Integration vom demokratischen Rassismus - Teil II
1.
Sarrazin geht nicht nur auf die Ausländer los, sondern auch auf das hiesige Sozialsystem - nämlich als der Bedingung dafür, dass Ausländer ihren Stiefel leben: Das Sozialsystem, welches die in der Konkurrenz aussortierten Armen betreut und verwaltet, ist ein einziges Hindernis dafür, der Ausländermannschaft die Beine zu machen, die Herr Sarrazin ihnen wünscht. Für ihn sind die USA das leuchtende Vorbild:
In den USA müssen Einwanderer arbeiten, weil sie kein Geld bekommen, und werden deshalb viel besser integriert. Man hat Studien zu arabischen Ausländergruppen aus demselben Clan gemacht; ein Teil geht nach Schweden mit unserem Sozialsystem, ein anderer Teil geht nach Chicago. Dieselbe Sippe ist nach zwanzig Jahren in Schweden immer noch frustriert und arbeitslos, in Chicago hingegen integriert. Der Druck des Arbeitsmarktes, der Zwang zum Broterwerb sorgen dafür.
Einerseits ist das, was der Mann hier von sich gibt, kontrafaktisch und absurd: Er tut so, als gäbe es hierzulande keinen Druck des Arbeitsmarkts; als würde der hiesige Sozialstaat den arbeitslosen Türken und Arabern ein bequemes Leben ermöglichen und sie ansonsten in Ruhe lassen. Natürlich ist auch einem Herrn Sarrazin nicht so ganz unbekannt, wozu das deutsche Sozialsystem gut ist. Ihm als ehemaligem Finanzminister dürfte klar sein, dass das Geld, das als Transferleistung ausgezahlt wird, keine Wohltat aus der Staatskasse ist, sondern aus den Beiträgen stammt, die der Staat dem Kollektiv der Lohnarbeiter abgeknöpft hat. Auch das Prinzip des Förderns und Forderns ist ihm bekannt, sprich: Jeder Euro, den der Arbeitslose erhält, löst sich auf in die Forderung, jede Arbeit anzunehmen und sich dafür fit zu halten, auch wenn er gar keine bekommt. Bloß: diese deutsche Führungskraft ist dermaßen besoffen von ihrem Ideal eines nützlichen, produktiven Volkes, dass der Herr Sarrazin die wirklichen Leistungen des Sozialstaats zum Erhalt der Brauchbarkeit der Leute gar nicht mehr wahrhaben will. Er meint es bitterernst damit, dass der Sozialstaat Schaden anrichtet:
Zum einen verhindert dieser im Weltbild Sarrazins, dass sich die völkischen Tauglichkeitsunterschiede im Alltag der Konkurrenz gerechterweise Bahn brechen und sich die untauglichen bis unwerten Türken und Araber in einer Art sozialer Auslese quasi von selbst auswachsen, wie Sarrazin sagt. Der Zwang zum Broterwerb wirkt demzufolge dann am besten, wenn es gar keine Aussicht auf Broterwerb gibt. In den Augen dieses elitären Arschlochs wirkt die Peitsche des Arbeitsmarkts so durchschlagend, dass diese Sorte von Umwelt dem Einwanderer nach USA sogar das Araber- und Türken-Gen auswachsen lässt übrigens auch wieder so eine Sarrazin-Idee, die keinem der aufgeregten Diskutanten eine Aufregung wert war (so normal kommen ihnen wohl die Ideologien von Gen und Umwelt als Rechtfertigungen für Konkurrenzresultate vor).
Der Fehler am Sozialstaat ist laut Sarrazin: Statt sich darauf zu verlassen, dass der Arbeitsmarkt die schlechten Volks-Gene herausmendelt, erspart der Sozialstaat (nicht nur, aber vor allem) den ausländischen Arbeitslosen den Druck des Arbeitsmarkts, er macht sie zu Parasiten, die einfach hier bleiben, weil man ihnen ständig Hilfe reindrückt. Das ist die eine Botschaft, an der dem Herrn Sarrazin gelegen ist: Sozialstaat verhindert den für den Kapitalstandort D nützlichen Zwang zum Konkurrieren.
