Wirkliche Integration hilft den Ausländern - fragt sich nur bei was eigentlich?
Zu der am 04. Februar stattgefundenen Veranstaltung zum Thema Integration was ist das?" im KFZ erreichte uns via Mail ein Leserbrief, der sich mit den im Vertrag aufgeworfenen Thesen auseinandersetzt. Wir dokumentieren diesen Brief und die Antwort des angesprochenen Referenten.
Vielen Dank für Ihren Vortrag zum Thema "Integration - Was ist das?". Ich habe die Veranstaltung vorzeitig verlassen, weil ich die anschliessende Diskussion leider unerträglich fand. Im Nachhinein habe ich mich darüber geärgert, dass ich mich nicht beteiligt habe. Als eine, die Integration stets befürwortet, muss ich sagen, dass Ihr Vortrag sehr hilfreich für mich war die Integrationspolitik kritisch zu fassen. Ich denke nun, dass es zwei Formen von Integration gibt, oder man muss verschiedene Begriffe finden. Ich bin am überlegen, welchen Begriff ich für meine Vorstellung von Integration nehmen könnte. Haben Sie da einen Vorschlag?
Nach meiner Vorstellung von Integration, geht es darum, dass Menschen Qualifikation, Bildung und Sprache erlangen um es zu schaffen in dieser Gesellschaft für sich zu sorgen, den anderen nicht zur Last liegen (z.B. den eigenen Familienmitgliedern wie ihre eigenen Kinder) aber auch politisch aktiv werden, die Gesellschaft mitgestalten, das System verändern oder verbessern bzw. kritische und mündige Bürger werden. Außerdem bedeutet es meiner Meinung nach auch, Werte wie Demokratie und Menschenrechte (für mich universelle Werte) zu vertreten.Es darf nicht sein, dass der Staat bei ihrer Integrationspolitik das Ziel verfolgt Bürger zu schaffen, die sich dem Ganzen unkritisch unterordnen.Desweiteren wollte ich noch mitteilen, dass ich es traurig finde, dass Türken und Araber bzw. die Mitglieder der fremden Kultur durch Debatten wie Frauenunterdrückung, Ehrenmorde usw. diskreditiert werden. Hier geht es meiner Meinung nach um Ablenkung und noch mehr. Wir Türken und Araber haben in unserer Kultur nicht mehr oder weniger negative bzw guten Seiten als Deutsche oder Franzosen. Es gibt bei den "Türken" nicht mehr Ehrenmorde als bei den "Deutschen" Kindermorde.
Vielen Dank an MustermigrantInnen wie Necla Kelek und co., die rechtspopulistischen Politikern und Medien Futter geben. Eine Frau wie Necla Kelek ist mit Sicherheit nicht das Sprachrohr von türkischen Frauen.
Mit freundlichen Grüßen
Unsere Antwort:
1.
Als eine, die Integration stets befürwortet, muss ich sagen, dass Ihr Vortrag sehr hilfreich für mich war die Integrationspolitik kritisch zu fassen. Ich denke nun, dass es zwei Formen von Integration gibt, oder man muss verschiedene Begriffe finden. Ich bin am überlegen, welchen Begriff ich für meine Vorstellung von Integration nehmen könnte. Haben Sie da einen Vorschlag?
Ich will Ihnen gerne antworten, was ich von Ihren Überlegungen halte. Aber Ihren Wunsch, Ihnen einen Vorschlag zu machen, welchen Begriff ich für meine Vorstellung von Integration nehmen könnte, werde ich nicht erfüllen. Ich will es nicht, denn ich halte Ihr Anliegen nicht für richtig, sondern der Sache unangemessen.
Integrationspolitik und Integration sind nicht etwas, wovon sich jeder den Begriff machen kann, den er gerne möchte. Die Integrationspolitik definiert der deutsche Staat mit Gesetzeskraft und er verlangt in ihr, dass sich die Menschen mit ausländischer Herkunft in seine politische und wirtschaftliche Ordnung, so wie sie ist, einfügen und sie auch noch als ihre Sache innerlich begrüßen, dass sie also Deutschland und seinen Erfolg wollen und ihm dienen wollen. Das verlangt der Staat von den Menschen mit ausländischer Herkunft so alternativlos, dass er sie dafür seine Macht spüren lässt.
