« vorige nächste » Die Sendung vom 10. Februar 2010
Radiobeitrag

Integration - vom demokratischen Rassismus - Teil III

Integration: Der verlangte Wille zum Deutschwerden

1.

Die Debatte „“Integration, ja oder nein?“, und wenn „Ja, dann wie?“ unterschlägt ihren knallharten Ausgangspunkt – Die Masse von Asylanten und anderen „Migranten“ samt ihren sog. „sozialen Auffälligkeiten“ sind Resultate der demokratischen Politik einer kapitalistischen Nation.

a)

Man kann es sich ausländerfreundlich / ausländerfeindlich einfach machen und sagen: „Es ist doch klar, was gemeint ist, wenn das Stichwort Integration fällt: Es geht um die Ausländer und um deren Verhältnis zu unserem Gemeinwesen. „Das ist nicht, wie es sein sollte.“ Damit ist zwar gar nicht „klar“ was Integration ist – aber etwas angedeutet: Reibungslos und harmonisch soll das Verhältnis von „denen“ zu uns sein und Umkehrschluss: anscheinend existieren in der Gesellschaft gegensätzliche Verhältnisse, kein gemeinsamer Zweck. Wenn es nicht gleich „Unterordnung“ ist, was von Ausländern verlangt wird, dann so was wie „Teilnahme“…Dabei werden einige „gesellschaftliche Tatsachen“ in Sachen Ausländer ziemlich locker unterstellt bzw. nicht für befassenswert erklärt:
- Asylanten, Geduldete etc. Wo kommen die denn her? Aus sog. Krisengebieten, für deren Krisen die Zufluchtsländer sorgen. Und ob einer als Asylant anerkannt wird, entscheidet sich nach den jeweils nationalen Berechnungen, ob der Flüchtling womöglich ein lebendiger Einspruchstitel gegen das Land ist, aus dem er geflohen ist – nach dem Motto: hier haben wir einen lebenden Beweis, dass sich die deutsche Staatsgewalt mal sehr praktisch um diese Weltgegend kümmern sollte. Das macht zwar kein Flüchtlingselend ungeschehen – im Gegenteil. Es verleiht aber der deutschen Einmischungspolitik auf dem Globus die höhere menschliche Weihe…
- Außerdem hausen auf einem kapitalistisch so erfolgreichen Standort ganze Heerscharen von Arbeitskräften, die als Ausländer – als Illegale, Geduldete, sog. Schein-Asylanten, anerkannte Saisonarbeiter, Gastarbeiter etc. einen ganz speziellen sozialen Stand bilden: sie sind die unterste Abteilung der nationalen Arbeiterschaft, des nationalen Proletariats. Sie gehören zur Arbeiterklasse ihres „Gastlandes“; als deren Billig-Komponente, die auf niedrigstem Niveau, zu billigsten Löhnen, ohne Aussicht auf annähernd dauerhafte Reproduktion, einer besonderen Gruppe von Arbeitgebern zu Profit verhilft. Das sind die elementaren Funktionen der Ausländer in der hiesigen Klassengesellschaft. An denen fehlt es nicht und in dieser Hinsicht „funktionieren“ sie.
- Aber gerade wenn von Integration die Rede ist, wird oft bei diesem „Segment des Arbeitsmarktes“ davon ausgegangen, dass es bei ihm mit dem „Funktionieren“ ziemlich häufig hapert, nicht an erfolgreiche türkische Unternehmer. Von denen ist erst einmal nicht die Rede, wenn Migrationsfachleute vom Ausländeranteil in der Arbeitslosenstatistik reden, die Ghettobildung in den Großstätten beklagen, über den Ausländeranteil in Hauptschulen klagen, mangelnden Erfolg der Ausländerkinder in der Schule bemängeln etc.
- Hinzu kommt ein noch wichtigeres „Erkennungsmerkmal“ für die abendländische Menschlichkeit: Es handelt sich nicht um echt deutsche proletarische Armut, sondern um ausländisches Elend, das somit das staatliche Bedürfnis nach einem Staatsvolk mit einwandfrei angeborener nationaler Identität nicht erfüllt: Ausländer tragen den Stempel ihrer Nation, sie sind fremde Untertanen…

Mit ziemlicher Unverfrorenheit wird hier ein Produkt der „freien Marktwirtschaft“ registriert, produktive und unproduktive Armut, Verwahrlosung, samt dem rassistischen Urteil der „Inländer“, nicht um etwa daran zu bemerken, dass zur kapitalistischen Gesellschaft dieser Bodensatz samt seiner ideologischen Behandlung notwendig dazugehört, sondern um diesem zugewanderten Elend eine politische Zusatzleistung abzuverlangen – Integration.