Zum anderen will Sarrazin eine dringliche Botschaft für den praktischen Umgang mit den Ausländern loswerden. Hier sieht er eine echte Gefahr, leistet sich Deutschland doch mit seinem Sozialstaat eine offene Flanke gegenüber dem ausländischen Feind: Die Ausländer kommen nämlich nach dieser Logik nach Deutschland bloß, weil sie es sich im hiesigen sozialen Netz gemütlich machen wollen, und dann - siehe den vorigen Punkt der Sarrazinschen Ableitung, dass Gefahr fürs Vaterland im Verzug ist - nimmt die feindliche völkische Übernahme ihren Lauf.... Also: ... keine Transferleitstungen mehr für Ausländer. Zu lösen ist das Problem nur durch Auswachsen: Sarrazin mag noch so rassistisch argumentieren, eins muss er sich nicht nachsagen lassen: er sei ein Rassist. Er hat nichts gegen Ausländer es müssen nur die richtigen sein. Und da kennt er gleich wieder entscheidende Unterschiede zwischen passenden und unpassenden Kandidaten für Zuwanderung: Wenn sie der deutschen Nation nützen, dann gilt der nationale Vorbehalt nicht. Wertvoll für Deutschland sind die, die Deutschland voran bringen:
Meine Vorstellung wäre: generell kein Zuzug mehr außer für Hochqualifizierte... Osteuropäische Juden mit einem um 15% höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung das würde mir gefallen
Die wären dann auch ein positiver Beitrag zum deutschen IQ-Niveau, in seiner eigenen Volksmannschaft fehlt es ja auch an intelligenten Leistungsträgern. So denkt also eine deutsche Elitepersönlichkeit mal ganz frei über die staatliche Manövriermasse Volk nach. Als Politiker daran gewöhnt, die Masse nach ihren Beiträgen für den Erfolg der deutschen Wirtschaft und Nation zu taxieren und zu sortieren, muss das deutsche Volk in seinen Augen noch erheblich zulegen: Die Intelligenz der ganzen Welt einsacken und für Deutschland nutzbar machen nicht schlecht, der Größenwahn eines global denkenden demokratischen Rassisten.
Bleibt noch die Frage: Wieso hat Sarrazin mit seinem Interview eine derart aufgeregte öffentliche Debatte ausgelöst? Womit hat er eigentlich so provoziert? Das Provozierende ist, dass Sarrazin bewusst gegen die berühmte political correctness als der geistigen Richtlinie für den öffentlichen Diskurs in der BRD verstoßen hat. Sarrazin weiß, dass deutsche Nationalisten arbeitslose Türken und ihre Parallelgesellschaften nicht leiden können. Er ärgert sich darüber, dass gerade die Elite-Angehörigen in der Öffentlichkeit diesen rassistischen Standpunkt, den er die Wahrheit über die Türken nennt, nie so unverblümt aussprechen. Immer wird der gängige Rassismus dadurch relativiert, dass von einem Türkenproblem geredet wird: In dieser Redeweise steckt einem Sarrazin viel zu viel positiver Bezug auf dieses Volk: Damit ist immerhin ein Stück weit anerkannt, dass diese Leute nun einmal da sind, dass man etwas für sie tun muss, dass es ein Integrationsproblem gibt, dass also Zuwanderer und Inländer was dafür tun müssen: 'Die Ausländer müssen sich bewegen, aber auch wir müssen ihnen die Möglichkeit geben ' usw.usf. Sarrazins Äußerungen sind eine gezielte Polemik gegen die aktuelle Integrationspolitik mit den dazugehörigen Sprachregelungen. Wer gar meint, die Integration der Ausländer sei mit staatlichen Förderprogrammen zu verbessern, der liegt völlig daneben und betreibt eine schädliche Politik. Um diese Botschaft loszuwerden, hat Sarrazin es sich rausgenommen, in aller Öffentlichkeit seine Verachtung der Türken rauszulassen:
Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.
Das musste doch mal öffentlich gesagt werden. Und zwar nicht von Volkes Stimme oder von als rechtspopulistisch abgestempelten politischen Außenseitern. Sondern von einem Elitemenschen in Amt und Würden, gewissermaßen aus der 'Mitte unserer Elite' heraus, die dann - als Elite - ja auch 'die Mitte unseres Volkes' repräsentiert. Sarrazin lässt auf diese Weise den Rassismus offen raus, den sich die Mehrheit so oder so ähnlich denkt, den man sich in der Öffentlichkeit aber verbietet. Eigentlich.
2.
Die Debatte nach dem Interview ist aufschlussreich. Alle Welt schreit nach dem Interview: Skandal! Und worin besteht der nach Ansicht der hiesigen Meinungsmacher? So darf man das nicht sagen! Da möchte man ja gerne mal die Herren Journalisten fragen, wie man diese Hetze denn vielleicht anders sagen soll?! Dasselbe bloß höflicher? Ja, wenn er nicht Bundesbanker wäre, dann so die FAZ sähe die Sache ja schon anders sagen. Dann dürfte er auch gnadenlos gegen die Ausländer hetzen.
