Streit unter Weltverbesserern: Pro und contra Verbot der Kinderarbeit (Teil 2)
Gegen dieses Programm meldet neuerdings eine Fraktion aus dem Lager der 3.-Welt-Freunde grundsätzlich Bedenken an. Anlässlich des Welttages der arbeitenden Kinder am 09.12.2009 provoziert sie die Öffentlichkeit und ihre eigene Klientel mit der Forderung nach Aufhebung des völkerrechtlich kodifizierten Verbots der Kinderarbeit. Sie wollen also, dass Kinderarbeit jetzt erlaubt werden soll und begründen das folgendermaßen: Das pauschale Verbot von Kinderarbeit beendet die Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen nicht... Wir fordern die Aufhebung dieses Verbotes, weil es den Kindern schadet... Durch die internationale Ächtung der Kinderarbeit werden die kleinen ArbeiterInnen in die Illegalität gezwungen... Und dadurch sind sie viel ausbeutbarer... Durch das Verbot sind sie gezwungen in ganz prekären Umständen zu arbeiten. (J. Fincke, auf www.pronats.de und im BR 5 Interview vom 09.12.09)
Ihr Blick auf die einschlägigen Verhältnisse des globalisierten Kapitalismus lehrt diese Gegner der Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen, also dass ein Verbot nichts nutzt. Sie gehen davon aus, dass die Geschäftswelt dort, wo die blanke Not Kinder zu welchen Konditionen auch immer in die Fänge von Arbeitgebern treibt, auf die Ausnutzung kindlicher Arbeitskraft so leicht nicht verzichtet. Sie gehen weiterhin davon aus, dass mit einer strikten Durchsetzung des Verbots auch gar nicht zu rechnen ist, wo Staatsgewalten die Kinderarbeit als nützlichen Beitrag zur Entwicklung ihres im Weltmaßstab ohnehin viel zu rückständigen Standorts begreifen.Das ist ihnen geläufig: Verbieten und Verhindern, das sind in dieser Welt zwei paar Stiefel.
Und wenn wirklich auf Unterlassung gedrungen werden sollte, dann schadet das Verbot nicht den Ausbeutern, sondern denen, deren Ausbeutung unterbunden werden soll; die haben dann nämlich überhaupt keine Einkommensquelle und deshalb kein Überlebensmittel mehr. Der ... Ausschluss von Kindern aus der Arbeit ... kann dort, wo das Arbeitseinkommen der Kinder für das Überleben unverzichtbar ist, die Familien in noch größere Not stürzen. (M. Liebel, Kinder fordern ein Recht zu arbeiten, http:www.vsp-vernetzt.de)
Die ausgebeuteten Kinder haben also unter den gegebenen Verhältnissen nur die zwei schlechten Alternativen: entweder sich ausbeuten zu lassen oder gleich völlig zu verelenden. Und bei einem noch so beschränkten Eingriff in die herrschenden Geschäftsinteressen zu Gunsten der Hungerleider, also die Kinderarbeit zu verbieten, droht denen dann nur mehr die zweite Alternative zu bleiben, also die vollkommene Verelendung. Ein unübersehbarer Hinweis darauf, wie systematisch die Gründe für die Kinderarbeit und ihre Brutalitäten geartet sind, sollte man meinen.
Das sehen die Kritiker, die den Verbotsanträgen ihrer Mitstreiter Idealismus vorwerfen, allerdings anders. Sie trennen im Geiste an der inkriminierten kapitalistischen Anwendung der absoluten Armutsbevölkerung, was gar nicht zu trennen ist, und kommen zu dem Befund, dass es nicht die Arbeit ist, die den Kindern zu schaffen macht, sondern die Bedingungen, unter denen sie diese verrichten müssen (M. Liebel, a.a.O.). Damit ist auch der Gegenvorschlag, wie dem Skandal Kinderarbeit beizukommen sei, klar: Gemeinsam mit den arbeitenden Kindern und Jugendlichen fordern wir stattdessen kindgerechte, menschenwürdige Arbeitsbedingungen sowie eine Vereinbarkeit von Schule und Arbeit. (J. Fincke, www.pronats.de)
Ausgerechnet den Verhältnissen, denen nach ihrer Auskunft mit Verboten nicht beizukommen ist, verordnen sie nach dem Motto Weniger ist mehr! regulierende Gebote für die Ausnutzung kindlicher Arbeitskraft, die plötzlich alles zum Guten wenden sollen. Als ob solche Regelungen auf einmal locker zu haben wären und von der Geschäftswelt respektiert würden, wenn man denen ihren Geschäftsumgang nur höchst offiziell erlaubt und hoheitlich mit gewissen Einschränkungen versieht.
