« vorige nächste » Die Sendung vom 25. November 2009

Geld oder Leben – „Eine Milliarde Menschen leiden an Hunger“

Ein bisschen merkwürdig ist die gelegentliche Aufregung über den Aufschwung des Elends in Sachen Ernährung schon. Hunger ist schließlich eine beständige Begleiterscheinung der modernen Welt, wird regelmäßig zu hohen Feiertagen von humanitären Verbänden zum Thema gemacht, der privaten Barmherzigkeit und Spendenfreude anempfohlen und ebenso regelmäßig wieder zugunsten anderer Themen abgesetzt. Und auch der gewisse, mit dem Lebensmittelpreis verbundene Gegensatz, an dem sich manchmal Entrüstung festmacht, ist nicht erst neulich in die Welt gekommen: Mit der Bezahlung ihres Essens tun sich Millionen von Statisten der globalen Marktwirtschaft schon seit längerem schwer.

Aktuell wird von den maßgeblichen Elendsberichterstattern z.Z. folgendes bilanziert: Die „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit“, OECD, schreibt in ihrem „Agrarausblick 2009“:

„Eine Milliarde Menschen leiden an Hunger"

„In den Entwicklungsländern werden zwar künftig mehr landwirtschaftliche Güter hergestellt, gehandelt und verbraucht. Lebensmittelknappheit und Hunger sind aber dennoch ein zunehmendes Problem. Weltweit leiden eine Milliarde Menschen Hunger. Langfristig besteht weniger die Gefahr, dass es nicht genug Nahrungsmittel gibt, sondern dass die Armen nicht ausreichend Zugang dazu haben. Deshalb müsse die Armut verringert werden und die Wirtschaft wachsen – dazu könne in Entwicklungsländern die Landwirtschaft beitragen.“ (wirtschaft.t-online.de, 17.6.09)

Immer mehr Lebensmittel auf der einen Seite - gleichzeitig herrscht Lebensmittelknappheit. Nahrungsmittel für die Hungernden wären also da, aber es fehlt ihnen am Entscheidenden: am „Zugang“ zu diesen Nahrungsmitteln. Und was ist dieser „Zugang“? Das Geld natürlich. Die Hungernden sind von den Mitteln zur Beseitigung ihres Hungers, also den Lebensmitteln durch das Geld ausgeschlossen: Erst müssen sie Geld herbeischaffen, dann kriegen sie was zu essen.

Dem ist erstens zu entnehmen: Zweck allen Produzierens - auch der Lebensmittelproduktion - ist nicht die Herstellung von Gütern, die z.B. die Hungernden brauchen, sondern der Erwerb von Geld; der reichlich produzierte sachliche Reichtum ist einzig und allein dafür da, zu Geld zu werden.

Zweitens: Dieser alles beherrschende Zweck (man kann auch sagen dieser Zwang) ist es dann auch, der das Elend in der Marktwirtschaft hervorbringt. Die Fachleute von der OECD nennen das Geld aber nicht Geld, sondern „Zugang“. Darin drückt sich einerseits aus, dass es für sie das Allerselbstverständlichste ist, dass man ohne Geld an nichts herankommt, eben keinen „Zugang“ hat, andererseits verschwindet in diesem vornehmen Wort, dass es überhaupt nur ums Geld geht. Sie kommen im Leben nicht darauf, dass es das Geld, sprich: die Festlegung allen Produzierens auf den Gelderwerb ist, was die Leute hungern lässt - für sie fängt das „Problem“ an, wo der Hammer einer kapitalistischen Geldwirtschaft schon längst seine Gültigkeit hat und wirkt. Nur fehlendes Geld verhindere, dass die produzierten Güter dorthin gelangen, wo sie am dringendsten gebraucht werden; sobald es da ist, ermöglicht es den „Zugang“. Durch diese Brille betrachtet, ist klar, worauf die Sache hinausläuft: Hunger ist nicht Mangel an Nahrungsmitteln, sondern Mangel an Geld, und dann heißt das erste Bedürfnis der Armen: eine erfolgreichere Geldwirtschaft! Milliarden hungernder Menschen beweisen, wie unverzichtbar ein in Geld bilanziertes Wirtschaftswachstum ist. Das Weltwirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte hat eine riesige und steigende Zahl von Hungernden hervorgebracht - und das einzig senkrechte Mittel dagegen ist das Weltwirtschaftswachstum, also die Quelle des Elends – empfohlen als Rettung!

