« vorige nächste » Die Sendung vom 13. Januar 2010
Radiobeitrag

Integration – vom demokratischen Rassismus - Teil I

Thilo Sarrazin

1.

Neulich hat sich ein gewisser Herr Sarrazin wieder einmal ein Interview gegeben und damit eine heftige öffentliche Debatte ausgelöst. Der Mann ist Mitglied des Bundesbankvorstandes, er war vorher Finanzsenator von Berlin, ist also ganz zweifelsfrei Angehöriger der führenden Elite Deutschlands. Als solcher hat er einen Blick auf Berlin – seine frühere Wirkungsstätte – und die Berliner Bevölkerung geworfen und stellt dort seiner Meinung nach alles andere als erfreuliche Zustände fest:

„Bei uns gibt es eine breite Unterschicht, die nicht in Arbeitsprozesse integriert ist. Doch das Berliner Unterschichtproblem reicht weit darüber hinaus … Wir haben in Berlin vierzig Prozent Unterschichtgeburten, und die füllen die Schulen und die Klassen … Berlin hat einen Teil von Menschen, etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung, die nicht ökonomisch gebraucht werden, zwanzig Prozent leben von Hartz IV und Transfereinkommen ... Eine große Zahl an Arabern und Türken hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich auch vermutlich keine Perspektive entwickeln. Das gilt auch für einen Teil der deutschen Unterschicht, die einmal in den subventionierten Betrieben Spulen gedreht oder Zigarettenmaschinen bedient hat. Diese Jobs gibt es nicht mehr. Berlin hat wirtschaftlich ein Problem mit der Größe der vorhandenen Bevölkerung.“ (Alle Zitate aus Lettre International, Oktober-Ausgabe)

Er stellt also fest: Es gibt dort massenhaft Leute, die keine Arbeit haben, die für die Wirtschaft keinen Nutzen bringen, die von staatlichen Sozialleistungen leben. Und was ist sein Urteil über diese Armutsgestalten und ihre armseligen Lebensbedingungen? Sein Urteil lautet: Mit einem solchen Volk lässt sich doch nicht ordentlich Staat machen!. Was ist das für ein Blickwinkel, mit dem dieser Politiker die Zustände bzw. die Leute in der Stadt taxiert?

So spricht ein politischer Macher, einer, der quasi von „Natur“ aus den Standpunkt eines verantwortlichen Staatsmannes einnimmt: Als solcher äußert er mal ziemlich ungeschminkt, was in den Augen eines führenden Verwalters des Standorts Deutschland Sache ist: doch nicht, welche Probleme die Leute haben - sondern welches Problem Regierende mit ihrem Volk haben. Ganz selbstverständlich blickt er auf die Menschen als Ressource für Erfolg und Größe der Nation. Das heißt: er taxiert die Leute danach, inwiefern sie als Instrument für Berlin und seine Wirtschaft und die Wirtschaft überhaupt brauchbar sind: Lässt sich mit dem, was da so an Volk rumläuft, ein erfolgreicher Konkurrenzstandort „bauen“? Das ist der Gesichtspunkt, den er an seine Untertanen anlegt: Die sind staatlich verfügbares Menschenmaterial – kann man als Staatsmann mit denen was anfangen?! Die Leute haben Mittel für den Erfolg der Wirtschaftsmetropole zu sein – und sonst gar nichts.

2.

Nun ist es ja gar nichts besonderes, dass Politiker ganz grundsätzlich ihr Volk von oben herab nach seiner Nützlichkeit betrachten - das besondere an diesem Typen aber ist: Sarrazin spart sich jede Art der ansonsten in öffentlichen Stellungnahmen üblichen anbiedernden Heuchelei: in dem Sinne: „Arbeitslosigkeit bzw. der hohe Ausländeranteil ist „ein Problem für die Betroffenen und für uns alle“, und wir Politiker kümmern uns drum“. Er tritt nicht – wie sonst üblich – erstmal mit der heuchlerischen Pose des Dieners des Volkes an - stattdessen geht der Mann gleich direkt zur Beschimpfung des Volkes über: Ein gewisser Teil davon ist zu groß und hängt bloß rum, ohne dass er Staat oder Wirtschaft etwas nützen würde. Schon stark wie der Mann die Sache auf den Kopf stellt: Sarrazin beruft sich darauf, dass massenhaft Leute von der Wirtschaft aussortiert, dass sie dauerhaft fürs Wirtschaftswachstum überflüssig gemacht worden sind.

