Streit unter Weltverbesserern: Pro und contra Verbot der Kinderarbeit (Teil 1)
1. Von jeher ist der Kampf gegen die Kinderarbeit zentraler Bestandteil der Agitation hiesiger Hilfsorganisationen und sonstiger Vereine aus dem Lager der 3.-Welt-Bewegung. Sie klagen an, dass in vielen Ländern Kinder massenhaft unter schlimmsten Bedingungen und zu absoluten Hungerlöhnen arbeiten müssen, und liefern dabei durchaus Hinweise, wo der Grund des beklagten Skandals zu suchen ist: Kinder in Entwicklungsländern .... sind als Arbeitskräfte sehr beliebt, weil man sie leicht einschüchtern und ihnen einfach weniger Geld als Erwachsenen geben kann. (Thesenpapier Stopp Kinderarbeit)
So ist es! Kinderarbeit rechnet sich: Für eine Gewinnrechnung, die mit Kosten und Überschuss kalkuliert, für die der niedrige Preis und die ausgiebige Arbeitsleistung der eingekauften Arbeitskräfte daher ein entscheidendes Mittel ist, für die lohnen sich billige, überreichlich verfügbare, wehrlose Kinderarbeiter und das sogar ganz besonders. Insofern verweist der Skandal der Kinderarbeit, das Elend der minderjährigen Lohnsklaven in den einschlägigen Regionen der Weltwirtschaft auf das skandalöse Prinzip, dem Lohnarbeit überhaupt gehorcht: Billigkeit des Lohns und rücksichtslose Verausgabung der Arbeitskraft sind Bedingung von Beschäftigung; die Not, Geld verdienen zu müssen, macht Lohnarbeiter erpressbar; deswegen sind sie mit ihrem beschränkten Einkommen auch ständig auf den Ausgangspunkt zurückgeworfen. Kinderarbeit ist ein besonders eklatanter Fall der Kalkulation mit rentabler Arbeit.
Die Gegner der Kinderarbeit ziehen allerdings einen ganz anderen Schluss: Kinderarbeit ... ist der Grund dafür, dass Kinder und ihre Familien sich immer mehr in den Teufelskreis aus Armut und Unterentwicklung verstricken. (welthungerhilfe.de) Kinderarbeit treibt Löhne nach unten.. (Susan George, zitiert nach Iven Saadi, Das Recht auf Kinderarbeit, taz.de, 20.11.09)
Den Anklägern ist durchaus vertraut, dass Armutslöhne nicht nur die von Kindern das Resultat der Konkurrenz sind, die Kapitalisten unter den Lohnabhängigen veranstalten. Aber ausgerechnet das Prinzip der Lohnarbeit, das da zum Zuge kommt, wenn die Mittellosen in der Dritten Welt, Erwachsene wie Kinder, darum konkurrieren, überhaupt und sei es auch zu den brutalsten Bedingungen beschäftigt zu werden, das nehmen sie gar nicht in den Blick. Sie sehen es genau umgekehrt: Die Ausbeutung von Kindern, diese spezielle Abteilung kapitalistischer Anwendung von Arbeitskräften, ist in ihren Augen der Grund allen Elends in den einschlägigen Armenhäusern der Weltwirtschaft. Wenn man diese eine entscheidende Ursache des Teufelskreises aus Armut und Unterentwicklung aus der Welt schafft, dann schafft man deswegen nach ihrem Dafürhalten damit auch generelle Abhilfe für all die elenden Lohnarbeitsverhältnisse, die ihrer Ansicht nach der Kinderarbeit geschuldet sind: Wenn es keine billigen Kinderarbeiter mehr auf dem Arbeitsmarkt gibt, können die Eltern bessere Löhne aushandeln. (Thesenpapier Stopp Kinderarbeit, a.a.O.)
Als hätten mit dem Ausscheiden der Kinder als Konkurrenten um Arbeitsplätze die Millionen beschäftigten und unbeschäftigten Erwachsenen irgendetwas in der Hand und plötzlich eine schlagkräftige Verhandlungsposition den Arbeitsherren gegenüber, um deren Rechnung zu ihren Gunsten zu wenden, Mit dieser Sichtweise Wenn es keine billigen Kinderarbeiter mehr auf dem Arbeitsmarkt gibt, können die Eltern bessere Löhne aushandeln. werden aus den beklagten ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen schlagartig annehmbare Einkommensgelegenheiten. Auf einmal löst sich der ganze Teufelskreis in Wohlgefallen auf, .... reicht das Einkommen für die ganze Familie, und die Kinder können in der Schule für eine bessere Zukunft lernen. (Thesenpapier Stopp Kinderarbeit, a.a.O.). So wird mit einen Schlag Lohnarbeit und das ausgerechnet in den Elendsquartieren des globalen Kapitalismus zur tauglichen Lebensgrundlage mit Zukunftsperspektiven.
