Das Öl im Golf von Mexiko: Unvorhergesehener Kostenfaktor einer marktwirtschaftlichen Geschäftskalkulation oder eine menschliche Katastrophe?
Über die Berechnungen des Geschäfts, die BP veranlasst haben, vom Meeresgrund aus nach Öl zu bohren, steht alles in der Zeitung: Die derzeitige Höhe des Ölpreises macht den investiven Aufwand rentierlich. Für den US- Staat sind nationale Ölfelder ohne fremde Transitländer ein Mittel zur strategischen Unabhängigkeit von diesem kostengünstigsten Energieträger. Die zuständigen Aufsichtsbehörden haben das Geschäft von big oil genehmigt, obwohl eine Verseuchung des Meeres bei der Ölförderung notwendigerweise dazu gehört. So lange diese in den normalen Grenzen bleibt, läuft das Geschäft wie geschmiert. Die Erwartung eines lukrativen Geschäfts mit dem Öl und das nationale Interesse verbietet es offensichtlich, mit der Förderung so lange zu warten, bis man die 100prozentige Sicherheit hat, dass der Rohstoff ohne jegliche Gefahr für Mensch und Natur aus dem Boden sprudelt.
BP samt der Konkurrenz der anderen Ölkonzerne scheuen das Risiko jedenfalls nicht, sondern nehmen es als Mittel ihres Gewinn bringenden Geschäfts. Es gehorcht der Logik dieses Geschäfts, wenn auch an den Sicherheitsvorkehrungen bei der Ölförderung gespart wird, so gut es geht, weil die eben kosten und damit den Gewinn schmälern.
Die Kalkulationen der Ölkonzerne mit der kostengünstigen Begrenzung bei der Ruinierung von Lebensgrundlagen sind öffentlich durchaus bekannt. Sie folgen schließlich den Prinzipien eines kapitalistischen Geschäfts, das sich gar nicht von den übrigen Geschäften unterscheidet, von denen der Wirtschaftsteil der Zeitungen sonst so kündet. Die Risiken mögen sich in der Sache für die jeweiligen Geschäftemacher, aber vor allem für das eingesetzte Arbeitspersonal und die strapazierte Natur unterscheiden. Das Prinzip der kapitalistischen Reichtumsvermehrung bleibt. Die angesichts des Lecks jetzt verbreiteten Weisheiten über die Ölkatastrophe von BP folgen allerdings dem Motto Wir lassen uns die freie Marktwirtschaft nicht madig machen. Deshalb wird die Schuldfrage gewälzt und nach Verantwortlichen für das Desaster am Golf von Mexiko gefahndet.
Marc Beise von der Süddeutschen lappt dabei voll ins Philosophische: Dass der Mensch immer tiefer ins Meer vordringen muss, um an Öl und damit an Energie zu kommen, ist nachvollziehbar; es ist Teil unseres Lebensstandards, von dem sich nur die wenigsten zu verabschieden bereit wären. Die Zeiten, da das Leben auf der Erde ohne nennenswerte Belastung für die Natur und nennenswertes Risiko für den Gesamtorganismus Erde verwaltet werden kann, sind vorbei. Das mag man bedauern, aber es ist nicht mehr zu ändern.
Der Preis dafür ist hoch. In großen Tiefen oder extremer Kälte stößt der Mensch in Grenzbereiche der Technik vor. Wenn man sich also für diesen Weg des "Immer mehr" entscheidet, dann ist ein Gebot überlebenswichtig: Die Belastung für die Umwelt und das Risiko sind so sehr zu begrenzen, wie es nur irgend geht. Im Zusammenhang mit den Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko ist gegen dieses Gebot offenbar vielfach verstoßen worden.
Ein merkwürdiges Subjekt, das da als Ölförderer vorstellig gemacht wird: Unter der gleichmacherischen Kategorie der Mensch versammeln sich doch mindestens vier gesellschaftliche Fraktionen, die alle ihr jeweils spezifisches Interesse am Öl geltend machen.