b)

Bleibt die Frage: Warum das alles heute in friedlichen Zeiten, in denen die Parole ausgegeben wird: Wir brauchen kluge Köpfe aus aller Welt, und wo dauernd vom „globalen Dorf“ die Rede ist? Wieso macht der Staat diese Prüfungsfrage nicht nur als Ermessensfrage der Ausländerbehörde sondern als öffentliche Angelegenheit auf? Wieso gibt es keine wohlwollende Vernachlässigung des Themas unter dem Motto: Die tun schon ihren Dienst? Früher gab es mal den Spruch: „Wir haben Arbeitskräfte gesucht und Menschen sind gekommen“. Man entdeckte also am Fremden den Menschen und das ist etwas ganz anderes als jetzt, wo man an den Leuten, die hier leben, quasi den Fremden neu entdeckt. Der grundsätzliche Vorbehalt hat Konjunktur – im aktuellen Gewand:

Jetzt hat sich diese Nation große Teile ihres Proletariats aus dem Ausland besorgt, und solange die als solches gebraucht wurden und ihren Dienst getan haben war man mit dem Zustand mehr oder weniger zufrieden. Die Parole „Integration“ gab es nicht. Die Nation war damit zufrieden, dass diese Gastarbeiter ihren Dienst leisteten. Die deutsche Sprache mussten sie dafür nicht können und lernen. Bildungsabschlüsse zu erreichen, wurde ihnen auch nicht nahe gelegt. Die Qualifikationen, die von ihnen verlangt und unterstellt waren, bestanden schlicht darin, arbeitswillig und billig zu sein.

Das ändert sich natürlich, wenn die deutsche Unternehmerschaft wegen ihrer Konkurrenz und Rationalisierungen immer weniger Arbeitskräfte für ihr Geschäft braucht und die Arbeitslosenzahl immer weiter ansteigt. Auch Gastarbeiter fallen in größerer Zahl in die Abteilung ‚Reservearmee’. Und ein großer Teil dieser Ausländer wird dann aus Deutschland ausgewiesen und in ihr Herkunftsland abgeschoben, gleichgültig ob und wie sie dort überhaupt eine Existenz fristen können. Aber Verträge mit den Herkunftsländern wie z.B. der Türkei machen es oft nicht so leicht, sie einfach wieder heimzuschicken. Wie die Einheimischen machen diese Ausländer dann oft genug und recht schnell eine Karriere des sozialen Abstiegs von einem Arbeitsplatzbesitzer zu einem Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger, zu Formen der Verwahrlosung und des sich Ausgliederns der Überbevölkerung in allen möglichen Nischenexistenzen.

Von diesen notwendigen Konsequenzen seines Kapitalismus sieht sich der Staat herausgefordert: Erstens unter der Frage: Wie kontrolliere ich diese soziale Schicht? Sie werden mit den Hartz-Gesetzen genauso beaufsichtigt und drangsaliert wie die deutschen Arbeitslosen. Der finanzielle Aufwand für ihren Unterhalt gilt als Unkost, die ständig gesenkt werden muss. Zweitens entscheidet der Staat sich, sie mit der Frage zu konfrontieren: Sind die hier bei mir integriert? Haben die überhaupt die Sitten, die bei uns herrschen, begriffen. Die Frage zu stellen heißt gleichzeitig sie negativ zu beantworten: „Nein, sie sind nicht integriert.“ ist die Antwort. Die Sitten, wie ein Lumpenproletariat im Kapitalismus über die Runden kommt, beherrschen sie zwar. Aber das ist nicht der Gesichtspunkt des Staats, sondern, dass es da Ausländer gibt, die aus sozialen Gründen ein Kontrollproblem sind, und dieses soziale Kontrollproblem identifiziert dieser Staat als Integrationsproblem. Aber woran fehlt es denn dann diesen Leuten eigentlich?

2.