Als Privatperson kann sich Sarrazin äußern, wie er will. Als Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank kann er dies nicht und das musste er wissen .. Es kann und darf nicht Aufgabe der Bundesbank sein, darüber zu befinden, ob in der Berliner Unterschicht (wie immer man sie definieren wollte) zu viele Kinder geboren werden. Sarrazin hat sich gegenüber seinem Arbeitgeber grob illoyal verhalten und ihm damit geschadet. (FAZ, 5.10.)
Merke: wenn Sarrazin gegen Türken und Araber hetzt, dann ist das Opfer dieser Ausländerfeindlichkeit die Bundesbank! Schaden nimmt eine staatliche Institution, wenn Sarrazin die gebotene Sprachhygiene im Umgang mit Ausländern vermissen lässt. Und wenn das Gegenstand der Kritik ist, nimmt es nicht Wunder, dass die Empörten so ganz langsam Indizien dafür finden, dass Sarrazin mit seinem unbedachten Drauflosplappern vielleicht gar nicht mal so unrecht hat. Da fällt den maßgeblichen Meinungsmachern glatt der Ausländerhass des Volkes als Berufungsinstanz ein. Das denkt doch genauso so die FAZ:
Sarrazin hat für seine übrigens deutlich differenzierter als nun gemeinhin verkürzt dargestellt gemachten Äußerungen einigen Rückhalt in der Bevölkerung. Man muss Sarrazins Meinung nicht teilen, aber seine Courage sollte eine Demokratie aushalten. (FAZ, 12.10.)
So zu reden wie das Volk, das ist hier nach dem Dafürhalten der Frankfurter Journalisten mal kein Fall von verabscheuungswürdigem Populismus. Diesmal belegt Sarrazins Volksnähe zumindest, dass er nicht ganz schief liegen kann. Außerdem ist dies ein mutiger, couragierter Beitrag zur Meinungsfreiheit, der insofern schon mal positiv zu würdigen ist. Und wenn man Wahrheiten ausdrücken will, die Courage erfordern, dann blamiert das doch nicht den Tabubrecher sondern die political correctness, die Tabus aufrichtet. Und damit ist fast schon der Inhalt gerechtfertigt, der bislang tabuisiert war obwohl man für den gar nicht argumentieren muss, wenn man diese verlogene Tour vom verdienstvollen Tabubruch reitet.
So wird das Anliegen Sarrazins erfolgreich in der deutschen Öffentlichkeit lanciert. Und das Kompliment vom mutigen Herrn Sarrazin lässt sich sogar noch ausbauen, jedenfalls wenn man Journalist bei der FAZ ist der Trick geht so: War da nicht neulich noch ein anderer, der mutig in die Bresche sprang und dafür sogar sterben musste?
Was hat der Fall Brunner mit dem Fall Sarrazin zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Brunner kam Kindern zu Hilfe und wurde dafür zu Tode geprügelt. Sarrazin sprach unbequeme Wahrheiten aus und wurde dafür heftig kritisiert. Doch beide Fälle haben mit Zivilcourage zu tun; beide mit einer Öffentlichkeit, die empört reagiert einmal für, einmal gegen den Helden ... Wie kann jemand der Menschenverachtung und Volksverhetzung bezichtigt werden, dem es darum geht, auf Staatsversagen, Gewalt und rechtsfreie Räume hinzuweisen? (FAZ)
Die beiden Fälle haben zwar nichts miteinander zu tun, aber wenn dem Schreiber daran gelegen ist, dann spricht die Empörung, die Sarrazin mit seinen Tiraden auslöst, für ihn. Heftige Kritik an einer Äußerung zweifelsfrei ein Indiz dafür, dass mit den Ausfällen gegen Türken und Araber Wahrheiten ausgesprochen worden sind, und zwar unbequeme, die man bekannterweise loswerden muss. Auch eine Art, Standpunkte zu billigen, ohne dass in diesem vielstimmigen öffentlichen Chor irgend jemand mal sagen müsste, worin Sarrazin denn eigentlich so recht hat mit seinen Auslassungen. Und wenn das mal durch ist, kann man am Ende auch dezent darauf hinweisen, weshalb Sarrazins Tabubruch geboten war:
Es wird nicht mehr verdrängt, verkleistert und schön geredet, sondern munter gestritten und alle mischen mit. Kritik an der Entwicklung von Parallelgesellschaften in unseren Großstädten kann nicht mehr ganz so leicht als ausländerfeindlich mundtot gemacht werden. (FAZ, 14.10.)
Das hat sich Sarrazin wohl von Anfang an gedacht: Dass mit seinem Interview, seiner vorübergehenden Skandalisierung und deren Überwindung die moralischen Grenzen, wo Political Correctness aufhört und nach offizieller Lesart Ausländerfeindlichkeit anfängt, in der Nation gehörig verschoben werden.