« vorige nächste » Die Sendung vom 27. Januar 2010
Radiobeitrag

Haiti: Drama in (vorerst) drei Akten (Teil 1)

Ein schweres Erdbeben tötet mehrere zehntausend Menschen sofort und zerstört das Bisschen an „Infrastruktur“ und „Ordnung“ eines Landes, das notorisch und seit vielen Jahren zu den „ärmsten Ländern der Welt“ gehört. Haiti ist nämlich ein Musterland des klassischen karibischen Hinterhofs: Nicht mehr viel zu holen dort seit dem Ende von Plantagenwirtschaft und Sklaverei, seit der Pleite auf dem Weltagrarmarkt, deshalb bitterarm und ein wenig instabil, aber im Prinzip alles unter Kontrolle. Jedenfalls keine Gefahr von Linksabweichlertum wie in Kuba oder Venezuela. Und mit den paar Elends-Flüchtlingen wird die US-Küstenwache lässig fertig. Und diejenigen, die es doch schaffen, in den USA zu landen, sind amerikanischen Kapitalisten willkommen für Lohndrückerjobs. So wird aus einer, vom globalisierten Kapitalismus unbrauchbar gemachten und für unbrauchbar erklärten Weltgegend ein „Armenhaus“ – nur einige Seemeilen entfernt von den USA.

Kurz, ziemlich uninteressant dieses Land. So uninteressant, dass dem deutschen Publikum im Fernsehen erst erläutert werden muss, dass sich Haiti mit dem bekannten Feriendomizil DomRep eine Insel teilt. Und, was das Erdbeben betrifft, zu Anfang eher ein Fall für höfliches aber distanziert daherkommendes Interesse, wie es die dieser Tage vielbeschworene Weltöffentlichkeit vor wenigen Jahren (und aus anderen Gründen) bei einem ähnlich schweren Beben im Schurkenstaat Iran schon einmal praktiziert hat.

1.

Dies ungefähr muss Außenminister Westerwelle im Hinterkopf gehabt haben, als er kurz nach dem Erdbeben seine Betroffenheit zu Protokoll gab und die deutsche Hilfe bezifferte: eine Million Euro. Sagenhaft! Der Bundespräsident legte wenig später noch 500.000 nach. Das sollte doch wohl reichen, um die tiefe deutsche Anteilnahme an uninteressanten Toten in einem uninteressanten Land weltöffentlich zu dokumentieren. Aber da hatten sie sich gründlich verrechnet.

2.

Denn nun erklärt US-Präsident Obama Haiti zur Chefsache und setzt als Erstes ein paar Flugzeugträger in Marsch, weil die bekanntlich nach einem Erdbeben am dringendsten benötigt werden. Obama will sich, so hört man, nicht nachsagen lassen, als Katastrophen-Manager zu versagen wie seinerzeit Bush in New Orleans. Tatkraft und Entschlossenheit sind Führungstugenden erster Ordnung und die beweisen Politiker nun einmal am wirksamsten bei Naturkatastrophen, wenn gerade kein Krieg zu gewinnen ist.

Beflügelt hatte Obama bei seiner Entscheidung allerdings auch ein Umstand, der über Fragen der Selbstinszenierung eines Präsidenten weit hinausgeht. In der Zwischenzeit hatten nämlich die mittelamerikanischen Schurkenstaaten Venezuela und Kuba Soforthilfe für Haiti angekündigt und Ärzteteams in Marsch gesetzt. Die Möglichkeit, dass ausgerechnet diese Länder ein wenig politischen Profit aus der Erdbebenhilfe schlagen könnten – so denken Typen wie Obama –, ist natürlich für die USA schlicht nicht akzeptabel.