Der Elitemensch Sarrazin sieht das genau andersherum: Was die wirtschaftlichen und politischen Interessen, die am Standort D zählen, an ihrem menschlichen Material aus der Sparte „Lohnabhängige“ anrichten - das ist ihm erstens Grund genug, bei denen, die bei der kapitalistischen Sortierung nach unten durch fallen, gar kein Existenzrecht am erfolgsgewohnten Standort D mehr zu entdecken.

Und zweitens macht er die Leistungen der marktwirtschaftlichen Menschensortierung ganz unverblümt den Betroffenen zum Vorwurf: Das, was Staat und Kapital aus den Leuten machen, was sie mit und an ihnen anrichten, das schiebt er denen in die Schuhe. Sie haben „keine produktive Funktion“, sie sind nicht nützlich, sie werden für das Wachstum in Berlin und anderswo nicht gebraucht, also (!) sind sie zu viel. Und damit soll nicht der Skandal benannt sein, wie schäbig die Marktwirtschaft mit ihrer menschlichen Manövriermasse umspringt – nein, ganz im Gegenteil. Sarrazins Logik heißt: Wer den Schaden in der Konkurrenz um Arbeitsplätze hat, der ist der Schaden – für das Gemeinwesen (Berlin, Deutschland). Sarrazin macht aus der im Kapitalismus gang und geben Tatsache, dass die Leute Objekt einer Sortierung sind, dass sie als Opfer des Arbeitsmarkts überflüssig gemacht worden sind, ein Urteil über sie: Sie sind für die am Standort D maßgeblichen Interessen untauglich – also taugen sie nichts.

3.

Und weil Sarrazin sich ja in der Pose dessen gefällt, der die Missstände offen und öffentlich beim Namen nennt, macht er dem Berliner Volk vor allem dessen mangelnde Geistesausstattung zum Vorwurf: „Unsere Bildungspopulation wird von Generation zu Generation immer dümmer. Der Anteil der intelligenten Leistungsträger fällt kontinuierlich ab.“

So denkt eben ein Vertreter der staatlichen Elite: Wenn eine wachsende Zahl von Menschen weder vom Staat noch von der Wirtschaft gebraucht wird, dann müssen die zu dumm dafür sein! Als erfolgsverwöhnter Regierender geht er davon aus, dass die Zustände auf dem Arbeitsmarkt an den Eliten jedenfalls nicht liegen können, weil die ja schon im eigenen Interesse das Nötige für eine erfolgreiche Benützung des Volkes tun; und wenn das nicht passiert, dann muss es an den Menschen liegen. Sie, die Menschen, werden immer untauglicher für ihre Benützung. Sie müssen eine Art Defekt haben: Ihnen fehlt die nötige Intelligenz dafür. Merke: „Intelligenz“ geht in den Augen dieses Elite-Hängers ganz in den Fähigkeiten auf, die Staat und Wirtschaft verlangen, um die Leute für ihre Interessen in Dienst zu nehmen.

Kurz gesagt: Sie – die Leute, für die die Elite der Nation den Ausdruck „Unterschicht“ geprägt hat - versagen in jeder entscheidenden Hinsicht vor den Ansprüchen und Erwartungen, welche eine Herrschaft billigerweise an ihr Menschenmaterial stellen darf: Die Berliner Bevölkerung – oft arbeitslos, arm, wirtschaftlich primitiv oder erfolglos, ungebildet – in der Summe jedenfalls für eine Führung, die einen global erfolgreichen Standort von Marktwirtschaft regieren will, eine Zumutung!

Wir kommen später noch auf die anlässlich des Sarrazin-Interviews in Deutschland geführte öffentliche Debatte zu sprechen. So viel sei aber hier schon einmal festgehalten: Dieser Standpunkt Sarrazins, die Leute nach ihrer Nützlichkeit für Staat und Kapital zu sortieren und den Aussortierten ihre Untauglichkeit zum Vorwurf zu machen – dieser Standpunkt, der es verdient, als Rassismus der Konkurrenz bezeichnet zu werden, der war in der öffentlichen Debatte keiner Erwähnung wert. Diese Sorte Beurteilung von den Leuten als Manövriermasse für den nationalen Erfolg war locker abgehakt – das ist in unserer freien Marktwirtschaft eben ganz normal. Die kritische Begutachtung hat erst da angesetzt, wo Sarrazin die Ausländer beschimpft hat. Doch – wie gesagt – dazu demnächst mehr.

4.