Damit ist vorgezeichnet, was die für ihre Effizienz und Menschengerechtheit berühmte soziale Marktwirtschaft als Lösung vorschreibt: Hungernde finden, wenn überhaupt, „Zugang“ zu ihren Nahrungsmitteln nicht dadurch, dass sie sie herstellen und essen, sondern dass sie daran beteiligt werden, Nahrungsmittel zu Geschäftsartikeln zu machen. Die müssen sie dann dorthin bringen, wo die Zahlungsfähigkeit beheimatet ist, denn nur so haben sie die Chance, sich ein Geld zu verdienen, mit dem sie sich dann wieder Nahrungsmittel kaufen können. Was anderes als Wirtschaftswachstum kann man nicht für sie tun. So wird sich marktwirtschaftlich mit Fragen des Lebens und Überlebens befasst. Für den professionellen Blick beginnt und endet Ökonomie beim Geld, er kennt kein anderes Bedürfnis und kein anderes Produkt als das Geld, keine andere Frage und kein anderes Problemlösungsmittel. Egal, wo der marktwirtschaftlich geschulte Verstand anfängt zu denken, er endet bei der ewigen Gebetsmühle vom Wirtschaftswachstum, das unverzichtbar ist. Dieser Sachverstand kennt keinen anderen Sorgegegenstand als die Geldvermehrungswirtschaft.

Dafür ein weiterer Belegt, eine weitere Sumpfblüte, in diesem Fall aus dem Wirtschaftsressort der FAZ: Auch die jüngsten südostasiatischen Naturkatastrophen machen anschaulich, in welchem Verhältnis das, was „die Wirtschaft“ genannt wird, zum Überleben der Leute steht. „Asiens schwarze Tage“:

"Es waren schwarze Tage für die aufstrebenden Länder Südostasiens: verheerende Regenstürme … mehrere Erdbeben … ein Tsunami …. Die Zahl der Toten dürfte sich auf mehrere tausend belaufen. Die Wirtschaft aber bleibt von all diesen Katastrophen fast unberührt. Denn anders als etwa von der Dürre in Indien sind von den Naturkatastrophen nur einige arme Landstriche betroffen. Deren Desaster aber berühren das Wachstum der Länder kaum. ‘Die wirtschaftlichen Auswirkungen verblassen hinter der menschlichen Tragik’, fasst der Internationale Währungsfonds … die Lage zusammen.“ (4.10.)

Im gegebenen Fall ist die „Lage“ einerseits schlimm - „menschliche Tragik“ soweit das Auge der professionellen Elendberichterstattung reicht, „die wirtschaftlichen Auswirkungen“ verblassen dahinter! Die Leute von der Wirtschaftsredaktion wollen nicht als Unmenschen dastehen und erledigen erst einmal ihre moralische Pflicht: Ja, schlimm das mit den Opfern… Dann kommen sie aber zur Sache und haben Gutes zu vermelden: Die massive Vernichtung von Leben und Lebensgrundlagen ist zwar eine Katastrophe, aber eben nur fürs Leben und nicht für die Ökonomie. Im Gegenteil:

„'Ich denke nicht, dass diese gleichzeitigen Schocks Asiens Wiederaufschwung durcheinander bringen werden. Über einen längeren Zeitraum spürt man kaum einen Einfluss auf das Bruttoinlandsprodukt’, sagt Leong Wie Ho, Volkswirt … bei Barclays Capital… Im Gegenteil: In der Regel steigen nach den Katastrophen die Aktien von Bauunternehmen und Zementherstellern, da mit einem raschen, oft besseren Wiederaufbau gerechnet wird. Auch die nun von den Erdbeben betroffenen indonesischen Gebiete … stehen für weniger als 3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes des Inselstaates. Dort gibt es relativ wenig Industrie, die wichtigste Infrastruktur wie Straßen oder Brücken rund um Padang ist unzerstört.“

Womit hat man es – einfach mal nüchtern marktwirtschaftlich betrachtet – bei massenhaften Zerstörungen zu tun? Mit guten Geschäftsaussichten für Bauwirtschaft und Spekulation. Im vorliegenden Fall steht dem noch nicht mal ein wirtschaftlicher Schaden gegenüber, da nur Lebensgrundlagen, nicht aber Betriebe und Infrastruktur oder sonst was fürs Geldverdienen Relevantes vernichtet wurden.