Es reicht ihm nicht, wenn Leute meinen, sie seien doch integriert, wenn sie sich ihr Leben irgendwie in Deutschland einrichten. Der Staat verlangt die Entscheidung von den Menschen mit ausländischer Herkunft, ob sie nun zu Deutschland stehen wollen oder immer noch an ihrem Herkunftsausland hängen. Deswegen sind Integrationskurse kein freibleibendes Angebot, sondern Pflicht, verbunden mit Strafen wie Nachzugsverboten, Sozialleistungskürzungen, Ausweisung. Deswegen überprüft der Staat polizeilich den Lebenswandel von Leuten, die Passdeutsche werden wollen und lässt sie mittlerweile auch noch einen Einbürgerungstest machen. Der Staat allein entscheidet, wann jemand in Deutschland integriert ist, nicht die Menschen.
Das heißt nicht, dass der Staat verlangt, dass die Menschen sich dem Ganzen unkritisch unterordnen. Manche Sorte Kritik ist gern gesehen. Solche Kritik, die sich um Deutschland und seinen Erfolg Sorgen macht wie: Deutschland tut nicht genug, um die Ausländer zu integrieren! Setzt Deutschland seine Werte gegen Frauenunterdrückung, Ehrenmorde usw. durch? So sollen Menschen (mit ausländischer Herkunft) Deutschland sogar kritisieren. Im Unterschied dazu ist Kritik an der politischen und wirtschaftlichen Ordnung in Deutschland weniger gern gesehen. In diese Ordnung sollen sich die Leute ja integrieren.
2.
aber auch politisch aktiv werden, die Gesellschaft mitgestalten, das System verändern oder verbessern bzw. kritische und mündige Bürger werden. Außerdem bedeutet es meiner Meinung nach auch, Werte wie Demokratie und Menschenrechte (für mich universelle Werte) zu vertreten. Es darf nicht sein, dass der Staat bei ihrer Integrationspolitik das Ziel verfolgt Bürger zu schaffen, die sich dem Ganzen unkritisch unterordnen.
Demokratie und Menschenrechte sind keine Werte, sondern Organisationsformen der politischen Herrschaft. Ja, jeder soll hierzulande Demokratie und Menschenrechte als Werte schätzen. Integrationskurse z.B. sollen den Menschen nicht nur die deutsche Sprache und Informationen über Deutschland beibringen, sondern Werte des demokratischen Staatswesens der Bundesrepublik Deutschland (Integrationskursverordnung). Und schon die Rede von Werten sollte vorsichtig machen. Was sind eigentlich Werte? Da soll man etwas ohne Begründung, die man prüfen kann, also ohne Prüfung gut finden und ihm sich verschreiben. Wenn etwas zum Wert erklärt wird, dann sollen Verstand und Interesse schweigen und jeder dem Wert dienen.
Verdient das die Demokratie? Was ist sie denn? Die Politiker, die Gesetze machen und mit der Macht des Staates durchsetzen, die also den Bürgern die Lebensbedingungen und Lebenswege vorschreiben, konkurrieren um diese Posten politischer Herrschaft, und da dürfen die Bürger auswählen, wer die Parlaments- und Regierungsämter bekommt. Wenn sie gewählt haben, sind die Gewählten die Regierenden und die Wähler die Regierten und haben sich den Gesetzen zu fügen. Das ist politische Herrschaft; es stimmt eben nicht, dass Demokratie die Menschen von Herrschaft befreit. Wenn diese demokratische Herrschaft in ihre Verfassung schreibt, sie respektiere, dass die regierten Menschen Menschenrechte haben: ein Recht auf Leben, ein Recht auf einen freien Willen usw. ist das nichts als ein Eigenlob dieser Herrschaft. Das Leben hat man doch sowieso und den freien Willen auch, und dass der demokratische Staat das nicht ausradiert, sondern beim Regieren unterstellt, das soll man ihm als Wert zugestehen und ihn dafür schätzen. Ist dieser Staat dann schon anerkennenswert, egal was er mit seinen Gesetzen und seinem Regieren im Leben der Regierten anrichtet?
3.
Nach meiner Vorstellung von Integration, geht es darum, dass Menschen Qualifikation, Bildung und Sprache erlangen um es zu schaffen in dieser Gesellschaft für sich zu sorgen, den anderen nicht zur Last liegen (z.B. den eigenen Familienmitgliedern wie ihre eigenen Kinder)
Qualifikation, Bildung und Sprache erlangen sowie es schaffen in der Gesellschaft, also beruflichen Erfolg und Einkommen für den Lebensunterhalt von sich und der Familie erringen darum muss sich hier jeder kümmern. Dass die Menschen dabei Erfolg haben, ist aber weder Zweck des Staates noch der privatkapitalistischen Wirtschaftsordnung.