Der Mann denkt weiter und holt zum nächsten Schlag aus: Statt, dass die Unnützen sich vom Acker machen, wenn ihr Arbeitsplatz wegrationalisiert wurde, bleiben sie einfach da und richten sich glatt in den Verhältnissen ein („Sie leben ihren Stiefel“ - drückt Sarrazin das aus, und zwar im unüberhörbaren Tonfall des Vorwurfs). Schon wieder stark: Sonst wird doch von diesen Leuten gerade gefordert, dass sie sich gefälligst mit den paar Euros einrichten, die der Staat ihnen zubilligt. Als wäre das nicht genau das übliche „Anforderungsprofil“ an die sog. „Unterschicht“: sich anzupassen, sich ruhig zu verhalten und nicht aufzufallen. Sarrazin dreht die Sache einfach rum: Weil diese Leute sich mangels sonstiger Perspektiven in den elenden Verhältnissen einrichten, wollen sie gar nichts anderes als ihr armseliges Dasein – an dem ein Sarrazin das Armselige sofort durchstreicht. Wer zu den Verlierern in der Konkurrenz gehört und sich an der staatlich organisierten Verelendungskarriere abarbeitet, der will es gar nicht anders. Dem fehlt es in den Augen dieses Volkssortierers einfach am nötigen Willen, an der Dienstbereitschaft, um von der Wirtschaft rangenommen werden zu können. Sarrazins Beweisführung dafür ist mit dem Deuten auf das Faktum fertig: sonst würden diese „Typen“ doch in ihrer abgehängten Ecke nicht einfach „ihren Stiefel leben“.

Solch eingefleischte Verlierertypen haben am Standort D einfach nichts verloren. Dieser ganz und gar nicht unproduktive Elite-Typ S., der als Berliner Finanzsenator wesentlich für die Herstellung solcher Elendsexistenzen verantwortlich war, meint das auch sehr praktisch. Und deshalb kennt er neben dem Unterschied von produktiven Nützlingen und schmarotzerischen Schädlingen sofort einen zweiten Unterschied in Sachen Sortierung des Volkskörpers: Weil das Arbeitslosenheer vor allem von ehemaligen Billigarbeitskräften bevölkert wird, sind es vor allem Ausländer - die für eben diesen Zweck, Billigarbeitskraft zu sein, mal hierher geholt wurden - , die sich jetzt im Arbeitslosenheer wiederfinden. Darauf deutet Sarrazin, um kundzutun: Für ihn reicht ein Blick auf die Nationalität, um die Masse der Arbeitslosen zu sortieren. Da gibt es nämlich einen ganzen Haufen Leute, die sind gar keine Deutschen. Und dieser - aus fremden Nationalitäten bestehende - Bodensatz der kapitalistischen Sortierung gehört schon gleich nicht hierher. Die haben schon deswegen hier kein Recht auf eine Existenz, weil sie fremden Nationalitäten angehören: „Araber und Türken – dieser Teil muss sich auswachsen“ sagt Sarrazin und erklärt auf Nachfrage des Interviewers, dass er damit meint: Diese Leute müssen alles ablegen, was sie als Araber und Türken kenntlich macht. Oder sie müssen raus aus Deutschland.“

Auf deren mitgebrachte Sitten und Gebräuche deutet Sarrazin mit dem Finger, um an ihnen sein längst feststehendes nationalistisches Urteil zu bebildern, dass diese Leute ein Schaden für Deutschland sind. Demokratisch geschulte und gebildete Bevölkerungspolitiker vom Schlage eines Sarrazin interessiert alles an ihrem Sortierungsmaterial – die Schulabschlussquoten, die Gesinnung, die Art zu leben, von deutschen Gewohnheiten abweichende religiöse oder moralische Eigenheiten usw. – : All das geht sie was an, weil sie die Menschen damit an den in Deutschland verbindlichen Maßstäben für eine herrschaftsdienliche Manövriermasse messen - und Abweichungen davon werden den Betroffenen als ihr völkischer Naturdefekt zur Last gelegt. Es ist der Sarrazinsche Wille zur Ausgrenzung, der ihn seinen Rassismus der Konkurrenz um die völkische Abteilung Rassismus ergänzen lässt und der Argumente der folgenden Art hervorbringt:
“Ständig werden Bräute nachgeliefert. Das türkische Mädchen hier wird mit einem Anatolen verheiratet, der türkische Junge bekommt eine Braut aus einem anatolischen Dorf.…Bei den Arabern ist es noch schlimmer.“ Die Araber und Türken haben einen zwei- bis dreimal höheren Anteil an Geburten, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht.“