- An erster Stelle die Ölkonzerne selbst, die ihr Geschäftsinteresse mit der Förderung und Vermarktung des Rohstoffs verfolgen;
-andere kapitalistische Unternehmen, die ihr Geschäft durch den Einsatz vergleichsweise kostengünstiger Energie voranbringen;
- Staaten, die dieses Geschäftemachen befördern und beaufsichtigen und dafür sorgen, dass der Nachschub an Erdöl grenzüberschreitend sichergestellt ist;
- und dann sind da noch die vielen Endverbraucher mit ihrem eher schmalen Geldbeutel, die zwar kein Geschäft mit dem schwarzen Gold machen, deren Energiekonsum allerdings ein auch nicht zu vernachlässigendes Geschäftsmittel für die Ölkonzerne ist.
Alle diese disparaten Interessen werden in dem Denkkonstrukt vom Menschen friedlich vereint und in ihrem Tun und Handeln mit vollstem Verständnis bedacht: Weil aus Öl gewonnene Energie zu unserem Lebensstandard gehört, muss nicht BP, sondern der Mensch ins tiefe Meer vordringen. Mit dem Verweis, dass jeder gewohnheitsmäßig Energie zum Beleuchten, Heizen und Autofahren nutzt, wird unterschlagen, dass der Konsument dieser Notwendigkeiten des modernen Lebens gerade nicht das Subjekt der Veranstaltung ist, das dafür sorgt, dass die Wohnung hell erleuchtet und beheizt ist. Im richtigen Leben geht es geradezu umgekehrt zu: da diktiert eine Geschäftswelt also auch BP und Konsorten über den Preis, der sich aus der Vermarktung der geförderten Rohstoffe erzielen lässt, ob und wie viel sich der Mensch auf Grundlage seines mehr oder weniger gefüllten Geldbeutels davon leisten kann. Ein steigender Ölpreis zwingt nicht wenige Leute, die Heizung runter zudrehen oder sonst wie zu sparen. Unser Lebensstandard ist alles andere als der Grund dafür, dass BP als ideeller Beauftragter des Menschen nach Erdöl bohrt, sondern er ist die abhängige Variable davon, wenn sich für diesen Konzern das Geschäft mit der Ölförderung lohnt.
Mit der Suche nach Schuldigen an der Ölkatastrophe wird fernab aller real existierender Geschäftsinteressen der Ölkonzerne ein fiktives Subjekt erfunden, das eigentlich für die ganze Sauerei im Golf von Mexiko verantwortlich sein soll der Mensch. Der ist einerseits schuldig und andererseits auf Grund seines Lebensstandards auch wieder exkulpiert, weil es so nachvollziehbar wird und unvermeidbar gewesen sein soll, wenn unzählige Liter des schwarzen Gifts, das die Menschheit für ihren Wohlstand braucht, ins Meer strömt, und es strömt weiter. Aufgeklärt über die Bedeutung von Lebensrisiken ohne nennenswertes Risiko ist an das Öl einfach nicht zu kommen wird dann mit abgeklärtem Realismus behauptet, die risikolosen Zeiten seien wieder für den Menschen - endgültig vorbei. Weltfremd, wer das nicht so sieht. Deshalb muss Mensch auch entsprechend risikobereit sein: Die Explosion der Deepwater Horizon war für Beise mitnichten das Ergebnis einer kapitalistischen Kalkulation, sondern eines irgendwie schicksalhaften Restrisikos beim unverzichtbaren Ölbohren unterm marktwirtschaftlichen Diktat der Gewinnmaximierung.
