauert als geplant. Mitschuld daran trägt die Regierung selbst: Bei der Halbherzigkeit, mit der sie selbst in den Krieg eingestiegen und ihn entsprechend verkauft hat, braucht man sich über kriegsuntaugliche „Grundhaltungen“ nicht zu wundern; wenn man dem Volk was verkehrtes erzählt, dann reagiert es auch verkehrt. Dass aber „Deutschlands Sicherheit weiterhin am Hindukusch verteidigt werden“ muss, steht fest. Also ist das Volk entsprechend darauf einzustimmen. .p „Nur wenn die Regierung ihre Afghanistan-Politik offensiver vertritt, bleibt sie unangreifbar … Die neue Aggressivität der Taliban ist seit Monaten zu beobachten. Doch der Bundesregierung fehlte der Mut, ihre Afghanistan-Politik trotz aller Wahlkampf-Gefahren offensiver zu vertreten. Nun bleibt ihr nicht viel anderes übrig als die Flucht nach vorne. Dies ist manchmal die letzte, sinnvolle militärische Bewegung.“

In Kriegsfragen ist nicht Verdruckstheit, sondern Ehrlichkeit geboten. Das Volk ist nämlich an und für sich vernünftig und für die Großtaten der Nation zu gewinnen, wenn man ihm nur reinen Wein einschenkt, ihm den Krieg, dessen Risiken und Erfolgsperspektiven offen erläutert, ein wenig Feindbildpflege betreibt und es darauf vorbereitet, dass vor der Wahl mit Anschlägen zu rechnen ist. Dann ist der Wahlkampf und die anschließende Regentschaft für die Führung und ihre Militärmission keine „Gefahr“ mehr und die Offensive gegen die Taliban kann weiterhin munter in Angriff genommen werden.

P.S. Vor der Bundestagswahl hat die Partei Die Linke damit geworben, dass nur sie den Afghanistankrieg ablehnt und dem Wähler die Option bietet, gegen Gewalt in der Außenpolitik zu stimmen. Nach dem Wahlerfolg fordern linke Spitzenpolitiker, die Partei müsse auch zu diesem außenpolitischen Problem eine konstruktivere Stellung einnehmen und Lösungen anbieten: Ein abstraktes Nein zum Krieg sei keine Politik. Die Linkspolitiker geben ihren Gegnern aus SDP und Grünen recht: Eine Partei, auch wenn sie 12 Prozent der Wähler hinter sich hat, ist erst dann "politikfähig", wenn sie die Kriege des Vaterlands mitverantworten mag!