Sechs Kinder von deutschen oder vielleicht auch ausländischen Eliteeltern, das ginge in Ordnung. Damit ließe sich staatlicherseits ev. noch was anfangen. Aber diese Elendsfiguren, die von der staatlichen Stütze leben, genügen den Ansprüchen des deutschen Ressourcen-Verwalters in keiner Hinsicht: Sie sind dumm, erfolglos, sittlich verwahrlost. Und Sarrazin weiß auch, warum: Es liegt am Willen dieser ausländischen Landsmannschaft, weil es deren Wesensart ist, einfach alle Leistungen zu negieren, die verlangt sind: Sie sind einfach unwillig. Sie sind
„weder integrationswillig noch integrationsfähig“. Viele von ihnen wollen keine Integration, sondern ihren Stiefel leben. Zudem pflegen sie eine Mentalität, die sie als gesamtstaatliche Mentalität aggressiv und atavistisch macht.

Wer vom Kapital aussortiert ist, der ist nicht „integrationsfähig“ – und der will es auch nicht sein, so die brutale Logik dieses so unerhört sympathischen Angehörigen der Elite Deutschlands. Eine schöne Klarstellung, was dieser Bevölkerungspolitiker an sachgerechter Auskunft über „Integration“ gibt: den bedingungslosen Willen, sich in die deutsche sittliche Gemeinschaft einzuordnen. Ganz unabhängig davon, was Staat und Kapital mit den Leuten veranstalten, sollen sie diesen Staat als Heimat ansehen – und mit diesem Laden durch dick und dünn gehen, wie es ein Nationalist in Führungsposition von deutschen Eingeborenen offenbar mit größter Selbstverständlichkeit erwartet. Und „Arabern und Türken“ mag er den berechnungslosen Patriotismus von Deutschen einfach nicht zutrauen – wo sie in seinen Augen doch Ausländer also - Diener fremder Herren sind.

5.

Mit dieser Optik kommt Sarrazin zum Höhepunkt seiner Abrechnung. Wer sich der „Integration“ (= der bedingungslosen Unterwerfung unter das, was in Deutschland zählt, bis in die Gestaltung des Privatlebens hinein) entzieht - der ist gefährlich. Wer sich so benimmt wie die Türken und Araber, also sich die „Bräute im anatolischen Dorf“ sucht (statt in der deutschen Disco), der hat eine feindliche Absicht: Der ist nicht nur ökonomisch nutzlos, der ist vor allem volksfremd - und wenn er als solcher Volksschädling Nachwuchs produziert wie die Karnickel, dann ist das endgültig ein feindlicher Akt gegen Deutschland, ein hinterhältiger Kriegsakt: Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate.“ Ausländer, die sich nicht in deutschen, sondern in türkischen Heimatvereinen organisieren, die in die Moschee statt ins deutsche Gotteshaus gehen, sind Volksfremde. Und Volksfremde sind – so die demokratische Logik - Volksfeinde.

Die als „nutzlos“ beschimpften Elendsgestalten gelangen so bei Sarrazin zu einer zweifelhaften Ehre: Die von der hiesigen „Mehrheitsgesellschaft“ abgehängten und ausgegrenzten Migranten-Communities, auf die niemand Rücksicht nimmt, kommen auf einmal in den Rang eines Subjekts der Verhältnisse: Sie sind die 5. Kolonne des Feindes, die einen Eroberungsfeldzug auf deutschem Boden in Angriff genommen hat. Nämlich dadurch, dass sie mehr Kinder werfen als die Einheimischen: Brutaler und treffender kann man die Beschaffenheit des elitären Herrschaftsstandpunkts nicht mehr zum Ausdruck bringen, der jedem demokratischen Politiker in der Politiksparte „Bevölkerungspolitik“ mit ihren allseits publik gemachten sog. „demografischen Herausforderungen“ auch total vertraut ist: Je mehr eigene Kinder geworfen werden, um so besser. Wem gehören diese Kinder dann? In der maßgeblichen Optik des Bevölkerungspolitikers ganz klar dem Staat, der mit ihnen ganz fundamentalistisch als seinem Menschenmaterial rechnet, noch bevor die Projekte überhaupt feststehen, für die er dieses Material hernehmen will. Und weil jede nationale Elite für den eigenen Laden eben diese Optik anwendet, ist es für sie auch gleich so arschklar, dass das Menschenmaterial eines fremdem Staats, das sich hierzulande unnütz herumtreibt, nur die feindliche Übernahme diesmal nicht kapitalistischer, sondern völkischer Art im Sinne haben kann - und einen Ersatzkrieg mit der Geburtenrate führt.