2. Und wie soll die Kinderarbeit aus der Welt kommen? Ganz einfach: Getreu dem Motto Es kann nicht sein, was nicht sein darf! haben die Aktivisten von Initiativen wie Stopp Kinderarbeit eine originelle Lösung: Verbieten wirs doch einfach! Mit diesem dringlichen Antrag wenden sie sich an die Herrschaften in aller Welt: Kinder haben das Recht auf eine Kindheit ohne Kinderarbeit, und sie haben das Recht auf Bildung. (welthungerhilfe.de) Alle Regierungen haben die Pflicht, zu gewährleisten, dass sie Kinderarbeit in ihren Staaten nicht erlauben oder zulassen. (stopchildlabour.eu)
Dabei übersehen die ideellen Rechtsanwälte der Kinder geflissentlich, dass die angesprochenen Regierungen ihre Pflichten ganz anders definieren. Schließlich sind sie es doch, die die kritisierten Zustände regeln und beaufsichtigen; sie sind es, die die Geschäftsinteressen ins Recht setzen, die sich gerne auch der Dienste von Kinderarbeitern bedienen; sie wissen also offensichtlich, was sie an denen haben. Die Herrschaften der Dritten Welt sehen keine Veranlassung, zur Pflege ihres an überflüssigem Menschenmaterial reichen Volkskörpers gegen die ruinöse Benutzung der jungen Generation einzuschreiten - im Gegenteil: Sie behandeln Kinderarbeit praktisch als einen unverzichtbaren Standortvorteil ihrer an Kapital armen Länder behandeln. Solche politökonomischen Kalkulationen von anerkannten Teilnehmern an der globalisierten Marktwirtschaft, verbuchen die Gegner der Kinderarbeit schlicht unter bad governance- schlechte Regierung.
Und die Regierungen der zivilisierteren Länder fordern sie auf, endlich Druck zu machen und anderswo auf das Verbot zu dringen. Dass es internationale Abkommen über das Verbot von Kinderarbeit längst gibt, dass die aber ersichtlich ziemlich folgenlos bleiben, das hat einen, in der Welt der internationalen Gepflogenheiten des kapitalistischen Geschäfts anerkannten Grund: Die weltoffizielle Ächtung der Kinderarbeit ist eine, aber eine ziemlich nebensächliche Front, in dem andauernden Streit der Staaten um erlaubte und verbotene Mittel in der internationalen Konkurrenz aber auch das irritiert die Antragsteller ebenfalls nicht in ihrem Glauben an die Politik: Da nehmen die Zuständigen ihre eigentliche, in solchen Abkommen doch schon anerkannte Pflicht nur nicht wirklich ernst.
Mit ihrem Anliegen, zur Lohnarbeit genötigten Kindern in ihrem Elend helfen zu wollen, landen die Gegner der Kinderarbeit also schnurstracks bei der Affirmation der Lohnarbeit; und ihre Kritik an den Verwaltern solcher Verhältnisse endet beim wohlmeinenden Antrag, die sollten mit ihrer Macht entschiedener im menschenfreundlichen Sinne durchgreifen. Das liegt an ihrem festen Willen, in die beklagten Verhältnisse helfend und verbessernd einzugreifen, ohne ihre Gründe angreifen zu müssen. Was sie anklagen, sind Auswüchse, vermeintliche Abweichungen von dem, was sie sich, mehr als bescheiden, als ordentliche Verhältnisse für die Armenhäuser in der Staatenwelt vorstellen. Gegen diese Auswüchse wollen sie angehen. Von diesem Standpunkt aus, wollen sie helfen zuerst den Kleinen und dann und damit auch deren Erzeugern und suchen und finden deswegen lauter Eingriffsmöglichkeiten, die das globale marktwirtschaftliche Getriebe zum Besseren wenden. Im politischen Garanten dieses Getriebes sehen sie deshalb die passende Adresse, die für eine solche Korrektur geeignet und in die Pflicht zu nehmen wäre