So gesehen ist die Katastrophe im Golf eine menschliche Tragödie: Der vom SZ-Analysten zur Weißwaschung des Systems erschaffene Mensch läuft sehenden Auges wegen des Erhalts eines Lebensstandards mit vollem Risiko in sein Verderben. Aber es gibt eine Hoffnungsperspektive in der Katastrophe: Der Umgang mit dem Risiko eröffnet Chancen. BP hätte sich sträflich gegen seine Sorgfaltspflicht vergangen. Das Unternehmen muss alle, wirklich alle Möglichkeiten ausschöpfen, gefährliche Technologien unter Kontrolle zu halten. Das gilt für Ölkonzerne nicht anders als für Fluggesellschaften oder Kernkraftwerksbetreiber. Seltsam: Erst behauptet Beise, dass das Leben auf der Erde ohne nennenswertes Risiko nicht zu haben sei und dann soll es begrenzt werden, wie es nur irgend geht. Und wenn sich diese Technologie der Kontrolle entzieht? Soll man sie dann (bleiben)lassen? Da Beise der Logik der Sache nach keine Grenze zwischen erlaubtem und nicht mehr akzeptablen Risiko benennen kann, bleibt wohl die klassische marktwirtschaftlich-demokratische Definition des Restrisikos gültig, der zufolge das Risiko dann unverantwortlich war, wenn der Schadensfall eingetreten ist?
Deshalb ist nicht einmal der Super-GAU für Beise ein Argument gegen das Geschäft mit Tiefseeöl, sondern für das Strafrecht. Die Energiekonzerne, die Jahr für Jahr viele Milliarden Gewinn erzielen, also Überschuss nach Abzug aller Kosten, hätten das Geld, so viel Sicherheit wie irgend möglich zu organisieren. Wenn sie es nicht tun, ist dies ein Verbrechen. Die Marktwirtschaft funktioniert allerdings genau andersherum: Gerade weil BP und Konsorten ihre Kosten und damit die Sicherheit haarscharf kalkulieren, bleibt ihnen soviel Reibach, wofür sie, wenn gerade keine Katastrophe stattfindet, von den Wirtschaftsexperten gelobt und ihre Aktionäre belohnt werden. Daran will Beise nichts ändern, sondern BP finanziell ausbluten lassen.
Am Ende, steht zu erwarten, wird BP nicht mehr das sein, was es heute ist. Die US-Regierung muss den Konzern zwingen, zu zahlen, zu zahlen, zu zahlen, und wenn das Unternehmen daran zugrunde geht. Am Ende hat Herrn Beises Mensch als Lebensstandard ein versaute Meer und die tiefe Befriedigung, dass dem Recht genüge getan wurde, falls ein Ölmulti in die Pleite getrieben werden sollte. Und, wie der Mensch so drauf ist, wird er sturzzufrieden sein, wenn die restlichen Ölkonzerne das Geschäft von BP übernehmen und das Risiko weiter seinen Lauf nimmt, wg. Lebensstandard bis zur nächsten Havarie!
Leute wie der Beise, haben dabei die Mission der Seelsorge mit Glaubensbekenntnis, Schuld & Sühne, denn bei all den Krisen gerät leicht in Vergessenheit, dass die Marktwirtschaft immer noch eine vergleichsweise gut funktionierende Veranstaltung ist. Es gibt, soweit erkennbar, keine bessere Alternative. Wer das freiheitliche System aber zu Lasten der Allgemeinheit missbraucht, muss hart bestraft werden. Wer es mit so gravierenden Folgen missbraucht wie BP und die anderen beteiligten Firmen, hat keinen Anspruch mehr darauf, in diesem System mitmachen zu dürfen.
Der Kapitalismus und seine Marktwirtschaft gehen nicht ohne Risiko, das dann an den unvermeidlichen Katastrophen schuld sein soll. Diese unverbesserliche Alternative soll sich gerade darin bewähren, dass in ihr Risiken nicht vermieden, aber abgewogen werden, damit die Veranstaltung vergleichsweise gut funktioniert. Wo sie sein müssen, da müssen sie eben sein. Wer diese Freiheit missbraucht, sollte möglichst mit Ausschluss aus dem System bestraft werden. Das braucht der Mensch, wenn er jeden morgen erfährt, dass das Bohrloch immer noch nicht abgedichtet ist.