Für die Versicherungswirtschaft stellen sich die Katastrophen etwas anders dar:

„Die Vereinten Nationen sprachen Ende vergangener Woche mit Blick auf diesen Teil Asiens von einem ‚Erdteil der Desaster’. ‘Noch nie haben wohl so viele Naturkatastrophen eine Region in so kurzer Zeit heimgesucht’, sagte die stellvertretende Generalsekretärin der Vereinten Nationen, Noeleen Heyzer. Die Rückversicherung Münchener Rück hat ermittelt, dass sich die Zahl der Naturkatastrophen … in Asien zwischen 1980 und 2007 mehr als verdreifacht habe... Die Verluste durch diese Katastrophen summierten sich allein 2007 auf rund 40 Milliarden Dollar. In schlechteren Jahren, wie etwa 2004 nach dem Tsunami, haben sie auch schon das Doppelte erreicht. Dennoch: Nur ein Bruchteil in Höhe von vielleicht 2 oder 3 Milliarden Dollar der Gesamtsumme ist in den armen asiatischen Ländern versichert.“

Es gibt also auch einen Sektor Ökonomie, den menschliche Nöte und Katastrophen nicht kalt lassen, weil er nämlich davon betroffen ist. Im Versicherungssektor verblasst keine Geldrechnung „hinter der menschlichen Tragik“, im Gegenteil: Jede menschliche Tragik hat ihren exakten Preis, mit dem sie sich in den Bilanzen niederschlägt. Rein ökonomisch betrachtet sind Katastrophen eine Frage der Assekuranz.

Im vorliegenden Fall war die menschliche Katastrophe geradezu ein Schnäppchen. Weil keiner versichert war, ist auch hier kein nennenswerter ökonomischer Schaden entstanden – für das Versicherungsgeschäft. Was für die Versicherung von Vorteil ist, ist für Kapitalisten aus anderen Branchen freilich ein Nachteil:

Nicht versichert, „das heißt, dass die Menschen auf ihren Schäden sitzen bleiben. Damit fehlt ihnen Kaufkraft. Deshalb verkündete die philippinische Präsidentin Arroyo am Samstagnachmittag ein einjähriges Rückzahlungsmoratorium für staatliche Kredite an Haushalte in den betroffenen Gebieten. Auch Gebühren für Überweisungen aus dem Ausland sollen erlassen werden. So solle eine zusätzliche Kaufkraft von 32 Milliarden Pesos (466 Millionen Euro) freigesetzt werden.“

Auch unversicherten armen Menschen kommt also eine gewisse Bedeutung für die Wirtschaft zu: Die betroffenen Menschenmassen bleiben in ihrem Elend sitzen, die Lebensmittelproduktion versorgt die Leute nicht mit Lebensmitteln. aber deren Zahlungsfähigkeit, um ihre Produkte zu Geld zu machen, ist sie schon interessiert. Auch eine schöne Klarstellung, wie in einer marktwirtschaftlich bewirtschafteten Weltgegend die Lebens – bzw. Überlebensnotwendigkeiten der Bevölkerung zählen – als Fehlende Kaufkraft. Im vorliegenden Fall entspricht die entfallene Kaufkraft ungefähr der Höhe der von der Regierung erhobenen Überweisungsgebühren und ist insofern problemlos kompensierbar, so dass auch hier der Wirtschaft keine Einbußen entstehen. Alles in allem, lässt sich sogar ein erfreuliches Resümee ziehen:

„‘In der Regel gleichen die Gelder für die direkte Hilfe und den anschließenden Wiederaufbau die Schäden mehr als aus. Bei aller Tragik der Opfer können solche Katastrophen sich damit gesamtwirtschaftlich sogar positiv auswirken’, sagt Leong.“

Katastrophe? Kommt drauf an!

Genaueres und Ausführlicheres in dem Artikel „Alter Hunger, neuer Hunger“ (GegenstandPunkt: 2-08)