Praktizierte politische Führungstugenden und eine für nötig befundene Klarstellung in Sachen amerikanischer Zuständigkeit und schon ist. Deshalb wurde die Lage in Haiti schnell zum Ordnungsproblem umdefiniert, das nur die USA in den Griff bekommen können: „Plünderer“! Die gibt es in US-amerikanischen Städten zuhauf bei jedem Stromausfall, da kommt dann die Nationalgarde zum Einsatz. In Haiti sind es bis jetzt 2000 Marineinfanteristen, die den Job machen. Denn nach einem solchen Beben ist der Schutz des Eigentums am wichtigsten – an dem vergeht sich, wer aus der Not zu entkommen versucht. „Logistik“! Nur die USA haben das entsprechende Gerät gleich vor Ort und besetzen deshalb mit ihrem Militär kurzerhand den Flughafen, selbstverständlich um die ankommenden Hilfsflüge zu koordinieren. Ordnung! Der dramatisch ins Bild gesetzte zerstörte Präsidentenpalast zeigt eindeutig, dass jetzt eine wieder funktionierende Herrschaft das erste Menschenrecht und Bedürfnis ist, und die kann momentan nur von den Amis gestiftet werden.

Obama betont dazu, das Engagement der USA sei von Dauer und spendiert Dollars für die „humanitäre Wiederaufbauhilfe“ – damit das Armenhaus wieder ein Dach über dem Kopf hat. Das rechnen ihm seine Bewunderer hoch an und lässt Kritiker erst mal verstummen, die immer angeprangert haben, die USA kümmerten sich nicht ausreichend um ihre Hinterhöfe. Aber nicht alle finden dieses neue US-Engagement gut.

3.

Als erstes EU-Land entdeckt Frankreich, Haitis ehemalige Kolonialmacht, die aus französischer und europäischer Sicht unschönen Seiten des US-Engagements auf der Insel und reklamiert Rechte. Da droht doch glatt ein Verlust an Einfluss, nur weil die USA einen geographischen Vorteil haben und daraus ihren geostrategischen Hilfsauftrag ableiten. Weil aber ein offener Streit angesichts der vielen unbegrabenen Leichen zunächst ein wenig delikat scheint, schickt man die landeseigene Hilfsorganisation ‚Médecins Sans Frontières’ vor, die sich laut darüber beschwert, dass ihre Hilfsflüge von den Amerikanern behindert würden. Ins gleiche Horn stoßen deutsches THW und das Rote Kreuz.

Denn mittlerweile ist die amerikanisch-europäische Konkurrenz um die Haiti-Hilfe als Instrument der Konkurrenz der imperialistischen Staaten auf dem Feld des Hilfeleistens voll entbrannt. Die Hilfsorganisationen spielen dazu die Begleitmusik. Waren noch wenige Tage zuvor nur ein paar Almosen vorgesehen und Schäbigkeit der Leitgedanke (siehe Westerwelle in Akt I), greift die EU nun in die großen Tasten und stellt gleich ein paar Milliarden in Aussicht – und das alles, um die USA im Wettstreit um den größten politischen Profit aus einem Erdbeben zu schlagen. Die Überlebenden im „ärmsten Land der westlichen Welt“ sind mit ihrem Elend die willkommenen Statisten.

Zu diesem Thema übernehmen wir heute und in der nächsten Woche in zwei halbstündigen Sendungen den Beitrag des GegenStandpunktes im Frankfurter Radio X vom 10. Januar.

Hier der Audio-Link:http://www.farberot.de/mp3/GegenStandpunkt_Haiti.mp3

Weitere Lesetipps zu Haiti und Katastrophenhilfe im GEGENSTANDPUNKT:
US-Embargos im ‚Hinterhof‘, GEGENSTANDPUNKT 4-1993, S. 16
Ruanda, Haiti, Kuba, GEGENSTANDPUNKT 3-1994, S.179
Haiti-Intervention und Irak-Affäre, GEGENSTANDPUNKT 4-1994, S. 25

Imperialismus als humanitäre Aktion, GEGENSTANDPUNKT 2-2004, S. 58