Wenn das Wohnen und die Lebensmittel, soweit das nackte Überleben Geld kostet in der privatkapitalistischen Wirtschaftsordnung und jeder Lebenskomfort auch, dann muss jeder zusehen, wie er erfolgreich Geld verdient; und da hat derjenige gleich schlechte Chancen, der bei der Ausbildung schlecht abschneidet, also muss man sich auch in der Ausbildung bemühen. Das alles muss jeder in der hier herrschenden Gesellschaftsordnung. Warum wollen Sie diese Art, sich integrieren zu müssen, gleich befürworten? Man sollte von der hier herrschenden Gesellschaftsordnung nicht schon deshalb gut denken, weil man darf und kann, was man muss: in Schulen gehen, sich um Jobs bewerben usw.
Dass der Staat, der diese Ordnung des privaten Lebenskampfes will, dabei gar nicht bezweckt, dass die Menschen darin Erfolg haben, das können Ausländer auf besondere Weise merken. Wo macht denn Deutschland das Angebot an die Menschen der Welt: Wer sich bilden und sich seinen Lebensunterhalt erarbeiten will, soll nach Deutschland kommen? Das wollen viele und bleiben am Grenzregime Europas hängen oder werden in ihr Elend mit Zwang zurücktransportiert.
Und die, die das in Deutschland dürfen: in Schulen gehen, sich um Jobs bewerben? Die erleben, dass alle Ausbildungseinrichtungen als Konkurrenz organisiert sind, also gar nicht das Ziel haben, dass alle erfolgreich lernen, sondern Schulverlierer und -gewinner sortieren; wer zurückbleibt beim Lernen, der wird mit einem schlechten Abschlusszeugnis ausgesondert statt so viel mehr Ausbildung zu bekommen, bis auch er es verstanden hat. Und das Bemühen um Jobs? Der Arbeitsmarkt ist schon wieder eine knallharte Konkurrenz, sogar für die mit den besseren und höheren Ausbildungsabschlüssen. Da gewinnen nie alle Bewerber; aber die privatkapitalistischen Unternehmen und staatlichen Behörden können sich immer genau die aussuchen, die ihre Arbeitsanforderungen und ihre Wünsche nach niedrigen Lohnkosten erfüllen. Den Bedarf der Unternehmen und Behörden zu bedienen, das bezwecken der Staat und die privatkapitalistische Wirtschaftsordnung, dafür werden alle Leute in den privaten Lebenskampf um ein Geldeinkommen gestürzt. Aber keiner, der er es braucht, bekommt einfach Ausbildung und Geldeinkommen, sondern nur, wenn er gebraucht wird und dann zu den Bedingungen der Unternehmen und Behörden. So kommt für die Meisten viel Mühe und wenig Einkommen und für gar nicht Wenige der totale Misserfolg heraus.
Haben Sie schon mal überlegt, dass deshalb der deutsche Staat von den Einwohnern will, dass sie zu Deutschland stehen durch Dick und Dünn, in guten wie in schlechten Zeiten?
4.
Desweiteren wollte ich noch mitteilen, dass ich es traurig finde, dass Türken und Araber bzw. die Mitglieder der fremden Kultur durch Debatten wie Frauenunterdrückung, Ehrenmorde usw. diskreditiert werden. Hier geht es meiner Meinung nach um Ablenkung und noch mehr.Wir Türken und Araber haben in unserer Kultur nicht mehr oder weniger negative bzw guten Seiten als Deutsche oder Franzosen. Es gibt bei den "Türken" nicht mehr Ehrenmorde als bei den "Deutschen" Kindermorde. Vielen Dank an MustermigrantInnen wie Necla Kelek und co., die rechtspopulistischen Politikern und Medien Futter geben. Eine Frau wie Necla Kelek ist mit Sicherheit nicht das Sprachrohr von türkischen Frauen.
Übrigens: Necla Kelek gehört zu denen, die Demokratie und Menschenrechte zu Werten verklären, behaupten, damit sei die Ordnung in Deutschland anerkennungswürdig, und als Eiferer von den Menschen mit ausländischer Herkunft verlangen, sich zu dieser Ordnung zu bekennen. Sie mögen Frau Kelek nicht. Aber dann sollten sie mal prüfen, warum sie so viele Gedanken mit ihr teilen.
Mit freundlichen Grüßen