Die Forderung nach Integration geht selbstverständlich von der Ungleichung aus: Zwischen In- und Ausländern gibt es einen grundsätzlichen Unterschied. Und Integration heißt: Diese zur Integration aufgerufene Ausländer sollen das Deutschsein zur unhinterfragbaren Herzensangelegenheit machen.

a)

Damit dass diese Ausländer hierzulande ihre Pflichten erfüllen, sich an die Gesetze halten, für wenig Geld soviel arbeiten, wie gerade von ihnen verlangt wird – , sie darüber hinaus Fußball spielen - damit haben sie die Forderung nach Integration nicht erfüllt. Umgekehrt ist es, dass nämlich mit jeder Lebensäußerung eines Ausländers die Frage aufgeworfen wird, ob dies ein Beitrag zur Integration ist. Man kann sich das an drei ausgewählten Beispielen mal klar machen.
1. Die Religion: Dass jemand sich zu den tatsächlichen Obrigkeiten noch einen zusätzlichen obersten Herrn ausdenkt, an ihn glaubt und darüber seinen Frieden mit der ungemütlichen Welt macht, das reicht nicht. Der Ausländer hat meistens die falsche - weil fremde - Religion. Misstrauen ist da angebracht: Ob das zu Deutschland passt, ist zweifelhaft. Und er samt seiner Religionsgemeinschaft haben den Nachweis zu erbringen, dass der Islam ziemlich dasselbe ist wie die katholische Kirche.
2. Die Familie: Schön und gut, dass der Ausländer eine Familie hat und mit ihr den Überlebenskampf in einer Marktwirtschaft führt. Dass damit Unterordnungs- und Gewaltverhältnisse auch im privaten Bereich etabliert sind, unterscheidet diese Großfamilien von den typisch deutschen Kleinfamilien nicht. Aber wenn diese Gewalt manifest wird, macht sich der Ausländer verdächtig, wenn sie sich nicht genauso äußert wie in deutschen Familien.
3. Die Sprache: Da wird gleich gesagt: Wer kein Deutsch kann, ist nicht integrierbar. Und der Ausländer, der so gut bzw. schlecht Deutsch spricht wie ein original deutscher Unterschichtler, ist der integriert? Ja, das ist sehr die Frage.

Denn wie für Religion, Familie gilt für die Sprache und alle andern geschätzten Fertigkeiten und Tugenden wie z.B. Fleiß und Disziplin: Sie zu beherrschen und zu praktizieren gilt noch längst nicht als gelungene Integration. Aber sie werden alle als Bedingung für und Mittel zur Integration gehandelt. Sie sollen alle einen Dienst leisten für die Integration. Und an allen diesen Unterabteilungen wird ständig eine Differenz zum Deutschsein entdeckt und damit ein Misstrauen gegenüber dem Ausländer, dass er eben nicht integriert bzw. integrationswillig ist. Was ist dann aber die Integration selbst?

Die dauernd aufgemachte Differenz gibt Auskunft über die erste zentrale Bestimmung von Integration: Das ganze Bedingungsgewese lebt von dem Zweifel an dem Willen zum ganzen Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Umgekehrt: Es ist ein Willensverhältnis, das verlangt wird. Der zu Integrierende muss affirmativ zu dem, was hierzulande alles läuft, stehen. Alles, worauf die Bedingungen und alle Anforderungen abzielen ist: Die sollen zu unserer Gesellschaft ein positives Verhältnis einnehmen. Die sollen das alles wirklich wollen. Das Argument für diese Sorte Willensverhältnis liegt in einer Sichtweise, in einem Standpunkt zur Realität, die ihnen abverlangt wird. Als was soll man denn die Welt betrachten?

b)

Sicher nicht als das, was der Kapitalismus zu bieten hat: Die speziellen Arbeitsverhältnisse von und für Ausländer, ihre Sorte von Armut etc., sind lauter Umstände, die ihre Zugehörigkeit zum Proletariat in dem einen oder anderen Karriereabschnittbeweise. Auch nicht das sachlich-pragmatische Verhältnis zu den vorgefundenen Lebensbedingungen ist gefragt, sondern Integration schließt das alles ein, verlangt aber noch mehr. Und zwar den Standpunkt: Ich gehöre dazu. Da wird das gesamte nationale Ensemble, in dem man lebt, gefasst als große Gemeinschaft, zusammengehalten durch eine gemeinsam verfolgte (natürlich keine bestimmte) Sache, zu der man sich dazugehörig fühlt. Als wären die ganzen Lebensverhältnisse eine selbst rausgesuchte, und so affirmierte gemeinsame und vor allem gute Sache: „innere Hinwendung, bewusster Akt – ein Bekenntnis zu Deutschland.“

Von einem zu Integrierenden wird unbedingt verlangt: „Verhalte dich positiv dazu.“ Stell dich zu den ganzen Lebensbedingungen als zu deiner Gemeinschaft, zu einer Sache, für die du bist, für die du mit einstehst. Zähle dich zu uns!“