Die Freunde der arbeitenden Kinder opponieren gegen die unrealistische Vorstellung, Kinderarbeit bräuchte man nur zu untersagen, mit der nicht minder idealistischen Behauptung, ausgerechnet mit der Zulassung von Kinderarbeit verlöre der kapitalistische Zugriff seinen verheerenden Charakter und würde sich ins Gegenteil verkehren: Dann nämlich, so ihr Alternativmodell einer heilen Lohnarbeitswelt, dann befänden sich die Kinder in einer weniger von Armut und dem Diktat des Geldes geprägten Situation und hätten infolgedessen mehr Möglichkeiten, sich eine Arbeit auszusuchen, die ihnen gefällt und ihnen was bringt. (M. Liebel, a.a.O.).
Man muss sich eben nur auf die geltenden Geschäftsinteressen konstruktiv einlassen, dann wandelt sich Lohnarbeit mit ein paar Korrekturen von Ausbeutung zu einer einzigen Chance, die man nur richtig zu bewirtschaften hat, damit sie den Kleinen in der Welt am Ende sogar gefällt und was bringt. Weil und solange aber die Arbeitsherren denen eine Arbeit in Würde verwehren, sorgt man exemplarisch selber für sie:
Kooperativen bieten arbeitenden Kindern in den Ländern des Südens einen Rahmen, in dem sie ohne Ausbeutung, selbstbestimmt und sicher arbeiten und zur Schule gehen können... Für ihre vielfältigen Produkte suchen sie AbnehmerInnen, die einen fairen Preis zahlen... Der Kauf fair gehandelter Produkte aus Kinderhand ist ganz klar als Beitrag zur Stärkung arbeitender Kinder zu sehen. (www.pronats.de).
So konstruiert und praktiziert der Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder eine Ausnahme von der marktwirtschaftlichen Regel, er propagiert diese Ausnahme als Auftakt zum Kippen der Regel und liefert damit der Welt den verlogenen Beweis, dass es mit ein bisschen gutem Willen schon geht und zwar ohne viel umwerfen zu müssen. Die Erweiterung des Sortiments im Fair-trade-Laden genügt! Dieser Beweis wird einer Welt geliefert, die nach so einem Beweis gar nicht ruft, weil die so funktioniert wie sie funktioniert: marktwirtschaftlich nämlich. Natürlich handeln sich die Kinderarbeitsbefürworter von der Gegenseite aus den eigenen Reihen den Vorwurf ein, dass gerade ihr Vorschlag den Realitäten keine Rechnung tragen würde. Realitäten, denen eben nur mit Verboten, mit denen aber schon beizukommen wäre.
So entschieden, wie beide Fraktionen mit ihren Korrekturvorschlägen an die Adresse der Herrschenden auf die Verhältnissee verbessernd einwirken wollen und zwar mit realistischen Alternativen, die die herrschenden Verhältnisse gar nicht hergeben, in denen sie wirklich was bewegen zu können meinen, so heftig geht deshalb der Streit zwischen ihnen voran, ob Kinderarbeit verboten oder erlaubt gehört.
Ein Angebot zur Güte hält der Streitfall dann aber doch bereit: Viele Unternehmen beteiligen sich bereits bei der Bekämpfung von Kinderarbeit. Sie tun das nicht nur aus ethischen, sondern auch aus handfesten betriebswirtschaftlichen Gründen heraus: Unternehmen brauchen gut ausgebildete Arbeitnehmer. Länder, in denen die Bevölkerung noch nicht einmal über elementare Fertigkeiten verfügt, sind keine attraktiven Investitionsstandorte. (www.welthungerhilfe.de)
Die richtig verstandenen Profitinteressen sorgen also letztlich selbst dafür, dass die Welt schon besser, die Kinderarbeiter weniger und die Lohnarbeit für alle immer attraktiver wird. Am Ende gibt es nichts verlässlich Humaneres als den Kapitalismus selbst! Nur im Verein mit den Mahnern selbstverständlich, die ihm ständig seine wahre Vernunft vor Augen halten müssen: ethisch und betriebswirtschaftlich!